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Ich hatte beim erstenmal Angst gehabt, daß in mir mehr wieder geweckt würde, aber es war, als berge mich dieses Museum in New York in dieselbe schützende Stille. Nichts hatte sich gerührt, als ich zögernd durch die Räume schritt. Der Friede, der selbst von den leidenschaftlich bewegten Kampfszenen an den Wänden ausging und der etwas sonderbar Metaphysisches hatte, etwas von einem >Hinter allem< und >Nach allem< — dieser un geheure Friede der Vergangenheit, der Friede war, gerade weil er vergangen war, dieser Friede, von dem der Prophet sprach, als er sagte, daß Gott nicht im Sturm, sondern in der Stille sei — die ser durchsichtige Friede hielt alles an seinem Ort, er ließ den Krieg nicht mehr in der Fläche da sein und nicht mehr im Raum kämpfen, und er schien auch mich zu schützen. Ich hatte hier, in diesen Räumen, plötzlich das grenzenlose, reine Gefühl des Lebens gehabt, das die Inder Samadhi nennen und das man nie vergißt, wenn es einmal wie eine steile Fontäne zwischen den Augen aufgebrochen ist und sich über einem verliert, ganz gleich, ob es bleibt oder nicht. Was bleibt, ist der Reflex der bezaubernden Illusion der Welt: Daß Leben ewig ist und daß wir ewig leben, wenn es nur gelingt, die Schlangenhaut des Ichs abzustreifen und zu wissen, daß der Tod eine Verwandlung ist. Ich hatte diese Illusion vor der Ansicht von Toledo gehabt, dieser düsteren und erhabenen Landschaft Grecos, die direkt neben dem viel größeren Bilde des Großinquisitors hing, dieses gütigen Urbildes der Gestapo und aller Folterer der Welt. Ich wußte nicht, ob das einen Zusammenhang hatte, ich fühlte in dieser leuchtenden Sekunde, daß nichts und alles einen Zusammenhang habe und daß dieser Zusammenhang nichts anderes war als eine menschliche Krücke, eine Lüge in der einen und eine unfaßliche Wahrheit in der andern Hälfte. Aber was war eine unfaßliche Wahrheit anders als eine unfaßliche Lüge?

Es war kein Zufall, der mich ins Museum gebracht hatte. Der Tod Möllers hatte mich mehr beunruhigt, als ich erwartet hatte. Im Anfang hatte er mich nicht sehr berührt, denn ich hatte Ähnliches in Frankreich auf der Flucht oft erlebt. Auch Hastenecker, der im Internierungslager durch die schlampige französische Bürokratie hilflos und sinnlos festgehalten wurde, hatte, als die Deutschen nur noch Stunden entfernt waren, lieber den Tod gewählt, statt in ihre blutigen Hände zu fallen — aber das ist begreifliche Panik in höchster Gefahr. Dieses war anders. Hier hatte einer, der gerettet war, nicht weiterleben wollen, und er war nicht nur irgendeiner, er ging uns alle an. Ich hatte es abschütteln wollen als einen Zufall, aber es war mir nachgeschlichen und hatte mich nicht in Ruhe gelassen. Es war der Grund, daß ich jetzt hier war und von Bild zu Bild ging, bis ich zu dem Saal mit den Grecos kam.

Die Landschaft von Toledo wirkte heute trübe und stumpf. Es konnte vielleicht am Einfall des Lichtes liegen, aber ebenso an meiner eigenen Trübe. Ich hatte damals nichts gesucht, heute war ich gekommen, um mich von der Landschaft trösten zu lassen — und das war eigentlich schon ein kleiner Betrug. Kunstwerke sind keine Krankenschwestern. Wer Trost sucht, soll beten. Und auch das ist Autosuggestion. Die Landschaft sprach nicht. Sie sprach weder vom ewigen noch vom zeitlichen Leben, sie war schön, ruhig in sich und hatte gerade jetzt, wo ich in ihr das Leben suchte, um dem Gedanken an den Tod zu entgehen, mit ihrem geisterhaften Licht etwas Skelettiges, als läge sie jenseits des Acheron. Dafür aber leuchtete das riesige Bild des Großinquisitors wie nie zuvor, in seinen kühlen Rots und mit den Augen, die einem folgten, wohin man auch ging, als wäre es plötzlich, nach Jahrhunderten, wieder zum Leben erwacht. Es war mächtig und beherrschte den Raum. Es war nicht tot. Es würde nie sterben. Die Folter war ewig. Die Angst blieb. Niemand war gerettet. Ich wußte plötzlich, wer Möller getötet hatte. Ich verzweifelte nicht an meinem ersten Erlebnis hier. Es blieb. Doch das andere blieb auch, und es war am mächtigsten, wenn man glaubte, gerettet zu sein.

Ich ging weiter, bis ich zu den Räumen mit den chinesischen Bronzen kam. Ich liebte eine blaue Bronze, eine eierfarbene Schale, die in einem Glasschrank stand, und ich suchte sie zuerst auf. Sie war nicht poliert wie die grünen, zackigen Chou-Stiicke, die zu dem herrlichen Altar gehörten, der in der Mitte des Raumes stand und dessen Bronzen glänzten wie Jade, mit dem Sei denschimmer des Alters darauf. Ich hätte sie gern ein paar Minuten in den Händen gehalten, aber alles war in Glaskästen, und dies aus gutem Grund, denn schon der unsichtbare Schweiß der Hände konnte diese kostbaren Stücke leicht beschädigen. Ich blieb eine Weile stehen und stellte mir vor, daß ich sie spürte. Es war merkwürdig, wie mich das beruhigte. Der hohe helle Raum mit dem schwebenden Licht hatte das, was mich auch in der magischen Stunde der Antiquitätenläden der Zweiten und Dritten Avenue so anzog: die Zeit stand still, von der ich soviel hatte vergeuden müssen, um nur am Leben zu bleiben.

Das Beerdigungsinstitut war zwar billig, aber dafür mit dem ganzen falschen Pathos eingerichtet, das bewirkt, daß einem ein paar Bretter oder ein Leichenwagen würdiger erscheinen. Das Schlimmste war für mich die Diskretion — diese Diskretion in Schwarz, die feierlichen Mienen, die Beileidsgesichter, die Buchs baumtöpfe am Eingang, die Orgel, von der man wußte, daß sie ein Grammophon war. Es war fast eine Erlösung, als Betty plötzlich wild und laut losschluchzte, mit ihrem roten, schwitzen den Gesicht und den vielen schwarzen Rüschen.

Ich wußte, daß ich ungerecht war. Aber es ist schwer, im Tode das Pathos zu vermeiden, und das geheime Gefühl unterdrückter Befriedigung, nicht selbst dort in der scheußlichen, polierten Kiste zu liegen. Dieses Gefühl, das man haßt und dem man den noch nicht entgehen kann, macht alles leicht schief, übertrieben und unehrlich. Dazu kam, daß ich nervös war.

Der schmerzliche Gedanke an das Krematorium hatte mich mehr und mehr erregt, als ich mich gemächlich der 14. Straße näherte. Ich hatte inzwischen erfahren, daß die Funeral Homes natürlich kein eigenes Krematorium hatten — das hatten nur deutsche Konzentrationslager —, aber dieser Gedanke saß mir wie eine Hornisse im Schädel und ließ sich nicht vertreiben. Es war für mich schwierig genug, daran erinnert zu werden, und ich hatte mir vorgenommen, daß ich mich, sollten wir nach der Trauer feier noch mitfahren müssen zur Einäscherung, wie das früher in Europa Sitte war, weigern würde. Nicht nur weigern — daß ich einfach verschwinden würde.

Lipschütz sprach. Ich hörte nicht zu. Ich war benommen von der Schwüle und dem starken Geruch der Blüten auf dem Sarg. Ich sah Vriesländer und Rabinowitz. Etwa zwanzig bis dreißig Leute waren gekommen. Die Hälfte kannte ich nicht; bei einigen sah man, daß es Schriftsteller und Schauspieler waren. Auch die Koller-Zwillinge waren da, mit leuchtenden Haaren saßen sie neben Vriesländer und seiner Frau. Kahn war allein da, er war nicht mit Carmen zusammen, die zwei Bänke vor ihm saß, und ich hatte den Eindruck, daß sie während der Rede von Lipschütz schlief. Das Ganze war auch von der üblichen Inkonsequenz je der Trauerfeier. Etwas für immer Unvorstellbares hatte lautlos zugeschlagen, und man versuchte, es mit Gebeten, Orgelklang und Worten in etwas Vorstellbares zu verwandeln, wobei man es barmherzig und kleinbiirgerlich verfälscht.

Plötzlich standen vier Männer mit schwarzen Handschuhen neben dem Sarg, hoben ihn mit Griffen, die in ihrer Geübtheit an Scharfrichtergehilfen denken ließen, rasch und leicht hoch und marschierten auf Gummisohlen ziemlich schnell hinaus. Es war vorüber, ehe man es geglaubt hätte. Als sie dicht an mir vorüber kamen, war mir, als hebe es mir plötzlich den Magen hoch, und dann fühlte ich zu meiner Überraschung, daß meine Augen feucht waren.