Wir gingen hinaus. Ich blickte mich um, der Sarg war verschwunden. Am Ausgang fand ich mich neben Vriesländer. Ich überlegte, ob dies der Augenblick sei, mich für das Darlehen zu bedanken.
«Kommen Sie«, sagte er.»Ich habe meinen Wagen da.«
«Wohin?«fragte ich in Panik.
«Zu Betty. Sie hat etwas zu essen und zu trinken vorbereitet.«
«Ich habe nicht soviel Zeit.«
«Es ist ja Mittag. Sie brauchen nicht lange zu bleiben. Nur daß sie sieht, man ist da. Es geht ihr sehr nahe. Jedesmal. Sie wissen, wie sie ist. Kommen Sie.«
Rabinowitz, die Koller-Mädchen, Kahn und Carmen fuhren mit.»Es war die einzige Möglichkeit, sie davon abzuhalten, Möller noch einmal zu sehen«, erklärte Rabinowitz.»Wir haben gesagt, alle würden nach der Feier zu ihr kommen. Es war Meyers Idee. Sie verfing. Die gute Wirtin, die sie seit Jahrzehnten ist, siegte. Sie ist um sechs Uhr morgens aufgestanden, um zu kochen. Wir haben ihr gesagt, daß in der Hitze Vorspeisen und eine kalte Platte am besten seien. Das dauert länger, sie vorzubereiten, da sie wieder kalt werden müssen. Sie war beschäftigt bis vor einer Stunde. Gott sei Dank. Wie Möller jetzt schon aussehen muß, bei dieser Hitze!«
Betty kam uns entgegen. Die Koller-Zwillinge gingen mit ihr so fort in die Küche, um zu helfen. Auf dem Tisch war das Porzellan aufgestellt. Die schreckliche Fürsorge war rührend und nie derschmetternd.»Es ist das, was man bei urtümlicheren Völkern den Leichenschmaus nennt«, erklärte Rabinowitz.»Übrigens eine uralte Sitte…«
Er erging sich, hingerissen, über den Ursprung dieser Sitte in den ältesten Zeiten der Menschheit.
Welch ein Deutscher, dachte ich, während ich mit halbem Ohr seinen Darlegungen lauschte und eine Möglichkeit zu entkommen suchte. Die Koller-Zwillinge erschienen mit großen Platten voll Ölsardinen, Hühnerleber, Thunfisch und Mayonnaise. Sie teilten Teller aus. Ich sah, daß Meyer II., der gelegentlich bei Betty auf tauchte, einer verstohlen in den allerdings sehr verlockenden Hintern kniff. Das Leben begann wieder, sich zu rühren. Es war scheußlich oder großartig, je nachdem, wie man es nahm. Ein facher war es, dies großartig zu finden.
Ich verbrachte den Nachmittag mit Belehrungen durch Silvers. Er übte mit mir einen Trick, in dem ich erklärte, daß ein Bild nicht vorhanden sei, obwohl es sich in Wirklichkeit im Kabinett befand. Es war entweder bei einem der Rockefellers, Fords oder Mellons zur Ansicht.»Sie glauben nicht, wie das wirkt«, erklärte Silvers.»Der Snobismus und der Neid sind zwei unschätzbare Bundesgenossen des Kunsthändlers. Ebenso wie ein Bild ja auch wertvoller wird, wenn es einmal im Louvre oder im Metropolitan-Museum ausgestellt war. Obschon es doch dasselbe Bild bleibt, genügt für die unteren Schichten der Kunstkäufer allein die Tatsache, daß ein Millionär sich dafür interessiert, um es be gehrenswerter zu machen.«
«Und jene Käufer, die Bilder lieben?«
«Der echte Sammler? Ist wieder einmal am Aussterben. Man sammelt heute, um Geld anzulegen oder zu protzen.«
«Früher nicht?«
Silvers sah mich ironisch an.»In stabilen Zeiten weniger, da hat das Kunstverständnis Zeit, sich über ein bis zwei Generationen hinweg zu entwickeln. Nach jedem Kriege findet eine Umschichtung der Vermögen statt, alte werden verloren, neue gebildet. Alte Sammlungen werden aufgelöst, Neureiche wollen Sammler werden. Nicht aus unstillbarer Liebe zur Kunst. Wie soll ein Grundstücksspekulant oder ein Waffenfabrikant sie auch so plötzlich entwickeln? Sie kommt erst nach den ersten paar Millionen. Zumeist, weil die Frau es nicht mehr erträgt, keinen Monet zu haben, wenn die Johnsons schon zwei haben. Es ist wie mit den Cadillacs und Lincolns. «Silvers lachte sein sanftes gut turales Lachen, das klang, als gluckste eine Quelle in seiner Brust.»Die armen Bilder. Sie werden in Sklaven verwandelt.«
«Würden Sie einem armen Menschen ein Bild für einen Teil seines Wertes verkaufen, weil er das Bild mehr als sein Leben liebt, aber kein Geld hat, es zu bezahlen?«fragte ich.
Silvers strich sich seinen Bart.»Es wäre leicht, zu lügen und zu antworten: Ja. Ich würde es aber nicht tun. Der arme Mensch kann umsonst ins Metropolitan-Museum gehen und jeden Tag Rembrandts, Cezannes, Degas’, Ingres und fünf Jahrhunderte Kunst nach Herzenslust betrachten.«
Ich ließ nicht nach.»Das könnte ihm vielleicht nicht genügen. Er möchte eines selbst besitzen, um es immer, zu jeder Zeit, auch nachts, anbeten zu können.«
«Dann soll er Drudse nach Pastellen und Zeichnungen kaufen«, erwiderte Silvers ungerührt.»Die Drucke sind heute so gut, daß Sammler darauf hereinfallen und sie für Originale kaufen.«
Ihm war nicht beizukommen. Ich wollte es auch gar nicht. Ich wollte nur nicht über etwas anderes nachdenken. Als ich von Betty wegging, hatte Carmen plötzlich gesagt:»Der arme Herr Möller! Da brennt er jetzt im Krematorium!«Die Idiotie, ihn immer noch als Herrn zu bezeichnen, hatte mich gereizt, aber das war lächerlich gewesen — was geblieben war wie ein Zahn schmerz, war das Krematorium. Es war nicht nur ein Bild. Ich kannte es. Ich wußte, was geschah, wenn sich im Feuer der Tote aufbäumte, als erleide er einen letzten gräßlichen Schmerz, und das Gesicht sich zerreißend verzerrte, umweht von der Lohe der verbrannten Haare. Ich wußte, wie Augen aussahen im Feuer.»Der alte Oppenheimer«, fuhr Silvers behaglich fort,»hatte eine schöne Sammlung, aber er hatte Ärger mit ihr gehabt. Zweimal wurde ihm etwas gestohlen. Einmal bekam er es wieder, aber er mußte die Bilder hoch versichern, um geschützt zu sein. Sie wurden ihm zu teuer. Außerdem liebte er sie wirklich, und das Geld der Versicherung wäre kein Ersatz gewesen. Aus Angst vor neuen Diebstählen traute er sich nicht mehr aus dem Hause. End lich fand er die Lösung: Er verkaufte alles an ein Museum in New York. Plötzlich war er frei, konnte reisen, wohin er wollte, wann er wollte, hatte Geld genug für alle seine Launen. Und wenn er seine Bilder sehen wollte, ging er ins Museum, wo sich andere Leute um Versicherung und Diebstähle Sorgen machen konnten. Voll Verachtung sah er auf die Besitzer und Sammler herab, bei denen man nicht weiß, ob die Bilder ihre Gefangenen oder sie die Gefangenen ihrer Bilder waren. «Silvers lachte wie der sein kullerndes Lachen.»Gar keine schlechte Idee!«
Ich betrachtete ihn, brennend vor Neid. Welch ein gepflegtes Leben! Es wiegte sich dahin in etwas Zynismus, Ironie, gesundem, hartem Geschäft und im Reflex der Feuer, die von der Agonie der Kunst ausgingen und die hier zu einem komfortablen Kaminfeuer geworden waren. Wer es verstand, konnte auch auf fremden Vulkanen sein Essen kochen und sein Filet Mignon grillen. Wenn man das lernen könnte! Doch wollte ich das wirklich? Ich wußte es nicht, aber heute wollte ich es. Ich fürchtete mich davor, in mein graues Zimmer im Hotel zurückzukehren.
Schon von der Ecke aussah ich den Rolls-Royce vor dem Hotel stehen. Ich ging schneller, damit ich Natascha Petrowna noch er reichte. Wenn man etwas sehr wünscht, das hatte ich zu oft er lebt, entwischt es einem im letzten Augenblick.
«Da ist er«, sagte Natascha, als ich in die Plüschbude trat.»Geben wir ihm gleich einen Wodka. Oder ist es schon zu heiß dafür?«
«Wir sollten lernen, Moscow Mules zu machen«, sagte ich.»Die Sommer in New York scheinen Sommer in einer Riesenküche zu sein. Anders als in Paris.«
«Ich bin heute wieder eine Hochstaplerin«, erklärte Natascha Petrowna.»Der Rolls-Royce mit Chauffeur gehört mir bis elf Uhr. Wollen Sie riskieren, mich noch einmal auszufahren?«
Sie blickte mich herausfordernd an. Ich überschlug mein Geld.»Wohin?«fragte ich.
Sie lachte.»Nicht Longchamps. Fahren wir zum Central Park und essen wir ein Hamburger.«