«Mit Coca-Cola?«
«Mit einem Bier, um Ihre europäischen Gefühle zu schonen.«»Gut.«
«Sie wollte mich auch mitschleppen«, sagte Melikow,»aber ich bin bei Raoul eingeladen.«
«Zu einer Trauerfeier oder einem Freudenmahl?«fragte Natascha.
«Zu einer geschäftlichen Unterredung. Raoul will ausziehen und eine Wohnung mieten. Er will mit John bürgerlich werden. Ich soll ihm das ausreden. Befehl vom Chef.«
«Welchem Chef?«fragte ich.
«Dem Mann, dem dieses Hotel untersteht.«
«Das klingt, als wären wir das Ritz. Wer ist dieser geheimnisvolle Chef? Habe ich ihn schon gesehen?«
«Nein«, erwiderte Melikow kurz.
«Ein Gangster mit Familie«, sagte Natascha.
Melikow sah sich um.»Sie sollten nicht so reden, Natascha. Es ist ungesund.«
«Ich kenne ihn. Ich habe ja hier gewohnt. Er ist dick, schwam mig, trägt etwas zu enge Anzüge und wollte mit mir schlafen.«
«Natascha Petrowna!«sagte Melikow scharf.
«Gut, Wladimir, Ihretwegen. Reden wir von etwas anderem. Aber er wollte mit mir schlafen.«
«Wer möchte das nicht, Natascha. «Melikow lächelte wieder.»Immer die falschen, Wladimir. Es ist ein verfluchtes Los. Geben Sie mir noch einen kleinen Wodka. «Sie wandte sich an mich.»Der Wodka ist hier so gut, weil der Boß auch an einer Schnaps fabrik beteiligt ist. Deshalb bekommen wir ihn sogar billiger. Auch weil der Chef die Absicht, mit mir zu schlafen, immer noch nicht ganz aufgegeben hat. Er ist überaus geduldig. Das ist seine Stärke.«
«Natascha!«sagte Melikow.
«Gut, wir gehen schon. Oder wollen Sie noch einen von den Gangster-Wodkas?«fragte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf.
«Er wartet lieber auf den Rolls-Royce-Wodka«, erklärte Melikow.
«Nehmen Sie lieber hier einen«, sagte Natascha zu mir.»Im Rolls-Royce steht, durch einen unerklärlichen Schicksalsschlag, nur eine Flasche Sherry-Brandy aus Kopenhagen. Der Besitzer des Gefährts muß gestern mit einer Dame spazierengefahren sein.«
Wir gingen hinaus. Auf der Straße stand der Chauffeur und rauchte.»Wollen Sie nicht fahren, Sir?«fragte er mich.
«Den Rolls-Royce? Ich würde mich nicht trauen. Außerdem habe ich keinen Führerschein. Und drittens kann ich nicht fahren.«
«Wie schön! Nichts ist langweiliger als ein Amateur-Renn- fahrer!«
Ich sah sie an. Langeweile schien etwas zu sein, das sie fürchtete. Ich liebte Natascha. Sie war Sicherheit. Sie liebte dafür wahr scheinlich Abenteuer, die ich haßte; sie waren zu lange mein tägliches Brot gewesen. Ein trockenes Brot. Trocken wie Handfesseln.
«Wollen Sie wirklich zum Zoo?«
«Warum nicht! Das Restaurant ist noch nicht geschlossen. Man sitzt draußen und schaut den Seelöwen-Clowns zu. Die Tiger gehen schlafen. Die Tauben fliegen auf den Tisch. Sogar die Eich hörnchen kommen auf die Terrasse. Wo ist man näher beim Paradies?«
«Glauben Sie, daß der elegante Chauffeur des Rolls-Royce da mit zufrieden ist, wenn wir ihm zum Diner ein Hamburger mit Mineralwasser anbieten? Alkohol darf er ja wahrscheinlich nicht trinken.«
«Haben Sie eine Ahnung! Er säuft: wie ein durstiges Pferd. Heute allerdings nicht. Er muß seinen Gebieter vom Theater abholen. Und Hamburger sind seine Leidenschaft. Meine auch.«
Es war sehr still. Nur wenige Leute waren noch da. In den Bäumen hing die Dämmerung. Die braunen Bären rüsteten zur Ruhe. Nur die Eisbären schwammen ruhelos in ihren kleinen Becken auf und ab. John, der Chauffeur, aß abseits drei große Hamburger, mit Tomatensauce beschmiert, und saure Gurken. Er trank dazu Kaffee.
«Es ist schade, daß man nachts im Central Park nicht Spazieren gehen kann«, sagte Natascha.»In einer Stunde wird es gefähr lich. Die vierbeinigen Raubtiere gehen dann schlafen und die zweibeinigen wachen auf. Wo waren Sie heute? Bei Ihrem Raub tier in Bildern?«
«Ja. Er hat mir an einem Degas das Leben erklärt. Sein Leben. Nicht das von Degas.«
«Sonderbar, wie viele Ratschläge man überall bekommen kann,wie?«
«Sie auch?«
«Immerfort. Jeder will mich ununterbrochen erziehen. Und jeder weiß alles besser als ich. Und an dieser fertigen Weisheit sollte man glauben, das Glück sei überall zu Hause. Dem ist nicht so. Der Mensch ist groß in Plänen — für andere.«
Ich sah sie an.»Ich finde, Sie brauchen nicht viele Ratschläge.«
«Ich brauche unendlich viele. Aber sie nützen mir nichts. Ich mache trotzdem alles verkehrt. Ich will nicht unglücklich sein, aber ich bin es. Ich will nicht allein sein, aber ich bin es immer wieder. Sie lachen jetzt. Sie meinen, daß ich viele Menschen kenne. Das ist wahr. Aber das andere ist auch wahr.«
Sie sah sehr lieblich aus, während sie in der Dämmerung zwischen den letzten Raubtierrufen diesen kindlichen Unsinn schwätzte. Ich hörte ihr zu und hatte ein ähnliches Gefühl wie heute nach mittag bei Silvers, wie unverständlich weit auch dieses Leben von meinem entfernt schien. Es war, ebenso wie das andere, getrieben von einfachen Emotionen, von vernünftigem Unglück und der Fassungslosigkeit darüber, daß das Glück kein Zustand war, sondern eine Welle im Wasser — bei keinem aber lauerte im Schatten eine orestische Verpflichtung zur Rache, eine finstere Un schuld, eine Verstrickung in Schuld und ein Pack von Erynnien, die die Erinnerung bewachten. Wie glücklich und beneidenswert sie waren mit ihren Erfolgen, ihrem müden Zynismus, ihren Bonmots und ihren harmlosen Unglücken, von denen ein Verlust in Geld oder Liebe schon das Limit waren. Sie saßen alle vor mir wie Ziervögel eines anderen Jahrhunderts und zwitscherten. Wie gern wäre ich einer von ihnen gewesen, hätte vergessen und mit ihnen gezwitschert.
«Man verliert den Mut«, sagte Natascha.»Man glaubt, man könne sich an Enttäuschungen gewöhnen. Das ist nicht wahr. Sie schmerzen jedesmal mehr. Sie schmerzen so, daß man Angst bekommt. Es ist, als würde man jedesmal mehr verbrannt. Und jedesmal heilt es langsamer. «Sie stützte ihren Kopf in die Hand.»Ich will nicht weiter verbrannt werden.«
«Wie wollen Sie das machen?«fragte ich.»In ein Kloster gehen?«
Sie machte eine ungeduldige Bewegung.»Man kann vor sich selbst nicht davonlaufen.«
«Doch, man kann. Einmal. Aber von da kann man nicht zurück kommen«, sagte ich und dachte an Möller, wie er einsam in New York in einer heißen Nacht am Kronleuchter gehangen hatte — in seinem guten Anzug und einem sauberen Hemd, zu dem er keine Krawatte angelegt hatte, wie Lipschütz mir berichtet hatte. Eine Krawatte hätte die Erstickung qualvoller gemacht, hatte er gemeint. Ich wollte das nicht glauben. Es kam mir vor, als glaube einer, der in der Eisenbahn fährt, schneller anzukommen, wenn er auf dem Korridor hin und her läuft. Rabinowitz hatte das Thema gereizt, mit der unpersönlichen Neugierde eines Gelehrten hatte er sich darüber verbreiten wollen. Ich war dann weggegangen.
«Sie haben mir vor einigen Tagen einmal erklärt, Sie wären un glücklich«, sagte ich.»Dann haben Sie mir nachher gesagt, daß es nicht wahr sei. Geht das so schnell bei Ihnen? Wie glücklich Sie sind!«
«Beides war nicht wahr. Sind Sie wirklich so naiv? Oder machen Sie sich über mich lustig?«
«Keines von beiden ist wahr?«sagte ich.»Ich habe gelernt, mich über niemanden lustig zu machen, und ich habe gelernt, alles erst einmal zu glauben, was man mir sagt. Es macht vieles einfacher.«
Natascha sah mich zweifelnd an.»Sie sind merkwürdig«, sagte sie dann.»Sie reden wie ein alter Mann. Wollten Sie einmal Priester werden?«
Ich lachte.»Nie.«
«Sie wirken manchmal so. Warum machen Sie sich nicht über andere Leute lustig? Sie sind so ernst und könnten etwas Humor gebrauchen! Aber die Deutschen…«
Ich winkte ab.»Ich weiß. Die Deutschen haben keinen Humor. Das stimmt sogar.«
«Was haben sie denn statt dessen?«
«Schadenfreude. Ein unübersetzbares deutsches Wort. Dasselbe, das Sie mit Humor bezeichnen: sich über andere lustig machen. «Sie war einen Moment verlegen.»Getroffen, Professor. Wie gründlich Sie sind!«