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«Wie ein Deutscher«, sagte ich lachend.

«Und ich bin unglücklich. Oder leer. Oder sentimental. Oder verbrannt. Verstehen Sie das nicht?«

«Doch.«

«Gibt es das auch bei Deutschen?«

«Es hat es gegeben. Früher.«

«Bei Ihnen auch?«

Der Kellner kam an den Tisch.»Der Chauffeur läßt fragen, ob er eine Portion Eiscreme bestellen kann. Vanille und Schokolade.«»Zwei«, sagte ich.

«Man muß Ihnen alles aus den Zähnen ziehen«, sagte Natascha Petrowna ungeduldig.»Können wir nicht endlich einmal ein vernünftiges Gespräch führen? Sie sind auch unglücklich?«

«Ich weiß es nicht. Unglücklich ist so ein zahmes Wort.«

Sie sah mich betroffen an. Je dunkler es wurde, desto heller wurden ihre Augen.»Dann kann uns ja eigentlich nichts passieren«, sagte sie schließlich fast zaghaft.»Wir sitzen beide in der Tinte.«

«Nichts kann passieren«, bestätigte ich,»wir sind beide ge brannte Kinder und höllisch vorsichtig.«

Der Kellner kam mit der Rechnung.»Ich glaube, man schließt hier«, sagte Natascha.

Ich spürte einen Moment die alte Panik. Ich wollte an diesem Abend nicht allein sein und fürchtete, Natascha wolle schon gehen.»Haben Sie den Wagen nicht so lange, bis die Theater schließen?«fragte ich.

«Doch. Wollen wir bis dahin umherfahren?«

«Sehr gerne.«

Wir standen auf. Die Terrasse und der Zoo waren ganz leer. Die Dunkelheit hing mit schwarzen Fahnen in den Bäumen. Man hätte das Gefühl haben können, auf einem Dorfplatz zu sein, wo in einem Brunnen leise plätschernd die Seelöwen wie Negerkin der badeten und weiter entfernt die Ställe für die Büffel und Zebus waren.

«Ist dies schon die Stunde, wo der Central Park gefährlich wird?«

«Dies ist erst die Stunde der Voyeurs und Perversen. Sie schleichen sich an die Bänke heran, auf denen Liebespaare sich küssen. Die Stunde der Handtaschenräuber, Vergewaltiger und Mörder kommt später, wenn es ganz dunkel ist. Auch die der Banden, die umherstrolchen.«

«Kann die Polizei nichts dagegen tun?«

«Sie fährt die Wege ab und hat Patrouillen, aber der Park ist riesengroß, und man kann sich überall verstecken. Schade. Es wäre schön, wenn es im Sommer anders wäre. Jetzt ist nichts zu fürchten; wir sind ja nicht allein.«

Sie nahm meinen Arm. Jetzt ist nichts zu fürchten, wir sind ja nicht allein, dachte ich und fühlte sie dicht neben mir. Die Dunkelheit war keine Gefahr; sie schützte und verschwieg und hatte Geheimnisse, die wie Trost aus ihr hervorglänzten. Ich spürte eine fast anonyme Zärtlichkeit, eine Zärtlichkeit, die noch keinen Namen hatte und noch an niemand gebunden war, die frei schwebte wie ein Hauch im späten Sommerabend und doch schon ein sanfter Betrug war. Sie war nicht rein, sondern ein Gemisch aus verschiedenen Gründen, es war Angst darin und die Furcht, daß die Vergangenheit wieder aufziehen könnte, es war Feigheit dabei und der Wunsch, nicht noch verlorenzugehen in jener geheimnisvollen und lauernden Zwischenzeit der Hilflosigkeit, die zwischen Rettung und Entkommen liegt, und es war das blinde Tasten darin, das nach allem greift, was wie Geborgenheit aussieht. Ich fühlte Scham darüber, aber ich tröstete mich oberflächlich damit, daß auch Natascha nicht sehr viel anders sei, daß auch sie wie eine Pflanze war, die sich an das nächste anklammerte, ohne viel zu fragen und ohne allzu große Ehrlichkeit. Sie wollte nicht allein sein in einer gestörten Periode ihres Lebens, und so wollte auch ich es nicht mehr. Mit all den versteckten Gründen aber schwebte diese laue, leichte Zärtlichkeit um uns her, die so gefahrlos zu sein scheint, weil sie noch keinen Namen hat und keinen Schmerz kennt, der sich an sie wie ein Geierfuß krallt und dem man sich deshalb so leicht ergibt.

«Ich bete dich an«, sagte ich plötzlich zu meiner eigenen Überraschung und gegen meinen Willen, als wir durch den Lauben gang mit den gelben Laternen schritten, der zur Fifth Avenue führte, vor uns den breiten Schatten des Chauffeurs.»Ich kenne dich nicht und bete dich an, Natascha«, wiederholte ich und bemerkte, daß ich sie zum erstenmal geduzt hatte.

Sie wandte sich mir zu.»Es ist nicht wahr«, erwiderte sie.»Du lügst, und es ist nicht wahr. Aber sage es trotzdem, es ist gut, diesen Satz zu hören.«

* * *

Ich wachte auf, aber es dauerte eine Weile, ehe ich mir klarmachen konnte, daß ich geträumt hatte. Erst allmählich erkannte ich die dunklen Konturen meines Zimmers wieder, die helleren des Fensters und den schwachen Schein der rötlichen Nacht von New York. Aber es war ein zähes, langsames Erwachen, als müsse ich mich aus einem Morast hocharbeiten, in dem ich fast erstickt wäre.

Ich horchte. Wahrscheinlich hatte ich geschrien. Ich schrie immer, wenn ich diesen Traum hatte, und es dauerte jedesmal lange, bis ich mich aus ihm zurückfand. Ich träumte, jemanden ermordet und vergraben zu haben in einem verwilderten Garten an einem Bach, und daß man ihn nach langer Zeit gefunden habe, und daß das Unheil auf mich zugeschlichen kam und man mich fassen würde. Ich wußte nie genau zu sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, die ich umgebracht hatte. Ich wußte auch nicht, weshalb ich es getan hatte, und es schien mir auch, als hätte ich im Traum schon vergessen gehabt, daß ich es getan hatte. Um so unheimlicher waren dann das Erschrecken und die tiefe Bestürzung, die mir lange nach dem Erwachen folgten, als wäre der Traum doch noch Wahrheit. Die Nacht und das jähe Aufschrecken hatten alle Schutzzäune, die ich um mich gebaut hatte, niedergerissen. Der gekalkte Raum im Krematorium mit den Haken zum Erhängen und den Flecken darunter, die von den zuckenden Köpfen stammten, die den Kalk weggescheuert hatten, war wie der da in der schwülen Nacht, und die skeletthafte Hand am Boden, die sich noch bewegte, und die fettige Stimme, die befahclass="underline" »Tritt drauf! Willst du dreckiges Aas wohl drauftrampeln? Los, oder ich mach dich kalt! Wir hängen dich Schwein dazu, aber langsam, mit Genuß!«Ich hörte die Stimme wieder und sah die kalten höhnenden Augen und sagte mir zum hundertsten Male vor, daß er mich umgebracht hätte wie eine Stubenfliege, so wie er Dutzende anderer Häftlinge aus Vergnügen umgebracht hatte, wenn ich es nicht getan hätte. Er wartete nur darauf, daß ich zögerte. Trotzdem fühlte ich, wie jedesmal der Schweiß von meinen Achselhöhlen herunterrann, und ich stöhnte wie jedesmal, hilflos und dem Erbrechen nahe. Diese fette Stimme und diese sachstischen Augen mußten ausgelöscht werden. März, dachte ich. Egon März. Man hat mich später freigelassen, in einem dieser widerspruchsvollen Anfälle des Regimes, weil ich kein Jude war, und ich war geflüchtet. Die holländische Grenze war nicht weit; ich kannte sie und hatte Hilfe, aber ich wußte, daß ich dieses Gesicht noch einmal vor mir haben mußte, bevor ich sterbe.

Ich saß auf meinem Bett, die Beine hochgezogen, wie von innen her erstarrt in der kurzen Sommernacht. Ich saß da und dachte an alles, was ich hatte verscharren und beerdigen wollen, und wieder aufs neue, daß es nicht möglich war und daß ich zurück mußte und daß ich nicht vorher verenden und aus Ekel und Verzweiflung Schluß machen durfte, so ähnlich wie Möller. Ich mußte am Leben bleiben und mich retten, und es war egal, wo nach ich griff. Ich wußte, daß die Nacht alles dramatischer macht und die Werte und die Begriffe vergrößert, aber ich saß trotzdem da und fühlte die Schattenflügel der Reue, der hilflosen Wut und der Trauer. Ich saß da, die Nacht wurde grau, ich sprach mit mir wie mit einem Kinde, ich wartete auf den Tag, und als er kam, war ich zerschlagen, als hätte ich die ganze Nacht mit einem Messer gegen eine unendliche Wand schwarzer Watte gekämpft, die nicht beschädigt worden war.

XIV

Silvers schickte mich zu Cooper, dem Mann, der die Degas-Tänzerin gekauft hatte. Ich sollte ihm das Bild bringen und ihm helfen, es aufzuhängen. Cooper wohnte im vierten Stock eines Hauses an der Park Avenue. Ich erwartete, an der Tür von einem Diener abgefertigt zu werden, aber Cooper selber empfing mich in Hemdsärmeln.»Kommen Sie herein«, sagte er.»Wir wollen uns Zeit nehmen, einen Platz für diese grünblaue Dame zu finden. Wollen Sie einen Whisky? Oder lieber Kaffee?«