«Was sind sie wert?«fragte er fast sofort, und ich hätte ihn um armen können, er war so echt und voraussehbar.
«Sie sind unbezahlbar.«
«Was? Wieso? Sie sind eine bessere Kapitalanlage als Bilder?«»Das nicht«, erwiderte ich, sofort vorsichtig, um Silvers nicht in die Flanke zu fallen,»aber sie sind sehr schön. Bessere gibt es im Metropolitan-Museum auch nicht.«
«Wirklich? Schau, schau! Irgendein Gauner hat sie mir mal an gedreht.«
«Sie haben eben Glück.«
«Meinen Sie?«Er lachte wie sechs Truthähne und sah mich ab schätzend an. Ich glaubte, er überlegte, ob er mir ein Trinkgeld geben könnte, ließ es dann aber sein.»Möchten Sie noch etwas Kaffee?«
«Danke.«
Ich ging zurück zu Silvers und berichtete ihm.»Dieser alte Flals- abschneider«, erklärte Silvers.»Er versucht das jedesmal, wenn ich jemand zu ihm schicke. Er ist der geborene Gelegenheitskäufer. Hat auch mit einer Karre voll altem Eisen angefangen, dann hat er Züge voll von Schrotteisen verkauft. Später ist er in das Waffengeschäft eingestiegen. Zur rechten Zeit, vor dem Kriege. Hat fleißig Waffen und Schrotteisen nach Japan geliefert. Als er das nicht mehr konnte, versorgte er die Vereinigten Staaten. Für jeden Degas, den er kauft, müssen ein paar hundert oder tausend Menschen das Leben lassen.«
Ich hatte Silvers noch nie so ärgerlich gesehen. Der Vergleich mit dem Degas war natürlich falsch, aber trotzdem blieb er mir im Kopf. Falschheiten haben nun einmal mehr Beharrungsvermögen als Wahrheiten.»Warum verkaufen Sie ihm dann etwas?«fragte ich.»Werden Sie dann nicht mitschuldig?«
Silvers lachte, immer noch wütend.»Warum? Weil ich verkaufe? Ich kann mein Geschäft nicht wie ein Quäker ausüben! Und mit schuldig? An was? Am Krieg? Lächerlich!«
Es kostete mich Mühe, ihn zu beruhigen, das hatte ich davon, logisch denken zu wollen! So etwas führt jedesmal zu Mißverständnissen.
«Ich kann diese Fländler mit dem Tode nicht ausstehen«, sagte Silvers schließlich friedlicher.»Immerhin! Ich habe ihm fünftausend Dollar mehr abgenommen, als ich das Bild taxiert hatte, ich hätte noch fünftausend mehr rechnen sollen!«
Er holte sich einen Whisky und Soda.»Wollen Sie auch einen?«»Danke. Ich habe schon zuviel Kaffee gehabt.«
So muß man Rache nehmen, dachte ich. In Zahlen! Wenn man das könnte, wäre man aus dem ganzen trüben Morast seiner Vergangenheit heraus.»Sie können das sicher nachholen«, sagte ich.»Er kommt vielleicht bald wieder. Ich habe ihm gesagt, daß der andere Degas mit dem, den er gekauft hat, ein wunderbares Paar ergäbe, und daß ich, aber das sei nur mein persönlicher Geschmack, den, der noch hier sei, künstlerisch beinahe noch interessanter fände.«
Silvers sah mich nachdenklich an.»Sie entwickeln sich! Machen wir eine Wette. Wenn Cooper innerhalb eines Monats wegen des zweiten Degas zurückkommt, erhalten Sie hundert Dollar.«
Vor dem Hotel Plaza sah ich plötzlich Natascha. Sie überquerte den Platz mit den weitausladenden Bäumen in der Richtung zur 59. Straße. Es war das erste Mal, daß ich sie am Tage erblickte. Sie ging rasch, ein wenig vorgebeugt, mit großen Schritten, und sah mich nicht.
«Natascha«, sagte ich, als ich dicht neben ihr war.»Denkst du nach, welches Diadem du dir für heute abend von van Cleef und Arpels ausleihen solltest?«
Sie war eine Sekunde überrascht.»Und du?«erwiderte sie.»Hast du einen Renoir von Herrn Silvers gestohlen, um deine Rechnung im Morocco zu bezahlen?«
«Das ist der Unterschied«, seufzte ich.»Ich denke an Leihen, du gleich an Raub. Du wirst weiterkommen im Leben.«
«Aber dafür wird es vielleicht kürzer. Willst du mit mir essen kommen?«
«Wo?«
«Ich will dich einladen«, sagte sie lachend.
«Das geht nicht. Zum Gigolo bin ich schon zu alt. Ich habe auch zu wenig Charme.«
«Du hast gar keinen, aber das ist einerlei. Komm mit und laß deine moralischen Bedenken fahren. Wir essen alle immer hier im Abonnement. Keiner zahlt vor Monatsende. Für deine Würde ist also gesorgt. Außerdem möchte ich, daß du jemanden triffst. Eine alte Dame. Sehr reich. Sie will Bilder kaufen. Ich habe von dir erzählt.«
«Aber Natascha! Ich verkaufe doch keine Bilder!«
«Du nicht, aber Silvers. Und wenn du ihm Kunden zuführst, wird er dir eine Provision geben.«
«Was?«
«Eine Provision. Das ist üblich. Weißt du nicht, daß die Plälfte aller Menschen von gegenseitigen Provisionen lebt?«
«Nein.«
«Dann mußt du es lernen. Und nun komm. Ich habe Hunger. Oder hast du Angst?«
Sie sah mich herausfordernd an.»Du bist sehr schön«, sagte ich.»Bravo.«
«Sollte etwas aus der Provision werden, mußt du mit mir essen gehen, Kaviar und Champagner.«
«Bravo. D’accord. Ist dann endlich genug getan für deine Ethik?«
«Genug. Jetzt habe ich nur noch Platzangst.«
«So verschieden von den ändern bist du gar nicht«, sagte Natascha.
Das Restaurant war ziemlich voll. Ich hatte das Gefühl, in einen eleganten Käfig mit Schmetterlingen, Dohlen und Papageien zu kommen. Kellner jagten umher. Natascha kannte, wie immer, viele Leute.
«Ich glaube, du kennst halb New York«, sagte ich.
«Unsinn. Ich kenne nur Nichtstuer und Leute, die mit Mode zu tun haben. So wie ich. Damit du nicht neue Platzangst bekommst, essen wir das Sommer-Menü.«
«Sommer-Menü ist ein hübscher Name.«
Sie lachte.»Es ist ein anderer Name für Diät. Ganz Amerika ißt nach irgendeiner Diät.«
«Warum? Alle sehen hier ziemlich gesund aus.«
«Um nicht dick zu werden. Amerika hat den Jugendfimmel und den Schlankheitsfimmel. Jeder will jung und schlank bleiben. Alter ist hier nicht gefragt. Der ehrwürdige Rat, der im alten Griechenland hoch geehrt war, würde in Amerika in ein Altersheim gesteckt. «Natascha zündete sich eine Zigarette an und blinzelte mir zu.»Wir wollen jetzt nicht darüber reden, daß der größte Teil der Welt hungert. Das wolltest du doch, oder nicht?«»Ich bin nicht ganz so schlimm, wie du denkst. Ich habe nicht daran gedacht.«
«Na, na!«
«Ich habe an Europa gedacht. Dort hungert man noch nicht zu sehr, aber man hat viel weniger zu essen.«
Sie sah mich mit halb geschlossenen Augen an.»Glaubst du nicht, daß es für dich ganz gut wäre, etwas weniger an Europa zu denken?«fragte sie.
Ich war überrascht, daß sie das bemerkt hatte.»Ich versuche, nicht daran zu denken.«
Sie lachte.»Da kommt die reiche alte Dame.«
Ich hatte eine korpulente Puffotter erwartet, ein Gegenstück zu Cooper. Statt dessen kam eine zierliche Person mit silbernen Löckchen und roten Bäckchen, von der man annehmen konnte, daß sie stets gehegt und gepflegt worden sei und nie aus ihrem Puppendasein herausgekommen war. Sie war etwa siebzig Jahre alt und sah ohne Mühe wie fünfzig aus. Selbst das Alter wirkte bei ihr wie ein leicht zerknittertes Seidenpapier, in das sie eingewickelt war. Man sah es nur am Hals und auf den Händen. Um den Hals trug sie deshalb auch eine Art Collier aus vier überein anderliegenden Perlenreihen, die viel verdeckten und die Frau noch zierlicher und empirehafter machten.
Sie interessierte sich für Paris und fragte mich danach. Ich hütete mich, ihr etwas von meinem Leben dort zu erzählen, ich tat so, als wäre dort kein Krieg. Ich sah Natascha an und redete von der Seine, von der Insel St. Louis, dem Quai des Grands Augustins, von den Sommernachmittagen im Luxembourg und den Aben den auf den Champs Elysees und im Bois. Es wurde mir nicht schwer, davon zu sprechen, während ich Natascha ansah und merkte, wie ihre Augen zärtlicher wurden.
Das Essen kam rasch, und in knapp einer Stunde verabschiedete sich Mrs. Whymper.»Wollen Sie mich morgen nachmittag um fünf Uhr abholen?«fragte sie mich.»Wir können dann zur Galerie Silvers gehen.«
«Gern«, sagte ich und wollte noch etwas erklären, aber Natascha stieß mich unter dem Tisch mit dem Fuß, und ich schwieg. Natascha lachte.»Das war schmerzlos, wie? Du wolltest ihr natürlich erklären, daß du für Silvers nur Kisten aufmachst, nicht wahr? Nicht nötig. Es gibt hier viele Leute, die sich damit befassen, reiche hilflose Leute zu beraten und sie zu den Kunst händlern zu führen, mit denen sie liiert sind.«