«Schlepper!«sagte ich.
«Berater«, erwiderte Natascha.»Ehrenwerte Leute, die arme, hilflose Millionäre vor räuberischen Kunsthändlern schützen. Gehst du zu ihr?«
«Ja«, sagte ich.
«Bravo!«
«Aus Liebe zu dir.«
«Doppeltes Bravo.«
«Offen gestanden, ich würde auch sonst hingehen. Ich bin bestechlicher, als du glaubst.«
Sie klatschte leicht in die Hände.»Du wirst allmählich fast reizend.«
«Ein Mensch, wie? Und in deiner Klassifikation?«
«Noch nicht ganz. Aber ein Denkmal, das sich bereits bewegt.«
«Es ging alles so überraschend schnell. Mrs. Whymper weiß doch nichts von mir.«
«Du hast über Dinge gesprochen, die sie liebt: Paris, den Sommer im Bois, die Seine im Herbst, die Quais, die Buchläden dort.. «»Aber kein Wort über Bilder.«
«Das hat ihr besonders gefallen. Es war klug von dir. Nichts von Geschäft.«
Wir gingen ganz gemächlich die 54. Straße entlang. Ich fühlte mich froh und leicht. Wir blieben an einem Antiquitätenladen stehen, in dem ägyptische Halsketten ausgestellt waren. Sie leuchteten in Türkisblau, und neben ihnen stand ein großer Ibis. Aus dem Auktionslokal Savoy kamen Leute, die Teppiche weg trugen. Es war schön, das Leben zu fühlen. Wie weit eine Nacht entfernt sein konnte!
«Sehe ich dich heute abend wieder?«fragte ich.
Sie nickte.
«Im Hotel?«
«Ja.«
Ich ging die Straße zurück. Die Sonne war staubig. Es roch nach Auspuffgasen, und die Luft war heiß. Ich blieb vor dem Savoy- Auktionshaus stehen und ging schließlich hinein. Der Raum war halb voll, und es herrschte eine schläfrige Stimmung. Der Auktionator stand auf einer Art Kanzel und rief die Angebote aus. Die Auktion der Teppiche war vorbei, es wurden jetzt Heiligen figuren versteigert. Auf einer Bühne wurden sie hergetragen und aufgestellt, eine nach der anderen; es wirkte fast, als würden sie für ein neues Martyrium vorbereitet. Einige waren noch verschnürt und wurden auf der Bühne aufs neue ausgepackt. Alles war sehr billig, die bunten Figuren waren nicht sehr gesucht. In Kriegszeiten werden Heilige eher ins Gefängnis gesteckt. Ich ging wieder hinaus und betrachtete die Schaufenster. Zwischen schweren Renaissance-Möbeln standen zwei chinesische Bronzen, eine war eine Ming-Kopie, das konnte man leicht sehen, die andere aber konnte echt sein. Die Patina war schlecht und vielleicht sogar überarbeitet, trotzdem war etwas daran, was echt aussah. Mir schien, daß jemand, der nicht genug verstanden hatte, die Bronze für eine Kopie gehalten und sie umzufälschen versucht hatte. Ich kehrte in das dämmerige Lokal zurück und ließ mir einen Katalog der kommenden Auktion geben. Die Bronzen waren ohne Altersangabe aufgeführt. Unter Zinnkrügen, Messinggegenständen und anderen billigen Dingen. Sie würden aber nur wenig kosten, da keine größeren Händler auf einer so harm losen Auktion zu erwarten waren.
Ich verließ die Auktion und ging die 54. Straße hinunter zur Zweiten Avenue. Von dort bog ich rechts ab und ging weiter, bis ich in die Gegend der Brüder Lowy kam. Ich dachte darüber nach, die Bronze selbst zu kaufen und sie dann an Lowy senior weiterzuverkaufen. Ich war sicher, daß er sie nicht bemerkt hatte zwischen den Zinnkrügen und den schweren Möbeln. Dann dachte ich an Natascha und den Abend, an dem sie mich im Rolls- Royce ins Hotel gebracht hatte. Ich hatte mich überstürzt verabschiedet und war auch den letzten Teil der Fahrt sehr schweigsam gewesen, weil ich nachgedacht hatte, wie ich aus dem Luxus gefährt entkommen könnte.
Der kindliche Grund war gewesen, daß ich dringend austreten mußte. Da das aber in New York unendlich viel schwieriger war als in Paris, hatte ich durchzuhalten versucht, hatte dafür aber keine Zeit zu großem Abschied mehr gehabt. Natascha hatte mir entrüstet nachgesehen, und ich hatte mich, nach der ersten Erleichterung, sehr über mich geärgert und geglaubt, wieder alles verpatzt zu haben. Dann allerdings, am nächsten Tag, war mir gerade die Tatsache, daß ich lieber leiden und durchhalten wollte, anstatt den Chauffeur zum nächsten Hotel zu dirigieren und Natascha im Auto warten zu lassen, als ein umgekehrtes Zeichen von Romantik erschienen, und ich hatte das zwar für albern, aber doch auch für ein Zeichen der Zuneigung gehalten und deswegen eine unerwartete Zärtlichkeit empfunden. Ich dachte jetzt mit derselben Zärtlichkeit wieder daran, als ich vor Lowys Laden ankam. Ich sah Lowy junior zwischen zwei weiß gemalten Louis-XVI.-Sesseln stehen und träumend auf die Straße starren, gab mir einen Ruck, verzichtete auf mein erstes selbständiges Geschäft und trat ein.
«Wie geht es, Herr Lowy?«fragte ich vorsichtig in neutralem Ton, um bei diesem Romantiker nicht gleich anzustoßen.
«Gut! Mein Bruder ist nicht da. Er ißt koscher, das wissen Sie ja! Ich nicht«, fügte er sanft funkelnd hinzu.»Ich esse amerikanisch.«
Die Lowy-Zwillinge erinnerten mich an die berühmten original siamesischen Zwillinge, von denen einer ein Abstinenzler und der andere ein Säufer war. Da sie denselben Blutkreislauf hatten, mußte der unglückliche Abstinenzler nicht nur die Räusche, son dern auch die darauffolgenden Kater seines versoffenen Bruders aushalten. Wie immer litt die Tugend. So war bei den Lowys der eine ein orthodoxer, der andere ein freidenkender Jude.
«Ich habe eine Bronze gefunden«, sagte ich.»Sie kommt auf eine billige Auktion.«
Lowy junior winkte ab.»Sagen Sie das meinem faschistischen Bruder, ich habe jetzt keinen Sinn fürs Geschäft. Bei mir geht es ums Leben. «Er wandte sich mit einem Entschluß mir zu:»Sagen Sie ehrlich, was raten Sie mir: Heiraten oder nicht heiraten?«
Das war eine Fangfrage, ich konnte mit Ja oder Nein nur verlieren.»Was sind Sie astrologisch?«fragte ich zurück.
«Was?«
«Wann sind Sie geboren?«
«Was hat das damit zu tun? Am 12. Juli.«
«Das dachte ich mir. Sie sind Krebs. Hochempfindlich, familienliebend, künstlerisch.«
«Soll ich heiraten?«
«Krebse kommen schwer los. Sie halten fest, bis man ihnen die Scheren abreißt.«
«Was für ein scheußliches Bild.«
«Das Bild ist nur symbolisch. In die Sprache der Psychoanalytiker übertragen heißt es nur soviel wie: bis man ihnen die Geschlechtsorgane ausreißt.«
«Nur?«zeterte Lowy.»Lassen wir das! Einfach und schlicht: Soll ich heiraten?«
«Im katholischen Italien würde ich Ihnen raten: Nein. In Amerika ist es einfacher: Sie können sich wieder scheiden lassen.«
«Wer spricht von Scheidenlassen? Ich spreche von Heiraten.«
Mein billiger Scherz, daß das fast dasselbe sei, wurde mir er spart. Ebenso der billige Rat, daß, wer danach fragte, es lassen
sollte. Man heiratete oder nicht. Lowy senior betrat, leuchtend vom schweren koscheren Essen, das Lokal.
Der jüngere Bruder warf mir einen Schweigeblick zu. Ich nickte.»Was macht der Parasit?«fragte Lowy senior leutselig.
«Silvers? Er hat mir soeben freiwillig eine Gehaltsaufbesserung gegeben.«
«Kann er auch. Wieviel? Einen Dollar im Monat?«
«Hundert.«
«Was?«
Die beiden Lowys starrten mich an. Der Ältere faßte sich zuerst.»Er hätte Ihnen zweihundert geben sollen«, sagte er dann.
Ich bewunderte ihn und wollte ihm nicht nachstehen.»Hat er getan«, erwiderte ich.»Aber ich habe es abgelehnt. Ich finde, ich bin soviel noch nicht wert. In einem Jahr vielleicht.«
«Mit Ihnen kann man nie vernünftig reden«, brummte Lowy senior.
«Doch«, sagte ich.»Wenn es um Bronzen geht.«
Ich berichtete ihm von meiner Entdeckung.»Sie werden sie für mich ersteigern können. Jeder wird sie für falsch halten.«