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«Und wenn sie falsch ist?«

«Dann haben wir uns geirrt. Oder möchten Sie, daß ich Sie gegen den Verlust versichere?«

«Warum nicht?«grinste Lowy.»Bei Ihrem Einkommen!«

«Ich kann sie auch selber kaufen. Das ist einfacher«, sagte ich er nüchtert. Ich hatte etwas mehr Dankbarkeit für den Tip erwartet. Wie immer, ein Irrtum.»Wie war die Linsensuppe?«fragte ich.

«Linsensuppe? Woher wissen Sie, daß ich Linsensuppe gegessen habe?«

Ich wies auf den Aufschlag seines Jacketts, wo eine zerdrückte halbe Linse prangte.»Viel zu schwer um diese Jahreszeit, Herr Lowy. Sie riskieren einen Schlaganfall. Guten Tag, meine Herren!«

«Sie sind ein menschenfreundliches Biest, Herr Ross«, erwiderte Lowy senior sauersüß.»Sie verstehen einen Scherz! Wie hoch soll man gehen für die Bronze?«

«Ich sehe sie mir noch ein paarmal an.«

«Gut. Ich kann das nicht. Wenn ich sie mir zweimal angesehen habe, wittern die Brüder drüben bereits Unrat. Sie kennen mich. Sagen Sie mir noch Bescheid?«

«Selbstverständlich.«

Ich war schon unter der Tür, als Lowy senior mir nachrief:»Das mit Silvers stimmt doch nicht, wie?«

«Doch!«sagte ich.»Aber ich habe ein besseres Angebot von Rosenberg.«

Ich war noch keine zehn Schritte gegangen, als ich das bereute. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Aberglauben. Ich hatte in meinem Leben schon sehr viele Schwindelgeschäfte mit dem lieben Gott gemacht, an den ich immer zu glauben begann, wenn ich in einer gefährlichen Situation war — so ähnlich wie die Stierkämpfer vor dem Kampf in ihrer Unterkunft in der Arena eine Muttergottes-Statue aufstellen, sie mit Blumen schmücken, vor ihr beten und gewaltige Versprechungen machen, Kerzen, Messen, ein frommes Leben, keinen Tequila mehr und so weiter. Ist dann der Kampf vorbei, wird die Muttergottes acht los in einen Koffer zu schmutzigen Lumpen geworfen, die Blumen werden verkauft, die Versprechungen vergessen und die Tequilaflasche hervorgeholt — bis zum nächsten Stierkampf, wo sich alles wiederholt. Meine Schwindelgeschäfte mit dem lieben Gott waren von gleichem Kaliber gewesen. Aber außerdem gab es manchmal noch einen subtileren Aberglauben, den ich lange nicht gehabt hatte, weil er nicht darauf beruhte, eine Gefahr zu bannen, sondern eher darauf, eine Erwartung nicht zu verscheuchen. Ich blieb stehen. Aus einem Geschäft für Angler blickten mich ausgestopfte Hechte an, um die im Kreise Angelschnüre gelegt waren. Um eine Erwartung nicht zu verscheuchen, mußte man sie erst einmal auch haben, dachte ich und wußte plötzlich, daß ich aus denselben Gründen den Lowys mein kleines Geschäft überlassen hatte. Ich wollte nicht nur Gott, der auf einmal wie der sein schläfriges Haupt über die Hausdächer emporreckte, sondern auch das Schicksal für mich günstig stimmen, weil etwas eingetreten war, an das ich nicht mehr geglaubt hatte: Daß ich etwas erwartete und auf etwas wartete, und daß es nicht etwas Vernünftiges, Faßbares war, sondern etwas, das man eher als Wärme bezeichnen konnte, und das mir das beglückende Gefühl gab, noch nicht ganz ein Automat zu sein. Alle alten Klischees von Herzschlag, Atemzug und Atemlosigkeit fielen mir ein, und sie waren in dieser Minute richtig und von unerwartetem, doppeltem Leben überglänzt, dem meinen und dem ohne Namen.

XV

Als ich am nächsten Morgen Silvers Mrs. Whympers Wunsch mitteilte, reagierte er mit Geringschätzung.»Whymper? Whym- per? Wann will sie kommen? Um 5 Uhr? Ich weiß nicht, ob ich da bin.«

Ich wußte genau, daß dieses faule Krokodil nichts zu tun hatte als auf Kunden zu warten und Whisky zu trinken.»Gut«, sagte ich,»verschieben wir es, bis Sie einmal Zeit haben.«

«Ach, bringen Sie die Dame nur her«, erwiderte er nachlässig.»Es ist immer einfacher, so etwas gleich hinter sich zu bringen. «Gut, dachte ich. Das gibt mir die Möglichkeit, die Bronze im Savoy am Nachmittag anzusehen, wenn nicht so viele Käufer herumschwirren wie in der Mittagspause.

«Hat Ihnen die Einrichtung bei Cooper gefallen?«fragte Silvers.»Sehr. Er muß ausgezeichnete Berater haben.«

«Das stimmt. Er selbst versteht nichts.«

Ich dachte, daß auch Silvers nichts verstünde, abgesehen von dem schmalen Gebiet französischer Impressionisten. Er hatte keinen Grund, so maßlos stolz darauf zu sein, es war sein Geschäft, ebenso wie Waffen und Eisenschrott Coopers Geschäft waren. So betrachtet war Cooper sogar im Vorteil — er hatte außerdem noch herrliche Möbel, während Silvers nichts als Polstersofas, Polstersessel und geradlinige, nüchterne, moderne Massenmöbel hatte.

Er mußte meine Gedanken erraten haben.»Es wäre mir leicht, mein Haus mit Möbeln desspäten 18. Jahrhunderts einzurich ten«, sagte er.»Ich tue es der Bilder wegen nicht. Dieser ganze Barock- und Rokokokram lenkt nur ab. Schnickschnack aus ab gelebten Zeiten! Was sollen moderne Menschen damit?«

«Bei Cooper ist das anders«, erwiderte ich.»Er braucht die Bilder nicht zu verkaufen. Er kann sie in die Umgebung einordnen. «Silvers lachte.»Wenn er sie wirklich in seine eigene Umgebung einordnen wollte, müßte er Maschinengewehre und leichte Geschütze dazwischenstellen. Das wäre angemessener.«

Ich entdeckte wieder die leichte Gehässigkeit, die er gegen Cooper hegte. Ich hatte Ähnliches auch schon bei anderen Kunden gemerkt. Silvers’ so offensichtlich zur Schau gestellte Bonhomie war nur eine dünne Schicht, die nicht standhielt. Wie bei billig vergoldetem Kupfer kam durch etwas Reiben bald die Unterschicht heraus. Er glaubte, indem er seine Kunden verächtlich machte, sie zu verachten. Was herauskam, war eher, daß er sie beneidete. Er redete sich selbst ein, sein Zynismus erhalte ihm seine Freiheit, aber es war eine billige Freiheit, und sie glich der Freiheit des Angestellten, auf seinen Chef zu schimpfen, wenn dieser es nicht hörte. Obschon er die Eigenschaft vieler einseitig gebildeter Leute hatte, sich über alles, was er nicht verstand, zu belustigen, schützte diese bequeme Eigenschaft ihn nicht ganz, wie sie auch nicht recht war. Überraschend lugte aus alldem manchmal ein wüster Neurotiker hervor. Das machte ihn für mich interessant. Seine anderen süßen Predigten waren nur so lange erträglich, als sie Neues enthielten, dann wurden sie langweilig. Praktische Lebenskunst konnte rasch zum Gähnen reizen.

Ich ging mittags zum Savoy-Auktionshaus und ließ mir die Bronze zeigen. Es waren wenige Leute da, weil an diesem Tage keine Auktion stattfand. Schläfrig dämmerte der große Raum, der vollgestellt war mit Möbeln und Gegenständen des 16. und 17. Jahrhunderts. An den Wänden waren neue Ladungen von Teppichen gestapelt, mit Waffen, Speeren, alten Säbeln und Harnischen dazwischen. Ich mußte an Silvers und seine Bemerkung über Cooper denken und dann an das, was ich selbst über Silvers gedacht hatte. Ebenso wie Silvers bei Cooper, so war ich bei Silvers aus der uninteressierten, objektiven Beobachterrolle herausgetreten in Kritik und Subjektivität. Ich war nicht mehr ein Zuschauer, dem im Grunde alles gleichgültig war — mir schien eher, daß ich selbst in die Arena gegangen war. Ich nahm teil und hatte Abneigungen, die ich vorher nicht gespürt hatte. Ich begriff, daß es an Zuneigung lag, die ich ebenfalls früher nicht gespürt hatte. Ich fühlte mich wieder eingeschaltet in das Wedaselspiel des Daseins, ich stand nicht mehr beiseite, nur damit beschäftigt, zu überleben, etwas Neues war fast unmerklich dazugekommen, etwas, das meine falsche Sicherheit wie ein sehr fernes Rollen nicht mehr ganz so sicher erscheinen ließ. Alles schwankte ein wenig. Ich war dabei, wieder Partei zu nehmen, und das kam, das spürte ich deutlich, nicht vom Gehirn her. Es war primitiver und hatte etwas mit der einfachen Abneigung des Mannes allen anderen Männern gegenüber zu tun, der Abneigung gegen die Konkurrenten um die Frau. Ich stand am Fenster des Auktionshauses, die Bronze in der Hand, hinter mir die gähnende Halle mit dem Plunder verstaubter Vergangenheit, aber ich beobachtete die Straße, auf der Natascha jeden Augenblick auftauchen konnte, und ich fühlte die schwache Erregung, die mich gegen Silvers ungerecht hatte werden lassen und die mich in weitere Ungerechtigkeiten treiben würde, ich spürte sie in meinen Händen, es hatte mit Natascha zu tun, und ich wußte plötzlich, daß ich wieder etwas wollte, das über das bloße Überleben hin ausging und das an den Irrgarten der Emotionen streifte, über dem die Fata Morganas lautlos hingen und wo Recht eines der belanglosesten Prinzipien war.