Ich legte die Bronze zurück.»Sie ist nicht alt«, sagte ich zu dem Mann, der sie mir hereingeholt hatte, einem alten Wärter mit schweißigem Haar, der Gummi kaute und dem nichts gleichgültiger war als meine Ansicht. Die Bronze war alt, aber ich hatte, trotz meines neuen Zustandes, genug Geistesgegenwart, mich zu hüten, es auszuposaunen. Langsam ging ich die Straße hinauf, bis ich auf der gegenüberliegenden Seite zu dem Restaurant kam, in dem ich mit Natascha gesessen hatte. Ich ging nicht hinein, aber ich hatte das Gefühl, als phosphoreszierte der Eingang um eine Spur mehr als die anderen daneben, obschon der nächste sogar zu einem Schaufenster der Firma Bakkarat gehörte, das von Kristall und Gläsern nur so glänzte.
Ich holte Mrs. Whymper ab. Sie wohnte in einem Haus in der Fifth Avenue. Ich war pünktlich da, aber sie schien es nicht eilig zu haben. Ich sah keine anderen Bilder bei ihr als ein paar Romneys und einen Ruisdael.»Ist es zu früh für einen Martini?«fragte sie mich.
Ich sah, daß sie einen vor sich stehen hatte. Er sah aus wie Wodka.»Ist das ein Wodka-Martini?«fragte ich.
«Wodka-Martini? Was ist denn das? Dieser hier ist aus Gin und einem Hauch Wermut.«
Ich erklärte ihr, daß ich im Hotel Reuben gelernt habe, man könne statt des Gins auch Wodka nehmen.
«Das ist drollig. Wir müssen das einmal probieren. «Mrs. Whymper schüttelte ihre Löckchen und drückte auf eine Klingel.»John«, sagte sie zu dem eintretenden Diener.»Haben wir Wodka im Hause?«
«Jawohl, Madame.«
«Dann mischen Sie doch für Herrn Ross einen Martini damit. Wodka statt Gin. «Sie wandte sich mir zu.»Französischen Wermut oder italienischen? Mit oder ohne Olive?«
«Französischen Wermut. Und keine Olive. So habe ich ihn kennengelernt. Aber machen Sie sich meinetwegen keine Mühe. Ich trinke auch einen Gin-Martini.«
«Nein, nein! Man soll immer noch etwas lernen, wenn man kann. Machen Sie auch einen für mich, John. Ich will ihn einmal probieren.«
Ich sah, daß die puppenhafte alte Dame eine Schnapsdrossel war und hoffte nur, daß sie nüchtern genug bei Silvers anlangen würde.
John brachte die Gläser.»Chin Chin«, sagte Mrs. Whymper fröhlich und trank gierig.
Sie schaffte auf den ersten Schluck das halbe Glas.»Gut!«er klärte sie.»Wir müssen das hier einführen, John. Schmeckt herzhaft.«
«Sehr wohl, Madame.«
«Von wem haben Sie das Rezept?«fragte sie mich.
«Von jemandem, der nicht wollte, daß sein Atem nach Alkohol riecht. Er konnte sich das nicht erlauben und behauptete, bei Wodka röche man das nicht.«
«Wirklich nicht? Wie drollig! Haben Sie es probiert? Stimmt es?«
«Es kann sein. Für mich war es nie wichtig.«
«Nein? Haben Sie niemand, bei dem es wichtig ist?«
Ich lachte.»Die Leute, die ich kenne, trinken alle selbst gern.«
Mrs. Whymper sah mich schräg von unten an wie ein Vogel.»Es ist gut für das Herz«, sagte sie dann unvermittelt.»Und auch für den Kopf. Es macht klar. Wollen wir noch jeder ein halbes Glas nehmen? Als Steigbügeltrunk?«
«Gern«, sagte ich widerstrebend und sah eine lange Reihe halber Steigbügeltrunke voraus. Aber ich wurde überrascht. Mrs. Whymper stand auf, als wir den Steigbügeltrunk hinter uns hatten, und klingelte.»Ist der Wagen draußen, John?«
«Jawohl, Madame.«
«Gut. Dann wollen wir mal Herrn Silvers besuchen.«
Gemeinsam verließen wir das Haus.
Wir stiegen in einen großen schwarzen Cadillac. Ich hatte komischerweise nicht daran gedacht, daß Mrs. Whymper ihren eigenen Wagen nehmen würde, sondern hatte mir schon den Kopf zerbrochen, wo in dieser Gegend der nächste Taxistand sei. John kam aus dem Hause mit uns, um uns zu fahren. Ich fand, daß mein Fortschritt in Automobilen nicht schlecht sei — ein Rolls, ein Cadillac, beide mit Chauffeuren, in so kurzer Zeit, dagegen war nichts zu sagen. Ich sah auch einen kleinen Autoschrank, ähnlich wie im Rolls-Royce, und hätte mich nicht gewundert, wenn Mrs. Whymper einen neuen Steigbügeltrunk hervorgezaubert hätte, aber sie tat es nicht. Stattdessen unterhielt sie sich mit mir über Frankreich und Paris in einem ziemlich holperigen amerikanischen Französisch, auf das ich sofort einging, da es mir ohne Mühe ein Ubergewicht verschaffte, das ich glaubte bei Silvers brauchen zu können.
Ich erwartete, daß Silvers mich bald wegschicken würde, um seinen eigenen Charme spielen zu lassen. Aber Mrs. Whymper hielt mich noch einige Zeit fest. Schließlich erklärte ich, ein paar Wodka-Martinis machen zu wollen. Mrs. Whymper klatschte in die Hände. Silvers sah mich strafend an, er hatte allenfalls mit einem Scotch gerechnet und fand alles andere barbarisch. Ich erklärte ihm, daß der Arzt Mrs. Whymper Scotch-Whisky verboten habe, und machte mich auf den Weg zur Küche. Ich fand, mit Hilfe der Köchin, schließlich auch eine Flasche Wodka.
«So was trinken Sie nachmittags?«fragte die hagere Köchin.»Nicht ich. Die Kunden.«
«Sie sollten sich schämen!«
Es war sonderbar, wie oft ich verantwortlich gemacht wurde für die Fehler anderer Leute. Ich blieb am Küchenfenster stehen und schickte die Köchin mit den Martinis und dem Scotch zu Silvers hinüber. Draußen hockten Tauben auf der Fensterbank. New York war, wie Venedig, so voll von ihnen, daß sie zahm waren und überall umherflogen und nisteten. Ich fühlte die Kühle der Fensterscheibe an meiner Stirn. Wo werde ich einmal enden? dachte ich. Die Köchin kam zurück.
Ich begab mich wieder auf meinen Beobachtungsposten im Bilderraum und sah, daß Silvers inzwischen ein paar kleine Renoirs herausgeholt hatte. Ich wunderte mich darüber, er liebte es sonst zu zeigen, daß er einen Gehilfen hatte.
Nach einiger Zeit kam er herein.»Sie haben ja Ihren Cocktail vergessen. Kommen Sie.«
Mrs. Whymper hatte ihr Glas ausgetrunken.»Da sind Sie ja«, sagte sie.»Schon untreu? Oder haben Sie Angst vor Ihren eigenen Martinis?«
Sie saß aufrecht und puppenhaft da, nur ihre Hände waren nicht weich und klein. Sie waren dünn, hart und knochig.»Was meinen Sie zu dem kleinen Renoir?«fragte sie.
Es war ein Blumenstilleben aus der Zeit von 1880.»Er ist wunderbar«, erwiderte ich.»Es wird schwer für uns sein, mit einem ähnlichen wiederzukommen, wenn er verkauft ist.«
Mrs. Whymper nickte.»Wollen wir noch einen sehr kleinen Steigbügeltrunk nehmen? An Tagen wie diesem macht mir meine Migräne immer sehr zu schaffen. Einseitig, Trigeminus, scheußlich. Der Arzt sagt, das einzige, was hilft, ist etwas klarer Alkohol. Erweitert die Blutgefäße. Was man nicht alles für seine Gesundheit tun muß.«
«Ich verstehe das«, sagte ich.»Ich habe auch ein paar Jahre Trigeminusneuralgie gehabt. Sehr schmerzhaft.«
Mrs. Whymper gab mir einen warmen Blick, als hätte ich ihr ein Kompliment gemacht. Ich ging in die Küche zurück.»Wo ist der Wodka?«fragte ich.
«Man könnte ins Kloster gehen«, erwiderte die Köchin.»Drüben steht er. Die haben wenigstens noch keine Diät.«
«Doch. Die Mönche waren die ersten. Sogar eine strenge.«
«Wovon sind sie dann so dick?«
«Weil sie das Falsche essen.«
«Sie sollten sich schämen, sich über eine einfache Frau in ihrer Verzweiflung lustig zu machen. Wozu habe ich kochen gelernt, wenn ich es dann nicht darf? Ich war Pastetenköchin im Jockey klub in Wien, mein Herr! Und nun pfusche ich hier Salate ohne öl zusammen, und ein Stück Butter wird wie Zyankali behandelt! Von einer anständigen Sachertorte gar nicht zu reden! Das gilt hier als Landesverrat.«