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Ich verschwand mit den beiden Martinis. Mrs. Whymper wartete schon darauf.»Sie haben sie zu groß gemacht«, sagte sie und trank ihr Glas in einem Zug aus.»Bis morgen dann. Um fünf. Herr Silvers sagte mir, Sie möchten das Bild selbst aufhängen bei mir. «Wir geleiteten sie hinaus. Die Martinis waren ihr nicht anzumerken. Ich brachte sie zu ihrem Wagen. Der erste Hauch des frühen Abends lag in der heißen Luft. Die Wärme stand zwischen den Häusern wie ein Block unsichtbaren Gelees, aber die Blätter der Bäume begannen zu rascheln, als wären es Palmen.

Ich ging zurück.»Mrs. Whymper«, sagte Silvers nachlässig.»Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Natürlich kenne ich sie.«

Ich blieb stehen.»Ich habe es Ihnen gesagt«, erwiderte ich.

Er winkte ab:»Whympers gibt es viele. Sie haben mir nicht gesagt, daß es sich um Mrs. Andre Whymper handelt. Ich kenne sie seit langem. Nun, es macht ja nichts.«

Ich war verblüfft.»Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel«, sagte ich sarkastisch.

«Warum soll ich es Ihnen übelnehmen?«erwiderte Silvers.»Immerhin, offensichtlich hat sie etwas gekauft.«

Silvers schien eine Mücke zu verscheuchen.»Das weiß man noch lange nicht. Diese alten Damen geben Bilder ein dutzendmal zurück, und zum Schluß sind die Rahmen ruiniert und sie kaufen gar nichts. Das Geschäft ist nicht so einfach, wie Sie denken. «Silvers gähnte.»Es ist Zeit, daß wir Schluß machen. Man wird müde in der Hitze. Auf morgen. Packen Sie noch die Bilder weg.«

Er ging. Ich starrte ihm nach. So ein Gauner, dachte ich. Er will mich wahrscheinlich um die Provision bringen und behaupten, ich habe ihm keinen neuen Kunden gebracht, sondern nur einen alten, den er schon lange kannte. Ich nahm die drei Renoirs, die er gezeigt hatte, und brachte sie in das Bilderzimmer.

«Der Rolls-Royce!«sagte ich, als ich um die Ecke kam. Da stand er mit dem Chauffeur, und ich war glücklich. Ich hatte darüber nachgedacht, wohin ich Natascha heute abend nehmen könnte, und keinen Rat gewußt. Überall war es zu warm. Der Rolls- Royce war die Lösung.

«Hochstapelei scheint mir zu folgen wie ein Schatten«, sagte ich.»Hast du den Wagen wieder bis zum Theaterschluß?«

«Länger«, erklärte Natascha.»Bis Mitternacht. Um Mitternacht muß er vor El Morocco stehen.«

«Du auch?«

«Wir beide.«

«Mrs. Whymper hat einen Cadillac«, sagte ich.»Hat sie viel leicht auch einen Rolls-Royce? Oder hast du einen neuen Kunden für Silvers?«

«Das werden wir noch sehen. Wie ist es mit Mrs. Whymper gegangen?«

«Sehr leicht. Sie hat einen sehr hübschen Renoir gekauft. Er paßt in ihr Puppenheim.«

«Puppenheim«, sagte Natascha und lachte.»Diese Puppe, die aussieht, als könne sie nur die Augen aufklappen und hilflos in die Welt lächeln, ist Präsidentin von zwei großen Gesellschaften. Und dort ist sie keine Frühstücksdirektorin. Sie weiß Bescheid.«

«Wirklich?«

«Du wirst noch deine Wunder erleben mit den Frauen in Amerika.«

«Warum mit den Frauen in Amerika? Mir genügen die Wunder mit dir, Natascha.«

Sie wurde zu meinem Erstaunen rot bis in die Flaarwurzeln.»Genügen dir die?«murmelte sie.»Ich glaube, ich muß dich öfter zu Frauen wie Mrs. Whymper schicken. Du kommst mit überraschenden Ergebnissen zurück.«

Ich schmunzelte.

«Fahren wir doch zum Hudson hinaus«, sagte Natascha.»Erst zu den Piers mit den Ozeandampfern und dann den Hudson entlang, bis zur George-Washington-Brücke und weiter, am Wasser entlang, bis wir an eine kleine Kneipe kommen, die uns gefällt. Mir ist heute nach kleinen Kneipen und Mondlicht und Flußdampfern zumute. Ich möchte eigentlich lieber mit dir nach Fontainebleau fahren, wenn der Krieg zu Ende wäre, aber dort würden mir als der Geliebten eines Deutschen die Haare geschoren, und du würdest als Staatsfeind an die Mauer gestellt werden. Bleiben wir also bei Hamburgern und Coca-Cola in diesem merkwürdigen Land.«

Sie lehnte sich an mich. Ich fühlte ihr Haar und ihre kühle Wärme. Sie wirkte immer, als würde sie nie schwitzen, selbst in diesen heißen Tagen.»Warst du ein guter Journalist?«fragte sie.

«Nein. Zweiten Ranges.«

«Und jetzt kannst du nicht mehr schreiben?«

«Für wen? Ich kann nicht genug Englisch. Ich habe schon lange nicht mehr schreiben können.«

«Dann bist du wie ein Klavierspieler ohne Klavier?«

«So kann man es nennen. Hat dein unbekannter Gönner dir etwas zu trinken hinterlassen?«

«Wir wollen einmal sehen. Du willst nicht gern über dich sprechen?«

«Nicht besonders.«

«Das kann ich verstehen. Auch nicht über deinen jetzigen Beruf?«

«Als Schlepper und Laufjunge?«

Natascha öffnete das Fach mit den Flaschen.»Du siehst, wir sind Schatten«, sagte sie.»Sonderbare Schatten von früher. Wird es je anders werden? Da ist polnischer Wodka! Wie er wohl dazu gekommen ist? Polen existiert doch gar nicht mehr.«

«Nein«, erwiderte ich bitter.»Polen existiert nicht mehr. Aber polnischer Wodka hat überlebt. Soll man darüber lachen oder weinen?«

«Man soll ihn trinken, Liebling.«

Sie holte zwei Gläser hervor und schenkte ein. Der Wodka war sehr gut und sogar kalt. In dem kleinen eingebauten Schrank war ein Kühlfach angebracht.»Zwei Schatten in einem Rolls- Royce«, sagte ich.»Mit kaltem polnischem Wodka. Salute, Natascha!«

«Könntest du Soldat werden«, fragte sie,»wenn du wolltest?«»Nein. Niemand will mich haben. Hier bin ich ein feindlicher Ausländer und muß froh sein, daß man mich nicht in ein Inter nierungslager steqkt. Du hast recht, ich bin weder Fisch noch Fleisch, aber so ging es mir in Europa auch. Dies ist bereits ein Paradies. Ein Schattenparadies, wenn du willst, abgetrennt von allem, was ändern wichtig ist und mir noch wichtiger. Ein Über winterungsparadies meinetwegen. Das Paradies eines unfreiwilligen Zuschauers. Ach Natascha! Reden wir von dem, was für uns übriggeblieben ist! Von der Nacht, den Sternen, dem Funken Leben, der in uns noch zittert, und nicht von der Erinnerung. Sieh den Mond an! Die Passagierschiffe der Luxuslinien sind Truppentransportdampfer geworden. Wir aber stehen hinter den eisernen Geländern dessen, was man Weltgeschichte nennt, und müssen hilflos und zwecklos warten und in den Zeitungen die Nachrichten über Siege und Verluste und zerbombte Länder lesen, und weiter warten und wieder jeden Morgen aufstehen und Kaffee trinken und warten, bei Silvers und Mrs. Whympers, während das Blut in der Welt steigt, jeden Tag einen Zentimeter höher. Ja, du hast recht, es ist eine armselige Schattenparade.«

Wir blickten über die Piers. Sie lagen fast leer im grünen Licht. Nur ein paar Schiffe waren vertäut, eisengrau, niedrig und ohne Licht. Wir stiegen wieder ein.»Da fliegen meine albernen und unzeitgemäßen Träume hin«, sagte Natascha.»Meine Sentimen talität auch. Verzeih mir.«

«Ich dir verzeihen? Was hast du nur für seltsame Gedanken! Du solltest mir verzeihen für die Plattitüden, die ich geredet habe. Schon daraus siehst du, was für ein schlechter Journalist ich war! Wie hell das Wasser ist. Vollmond!«

«Wohin möchten Sie jetzt fahren, Madame?«fragte der Chauffeur.

«Zur George-Washington-Brücke. Langsam.«

Wir schwiegen eine Zeitlang. Ich machte mir Vorwürfe wegen meiner idiotischen Schwerfälligkeit. Ich benehme mich wie ein Mann, den ich im Morocco bittere Tränen über das Schicksal Frankreichs weinen sah und der es sicher ehrlich meinte. Aber die Etikette der Trauer ist strenger als die der Freude. Es wirkte lächerlich. Ich grübelte vergeblich darüber nach, wie ich aus meiner Sackgasse herauskommen könnte.

Natascha wandte sich plötzlich mir zu. Ihre Augen strahlten.»Wie schön das ist. Das Wasser und die kleinen Schleppboote und drüben die Brücke!«

Sie hatte längst vergessen, was vorher gewesen war. Ich hatte das schon ein paarmal bemerkt. Sie war rasch und vergaß auch rasch, es war sehr beglückend für einen Elefanten wie mich, mit dem zähen Gedächtnis für Mißgeschicke und dem schlechten für Freude.»Ich bete dich an«, sagte ich.»Hier, jetzt, unter diesem Mond und neben diesem Fluß, der ins Meer mündet und in dem sich hunderttausend zerbrochene Monde spiegeln. Ich bete dich an und wage sogar, furchtlos das uralte Klischee zu benützen und zu sagen, daß die Washington-Brücke wie ein Diadem über dem unruhigen Hudson hängt und daß ich wollte, es wäre wirklich ein Diadem und ich wäre Rockefeller oder Napoleon der Vierte oder der Besitzer von van Cleef und Arpels. Sehr kindisch, aber das war notwendig.«