«Wieso kindisch? Brauchst du immer eine Rückversicherung? Oder weißt du wirklich nicht, wieviel solche Kindlichkeiten Frauen leicht ertragen können?«
«Ich bin ein geborener Feigling, der sich immer aufs neue Mut machen muß.«
Ich küßte sie.»Ich wollte, ich hätte Autofahren gelernt«, sagte ich.
«Das kannst du doch jeden Tag lernen.«
«Autofahren für einen Rolls-Royce. Dann könnten wir den Anstandswächter vor einer Bierkneipe absetzen. Ich komme mir vor, als wäre ich in Madrid; immer von einer Duenna begleitet. «Sie lachte.»Er stört uns doch gar nicht. Er kann nicht Deutsch und kein Wort Französisch außer: Madame.«
«Er stört uns nicht?«fragte ich.
Sie schwieg einen Augenblick.»Darling, das ist doch das Unglück der Großstadt«, murmelte sie dann.»Man ist fast nie allein.«
«Wie bekommt man dann hier Kinder?«
«Weiß der Himmel!«
Ich klopfte an die Zwischenscheibe.»Würden Sie bitte drüben halten, wo der kleine Garten ist?«fragte ich den Chauffeur. Ich reichte ihm einen Fünfdollarschein durch das Fenster.»Gehen Sie dann bitte irgendwo zum Abendessen. Und holen Sie uns in einer Stunde wieder ab. «^
«Siehst du!«sagte Natascha.
«Sehr wohl, mein Herr.«
Wir stiegen aus und sahen den Wagen in der Dunkelheit verschwinden. Im gleichen Augenblick brach aus dem offenen Fenster hinter dem Garten der Lärm eines Musikautomaten. Der Garten, der sehr klein war, lag voll von Coca-Cola-Flaschen, Bierkannen und Eiscremeschachteln.
«Der Friede der Großstadt!«sagte Natascha.»Und der Chauffeur kommt erst in einer Stunde wieder!«
«Wir können Spazierengehen, am Ufer.«
Sie wies auf die Menschenmenge, die nach Kühlung schnappte.»Spazieren? In diesen Schuhen?«
Ich machte plötzlich einen langen Schritt auf die Straße hinaus und winkte wie eine Windmühle. Ich hatte im Straßenlicht den edrigen Kühler eines Rolls-Royce erkannt. So viele gab es nicht am Hudson; es mußte der Chauffeur sein, der gewendet hatte.
Er war es. Er war auch kein Störenfried mehr, er war ein Retter. Nataschas Augen glänzten vor unterdrücktem Gelächter.»Was jetzt?«sagte sie.»Wo können wir essen?«
«Draußen ist es überall schauderhaft«, sagte der Chauffeur.»Im Blue Ribbon ist es kühl. Der Sauerbraten ist erstklassig.«»Sauerbraten«, sagte ich.
«Sauerbraten!«wiederholte er.»Erstklassig!«
«Ich will verdammt sein, wenn ich in New York Sauerbraten oder Sauerkraut esse«, sagte ich zu Natascha.»Es wäre wie Hitler hochleben zu lassen. Fahren wir zur Dritten Avenue, da gibt es viele Lokale.«
«Zum King of the Sea, mein Herr?«sagte er.
«Zum King of the Sea! Er hat auch Klimaanlage.«
«Sauerkraut«, erklärte Natascha,»ist, um es richtigzustellen in diesem nationalen Wettstreit, ein elsässisches Gericht!«
«Das Elsaß gehörte längere Zeit zu Deutschland.«
«Wir kommen von der Politik nicht los. Fahren Sie zur Dritten Avenue zurück. Der Ozean ist einstweilen noch neutral.«
Ich unterließ es, das zu bestreiten, es wäre zu einfach gewesen. Ich war schließlich selbst mit gelöschten Lichtern im Zickzack, um Unterseebooten zu entgehen, herübergekommen. Was war schon neutral, wenn Gott selbst es nicht mehr war, sondern vor jeder Schlacht von einem Feldgottesdienst zum ändern raste?
Im King of the Sea trafen wir auf Kahn. Er war der letzte Esser dort und hockte einsam und selbstvergessen vor einer Schüssel voller riesiger Krabbenbeine.»Der Mann mit den vielen Flobbies«, sagte ich zu Natascha.»Er hat die Welt zu einer Hobby sammlung gemacht und bringt sich auf diese Weise durch.«
«Nicht schlecht.«
«Essen Sie nach den Krabben auch Eiscreme?«fragte ich Kahn.»Das habe ich einmal versucht. Es ist mir schlecht bekommen. Man muß die Hobbies auseinanderhalten.«
«Sehr weise.«
Wir ließen uns nieder, als ob wir eine große Reise hinter uns hätten. Ich beschloß, Natascha nicht ins El Morocco zu führen. Ich wollte nicht noch mehr ihrer Freunde kennenlernen.
XVI
Ich ging mittags zu Kahn. Er lud mich zum Essen ein. Wir gingen in ein chinesisches Restaurant. Kahn hatte eine große Vorliebe für chinesisches Essen. Er hatte das von Paris mitgebracht, aber Paris war dürftig gewesen gegen New York. Chinatown war ein ganzer Stadtteil von New York.
Wir fuhren mit dem Omnibus bis zur Mottstraße. Das Restaurant lag in einem Keller, zu dem man ein paar Stufen hinunter gehen mußte.»Es ist merkwürdig, wie wenig Chinesinnen man in New York sieht«, sagte Kahn.»Entweder sind sie versteckt in ihren Häusern, oder die Chinesen haben das Problem der Parthenogenese gelöst. Kinder sieht man genug, aber wenig Frauen. Dabei sind Chinesinnen die wunderbarsten Frauen der Welt.«
«In Romanen.«
«In China«, sagte Kahn.
«Waren Sie da?«
«Ja. 1930. Zwei Jahre.«
«Und Sie sind zurückgekommen? Warum?«
Kahn lachte, daß er sich schüttelte.»Heimweh!«
Wir bestellten in ölgebratene Shrimps.»Wie geht es Carmen?«fragte ich.»Sie sieht aus wie eine Kreuzung zwischen einer Polynesierin und einer sehr hellen Chinesin. Sehr tropisch und tragisch.«
«Sie ist in Pommern geboren, in Rügenwalde. So etwas kommt vor. Zum Glück war sie Jüdin, das half ihr, diesen Komplex zu überwinden.«
«Sie sieht aus, als wäre sie aus Timbuktu, Hongkong oder Papeete.«
«Geistig ist sie aus Kötzschenbroda. Eine faszinierende Mischung. Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie Sie in einer bestimmten Situation reagieren werden oder was Sie denken. Bei Carmen kann ich es nicht. Sie ist mir so außergewöhnlich fremd, daß ich nie weiß, was sie denkt oder wie sie reagiert. Sie ist nicht, wie Sie meinen, eine romantische Mischung aus Yokohama, Kanton und den Gewürzinseln — sie kommt von viel weiter her. Von den Kratern des Mondes, aus einer Urlandschaft reiner Dummheit, Einfalt oder Simplizität, zu der wir ändern den Weg längst verloren haben. Sie ist immer neu wie am ersten Tag. Das Weib in seiner Vollendung. Sie gibt sich nicht die geringste Mühe; sie hat nie Zweifel; sie ist da und damit gut. Wollen Sie noch eine Portion Schmetterlingsshrimps bestellen? Sie sind herrlich.«
«Gut.«
«Dummheit ist ein kostbares Gut«, sagte Kahn.»Einmal verloren, nie wieder zu gewinnen! Sie schützt wie ein Zaubermantel. Man sieht die Gefahren gar nicht, an denen der Intellekt scheitert. Ich habe einen Kursus in künstlicher Dummheit ge macht. Ich habe mich darin trainiert, und ich habe gut gelernt, sonst wären mir ein paar meiner Streiche in Frankreich übel bekommen. Aber das alles ist natürlich nur ein erbärmlicher Ersatz für wirkliche, strahlende Dummheit, besonders wenn sie sich mit einem Gesicht paart, das für die Duse geschaffen sein könnte, und als drittes zu einer Jüdin gehört. Sehr dumme Juden sind so selten wie gescheckte Zebras.«
«Da irren Sie sich. Die Juden sind ein sentimentales, vertrauens seliges Volk mit künstlerischer und geschäftlicher Begabung, witzig, aber längst nicht immer klug.«
Kahn grinste.»Sehr dumme Juden, habe ich gesagt. Da, wo die Dummheit parzivalisch und fast heilig wird.«