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Ich verschluckte mich. Carmen als Parzival oder Lohengrin, das paßte so wenig zusammen, daß etwas darin stimmte. Ich liebte abstruse Illusionen und hatte mir meine Zeit in Brüssel manchmal damit vertrieben, welche zu erfinden. Auch jetzt waren sie noch imstande, mich sofort in heitere Laune zu versetzen. Sie waren wie der heilige Ruck der Erleuchtung bei der Zen Religion. Der unerwartete Vergleich reichte über die Logik ins Kosmische hinaus.»Wie geht es Ihnen sonst?«fragte ich.»Was machen die Geschäfte?«

«Ich langweile mich«, erwiderte Kahn und sah sich im Lokal um. Die Chinesen bedienten, außer den Kellnern waren keine da. Dafür sah man die unbeholfenen Versuche kräftiger, schwitzen der Geschäftsleute, mit Stäbchen zu essen. Die ausgezogenen Jakketts hingen dabei wie Seelengespenster über den Rüdten der Stühle. Kahn aß elegant wie ein Mandarin der zweiten Stufe.»Ich langweile mich grenzenlos«, sagte er.»Das Geschäft geht gut. Ich könnte in einigen Jahren erster Verkäufer sein, dann in noch einigen Jahren einen Anteil kaufen, dann in noch einigen Jahren vielleicht sogar das Geschäft. Verführerisch, was?«

«In Frankreich wäre es eine verführerische Idee gewesen.«

«Eine Idee. Da war Sicherheit das große Abenteuer, weil es sie nicht gab. Aber zwischen einer Idee und ihrer Wirklichkeit ist ein riesiger Unterschied. Es sind oft sogar Kontraste. In der Sicherheit wird Sicherheit wieder das, was sie eigentlich ist: Lange weile. Wissen Sie, was ich glaube? Daß unser jahrelanges Zigeunerdasein uns für die bürgerlichen Ideale verdorben hat.«

Ich lachte.»Nicht uns alle. Die meisten nicht. Für viele war es ein zu überlebendes Zigeunerdasein, als wenn Reisende in Mehl und Hühnerfutter auf dem Trapez arbeiten müßten. Sobald sie her unterklettern können, sind sie wieder beim Mehl und beim Hühnerfutter.«

Kahn wiegte den Kopf.»Nicht alle. Sie sind tiefer aufgerührt worden, als Sie glauben.«

«Dann werden sie gestörte Mehlhändler und Körnerreisende.«»Und die Künstler? Die Schriftsteller, die Schauspieler, die nicht arbeiten können? Sie sind inzwischen zehn Jahre älter geworden. Wie alt werden sie werden, bevor sie zurückkönnen und wieder arbeiten?«

Ich dachte darüber nach. Was würde mir passieren?

Mrs. Whymper wartete schon, auch die Martinis waren schon da. Diesmal sogar in einer kleinen Karaffe. Der Chauffeur brauchte also nicht jeden einzelnen zu bringen. Mir wurde etwas schwül, ich schätzte, daß die Karaffe mindestens sechs bis acht große Martinis enthielt.

Ich versuchte einen forschen, geschäftlichen Ton, um rasch wieder loszukommen.»Wohin soll ich den Renoir hängen?«fragte ich.»Ich habe alles mitgebracht, es wird keine zwei Minuten dauern.«

«Das wollen wir erst einmal überlegen. «Mrs. Whymper, ganz in Rosa, deutete auf die Karaffe.»Ihre Mischung mit Wodka! Sehr gut! Erfrischen wir uns ein bißchen. Es ist ein so heißer Tag.«

«Sind Martinis nicht zu stark für das heiße Wetter?«

Sie lachte.»Ich finde nicht. Sie doch auch nicht, Sie sehen nicht so aus.«

Ich sah mich um.»Möchten Sie das Bild hier aufhängen? Drüben hinter dem Sofa ist ein guter Platz dafür.«

«Hier ist eigentlich alles komplett. Wann waren Sie das letzte mal in Paris?«

Ich ergab mich in mein Schicksal. Nach dem zweiten Cocktail stand ich auf.»Nun muß ich mich an die Arbeit machen. Haben Sie inzwischen Ihre Entscheidung getroffen?«

«Ich weiß nicht recht. Was meinen Sie?«

Ich zeigte auf den Platz über dem Sofa.»Wie geschaffen für das Blumenbild. Es paßt großartig hierher und hat sehr gutes Licht.«

Mrs. Whymper stand auf und ging vor mir her, eine kleine, zierliche Gestalt mit blau-silbernen Haaren. Sie äugte eine Zeitlang herum und ging dann ins nächste Zimmer. Hier hing das Ölporträt eines Mannes, dessen halbes Gesicht aus einem vorspringen den Kinn bestand.»Mein Mann«, erklärte die puppenhafte Frau im Vorbeigehen.»1935 gestorben. Herzinfarkt. Zu viel gearbeitet. Er hatte nie Zeit. Jetzt hat er zuviel. «Sie lachte melodisch.»Die amerikanischen Männer, sie arbeiten, um zu sterben. Das ist anders als in Europa, wie?«

«Nicht im Augenblick:. Da sterben mehr Männer als in Amerika.«

Sie drehte sich um.»Sie meinen im Krieg? Lassen wir doch den Krieg.«

Wir gingen durch zwei weitere Zimmer und dann eine Treppe hinauf. Auf der Treppe hingen ein paar Guys-Zeichnungen. Ich hatte den Renoir und den Hammer mitgenommen und suchte nach einem Platz.»Vielleicht in meinem Schlafzimmer«, sagte Mrs. Whymper nachlässig und ging voran.

Es war eine Affäre von Creme und Gold. Ein cremefarbenes Bett, Louis XVI., breit, mit einer Brokatdecke, und hübschen Sesseln, Stühlen und einer schwarzen Lackkommode aus der Zeit Louis XV. Die Kommode war mit goldenen Chinoiserien geschmückt und hatte bronzene Füße. Ich vergaß einen Augenblick die schwüle Ahnung, die ich hatte.

«Hier!«meinte ich.»Nur hier! Über dieser Kommode.«

Mrs. Whymper sagte nichts. Sie blickte mich mit einem fast abwesenden, verschleierten Blick an.»Glauben Sie nicht auch?«fragte ich und hielt den kleinen Renoir über die Kommode.

Sie blidtte mich weiter an und lächelte.»Wenn ich einen Stuhl hätte, um daraufzusteigen«, sagte ich.

«Nehmen Sie doch einen«, sagte sie endlich.

«Von diesen Louis-XVI.-Stühlen?«

Sie lächelte weiter.»Warum nicht?«

Ich probierte einen der Stühle. Er war noch nicht wacklig.-Vorsichtig bestieg ich ihn und begann die Wand auszumessen. Hinter mir blieb es still. Ich bestimmte die Flöhe des Bildes und setzte den Bildernagel an. Bevor ich hämmerte, blidtte ich mich um. Mrs. Whymper stand da wie vorher, eine Zigarette in der Hand, mit einem sonderbaren Lächeln, und sah mir zu. Ich fühlte mich unbehaglich und schlug rasch zu. Der Haken hielt, und ich nahm das Bild, das ich auf die Platte der Kommode gelegt hatte, und hängte es auf. Dann kletterte ich vom Stuhl und stellte ihn wie der zur Seite. Mrs. Whymper hatte sich immer noch nicht gerührt. Sie betrachtete mich weiter.

«Gefällt es Ihnen so?«fragte ich und nahm meine Sachen an mich. Sie nickte und ging mir voraus zur Treppe. Ich atmete erleichtert auf und folgte ihr. Sie ging zum ersten Zimmer zurück und hob die Karaffe.»Einen Steigbügeltrunk?«

«Gerne«, sagte ich und nahm mir vor, beim zweiten Steigbügeltrunk zu erklären, daß ich zu einer Beerdigung müßte. Es war nicht nötig. Die sonderbare Stimmung hielt an. Mrs. Whymper sah mich an und schien mich nicht zu sehen. Sie lächelte ein wenig, und ich wußte nicht recht, ob sie belustigt war oder nicht. Als alter Masochist nahm ich an, daß sie sich über mich lustig machte.

«Ich habe den Scheck noch nicht ausschreiben lassen«, sagte sie.»Kommen Sie doch in den nächsten Tagen und holen Sie ihn ab.«»Gern. Ich werde vorher telefonieren.«

«Sie können ohne das kommen. Um fünf Uhr bin ich immer zu Hause. Und danke für das Rezept mit dem Wodka.«

Ich trat verwirrt auf die heiße Straße. Ich hatte das Gefühl, daß ich auf eine recht feine Weise zum Narren gehalten worden war, durch jemand, von dem ich schon geglaubt hatte, daß er sich etwas lächerlich gemacht hatte, und ich konnte mir denken, daß es mir das nächstemal nicht anders ergehen würde. Doch ich war dessen nicht so ganz sicher. Es könnte auch anders kommen, und ich hatte keine Lust, das zu erfahren. Auf jeden Fall war weiter keine Gefahr da. Den Scheck würde Silvers selbst abholen wollen. Er wollte sich von mir nicht in die Karten blicken lassen.

«Ohne Wagen?«fragte ich Natascha.

«Ohne Wagen, ohne Chauffeur, ohne Wodka und ohne Mut. Es ist zu heiß. Dieses Hotel sollte sich eine Klimaanlage einbauen lassen.«

«Der Besitzer wird das nie tun.«

«Sicher nicht, der Bandit.«

«Wir haben Eis für Moscow Mules«, sagte ich.»Ingwer-Bier und Limes und Wodka.«

Sie sah mich zärtlich an.»Hast du das alles besorgt?«

«Alles. Ich habe schon zwei Martinis hinter mir.«