Sie öffnete die Augen, dehnte sich, murmelte, schloß sie und öffnete sie wieder.»Hat es geregnet?«fragte sie.
Ich lachte plötzlich.
«Noch nicht. Vielleicht heute nacht.«
«Es ist kühler geworden. Wo ist dein Badezimmer?«
«Drei Türen weiter.«
«Kann ich deinen Bademantel anziehen?«
Ich gab ihn ihr. Sie zog sich aus bis auf die Schuhe. Sie tat es langsam und sah mich nicht an. Sie war nicht verlegen. Ich sah, daß sie nicht so schlank war, wie ich früher geglaubt hatte. Ich hatte das schon vorher gefühlt, jetzt sah ich es.»Du bist schön«, sagte ich.
Sie blickte auf.»Nicht zu dick?«
«Lieber Gott, nein.«
«Gut «sagte sie.»Das gibt unserer Zukunft einen rosigen Aspekt. Ich esse gern. Und ich habe mein Leben lang gehungert. Als Mannequin«, fügte sie hinzu.»Sonst nicht.«
«Wir werden nachher essen, soviel du willst, mit allen Vorspeisen und einem Dessert de luxe.«
«Ich passe schon auf, daß ich keine Kanone werde. Sonst wirft man mich hinaus. Du brauchst also keine Sorge zu haben.«
«Ich habe keine, Natascha.«
Sie nahm meine Seife und ihre Handtasche, salutierte an der Tür und ging hinaus. Ich blieb liegen und dachte an nichts. Auch ich hatte das Gefühl, daß es geregnet hatte. Ich wußte, daß es nicht so war, aber trotzdem ging ich zum Fenster und sah hinaus. Die Schwüle des eingemauerten Hinterhofs mit dem Geruch der Abfalltonnen stieg draußen hoch. Es hatte nur in unserem Zimmer geregnet, dachte ich und ging zurück. Ich legte mich wieder auf das Bett und starrte in die ungeschützte Birne, die von der Decke herabhing. Nach einiger Zeit kam Natascha wieder herein.»Ich habe dein Zimmer verwechselt«, sagte sie.»Ich dachte, es wäre eine Tür weiter.«
«War jemand in dem ändern?«
«Nein. Es war dunkel. Schließen die Leute hier ihre Zimmer nicht ab?«
«Manche nicht. Sie haben nichts zum Stehlen drin.«
Sie roch nach Seife und Kölnisch Wasser. Woher sie das Kölnisch Wasser hatte, war mir ein Rätsel. Aber vielleicht hatte sie es in ihrer Handtasche gehabt. Es konnte auch sein, daß jemand seins im Badezimmer gelassen und daß sie es benützt hatte.
«Mrs. Whymper«, sagte sie,»hat junge Männer gern, aber weiter geht es nicht bei ihr. Sie unterhält sich gern mit ihnen, das ist alles. Könntest du dir das in deinen Schädel einhämmern?«
«Ja«, sagte ich, nicht sehr überzeugt.
Natascha bürstete sich im grellen Licht des kahlen Raums vor dem armseligen Spiegel über der Waschtoilette ihr Haar.»Ihr Mann ist an Syphilis gestorben, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich angesteckt hat«, fügte sie hinzu.
«Außerdem hat sie Krebs, Schweißfüße und wäscht sich im Sommer nur mit Wodka-Martinis«, erwiderte ich.
Sie lachte.»Du glaubst mir nicht? Warum solltest du auch?«
Ich stand auf, nahm die Bürste aus ihrer Hand und küßte sie.»Bedeutet es dir irgendwas, wenn ich dir verrate, daß ich bebe, sooft ich dich nur anriihre?«sagte ich.
«Es sah nicht immer so aus«, erwiderte sie.
«Aber jetzt ist es so.«
Sie lehnte sich an mich.»Ich würde dich umbringen, wenn es nicht so wäre«, murmelte sie.
Ich zog ihr den Bademantel aus und ließ ihn zu Boden fallen.»Du hast die längsten Beine, die ich kenne«, sagte ich und schaltete das Licht ab. Ich hielt sie im Arm und tastete in Richtung des Bettes. Ich sah im Dunkel nur ihre blasse Haut und die schwarzen Höhlen von Mund und Augen.»Langsam«, flüsterte sie.»Ich will ganz langsam kommen.«
Wir lagen dicht beieinander und fühlten die dunklere Woge im Dunkeln heranrollen, über uns hinweg, und dann lagen wir noch lange so da und atmeten und fühlten die viel kleineren Wellen, die in uns verliefen, und dann nur noch eine sanfte Bewegung in uns, bis wir sie nicht mehr unterscheiden konnten von unserem Atem.
Natascha rührte sich.
«Hast du eine Zigarette?«
«Ja. «Ich gab sie ihr und sah ihr Gesicht im Schein des Streich holzes. Es war sehr gelassen und unschuldig.»Möchtest du etwas zu trinken?«fragte ich.
Sie nickte im Dunkeln. Ich sah es an der Bewegung ihrer glühen den Zigarette.»Aber keinen Wodka.«
«Ich habe keinen Eisschrank, und nichts ist kalt. Aber ich kann etwas von unten holen.«
«Kann es nicht jemand bringen?«
«Da ist nur noch Melikow unten.«
Ich hörte Nataschas Lachen im Dunkeln.»Er sieht uns ohnehin, wenn wir herauskommen«, sagte sie.
Ich antwortete nicht. Ich mußte mich erst an den Gedanken gewöhnen. Natascha küßte mich.»Mach Licht«, sagte sie.»Wir wollen dein Gefühl für Etikette schonen. Außerdem bin ich hungrig. Gehen wir doch zum King of the Sea.«
«Schon wieder. Möchtest du nicht woandershin?«
«Hast du schon deine Provision für Mrs. Whymper?«
«Noch nicht.«
«Dann gehen wir zum King of the Sea.«
Natascha sprang aus dem Bett und drehte das Licht an. Sie ging nackt durch das Zimmer und holte den Bademantel.
Ich stand auf und zog mich an. Dann setzte ich mich wieder auf das Bett und wartete, daß sie zurückkam.
XVII
«Ich bin eigentlich ein Wohltäter der Menschheit«, erklärte Silvers. Er zündete sich eine Zigarre an und betrachtete mich be haglich.
Wir waren dabei, den Besuch des Millionärs Fred Lasky vorzubereiten. Diesmal handelte es sich nicht darum, ein Bild im Schlafzimmer von Frau Silvers aufzuhängen und es dann als ihr Privateigentum auszugeben, von dem sie sich nur nach einem er bitterten Kampf zu trennen bereit war, wenn sie von ihrem Mann einen Nerz und zwei Kleider von Mainbocher versprochen bekam. Sie trennte sich jedesmal, aber der Nerz ließ warten. Kein Wunder im Sommer. Diesmal ging es um die Erziehung eines Millionär-Proleten zum Mitglied der besseren Gesellschaft.»Der Krieg ist ein Pflug«, dozierte Silvers.»Er wühlt die Erde auf und schichtet die Vermögen um. Alte verschwinden, und zahllose neue entstehen.«
«Kriegsschieber, Händler, Lieferanten — kurz: Kriegsgewinn ler«, warf ich ein.
«Nicht nur Waffenlieferanten«, fuhr Silvers unerschüttert fort.»Auch Uniformlieferanten, Schiffslieferanten, Nahrungsmittel lieferanten, Autolieferanten — alle Welt verdient am Krieg!«»Abgesehen von den Soldaten!«
«Wer spricht von denen?«
Silvers legte seine Zigarre beiseite und sah auf die Uhr.»Er kommt in einer Viertelstunde. Sie bringen die ersten zwei Bilder heraus, und ich frage nach dem Sisley. Sie bringen ihn, stellen ihn verkehrt zur Wand, so daß man das Bild nicht sieht, und flüstern mir etwas zu. Ich verstehe Sie nicht und frage ungeduldig, was los sei. Sie sagen lauter, daß der Sisley für Herrn Rockefeller reserviert sei. In Ordnung?«
«In Ordnung«, sagte ich.
Nach einer Viertelstunde kam der Besuch.
Es klappte. Der Sisley, eine Landschaft, wurde hereingebracht. Ich flüsterte und wurde von Silvers angeschnauzt, lauter zu reden, hier gebe es keine Geheimnisse.»Was?«fragte Silvers überrascht.»War das nicht der Monet? Sie irren sich, es ist der Monet, den er reserviert hat.«
«Verzeihen Sie, Herr Silvers, aber ich fürchte, Sie irren sich. Ich habe es genau notiert. Hier…«Ich zückte ein Notizbuch aus Wachsleder und zeigte es ihm.
«Es stimmt«, sagte Silvers.»Da kann man nichts maen, Herr Lasky. Reserviert ist reserviert.«
Ich blickte auf Herrn Lasky. Er war schmächtig, blaß, trug einen blauen Anzug und braune Schuhe und hatte eine Glatze, über die er seine Seitenhaare nach hinten in langen Strähnen förmlich festgeklebt hatte. Er wirkte wie ein Männchen, das in Gefahr ist, von seiner kräftigen Gattin aufgefressen zu werden. Frau Lasky war einen Kopf größer als er und zweimal so breit. Sie war mit Saphiren behängt.