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Natascha kam heraus. Sie trug ein enggewidceltes weißes Abend kleid, dessen eine Schulter frei war, lange weiße Handschuhe und das Diadem der Königin Eugenie von van Cleef und Arpels. Es gab mir förmlich einen Schlag aufs Herz. Alles kam zusammen: die Nacht vorher und der Kontrast dieser scharfbeleuchteten, unrealistischen Erscheinung mit den kühlen Schultern in diesem künstlich kühlen Raum; der Aufruhr, in den mich der Gedanke an das Ende des Krieges versetzt hatte, und sogar das Diadem in Nataschas Haaren, das schimmerte, als gehöre es auf einmal symbolisch zur Statue der Freiheit im Hafen von New York —»Seide aus Lyon«, sagte der bleiche Mann neben mir.»Unser letzter Ballen.«

«Wirklich?«

Ich sah Natascha an. Sie stand jetzt still und sehr gesammelt in dem weißen Licht, und mir war, als wäre sie eine schmale und liebliche Kopie der Riesenstatue aus Erz, die vor dem Meer ihr Licht in die Stürme des Atlantiks hinaushielt, unerschrocken und nicht so wie das gewaltige Vorbild — eine Mischung von Brunhilde und einem resoluten französischen Marktweib —, sondern eher wie eine Diana, die aus den Wäldern getreten war, bereit zu kämpfen und anzugreifen. Aber auch sie gefährlich in aller An mut und bereit, ihre Freiheit zu verteidigen.

«Wie gefällt Ihnen der Rolls?«fragte jemand, der sich auf einen Stuhl neben mich gesetzt hatte.

Ich sah mich um.»Sind Sie der Besitzer?«

Der Mann nickte. Er war groß, dunkel und jünger, als ich ihn mir vorgestellt hatte.»Fraser«, sagte er.»Natascha wollte Sie vor einigen Tagen schon einmal mitbringen.«

«Ich hatte keine Zeit«, sagte ich.»Vielen Dank für die Einladung.«

«Wir können das heute nachholen«, erwiderte er.»Ich habe schon mit Natascha gesprochen. Wir gehen zu Lüchows. Kennen Sie das?«

«Nein«, sagte ich überrascht. Ich hatte mit dem King of the Sea gerechnet und war keineswegs entzückt, nicht allein mit ihr zu sein, aber ich wußte nicht, wie ich mich retten konnte. Wenn Natascha zugesagt hatte, konnte ich nicht nein sagen, ohne albern zu sein. Ich war nicht ganz sicher, ob sie es getan hatte oder nicht, ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß sie einen Mr. Whymper heranbringen wollte, aber ich wollte verdammt sein, wenn ich mich mit diesem Mann auf so etwas einließe. Er sollte sich seine Silvers’ selber beschaffen.

«Also gut, dann bis nachher.«

Fraser schien Autorität gewohnt zu sein. Vor allem hatte ich freilich etwas dagegen, von ihm und Natascha eingeladen zu werden. Er hatte das zwar nicht gesagt, aber es ging aus seiner ziemlich bestimmten Art hervor, die höflich war, aber Widerspruch schwierig machte.

Ich traf Natascha, als sie ihr Köfferchen packte.»Nimmst du das Diadem mit?«fragte ich.

«Soweit traut man meiner Zuverlässigkeit nicht. Es ist schon ab gegeben. Ein Mann von van Cleef bringt es zurück.«

«Und wir gehen zu Lüchows?«

«Ja. Das wolltest du doch.«

«Ich?«sagte ich.»Ich wollte mit dir im King of the Sea zehn Dollar verjubeln. Aber du hast eine Einladung von dem Rolls- Royce-Besitzer angenommen.«

«Ich? Er kam zu mir und sagte, daß er mit dir gesprochen habe.«»Er hat mit mir gesprochen, aber doch erst nach dir.«

Sie lachte.»So ein Filou!«

Ich starrte sie an. Ich wußte nicht genau, ob ich ihr glauben sollte oder nicht. Wenn sie recht hatte, war ich auf den ältesten Trick hereingefallen, etwas, das mir als Schüler von Silvers nicht mehr hätte passieren dürfen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß Fraser so etwas machen würde, er machte nicht den Eindruck.

«Also gehen wir schon«, sagte Natascha.»Wir werden deine zehn Dollar dann morgen verjubeln.«

Der Rolls-Royce wartete vor einem Eisengeschäft gegenüber. Ich bestieg ihn mit zwiespältigen Gefühlen, über die ich mich ärgerte, weil sie kindisch waren. Fraser kam mit uns über die Straße. Die abendliche Hitze nach dem kühlen Atelier war fast betäubend schwül.»Nächstes Jahr lasse ich in den Wagen eine Klimaanlage einbauen«, sagte Fraser.»Es gibt so etwas schon, wird nur noch nicht angefertigt. Der Krieg geht vor.«

«Der Krieg ist nächsten Sommer zu Ende«, sagte ich.

«Meinen Sie?«erwiderte Fraser.»Dann wissen Sie mehr als Eisenhower. Einen Wodka?«Er öffnete das wohlbekannte Schränkchen.

«Danke vielmals«, erwiderte ich verdrossen.»Es ist zu heiß dafür.«

Zum Glück war es nicht weit zu Lüchows. Ich bereitete mich dar auf vor, auf dem Rost gebraten zu werden, sowohl von Natascha als auch von Fraser, dem ich plötzlich alles zutraute. Zu meinem Erstaunen war Lüchows ein deutsches Restaurant. Ich glaubte anfangs, aus Versehen wieder in das deutsche Viertel in York- ville geraten zu sein. Es hätte mich nicht gewundert; der Rolls war ein Unglückswagen für mich.

«Wie wäre es mit Rehbraten und Kronsbeeren?«fragte Fraser.»Dazu kleine Kartoffelpfannkuchen.«

«Gibt es in Amerika Kronsbeeren?«

«So etwas Ähnliches. Cranberries. Aber Lüchows hat noch ein gemachte deutsche Kronsbeeren. Preiselbeeren nennen Sie sie drüben, stimmt’s?«fragte Fraser mich freundlich und hinter hältig.

«Ich glaube«, erwiderte ich.»Ich war lange nicht da. Man hat da inzwischen vieles geändert. Vielleicht auch den Namen für Preiselbeeren, wenn er nicht arisch genug war.«

«Preiselbeeren? Warum? Es klingt doch fast wie Preußenbeeren. «Fraser lachte.

«Was trinken wir, Jack?«fragte Natascha.

«Was du willst. Vielleicht möchte Herr Ross ein Bier? Oder einen Rheinwein? Hier gibt es noch einen Vorrat davon.«

«Ein Bier wäre nicht schlecht. Es paßt zur Stimmung hier«, sagte ich.

Fraser unterhielt sich mit dem Kellner. Ich sah mich um. Das Lokal war eine Mischung von bayrischer Schnaderhüpferlbeize und einfacher rheinischer Weinstube mit einem Schuß von Haus Vaterland dazwischen. Es war gerammelt voll. Eine Kapelle spielte Salonmusik und Volkslieder. Ich hatte das Gefühl, daß Fraser das Lüchows nicht umsonst gewählt hatte. Ich sollte auf dem Emigrantengrill geröstet werden und sah mich bereits gezwungen, um halbwegs zu bestehen, mein verabscheutes Vater land in seinen belanglosen Eigenschaften gegen diesen Amerika nur kunstvoll zu verteidigen — eine ziemliche Niedertracht, da sie mich auf die subtilste Weise als sehr entfernten Verwandten dieser Räuberrasse bloßstellte. So versucht man nur einen Rivalen zu schlachten, dachte ich mir.

«Wie wäre es mit einem Matjeshering als Vorspeise«, erkundigte sich Fraser.»Er ist hier besonders gut. Mit einem Schluck heimatlichen Steinhägers, den es hier auch noch gibt?«

«Prachtvoll«, erwiderte ich.»Mir leider vom Arzt verboten. «Natascha fiel mir, wie erwartet, prompt in die Flanke und verlangte Hering mit roten Beten, eine weitere deutsche Spezialität. Die Kapelle spielte die schmalzigsten und idiotischsten Rheinlieder, die ich je gehört hatte. Es war eine typische Kleinstadt-Tou- ristenatmosphäre, die auf mich so sonderbar wirkte, weil ein Teil der Gäste sie ernst nahm und für poetisch hielt. Ich wunderte mich über die Toleranz der Amerikaner.