Der Wein machte mich friedlich, und ich begann, Fraser mit leichtem Sarkasmus zu bewundern. Er erkundigte sich nämlich danach, ob er mir vielleicht helfen könnte, und legte mich auf diese Weise wieder auf den Emigranten-Grill, während er sich selbst als einen bescheidenen Gott Vater aus Washington präsentierte, der gern irgendwelche Schwierigkeiten für mich glätten würde, wenn es nötig wäre. Ich antwortete mit einer begeisterten Ode auf Amerika und erklärte, daß alles in Ordnung sei, vielen herzlichen Dank. Mir war nicht sehr wohl zumute dabei, ich legte keinen Wert darauf, daß Fraser sich zu sehr für meine Papiere interessierte, zumal ich nicht wußte, ob er wirklich Einfluß hatte oder nur so tat.
Der Rehbraten war sehr gut, ebenso die Kartoffelpuffer. Ich begriff, warum das Lokal so voll war; es war wahrscheinlich das einzige seiner Art in New York. Ich haßte mich selbst, weil ich nicht genug Humor für die Situation aufbrachte. Natascha schien nichts zu merken. Sie verlangte rote Grütze. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie hinterher Kaffee und Kuchen im Cafe Hin- denburg verlangt hätte. Ich konnte mir vorstellen, daß sie ärger lich auf mich war, weil sie dachte, ich hätte sie mit meiner Stupidität in diese Lage gebracht. Immerhin, sie war nicht das erste mal mit Fraser aus, und der tat alles, um mir das auch klarzumachen. Ich aber wußte, daß ich das letztemal mit ihm zusam men war. Ich hatte keine Lust, von einzelnen Amerikanern unter die Nase gerieben zu bekommen, daß ich ihnen, jedem von ihnen, eigentlich dankbar sein müßte, im Lande bleiben zu dürfen. Ich war der Regierung dankbar, aber nicht Fraser, der nichts für mich getan hatte.
«Wie wäre es mit einem Nachttrunk im Morocco?«
Das hatte mir noch gefehlt! Ich hatte mich lange genug als geduldeter Emigrant gefühlt. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn Natascha zugesagt hätte. Sie liebte El Morocco. Aber sie lehnte ab.»Ich bin müde, Jack«, sagte sie.»Ich hatte einen anstrengenden Tag. Bring mich nach Hause.«
Wir traten in die schwüle Nacht.»Wollen wir zu Fuß gehen?«fragte ich Natascha.
«Aber ich bringe Sie doch heim«, sagte Fraser.
Das war, was ich erwartet hatte. Er wollte mich absetzen und dann Natascha bereden, mit ihm weiterzufahren. Ins Morocco oder zu sich nach Hause. Wer wußte das? Und was ging es mich an? Hatte ich irgendwelche Rechte auf Natascha? Was war das überhaupt für ein Wort: Rechte? Wenn etwas dieser Art existierte, hatte dann nicht er welche? Und ich war der Eindringling? Der Eindringling, der außerdem noch beleidigt war.»Soll ich Sie auch mitnehmen?«fragte Fraser nicht allzu freundlich.
«Ich wohne nicht weit. Ich kann gehen«, erwiderte ich widerwillig. Mir blieb nichts anderes übrig, glaubte ich, wenn ich mich nicht als zähes Anhängsel noch weiter erniedrigen wollte.»Unsinn«, sagte Natascha.»Bei der Hitze laufen! Setz uns bei meinem Haus ab, Jack. Er hat von da nur noch ein paar Schritte.«
«Gut.«
Wir stiegen ein. Jack konnte nun noch versuchen, mich zuerst abzusetzen, aber er verzichtete darauf. Er war klug genug zu wissen; daß Natascha protestieren würde. Er stieg vor Nataschas Haus aus und verabschiedete sich harmlos.»Es war sehr nett! Machen wir das doch wieder einmal.«
«Vielen Dank. Sehr gerne.«
Nie, dachte ich und sah zu, wie Fraser Natascha auf die Wange küßte.»Gute Nacht, Jack«, sagte sie.»Es tut mir leid, daß ich nicht mitgehen kann, aber ich bin zu müde.«
«Ein andermal. Gute Nacht, Darling.«
Das war sein letzter Schuß. Darling, dachte ich, das hieß in Amerika gar nichts und viel. Man nannte eine Telefonistin, die man nicht kannte, Darling. Und man nannte die Frau, ohne die man nicht leben konnte, Darling. Fraser hatte eine raffinierte Mine mit Zeitzünder gelegt.
Wir standen uns gegenüber. Ich wußte, daß alles verloren wäre, wenn ich jetzt ärgerlich sein würde.»Ein sehr reizender Mann«, sagte ich.»Bist du wirklich so müde, Natascha?«
Sie nickte.»Wirklich. Es war langweilig, und Fraser ist ein Ekel.«
«Das fand ich nicht. Es war charmant, daß er meinetwegen glaubte, uns in ein deutsches Lokal führen zu müssen. Soviel Einfühlungsvermögen findet man nicht leicht.«
Natascha sah mich an.»Darling«, sagte sie, und der Ausdruck durchzuckte mich wie ein plötzliches Zahnweh.»Du brauchst kein Gentleman zu sein. Ich bin erstaunlich oft von Gentlemen gelangweilt worden.«
«Heute abend auch?«
«Heute abend auch. Was hast du dir nur dabei gedacht, diese dumme Einladung anzunehmen.«
«Ich?«
«Ja, du! Sag noch, daß ich schuld bin.«
Ich war drauf und dran, das zu sagen. Zum Glück erinnerte ich mich an eine Lehre meines Vaters, die er mir an meinem siebzehnten Geburtstag gegeben hatte: Du kommst jetzt in das Zeit alter der Frauen. Merke dir: Nur hoffnungslose Idioten wollen recht haben oder logisch mit Frauen sein.
«Ich bin schuld«, sagte ich wutentbrannt.»Kannst du einem solchen Idioten wie mir verzeihen?«
Sie musterte mich argwöhnisch.»Meinst du das wirklich? Oder ist es eine deiner Niederträchtigkeiten?«
«Es ist beides, Natascha.«
«Beides?«
«Wie könnte es anders sein? Ich bin durcheinander und idiotisch, weil ich dich anbete.«
«Davon habe ich nicht viel gemerkt.«
«Das ist auch nicht nötig. Unverhohlene Anbetung ist wie eine Dogge, die sabbert. Meine Anbetung äußert sich in Verstörtheit, grundlosem Haß und klarer Sturheit. Du bringst mich durcheinander. Mehr als ich will.«
Ihr Gesicht veränderte sich.»Du armes Geschöpf«, sagte sie.»Ich kann dich nicht mit zu mir hinaufnehmen. Meine Nachbarin würde in Ohnmacht fallen. Gleich darauf würde sie an der Tür lauschen. Es ist unmöglich.«
Ich hätte alles darum gegeben, mit ihr zusammenzusein; trotzdem war ich plötzlich glücklich, daß es nicht möglich war. Es war damit auch für andere unmöglich. Ich nahm sie um die Schultern.»Wir haben doch soviel Zeit«, erwiderte sie.»Endlos viel Zeit, morgen,- übermorgen, Wochen und Monate, und trotzdem glaubt man, hier, jetzt, mit diesem einen etwas mißglückten Abend ein ganzes Leben verloren zu haben.«
«Für mich hast du immer noch das Diadem von van Cleef auf dem Kopf. Jetzt wieder, meine ich. Bei Lüchows weniger. Da war es mehr ein falscher Blechreifen aus dem 19. Jahr hundert.«
Sie lachte.»Hast du mich da nicht ausstehen können?«
«Nein.«
«Ich dich auch nicht. Wir wollen so etwas nicht wieder machen. Wir sind noch zu dicht beim Haß.«
«Ist man das nicht immer?«
«Gott sei Dank. Welch ein süßliches Geschlappre wäre es denn sonst!«
Ich dachte, die Welt könnte ein wenig von solchem Sirup ganz gut gebrauchen. Ich sagte es nicht. Es war eine meiner verdammten Eigenschaften, daß ich zu billigen Verallgemeinerungen neigte.»Honig ist besser«, sagte ich.»Du riechst nach Honig. Und du warst heute viele Dinge auf einmal. Vergiß nicht, daß ich in Modesachen ein Anfänger bin; ich nehme sie noch ernst und glaube sie. Auch wenn du geborgte Diademe trägst.«
Sie zog mich in den Eingang.»Küß mich!«murmelte sie.»Und liebe mich! Ich brauche viel Liebe. Und nun geh! Geh! Oder ich reiß mir mein Kleid vom Leib.«
«Reiß es herunter. Niemand sieht uns.«
Sie stieß mich hinaus.»Geh! Alles war deine Schuld! Geh!«
Sie schloß die Tür hinter mir. Ich ging langsam durch die heiße, nasse Nacht zurück zur Untergrundstation. Der Gestank der verbrannten Luft kam mir wie der Rauch von einem unterirdisch schwelenden Kohlenmeiler entgegen. Der Bahnhof war schwach erleuchtet. Der Zug kam aus der Finsternis herangerast und hielt klappernd. Der Wagen war fast leer. Eine ältere Frau saß in einer Ecke. Ihr schräg gegenüber ein Mann. Ich war von den beiden durch den ganzen Wagen getrennt. Wir rasten unter der Erde dieser fremden Stadt dahin. Es war einer der Augenblicke, in denen die menschliche Bezeichnung, die wir den Dingen geborgt haben, abfällt, und in der sie einen plötzlich mit der ganzen Feindseligkeit und der entsetzlichen Ur-Fremdheit anstarren, die meistens durch Illusionen verhülltist. Alles zerfiel. Kein Name paßte mehr. Eine drohende Welt ohne Namen und deshalb voll namenloser Angst, die ohne Zusammenhang lauerte. Sie sprang nicht los, sie schlug nicht zu, sie griff nicht an, aber sie war gefährlicher: sie lauerte lautlos. Ich blickte durch das Fenster, an dem die fremde Dunkelheit vorbeiraste, und starrte dann in den trübe beleuchteten Zug, in dem ein paar Begriffe wie Gespensterfledermäuse flatterten, fremd schon, eine Silhouette, ein geneigter Kopf, Wärme, eine Schulter, und dieses bißchen geballten Feuers aus der Zeit ohne Namen, das wie eine Voltasche Säule die Halluzination einer Brücke ins Chaos vortäuschte, ohne je hinüberführen zu können aus dieser hoffnungslosen Einsamkeit der grenzenlosen Fremdheit — nicht die der harmlosen Sentimentalität, sondern die letzte unmenschliche Einsamkeit, die, in der man der letzte und erste und verlassenste Funke Leben ist.