XVIII
Kahn hatte mich gebeten mitzukommen.»Es handelt sich um einen Raubzug«, sagte er,»gegen einen Mann, der Hirsch heißt. Für den Doktor Gräfenheim.«
«Den Hirsch, der Gräfenheim betrogen hat?«
«Genau den«, sagte Kahn grimmig.
«Aber ist das nicht der, der behauptet, nie etwas von Gräfen heim bekommen zu haben? Und der, von dem Gräfenheim nichts Schriftliches in Händen hat?«
«Genau der! Deshalb ist es ein Raubzug. Hätte Gräfenheim so etwas wie eine Quittung oder nur einen Brief, so wäre das eine Sache für einen Anwalt. Aber er hat nichts. Nur Hunger und ein anständiges Gehirn. Außerdem kann er nicht weiterstudieren; er hat kein Geld mehr. Er hat einmal an Hirsch geschrieben und keine Antwort bekommen. Vorher war er einmal persönlich da. Hirsch hat ihn ungeduldig und höflich hinausgeworfen und ihm gedroht, ihn wegen Erpressung zu verklagen, wenn er wieder käme. Daraufhin hat Gräfenheim die alte panische Emigranten angst bekommen, ausgewiesen zu werden. Ich weiß das alles von Betty.«
«Weiß Gräfenheim von Ihrem Plan?«
Kahn zeigte die Zähne.»Nein«, sagte er lachend.»Er läge bereits vor Hirschs Türe, um uns abzuhalten. Die alte Angst.«»Weiß Hirsch, daß wir kommen?«
Kahn nickte.»Ich habe ihn vorbereitet. Zwei Telefonanrufe.«
«Er wird uns rausschmeißen. Oder nicht zu Hause sein!«
Kahn zeigte wieder die Zähne. Es war eine Art Lachen, aber ich hätte nicht gerne sein Gegner sein mögen. Er ging auch anders als früher — schneller, mit größeren Schritten, und sein Gesicht schien gestraffter als sonst. Ich dachte mir, daß er so in Frank reich ausgesehen haben mußte.
«Er wird zu Hause sein!«
«Mit seinem Anwalt, um auch uns mit Erpressung zu drohen.«»Ich glaube nicht«, sagte Kahn und blieb stehen.»Hier wohnt der Aasgeier. Sehr hübsch, was?«
Es war ein Haus an der 54. Straße. Rote Läufer, Stahlstiche an den Wänden, ein Mann, der den Aufzug bediente, ein Spiegel im getäfelten Aufzug, der Mann in Phantasieuniform. Gemäßigter Wohlstand.»Zur fünfzehnten Etage«, sagte Kahn.»Hirsch!«
Wir schossen hoch.»Ich glaube nicht, daß er einen Anwalt bei sich hat«, erklärte Kahn.»Ich habe ihm mit neuem Material ge droht. Da er ein Gauner ist, wird er es sehen wollen; da er noch kein Amerikaner geworden ist, wird in ihm auch noch ein biß chen von der alten guten Angst stecken, und er wird vorziehen, erst zu wissen, was los ist, ehe er seinen Anwalt ins Vertrauen zieht.«
Er klingelte. Ein Mädchen öffnete. Sie führte uns in ein Zimmer, in dem Kopien von Louis-XV.-Möbeln standen, einige in Gold.»Herr Hirsch kommt gleich.«
Herr Hirsch war ein runder, mittelgroßer Mann von etwa fünf zig Jahren. Mit ihm kam ein Schäferhund in die goldene Pracht. Kahn lächelte, als er ihn sah.»Das letztemal habe ich diese Rasse bei der Gestapo gesehen, Herr Hirsch«, sagte er.»Man hält sie dort zur Menschenjagd.«
«Ruhig, Harro!«Hirsch tätschelte den Hund.»Sie wollten mich sprechen. Sie sagten mir nicht, daß Sie zu zweit kämen. Ich habe sehr wenig Zeit.«
«Dies ist Herr Ross. Ich will Sie nicht lange aufhalten, Herr Hirsch. Wir kommen für Doktor Gräfenheim. Er ist krank, hat kein Geld und muß sein Studium aufgeben. Sie kennen ihn, nicht wahr?«
Hirsch antwortete nicht. Er tätschelte den Hund, der leise knurrte.
«Sie kennen ihn also«, sagte Kahn.»Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen. Es gibt viele Kahns, ebenso wie es viele Hirschs gibt. Ich bin der Gestapo-Kahn. Es mag sein, daß Sie von mir gehört haben. Ich habe in Frankreich einige Zeit damit verbracht, die Gestapo zu düpieren. Dabei ging es nicht immer sehr nobel zu; von beiden Seiten nicht, Herr Hirsch. Auch von meiner Seite nicht. Ich meine damit, daß der Schutz durch Schäferhunde mich, wie heute, zum Lachen gebracht hätte. Bevor Ihr Tier mich auch nur angerührt hätte, Herr Hirsch, wäre es tot. Und Sie ver mutlich mit ihm. Daran liegt mir aber nichts. Wir sind hier, um für Doktor Gräfenheim Geld zu sammeln. Ich nehme an, daß Sie ihm helfen wollen. Mit wieviel Geld wollen Sie ihm helfen?«
Hirsch starrte Kahn an.»Und warum sollte ich das tun?«
«Dafür gibt es viele Gründe. Einer heißt Barmherzigkeit.«
Hirsch schien eine Zeitlang zu kauen. Er beobachtete Kahn un unterbrochen. Dann zog er aus einer Rocktasche eine Brieftasche aus braunem Krokodilleder hervor, öffnete sie und holte aus einer Seite zwei Scheine hervor, indem er einen Finger befeuch tete und sie abzählte.»Hier sind zwanzig Dollar. Mehr kann ich nicht geben. Es kommen zu viele in ähnlichen Situationen zu mir. Wenn alle Emigranten Ihnen ähnliche Beträge zukommen las sen, werden Sie bald die Kosten für Doktor Gräfenheims Stu dium beisammen haben.«
Ich dachte, Kahn würde ihm das Geld auf den Tisch werfen; aber er nahm es und steckte es in die Tasche.»Gut, Herr Hirsch«, sagte er.»Wir bekommen dann noch 980 Dollar. Soviel braucht Doktor Gräfenheim, wenn er sehr bescheiden lebt, nicht raucht und nicht trinkt.«
«Sie machen Scherze, wie? Ich habe dafür keine Zeit mehr…«»Doch, Sie haben dafür Zeit, Herr Hirsch. Erzählen Sie mir auch bitte nicht, daß Ihr Anwalt im Nebenzimmer sitzt. Er sitzt nicht da. Ich will Ihnen dafür etwas erzählen, das Sie interessieren wird. Sie sind noch kein Amerikaner und hoffen, es nächstes Jahr zu werden. Sie können keine üble Nachrede gebrauchen, die Vereinigten Staaten sind darin ziemlich penibel. Mein Freund Ross, ein bekannter Journalist, und ich möchten Sie davor bewahren.«»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Polizei informiere?«fragte Hirsch, der offensichtlich einen Entschluß gefaßt hatte.»Nicht das geringste. Wir können den Leuten dann gleich unser Material übergeben.«
«Material! Erpressung wird in Amerika ziemlich hoch bestraft. Verschwinden Sie!«
Kahn setzte sich auf einen der goldenen Stühle.»Sie glauben, Hirsch«, sagte er in verändertem Ton,»daß Sie schlau gewesen sind. Sie waren es nicht. Sie hätten Gräfenheim sein Geld wie dergeben sollen. Hier, in meiner Tasche, ist eine Petition an die Einwanderungsbehörde, Ihnen das amerikanische Bürgerrecht zu verweigern. Von hundert Emigranten unterschrieben. Hier ist eine weitere Petition, Ihnen die Einbürgerung wegen Ihrer Umtriebe mit der Gestapo in Deutschland nicht zu geben, von sechs Personen unterschrieben, dazu eine genaue Schilderung, warum Sie mehr Geld aus Deutschland herausbekommen haben als andere, dabei steht der Name des Nazis, der es für Sie in die Schweiz gebracht hat. Dann habe ich hier den Zeitungsausschnitt aus Lyon über den Juden Hirsch, der bei einem Verhör durch die Gestapo den Aufenthalt von zwei Flüchtlingen verraten hat, die beide daraufhin erschossen worden sind. Protestieren Sie nicht, Herr Hirsch. Es mag sein, daß Sie das nicht waren, aber ich werde behaupten, daß Sie es waren.«
«Was?«
«Ich werde bezeugen, daß Sie es waren. Man weiß hier, was ich in Frankreich getan habe. Man glaubt mir mehr als Ihnen.«