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Hirsch starrte Kahn an.»Sie wollen also falsch aussagen.«

«Falsch nur im Sinne primitiver Rechtsauffassung; nicht in der von Auge um Auge und Zahn um Zahn. In der alttestamentarischen, Hirsch. Sie haben Gräfenheim zugrunde gerichtet, wir richten Sie zugrunde. Es ist uns dabei egal, was wahr ist und was nicht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich etwas von meiner Zeit unter den Nazis gelernt habe.«

«Und Sie sind Jude?«

«So wie Sie, leider!«

«Und Sie verfolgen einen Juden?«

Kahn war einen Augenblick verblüfft.»Ja«, sagte er dann,»ich sagte Ihnen ja schon, daß ich von der Gestapo gelernt habe. Dazu von der Technik der amerikanischen Gangster. Und, wenn Sie wollen, Herr Hirsch, habe ich auch noch etwas von jiidischer In telligenz.«

«Die Polizei in Amerika…«

«Auch von der Polizei in Amerika haben wir gelernt«, unterbrach Kahn.»Sogar einiges! Und wir brauchen sie nicht einmal. Um Sie zu erledigen, genügen die Papiere in meiner Tasche. Ich lege keinen Wert darauf, daß Sie ins Gefängnis kommen. Es genügt, wenn Sie in ein Internierungslager eingewiesen werden. «Hirsch hob die Hand.»Dazu gehört jemand anders als Sie, Herr Kahn. Und dazu gehören andere Beweise als Ihre falschen Anschuldigungen.«

«Meinen Sie?«erwiderte Kahn.»Im Krieg? Für einen in Deutschland geborenen angeblichen Emigranten? Was geschieht Ihnen denn schon in einem Internierungslager? Sie werden human ein gesperrt. Dazu braucht man nicht allzu viele Gründe. Und selbst wenn Sie am Lager vorbeikämen, wie stände es mit Ihrer Einbürgerung? Zweifel und Klatsch können da schon aus schlaggebend sein.«

Hirschs Fland krampfte sich um das Halsband des Hundes.»Und bei Ihnen?«sagte er leise.»Wie würde es bei Ihnen sein, wenn das herauskäme? Was würde mit Ihnen geschehen? Erpressung, falsche Aussagen…«

«Ich weiß genau, was darauf steht«, erwiderte Kahn.»Es ist mir gleichgültig. Ich pfeife darauf. Ich pfeife auf all das! Auf das, was Ihnen wichtig ist, Sie Gauner mit Zukunftsträumen. Mir ist alles egal, aber das können Sie nicht verstehen, Sie bürgerlicher Ohrenwurm! Es war mir schon in Frankreich egal. Glauben Sie, ich hätte das alles sonst gemacht? Ich bin kein verblasener Menschenfreund! Es ist mir auch egal, was passiert! Sollten Sie irgend etwas unternehmen, was gegen mich geht, so laufe ich nicht zum Richter, Hirsch! Ich erledige Sie selbst. Und das wäre nicht das erstemal. Was wissen Sie denn von reiner Verzweiflung? Haben Sie immer noch nicht gelernt, für wie wenig heute getötet wird?«

Kahn machte eine Gebärde des Ekels.»Wozu brauchen wir all das? Es geht Ihnen nicht an die Nieren. Sie zahlen einen kleinen Teil des Geldes zurück, das Sie schulden, sonst nichts.«

Hirsch sah wieder aus, als kaute er lautlos.»Ich habe kein Geld zu Hause«, sagte er schließlich.

«Sie können mir einen Scheck geben.«

Hirsch ließ den Hund plötzlich los.»Kusch, Harro!«Er öffnete eine Tür. Der Hund verschwand. Hirsch schloß die Tür wieder.»Endlich«, sagte Kahn.

«Ich werde Ihnen keinen Scheck geben«, erklärte Hirsch.»Sie verstehen das doch?«

Ich sah ihn interessiert an. Ich hatte nicht geglaubt, daß er so rasch nachgeben würde. Vielleicht hatte Kahn recht, die anonyme Platzangst hatte sich mit dem wirklichen Schuldgefühl gemischt und Hirsch unsicher gemacht. Er schien rasch zu denken und ebenso rasch zu handeln — wenn er nicht eine Finte schlagen wollte.

«Ich komme morgen wieder«, sagte Kahn.

«Und die Papiere?«

«Ich vernichte sie morgen vor Ihren Augen.«

«Ich gebe das Geld nur gegen die Papiere.«

Kahn schüttelte den Kopf.»Damit Sie erfahren, wer alles bereit ist, gegen Sie auszusagen? Ausgeschlossen!«

«Wer sagt mir dann, daß es die wirklichen Papiere sind?«

«Ich«, erwiderte Kahn.»Das muß Ihnen genügen.«

Hirsch kaute wieder lautlos.»Gut«, sagte er dann sehr leise.»Morgen um dieselbe Zeit. «Kahn stand von seinem goldenen Stuhl auf.

Hirsch nickte. Er war plötzlich naß vor Schweiß.»Mein Sohn ist krank«, flüsterte er.»Mein einziger Sohn! Und Sie — Sie sollten sich schämen!«sagte er plötzlich.»Man ist verzweifelt — und Sie!«

«Ich hoffe, daß Ihr Sohn wieder gesund wird«, erwiderte Kahn ruhig.»Doktor Gräfenheim wird Ihnen sicher sagen können, wer der beste Arzt ist.«

Hirsch erwiderte nichts. Sein Gesicht zeigte eine sonderbare Mischung von Haß und Schmerz; der Haß war in den Augen. Er kam mir auch gebeugter vor als am Anfang, aber ich hatte oft gesehen, daß der Schmerz ums Geld genauso wirklich sein kann wie der um wirkliches Leiden. Es konnte darum auch sein, daß für Hirsch eine geheimnisvolle Verstrickung bestand zwischen dem Leiden seines Sohnes und seinem Betrug an dem Arzt Grä fenheim und daß er deshalb so rasch nachgegeben hatte und daß diese Ohnmacht den Haß noch verstärkte. Er tat mir merkwürdigerweise fast leid.

«Ich bin nicht einmal sicher, ob der Sohn wirklich krank ist.«

«Das glaube ich schon. Ein Jude macht keine makabren Witze auf Kosten seiner Familie.«

Kahn sah mich amüsiert an.»Ich bin nicht einmal sicher, ob er überhaupt einen Sohn hat«, erklärte er.

Wir traten in die Waschküchenschwüle der Straße.»Glauben Sie, daß Hirsch morgen Schwierigkeiten machen wird?«fragte ich.»Ich glaube nicht. Er hat Angst um seine Einbürgerung.«»Weshalb haben Sie mich eigentlich mitgenommen? Ich war doch eher ein Hindernis. Für Sie auch, da Hirsch vor Zeugen vorsichtig sein mußte. Ohne mich hätten Sie es vielleicht leichter gehabt.«

Kahn lachte.»Kann sein, aber nicht viel. Dafür hat Ihr Äußeres sehr geholfen.«

«Warum?«

«Weil Sie aussehen wie ein Gewittergoi! Wissen Sie, was das ist? Das, was sich die Krüppel und Schwarzhaarigen der Regierung drüben als Arier vorstellen! Ein Jude und ein Jude — die verstehen sich und nehmen sich niemals ganz ernst. Aber wenn man einen solchen Knallarier wie Sie dabei hat, das ist etwas ganz anderes. Ich nehme an, daß es Hirsch ganz hübsch erschreckt hat. «Ich erinnerte mich daran, daß ich vor kurzem, ohne daß ich es wollte, Deutschland gegen Fraser in Schutz nehmen mußte, jetzt wurde ich wie ein Nazi als Schreckmittel verwendet. Es war son derbar, in was für Situationen man geraten konnte. Ich wußte, daß ich nicht viel Sinn für Humor hatte, für solche Angelegenheiten hatte ich aber wirklich gar keinen. Ich kam mir plötzlich vor, als hätte man mir einen Pißpott über den Kopf gegossen.

Kahn merkte nichts. Er schritt federnd durch die gläserne Brühe des Mittags, wie ein Jäger, der Wild gesichtet hat.»Endlich eine Unterbrechung der Langeweile«, sagte er.»Es war ja schon zum Auswachsen! Ich bin diese Sicherheit nicht gewöhnt. Vielleicht bin ich auch für immer dafür verdorben.«

«Warum melden Sie sich nicht in den Krieg?«fragte ich trocken.»Habe ich getan. Sie wissen doch, daß man uns nicht nimmt. Wir sind» Feindliche Ausländers Schauen Sie sich Ihren Ausweis an!«

«Ich habe keinen. Ich bin noch eine Stufe darunter. Aber bei Ihnen ist das doch anders. Sicher weiß man in Washington, was Sie in Frankreich getan haben.«

«Man weiß es, und deshalb traut man mir noch weniger. Man vermutet Doppelspiel. Wer so freche Sachen verüben konnte, mußte auch besondere Beziehungen haben, denkt man in den Büros. Ich wäre nicht überrascht, wenn man mich noch einsperrte. Wir leben in einer Spiegelexistenz von Ironien. «Kahn lachte.»Leider sind Ironien etwas für Schriftsteller, nicht für Leute wie mich.«

«Hatten Sie Unterschriften von Emigranten gegen Hirsch?«»Nein. Natürlich nicht. Deshalb habe ich ja auch nur tausend Dollar verlangt statt den ganzen Betrag. Hirsch kann so glauben, noch gut weggekommen zu sein.«

«Sie meinen, er kann so glauben, daß er ein Geschäft gemacht hat?«

Kahn sah mich an.»Ja, mein armer Ross«, sagte er mitleidig.»So ist die Welt nun einmal.«

«Ich wollte, wir könnten irgendwohin fahren, wo es still ist«, sagte ich zu Natascha.»In irgendein europäisches Dorf oder an einen See. Irgendwohin, wo man nicht sofort schwitzt.«