Выбрать главу

«Ich habe keinen Wagen. Soll ich Fraser anrufen?«

«Auf keinen Fall!«

«Er braucht nicht mitzufahren. Er kann uns seinen Wagen leihen.«

«Auch das nicht. Lieber die U-Bahn oder einen Omnibus!«»Wohin?«

«Ja, wohin? Diese Stadt scheint im Sommer doppelt so viele Menschen zu haben als sonst!«

«Und es ist überall heiß. Armer Ross!«

Ich wandte mich ihr irritiert zu. Es war das zweitemal, daß ich heute armer Ross genannt wurde.»Kann man nicht zu den Cloi- sters fahren? Dort sind die Einhornteppiche. Ich habe sie noch nie gesehen. Du?«

«Ja. Aber die Museen sind abends geschlossen. Auch für Emigranten.«

«Ich habe manchmal wirklich genug davon, ein Emigrant zu sein«, sagte ich noch irritierter.»Ich war den ganzen Tag Emigrant. Erst mit Silvers und dann mit Kahn. Wie wäre es, wenn wir einfache Menschen wären?«

Sie lachte.»Sobald man über die Sorge für Essen und Unterkunft hinaus ist, ist man kein einfacher Mensch mehr, mein lieber Waiden, Rousseau und Thoreau. Schon bei der Liebe fangen die Katastrophen an.«

«Nicht, wenn man sie nimmt wie wir.«

«Wie nehmen wir sie?«

«Generell. Nicht individuell.«

«Guter Gott«, sagte Natascha.

«So wie das Meer. Nicht wie eine einzelne Welle. Das meinst du doch, oder nicht?«

«Ich?«fragte Natascha erstaunt.

«Ja, du. Mit deinen vielen Freunden.«

«Glaubst du, daß ein Wodka mich töten würde?«fragte sie nach einem Augenblick.

«Das glaube ich nicht. Nicht einmal in der alten Bude hier.«

Ohne Grund erbittert holte ich die Flasche und zwei Gläser von Melikow, der Portiersdienst hatte.»Wodka?«fragte er.»Bei dieser Hitze? Es gibt ein Gewitter. Verfluchte Schwüle. Ich wollte, wir hätten wenigstens den Schatten einer Klimaanlage hier. Diese verdammten Ventilatoren rühren nur in der Luft herum wie in einem Kuchenteig.«

Ich ging zurück.»Bevor wir uns streiten, Natascha«, sagte ich,»denken wir doch darüber nach, wohin wir gehen können. Wir wollen lieber im Kühlen streiten als in der Hitze. Ich gebe das europäische Dorf und den See auf. Außerdem habe ich Geld. Silvers hat mir eine Prämie gezahlt.«

«Wieviel?«

«Zweihundertfünfzig Dollar.«

«Schäbig!«sagte Natascha.»Fünfhundert wären angemessen gewesen.«

«Unsinn. Er hat mir erklärt, er schulde mir eigentlich gar nichts, er kenne Mrs. Whymper schon seit langem. Das hat mich ge ärgert. Nicht die Summe. Die fand ich nicht schlecht. Ich kann es nur nicht leiden, wenn sie mir wie ein Geschenk überreicht wird.«

Natascha setzte ihr Glas nieder.»Konntest du das immer nicht leiden?«fragte sie.

«Das weiß ich nicht«, erwiderte ich überrascht.»Wahrscheinlich nicht. Warum?«

Sie sah mich aufmerksam an.»Ich glaube, vor ein paar Wochen wäre es dir noch gleichgültig gewesen.«

«Meinst du? Vielleicht. Ich habe keinen Humor, sicher liegt es daran.«

«Du hast durchaus Humor. Es ist möglich, daß du heute keinen hast.«

«Wer hat schon bei solch einer Schwüle Humor?«

«Fraser«, sagte Natascha.»Er sprudelt nur so über bei diesem Wetter.«

Ich dachte an viele Dinge zur selben Zeit und sagte nichts von dem, was ich sagen wollte.»Er hat mir sehr gut gefallen«, er klärte ich statt dessen ruhig.»Ich glaube schon, daß er sprudelt. Er war auch neulich sehr amüsant.«

«Gib mir noch einen halben Wodka«, sagte Natascha lachend und beobachtete mich.

Schweigend goß ich ihr Glas halbvoll.

Sie stand auf und streifte mich.»Wohin willst du gehen?«fragte ich sie.

«Wohin willst du gehen?«fragte sie.

«Ich kann dich nicht auf mein Zimmer schleppen. Zu viele Leute.«

«Schlepp mich in ein kühles Restaurant.«

«Gut. Nicht zu den Fischen im >King of the Sea<. In ein kleines französisches Restaurant in der Dritten Avenue. Das Bistro.«»Teuer?«

«Nicht für einen Mann, der zweihundertfünfzig Dollar besitzt. Geschenkt oder nicht geschenkt. Er hat sie.«

Ihre Augen wurden zärtlich.»So ist es recht, Darling«, sagte sie.»Zum Teufel mit der Moral!«

Ich nickte und hatte das Gefühl, verschiedenen Gefahren nur knapp entkommen zu sein.

Es blitzte, als wir aus dem Restaurant kamen. Windstöße wirbel ten Staub und Papierfetzen auf.»Es geht los!«sagte ich.»Wir müssen sehen, daß wir ein Taxi schnappen!«

«Wozu? Die Taxis riechen nach Schweiß. Laß uns gehen.«

«Es wird regnen. Du hast keinen Regenmantel und keinen Schirm. Es wird ein Wolkenbruch.«

«Um so besser. Ich wollte meine Haare ohnehin heute abend waschen.«

«Du wirst klatschnaß werden, Natascha.«

«Dies ist ein Nylonkleid. Man braucht es nicht einmal aufzubügeln. Das Restaurant war zu kühl. Laß uns gehen! Wenn es schlimmer wird, können wir uns in einen Hausflur stellen. Der Wind! Wie er stößt! Er regt mich auf!«

Wir gingen dicht an den Häusern entlang. Es blitzte plötzlich überall, die Wolkenkratzer hinauf, als kämen die Blitze aus dem Röhrengewirr und dem Kabelnetz unter dem Asphalt. Gleich dar auf begann es zu regnen, große dunkle Flecken, über den Asphalt gestreut, die man sah, bevor man sie auf der Haut fühlte.

Natascha hielt ihr Gesicht in den Regen. Ihr Mund war halb offen, ihre Augen waren geschlossen.»Halt mich fest«, sagte sie.

Der Sturm wurde stärker. Die Trottoirs waren auf einmal leer gefegt. In den Häusereingängen drängten sich die Menschen, hier und da huschten ein paar Gestalten gebückt und flüchtend an den Häusern entlang, die plötzlich naß glänzten im silbrigen Licht des prasselnden Regens, der den Asphalt in einen aufschäumen den, flachen, dunklen See verwandelte, auf den durchsichtige Lanzen und Pfeile herniederprasselten.

«Mein Gott!«sagte Natascha plötzlich.»Du hast ja deinen neuen Anzug an!«

«Zu spät!«erwiderte ich.

«Ich habe nur an mich gedacht! Ich habe nichts an. «Sie hob ihr Kleid bis zur Hüfte. Sie trug ein kleines weißes Höschen und keine Strümpfe, und ihre Schuhe waren hochhackige weiße Lack sandalen, um die der Regen sprühte.»Aber du! Dein noch unbezahlter blauer Anzug!«

«Zu spät!«erwiderte ich.»Außerdem kann ich ihn trocknen und plätten. Er ist übrigens bezahlt. Wir können also weiter den Elementen panisch zujubeln! Zum Teufel mit dem blauen An zug des Bürgers! Laß uns im Brunnen vor dem Plaza-Hotel baden.«

Sie lachte und riß mich in einen Hauseingang.»So retten wir das Futter und das Roßhaar! Die kann man nicht aufbügeln. Gewiter kommen öfter als Anzüge. Und panisch kann man sich auch in einem geschützten Hauseingang fühlen. Wie das blitzt! Und wie kühl es geworden ist! Das macht der Wind!«

Wie praktisch sie war, ohne das hinreißende Gefühl zu verlieren, dachte ich und küßte ihr warmes, kleines Gesicht. Wir standen zwischen den Schaufenstern von zwei Geschäften. Auf der einen Seite waren Korsetts für ältere, füllige Damen ausgestellt, über die die Blitze zudtfen; auf der anderen befand sich ein Aquarien geschäft mit einer Tierhandlung. Eine ganze Wand stand voll mit Regalen beleuchteter Aquarien mit ihrem grünen, seidigen Licht und den bunten Fischen. Ich hatte selbst in meiner Jugend Fische gezüchtet und erkannte einige wieder. Es war ein sonder bares Gefühl, so überraschend ein Stück Kindheit vor mir auf- schimmern zu sehen, still und wie aus einer Welt jenseits aller Horizonte, die ich noch kannte, lautlos aufgetaucht, umlodert von Blitzen und völlig unberührt von ihnen, so geblieben, wie es war, durch eine sanfte Magie, nicht gealtert, nicht verschmiert mit Blut und unzerstört. Ich hielt Natascha im Arm und spürte ihre Wärme, und gleichzeitig war ein Teil von mir weit entfernt über einen vergessenen Brunnen gebeugt, der längst nicht mehr rauschte, und horchte auf eine Vergangenheit, die mir fremd ge worden und deshalb um so hinreißender war. Tage an Bächen,