in Wäldern, an einem kleinen See, über dem Libellen zitternd im Fluge innehielten. Abende in Gärten, über deren Mauern der Flieder hing, das alles wehte lautlos wie ein eiliger stummer Film vorüber.
«Was würdest du sagen, wenn ich einen solchen Flintern hätte?«fragte Natscha. Ich drehte mich um. Sie sah nach der anderen Seite in das Korsettgeschäft. Dort war ein Panzer für eine Wal küre über eine schwarze Probierpuppe gespannt, wie sie Schnei derinnen brauchen.»Du hast einen herrlichen Hintern«, sagte ich.»Und brauchst nie ein Korsett, wenn du auch keine so magere Giraffe bist, wie sie jetzt herumlaufen.«
«Gut. Es hat aufgehört zu regnen. Nur noch ein paar Tropfen. Laß uns hier Weggehen. «Es ist deprimierend zu sehen, was ich einmal gewesen bin, dachte ich und streifte die Aquarien mit einem letzten Blick.»Sieh nur, die Affen!«sagte Natascha und deutete in den Hintergrund des Ladens. In einem großen Käfig mit einem Baumstamm darin turnten dort zwei aufgeregte Affen mit langen Schwänzen.
«Das sind echte Emigranten! Im Käfig! So weit seid ihr noch nicht gekommen.«
«Nein?«sagte ich.
Natascha sah mich an.»Ich weiß ja nichts von dir«, erwiderte sie.»Ich will auch gar nichts wissen. Ich finde es langweilig, sich gegenseitig seine Probleme und seine Lebensgeschichte vorzubeten. Wie bald fängt man da an zu gähnen. «Sie schaute noch einmal auf das Brünhilden-Korsett.»Wie rasch das Leben verfliegt! Bald werde ich auch so sein und in den Küraß hineinpassen und einem Frauenklub angehören! Manchmal wache ich auf mit einer schrecklichen Angst. Du auch?«
«Ich auch.«
«Wirklich? Du siehst nicht so aus.«
«Du auch nicht, Natascha.«
«Laß uns alles herausholen, was wir können!«
«Wir tun es schon.«
«Mehr!«Sie preßte sich an mich, so daß ich sie von den Beinen bis zur Schulter fühlte. Ihr Kleid war wie ein Badeanzug. Das Haar hing in Strähnen herunter, und ihr Gesicht war sehr bleich.»In wenigen Tagen habe ich eine andere Wohnung«, murmelte sie.»Dann kannst du zu mir heraufkommen, und wir brauchen nicht mehr in Hotels und Kneipen zu sitzen. «Sie lachte.»Und sie ist luftgekühlt.«
«Ziehst du um?«
«Nein. Es ist die Wohnung von Freunden.«
«Fraser?«fragte ich voll böser Ahnung.
«Nein, nicht von Fraser. «Sie lachte wieder.»Ich werde dich nicht mehr zum Gigolo machen, als für unseren Komfort unbedingt nötig ist, Robert.«
«Ich bin es ohnehin schon«, sagte ich.»Ich tanze mit Bleischuhen auf dem Seil der Moral und falle oft herunter. Ein anständiger Emigrant zu sein, ist ein sehr schwieriger Beruf.«
«Sei ein unanständiger«, sagte sie und schritt mir voran auf die Straße. Es war kühl geworden, und zwischen den Wolken stan den schon wieder einige Sterne. Der Asphalt glänzte in den Re flexen der Autolichter, als führen sie über schwarzes Eis.
«Du siehst zauberhaft aus«, sagte ich zu Natascha.»Ich komme mir vor wie an einem Badestrand der Zukunft mit einem Mars mädchen. Warum erfindet die Mode nicht Kleider, die ebenso am Körper kleben wie deins?«
«Sie hat sie schon erfunden«, erwiderte sie.»Du hast sie nur noch nicht gesehen. Warte, bis du in die Ballsäle der Cafe-Society ge rätst!«
«Ich bin mitten drin«, sagte ich und zerrte sie in einen dunklen Hauseingang. Sie roch nach Regen, Wein und Knoblauch.
Der Regen hatte völlig aufgehört, als ich sie nach Hause brachte. Ich ging die ganze Strecke zurück zu Fuß. Alle Augenblicke hielten Taxis, um mich einsteigen zu lassen. Noch vor einer Stunde waren sie nirgendwo zu finden gewesen. Ich atmete die kühle Luft, als wäre sie Wein, und dachte über den Tag nach. Ich spürte irgendwo eine Gefahr, aber nicht eine, die mir drohte, sondern eine, die in mir war. Es war mir, als hätte ich eine geheimnisvolle Grenze überschritten, ohne es gemerkt zu haben, und als wäre ich in ein Gebiet geraten, das von Kräften beherrscht wurde, die ich nicht kontrollieren konnte. Es gab noch kaum einen Grund für Alarm, aber ich selbst hatte mich wieder eingeschaltet in ein Netzwerk, in dem andere Wege galten als die, die vorher für mich maßgebend gewesen waren. Vieles, das mir noch vor kurzem egal gewesen wäre, war es nun nicht mehr. Ich war vorher ein Außenseiter gewesen, jetzt war ich es nicht mehr ganz. Was ist mit mir geschehen? dachte ich. Ich bin doch nicht verliebt! Aber ich wußte, daß der Außenseiter sich auch verlieben konnte, ohne ein sehr geeignetes Objekt zur Liebe zu finden, nur weil er die Liebe selbst so notwendig brauchte, daß es nicht so wichtig war, auf wen sie fiel. Und ich wußte auch, daß da die Gefahr lag, plötzlich gefangen zu werden und alle Übersicht zu verlieren.
XIX
«Betty soll morgen operiert werden«, sagte Kahn am Telefon.»Sie hat große Angst. Wollen Sie sie nicht besuchen?«»Selbstverständlich. Was hat sie?«
«Man weiß es nicht genau. Gräfenheim und Ravic haben sie untersucht. Die Operation wird zeigen, ob die Geschwulst gutartig ist oder nicht.«
«Mein Gott!«sagte ich.
«Ravic wird auf sie achtgeben. Er ist Assistent im Mount-Sinai- Hospital geworden.«
«Wird er sie operieren?«
«Er wird dabeisein. Ich weiß nicht, ob er schon selbständig operieren darf. Wann gehen Sie hin?«
«Um sechs, wenn ich hier fertig bin. Haben Sie von Hirsch gehört?«
«Ich war da. Alles in Ordnung. Gräfenheim hat das Geld bereits. Es ihm auszuhändigen war schwieriger, als es von Hirsch zu bekommen. Anständige Menschen können manchmal eine große Plage sein, bei Gaunern weiß man immer gleich, woran man ist.«»Kommen Sie auch zu Betty?«
«Ich war gerade da. Vorher habe ich eine Stunde mit Gräfenheim gekämpft. Ich glaube, er hätte das Geld an Hirsch zurückgegeben, wenn ich ihm nicht gedroht hätte, es an >Kraft durch Freude< in Berlin zu senden. Er wollte sein eigenes Geld nicht von einem Lumpen annehmen. Dabei hat er kaum etwas zu essen. Gehen Sie zu Betty. Ich kann nicht noch einmal gehen. Sie hat Angst. Außerdem würde sie mißtrauisch werden, wenn ich zweimal käme. Sie bekäme noch mehr Angst. Gehen Sie zu ihr und sprechen Sie deutsch mit ihr. Wenn man krank ist, braucht man nicht auch noch englisch zu sprechen, meint sie.«
Ich ging hin. Es war warm und grau, und der Himmel hatte die Farbe weißer Asche. Betty lag im Bett in einem chinesischen lachsroten Mantel, den der Hersteller in Brooklyn wahrscheinlich als Mandarinenrock gedacht hatte.
«Sie kommen gerade recht zu meiner Henkersmahlzeit«, rief Betty.»Morgen geht’s auf die Guillotine.«
«Aber Betty«, sagte Gräfenheim.»Morgen machen wir eine kleine Routine-Untersuchung. Nur zur Vorsicht.«
«Guillotine bleibt Guillotine«, erwiderte Betty mit falscher, zu lauter Fröhlichkeit.»Ob einem darunter die Fußnägel abgeschnitten werden oder der Kopf.«
Ich sah mich um. Es waren ungefähr zehn Leute da. Die meisten kannte ich. Auch Ravic war da. Er saß am Fenster und starrte auf die Straße. Es war sehr heiß im Zimmer, dennoch waren die Fenster geschlossen. Betty fürchtete, es würde noch heißer werden, wenn man sie öffnete. Ein Ventilator summte auf einem Vertiko wie eine müde, große Fliege. Die Tür zum Nebenzimmer war offen. Die Koller-Zwillinge brachten Kaffee und Apfelstrudel herein, ich erkannte sie zuerst nicht wieder. Sie waren blond geworden. Ihr Gezwitscher flog durch den Raum, als wären sie helle Schwalben. Sie waren gutgelaunt, flink wie Wiesel und trugen enge, kurze Röcke und baumwollene, quergestreifte Sweater mit kurzen Ärmeln.
«Sehr appetitlich, wie?«fragte Tannenbaum.
Ich wußte nicht gleich, wen er meinte, den Apfelstrudel oder die Mädchen. Er meinte die Mädchen.
«Sehr«, sagte ich.»Ein verwirrender Gedanke, mit Zwillingen ein Verhältnis anzufangen, besonders wenn sie sich so gleichen wie die beiden hier.«