«Doppelte Sicherheit«, erwiderte Tannenbaum und zerteilte ein
Stück Strudel.»Wenn eine stirbt, kann man die andere heiraten. Wo findet man das sonst?«
«Ein etwas makabrer Gedanke. «Ich sah zu Betty hinüber, aber sie hörte nichts. Sie hatte sich von den Koller-Mädchen die Kupferstiche von Berlin bringen lassen, die sonst im Vorzimmer hingen, und stellte sie auf die beiden Nachttische neben ihrem Bett.»Ich dachte nicht daran, daß man die Zwillinge nacheinander heiraten könnte«, sagte ich,»ich dachte auch nicht gleich ans Sterben.«
Tannenbaum wiegte die von schwarzen Haaren umflatterte Glatze, die aussah wie die glänzende Rückseite eines Pavians.»Woran denkt man sonst? Wenn man jemand liebt, denkt man doch: Einer von uns muß vor dem anderen sterben, und einer wird allein bleiben. Wenn man das nicht denkt, liebt man nicht wirklich. Es ist die große Urangst, modifiziert, das gebe ich zu. Aus der primitiven Angst, daß man selbst sterben muß, wird durch die Liebe die Angst um den ändern. Eine Sublimation, die diese Liebe zu einer fast noch größeren Tortur macht, denn sie liegt bei dem, der übrigbleibt.«
Tannenbaum leckte sich den Streuzucker von den Fingern.»Da man deswegen nicht angstvoll allein durchs Dasein wandern kann — denn auch das Alleinsein ist eine Tortur —, sind Zwillinge der gescheiteste Ausweg. Besonders, wenn sie so hübsch sind wie die beiden Kollers.«
«Würden Sie wahllos eine heiraten?«fragte ich.»Sie können sie doch nicht unterscheiden. Oder würden Sie mit sich selbst darum würfeln?«
Er sah mich über seinen Kneifer hinweg unter buschigen Augen brauen an.»Machen Sie sich nur lustig über einen Menschen, der arm, krank, glatzköpfig und jüdisch ist, Sie arisches Scheusal, das wie ein weißer Rabe unter Leuten sitzt, die ihre höchste Kultur schon erreicht hatten, als Ihre Vorfahren noch auf den Bäumen zu beiden Seiten des Rheins saßen und in ihre Felle schissen.«
«Ein schönes Bild«, erwiderte ich.»Bleiben wir bei unseren Zwil lingen. Warum springen Sie nicht über Ihre Minderwertigkeits komplexe hinweg und blasen zum Angriff?«
Tannenbaum sah mich eine Weile kummervoll an.»Das sind Mädchen für Filmproduzenten«, sagte er dann.»Hollywoodfutter.«
«Sind Sie nicht Schauspieler?«
«Ich spiele Nazis, kleinere Nazis. Ich habe keinen Glamour.«»Mich interessiert es, mit Zwillingen zu leben, und es interessiert mich nicht wie Sie, mit Zwillingen zu sterben. Wenn man mit der einen Krach hätte, könnte man zur anderen gehen. Wenn die eine einem durchginge, bliebe immer noch die andere. Es gibt da sicher reizvolle Möglichkeiten.«
Tannenbaum betrachtete mich angeekelt.»Haben Sie das fürch terliche letzte Jahrzehnt durchgemacht, um mit solchen Frivolitäten zu enden? Wissen Sie nicht, daß der größte Weltkrieg aller Zeiten tobt? Ist das alles, was Sie daraus gelernt haben?«»Tannenbaum«, sagte ich.»Sie waren es, der angefangen hat, von appetitlichen Ärschen zu reden. Nicht ich!«
«Ich habe es im metaphysischen Sinne gemeint. Tragisch, um dem Weltdilemma zu entkommen. Nicht vulgär, wie Sie, Sie späte Blüte am Mispelbaum der Edda«, meinte Tannenbaum traurig. Eines der Koller-Mädchen kam mit einer neuen Platte Apfelstru del zu uns herüber. Tannenbaum lebte auf, starrte mich an, als habe er eine Erleuchtung, deutete auf ein Stück Strudel, und als der Zwilling es ihm auf den Teller legte und somit beide Hände voll hatte, tatschte er ihm zaghaft auf den runden Hintern.»Aber Herr Tannenbaum«, flüsterte der Zwilling und lachte.»Aber doch nicht hier!«Er schwänzelte davon.
«Nun, Sie Metaphysiker«, sagte ich.»Sie späte Blüte am trocke nen Kaktus des Talmuds!«
«Sie haben mich dazu gebracht«, erklärte Tannenbaum verwirrt und aufgeregt.
«Natürlich! Immer der andere, Sie deutscher Nußknacker! Nur keine Verantwortung übernehmen.«
«Ich meine, das danke ich Ihnen! Sie hat es nicht übelgenommen, wie? Glauben Sie nicht auch?«
Tannenbaum begann zu erblühen. Er reckte den Hals und bekam eine rostrote Farbe, die an Eisen erinnerte, das lange im Regen gelegen hat.»Sie haben einen Fehler gemacht, Herr Tannenbaum«, sagte ich.»Sie hätten auf dem Rock ein kleines Kreide-Zeichen hinterlassen sollen, damit Sie wissen, welcher der Zwillinge Ihre vulgäre Annäherung geduldet hat. Es könnte nämlich sein, daß der andere gar keinen Sinn dafür hat und Ihnen, wenn Sie es wiederholen, die Platte Apfelstrudel einschließlich des Kaffees über den Schädel stülpt! Wie Sie sehen, tragen beide Zwillinge im Augenblick neue Platten mit Apfelstrudel herein. Wissen Sie, welches Mädchen es war? Ich weiß es nicht mehr.«»Ich… es war… nein…«Tannenbaum warf mir einen haß erfüllten Blick zu. Wie geblendet starrte er auf die Zwillinge. Dann rang er sich mit übermenschlicher Kraft ein süßliches Lächeln ab. Wahrscheinlich glaubte er, der gekniffene Zwilling würde zurücklächeln. Statt dessen lächelten beide zurück. Tannenbaum stieß einen dumpfen Fluch aus. Ich verließ ihn und ging wieder zu Betty hinüber.
Ich wollte gehen. Ich konnte solche Situationen schlecht ertragen, die angefüllt sind mit einer Mischung aus süßlicher Sentimentalität und echter, großer Angst. Sie reizten mich zum Erbrechen. Ich haßte diese unausrottbare Sehnsucht, dieses falsche Heimweh, die, selbst wenn sie in Haß und Abscheu umschlugen, stets nach einer Entschuldigung suchten, um wieder aufzutauchen. Zu viele Gespräche hatte ich schon angehört, die damit begonnen hatten,»daß die Deutschen nicht alle so wären«, eine Phrase, von der jeder wußte, daß sie stimmte, und die dann hinüberleitete zu dem üblichen Gewäsch von den schönen Zeiten in Deutschland, bevor die Nazis kamen. Ich verstand Betty bis in ihr gutes naives Herz, ich liebte sie deswegen und konnte es trotzdem nicht anhören. Die schwimmenden Augen, die Bilder von Berlin und die Sprache ihrer Heimat, an die sie sich in ihrer großen Angst vor morgen klammerte, rührten mich zu Tränen. Ich glaubte selbst den Geruch der Resignation zu spüren, der ohnmächtigen Rebellion, die schon weiß, daß sie ohnmächtig ist, bevor sie sich entfaltet, und die deshalb, obschon ehrlich gemeint, den hohlen Klang bloßer Gesten bekommt. Ich glaube, das alles wieder zu spüren, diese Gefangenschaft ohne Stacheldraht, dieses Hausen in der toten Luft der Erinnerung, diesen schattenhaften Haß, der ins Leere greift. Ich sah mich um, ich kam mir wie ein Deserteur vor, weil ich gehen, weil ich nicht in dieser Atmosphäre leben wollte, obschon ich doch wußte, daß sie auch gesättigt war mit schwerem Leid und mit Verlusten, die kaum zu tragen waren; Verlusten an Angehörigen, die lautlos verschwunden waren; Verlusten, die zu groß waren, um fruchtlos darüber zu brüten und selbst dadurch zerstört zu werden. Ich wußte plötzlich, warum ich gehen wollte. Ich wollte nicht selbst in diese ohnmächtige Schattenrebellion und Resignation hineingeraten, denn das eine führte zum ändern. Ich war ohnehin immerfort gefährlich nahe daran, aber ich wollte nicht eines Tages nach den Jahren des Wartens aufstehen und feststellen, daß ich vom Warten und nutzlosen Schattenboxen mürbe und morsch geworden war, ich wollte selbst meine Vergeltung und meine Rache suchen, nicht mit Klagen und Protesten, sondern mit meinen eigenen Händen, und um das zu tun, mußte ich der Klagemauer und dem Lamento an den Wassern von Babylon so fern bleiben wie möglich.
Ich sah mich um, als hätte man mich ertappt.»Ross«, sagte Betty.»Wie schön, daß Sie gekommen sind. Es ist wunderbar, daß man so viele Freunde hat.«
«Sie sind die Mutter der Emigranten, Betty. Ohne Sie wären wir nichts als Treibgut.«
«Wie geht es Ihnen bei dem Bilderhändler?«
«Sehr gut, Betty. Ich werde an Vriesländer bald etwas zurück zahlen können.«
Sie hob ihren heißen Kopf und blinzelte mit einem Auge.»Damit lassen Sie sich nur Zeit. Vriesländer ist ein sehr reicher Mann. Er braucht das Geld nicht. Sie können es ihm auch noch zurückzahlen, wenn alles vorbei ist. «Sie lachte.»Ich bin froh, daß es Ihnen gutgeht, Ross! Es geht so wenigen von uns gut. Ich darf nicht lange krank bleiben. Die anderen brauchen mich. Finden Sie nicht auch?«