Ich ging mit Ravic hinaus. An der Tür sah ich Tannenbaum stehen. Er blickte unschlüssig von einem Zwilling zum ändern. Seine Glatze blinkte. Er haßte mich bereits wieder.»Hatten Sie Streit mit ihm?«fragte Ravic.
«Nur ein frivoles Geplänkel, um mich abzulenken. Ich bin kein Krankenbesucher. Es macht mich ungeduldig und ärgerlich. Ich kann mich deshalb nicht ausstehen, aber so ist es nun einmal.«
«Das geht fast jedem so. Man fühlt sich schuldig, weil man selbst gesund ist.«
«Ich fühle mich schuldig, weil der andere krank ist.«
Ravic blieb auf der Treppe stehen.»Sie sind doch nicht auch schon angeknackt?«
«Ist das nicht jeder?«
Er lächelte.»Es kommt auf den Grad der Verdrängung an. Die, die am besten verdrängen, sind die gefährdetsten. Wer alles aus spuckt, hat wenig zu fürchten.«
«Ich werde mir das merken«, sagte ich.»Was ist mit Betty?«
«Wir müssen sie aufmachen. Vorher kann man wenig sagen.«»Haben Sie Ihre Examen alle hinter sich?«
«Ja.«
«Operieren Sie Betty?«
«Ja.«
«Auf Wiedersehen, Ravic.«
«Ich heiße jetzt Fresenburg. Mein wirklicher Name.«
«Und ich immer noch Ross. Nicht mein wirklicher Name.«
Er lachte und ging rasch davon.
«Du siehst dich um, als hätte ich irgendwo ein totes Kind versteckt«, sagte Natascha.
«Das ist eine alte Gewohnheit. Man wird sie so schnell nicht los.«»Mußtest du dich oft verstecken?«
Ich sah sie überrascht an. Es war eine zu blödsinnige Frage — so, als ob sie gefragt hätte, ob ich atmen müßte. Dann fiel mir ein, daß sie ja nichts von dem Leben wußte, das ich geführt hatte, und das gab mir merkwürdigerweise ein warmes Gefühl der Freude. Gottlob, dachte ich, daß sie nichts davon weiß.
Sie stand in einem niedrigen Zimmer vor einem breiten Fenster. Sie stand da, dunkel vor dem starken Licht, und ich brauchte ihr keine Erklärungen zu geben und mich nicht als Flüchtling zu fühlen. Ich nahm sie in die Arme und küßte sie.»Wie warm deinen Schultern von der Sonne sind«, sagte ich.
«Ich bin gestern hier eingezogen. Der Eisschrank ist voll. Wir brauchen den ganzen Tag nicht auf die Straße zu gehen. Es ist Sonntag heute, das hast du vielleicht vergessen.«
«Ich habe es nicht vergessen. Ist im Eisschrank auch etwas zu trinken?«
«Zwei Flaschen Wodka. Und zwei Flaschen Magermilch.«»Kannst du kochen?«
«So so. Aber ich kann Steaks auf dem Grill braten und Konserven aufmachen. Außerdem haben wir Mengen von Obst und Sa lat und ein Radio. Wir können ein bürgerliches Leben beginnen. «Sie lachte. Ich hielt sie im Arm und lachte nicht. Mich traf das alles wie ein Dutzend weicher Pfeile; Sie schmerzen nicht, aber man spürt sie doch.»Das ist nichts für dich, wie?«fragte Natascha.»Zu philisterhaft.«
«Es ist das größte Abenteuer, das es gibt in unserer Zeit«, erwiderte ich und atmete den Geruch ihres Haares ein, das nach Ze der roch.»Jeder Buchhalter hat heute soviel Abenteuer wie früher König Artus. Ich könnte Wochen vorm Radio sitzen, Bier trinken und die Kleinbürgerlichkeit wie einen Purpurmantel um meine Schultern fühlen.«
«Hast du schon einmal Television gesehen?«
«Wenig.«
«Das dachte ich mir. Du würdest bald fluchend aufhören. Dein Purpurmantel würde bald unerträglich jucken.«
«Mir ist heute alles gleich. Weißt du, daß es der erste Tag ist, an dem wir nicht in einer Kneipe oder im Hotel herumlungern müssen?«
Sie nickte.»Das habe ich dir schon früher gesagt. Du aber hast Fraser verdächtigt.«
«Ich verdächtige ihn auch jetzt noch. Aber es ist mir egal.«
«Du wirst schon besser. Beruhige dich. Du hast keinen Grund.«
Ich sah mich um. Es war ein kleines Appartement im fünfzehnten Stock, das ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche und ein Bad hatte. Es war nicht elegant genug für Fraser. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer hatten große Fenster, die eine weite Aussicht über New York zeigten; man konnte von der 17. Straße bis Wallstreet sehen, vorbei an den Wolkenkratzern und hinweg über die vielen Reihen der niedrigeren Häuser.»Wie findest du es?«fragte Natascha.
«So, wie man in New York leben sollte. Mit soviel Licht und Weite und diesem Blick. Du hast recht, wir wären verrückt, wenn wir uns heute von hier fortbewegten!«
«Hol’ uns die Sonntagszeitungen! Der Kiosk ist gleich an der Ecke. Dann haben wir alles, was wir brauchen. Ich werde inzwischen versuchen, Kaffee zu machen.«
Ich ging zum Aufzug hinüber.
Ich kaufte die Sonntagsausgaben der New York Times und der Herald Tribüne, jede einige hundert Seiten stark. Ich dachte dar über nach, ob die Leute zur Zeit Goethes glücklicher waren, als nur die reichen und gebildeten Leute Zeitungen lasen. Ich kam zu dem Ergebnis, daß das, was man nicht weiß, einen nicht unglücklich machen kann — ein ziemlich bescheidenes Resultat.
Ich starrte in den frischen Himmel, in dem ein Flugzeug kreiste, und schüttelte meine Gedanken ab wie Höhe. Ich ging ein Stück die Zweite Avenue entlang. Links war ein bayrischer Metzger, daneben der Delikatessenladen der drei Brüder Stern.
Ich bog wieder in die 57. Straße ein und fuhr zum fünfzehnten Stock empor mit einem Schwulen, der sich als Jasper vorstellte, rothaarig war und ein kariertes Sportjackett trug. Sein Pudel war weiß und hieß Rene. Jasper lud mich zum Frühstück ein. Ich entkam, um vieles heiterer, und klingelte.
Natascha empfing mich, einen Turban um den Kopf gebunden, ein Badetuch um die Hüften und nahezu nackt.»Großartig!«sagte ich und warf die Zeitungen auf einen Stuhl im Vorzimmer.»Das paßt zur Beschreibung dieser Etage!«
«Was für eine Beschreibung?«
«Die Nick, der Zeitungsverkäufer an der Ecke, gegeben hat. Er behauptet, daß hier früher einmal ein Puff gewesen sei.«
«Ich habe ein Bad genommen«, sagte Natascha.»Ein zweites. Diesmal kalt. Du kamst nicht wieder. Hast du am Times Square die Zeitungen geholt?«
«Ich war in einer fremden Welt. Bei den Homos. Weißt du, daß es hier davon wimmelt?«
Sie nickte und warf ihr Badetuch weg.»Ich weiß es. Diese Wohnung gehört auch einem, der anders ist, damit du es endlich weißt.«
«Hast du mich deshalb in diesem Aufzug empfangen?«
«Darüber habe ich nicht nachgedacht. Aber ich meinte, es könnte dir nicht schaden.«
Wir lagen auf dem Bett. Nach dem Kaffee tranken wir Bier. Da zu hatten wir uns von der Sonntagsvertretung der Brüder Stern Pastrami, Salami, Butter, Käse und dunkles Brot herüberschicken lassen. Man braucht in Amerika ja nur zu telefonieren, um alles zu erhalten. Auch am Sonntag. Es wurde einem sogar herüber gebracht, man brauchte nur die Tür einen Spalt zu öffnen und es entgegenzunehmen. Ein herrliches Land, wenn man Empfänger dieser überraschenden Segnungen war.
«Ich bete dich an, Natascha«, sagte ich. Ich hatte mich gerade geweigert, einen rotseidenen Pyjama des anonymen Wohnungsbesitzers anzuziehen, den sie mir zugeworfen hatte.»Ich bete dich an, wie Gott mich geschaffen hat, aber ich werde dieses Ding nicht anziehen.«
«Aber Robert. Es ist doch gewaschen und gebügelt, und Jerry ist ein sehr sauberer Mensch.«
«Wer?«
«Jerry. Du schläfst doch auch in deinem Hotel in Bettüchern, in denen weiß wer vorher geschlafen hat!«
«Richtig. Ich denke trotzdem nicht gern daran. Außerdem ist es anonym. Ich kenne die Leute nicht.«
«Jerry kennst du auch nicht.«
«Ich kenne ihn durch dich. Es ist ein ähnlicher Unterschied, wie wenn man ein Huhn ißt, das man nicht kennt, oder eines, das man aufgezogen hat und das man beim Namen ruft.«
«Schade! Ich hätte dich gern in einem roten Pyjama gesehen. Aber jetzt bin ich schläfrig. Läßt du mich eine Stunde schlafen? Ich bin warm von Pastrami, Bier und Liebe. Du kannst die Zeitungen lesen.«