Ich fand ihre Beweisführung nicht übel.»Sind Sie vielleicht Russin?«fragte ich.
«Nein. Warum?«
«Ich habe bei Russinnen diese prachtvolle Logik, falsche Prämissen und falsche Konklusionen zu einem unanfechtbaren richtigen Anspruch aufzubauen, häufig gefunden. Sehr reizvoll, sehr weiblich und sehr irritierend.«
Sie lachte plötzlich.»Kennen Sie so viele Russinnen?«
«Einige. Allerdings alles Weißrussinnen. Emigranten. Ich habe bemerkt, daß sie Genie darin haben, Männer immerfort ohne Grund falsch zu beschuldigen. Sie finden, es halte die Liebe wach.«
«Was Sie alles wissen!«sagte Mrs. Whymper mit einem langen, verhängten Blick.»Wann gehen wir? Ich habe keine Lust, den falschen Predigten dieses Rotkäppchens weiter zuzuhören.«»Wieso Rotkäppchen?«
«Ein Wolf im Schafskleid.«
«Das war nicht das Märchen von Rotkäppchen. Es ist ein Zitat aus der Bibel, Mrs. Whymper.«
«Danke, Professor, aber bei beiden kommt ein Wolf vor. Wird Ihnen nicht schlecht, wenn Sie diese Herde kleiner und großer Hyänen und Wölfe sehen, die mit ihren Renoirs in den Mäulern herumschleichen?«
«Noch nicht. Ich bin anders als Sie. Ich habe es gern, wenn je mand ernsthaft über etwas redet, von dem er nichts versteht. Es ist so erfrischend kindlich. Fachleute sind immer langweilig.«»Und Ihr Oberpapst, der mit Tränen in den Augen über seine Bilder gerade wie über seine Kinder redet und sie trotzdem gern und mit Profit verkauft, dieser Kinderhändler?«
Ich mußte lachen. Sie hatte einen guten Begriff vom Karussell gewonnen.»Was machen wir hier?«sagte sie.»Bringen Sie mich nach Hause.«
«Ich kann Sie nach Hause fahren, aber dann muß ich wieder hierher zurück.«
«Gut. «Ich hätte wissen sollen, daß sie ihren Chauffeur mit ihrem Wagen vor dem Haus stehen hatte, doch ich hatte es nicht angenommen. Sie sah mein Erstaunen.»Nun, bringen Sie mich schon nach Hause, ich beiße Sie nicht«, sagte sie.»Der Chauffeur kann Sie dann wieder zurückfahren. Ich hasse es, allein zu Hause anzukommen. Sie haben keine Ahnung, wie leer eine Wohnung sein kann.«
«Doch«, erwiderte ich.»Ich weiß es.«
Der Chauffeur hielt und öffnete die Tür. Sie stieg aus und war tete nicht auf mich. Sie ging mir voraus zu ihrer Haustür. Ich folgte ihr ärgerlich.»Es tut mir leid, daß ich wieder zurückfahren muß«, sagte ich.»Sie verstehen sicher, daß es nicht anders geht.«»Doch, es geht anders«, erwiderte sie.»Aber davon wiederum verstehen Sie nichts. Gute Nacht. John, fahren Sie Herrn.. wie war doch Ihr Name?«
Ich starrte sie an.»Martin«, sagte ich ohne Zögern.
Sie verzog keine Miene.»… Martin zurück.«
Ich überlegte einen Augenblick, ob ich das ablehnen sollte. Dann stieg ich ein.»Fahren Sie mich zum nächsten Taxi«, sagte ich zu dem Chauffeur.
Er fuhr an.»Halten Sie hier«, sagte ich zwei Straßen weiter.»Da ist ein Taxi.«
Der Chauffeur drehte sich um.»Warum wollen Sie aussteigen? Es macht mir gar nichts, Sie zurückzufahren.«
«Doch. Für uns schon.«
Er grinste.»Lieber Gott, haben Sie Sorgen!«
Er hielt. Ich gab ihm ein Trinkgeld. Er schüttelte den Kopf, aber er nahm es. Ich fuhr im Taxi zu Silvers zurück. Dann schüttelte auch ich den Kopf. Was für ein Idiot ich bin, dachte ich.»Bitte fahren Sie mich zur 57. Straße, Ecke Zweite Avenue«, sagte ich zum Taxichauffeur.»Nicht zur 62.«
«Wie Sie wollen, Chef. Schöne Nacht, wie?«
«Heiß.«
Ich hielt bei den Stern Brothers. Das Delikatessengeschäft war noch offen. Ein paar Homos wählten sich genießerisch kalten Aufsdmitt als Abendessen aus. Ich rief Natascha an. Sie erwar tete mich erst in zwei bis drei Stunden. Ich zog deshalb vor, sie anzurufen, bevor ich zu ihrer Wohnung ging. Der Tag war überraschend gewesen, und ich wollte weitere Überraschungen ver hüten.
Sie war zu Hause.»Wo bist du?«fragte sie.»Hast du Atempause bei den Sammlern?«
«Nicht bei den Sammlern und nicht bei Mrs. Whymper. Im La den der Brüder Stern, zwischen Krafft-Käse und Salami.«
«Bring ein halbes Pfund Salami und dunkles Brot.«
«Butter auch?«
«Butter haben wir. Aber Edamer können wir brauchen.«
Ich war plötzlich sehr glücklich. Drei Pudel tummelten sich im Laden, als ich aus dem Telefonkasten heraustrat. Ich erkannte Rene und seinen Herrn, den rothaarigen Jasper. Jasper begrüßte mich mit der schlenkrigen Leichtigkeit, die Tucken oft haben.»Wie geht’s, Fremdling? Lange nicht gesehen!«
Ich ließ mir die Salami, den Käse und einen Schokoladenkuchen in einer runden Aluminiumfolie geben.»Nun?«fragte Jasper.»Einkäufe für ein spätes Abendessen?«
Ich sah ihn schweigend an. Zu seinem Glück hat er nicht gefragt, ob es für ein Abendessen mit meiner Freundin sei, ich hätte ihm sonst den Schokoladenkuchen mit dem Aluminium wie eine Krone auf die roten Locken gesetzt.
Er fragte nicht. Er folgte mir aber auf die Straße.»Auch ein biß chen bummeln?«fragte er und fiel in meinen Schritt. Ich sah mich um. Die Zweite Avenue war sehr belebt. Es mußte die Stunde der Abendpromenade sein, die Straße wimmelte förmlich von Tucken, mit und ohne Pudel. Auch eine Anzahl von Zwergdachs hunden war dabei, von denen viele unter dem Arm getragen wurden. Die Atmosphäre war festlich. Man begrüßte sich, rief sich Witze zu, ließ die Hunde am Rande des Trottoirs ihre Be dürfnisse verrichten, beobachtete sich und warf sich Blidte zu. Ich merkte, daß ich Aufmerksamkeit erregte. Jasper schritt stolz winkend neben mir dahin, als hätte er mich bereits gekauft. Ich wurde diskutiert als seine neueste Eroberung. Mir wurde der Kragen eng. Ich drehte mich brüsk um.»Warum haben Sie es so eilig?«fragte Jasper.
«Ich gehen jeden Morgen in die Kirche kommunizieren und muß mich vorbereiten. Guten Tag!«
Jasper hatte einen Augenblick keine Worte. Dann schallte sein Lachen hinter mir her, ein Lachen, das mich schlagartig an Mrs. Whymper erinnerte. Ich blieb am Zeitungskiosk stehen und kaufte das Journal und die News.»Der Auftrieb ist heute abend nicht schlecht, w’e?«fragte Nick und spudcte aus.
«Ist das immer so?«
«Jeden Abend. Die rosa Promenade. Wenn das so weitergeht, gibt es in Amerika Geburtenrückgang.«
Ich fuhr zu Nataschas Wohnung hinauf. In unserem Verhältnis hatte sich etwas geändert, seit sie dort wohnte. Früher hatten wir uns gelegentlich getroffen, jetzt war ich jeden Abend bei ihr.
«Ich muß ein Bad nehmen«, sagte ich.»Ich bete dich an, aber ich muß ein Bad nehmen. Ich komme mir ziemlich beschmiert vor.«
«Immer los! Man soll Leute nie vom Baden abhalten! Willst du auch Badeöl haben? Nelken von Mary Chess?«
«Lieber nicht. «Ich dachte an Jasper und was geschehen würde, wenn ich ihm im Aufzug begegnete und nach Nelken röche.
«Wie kommt es, daß du so früh wieder hier bist?«
«Ich habe Mrs. Whymper nach Hause gebracht. Silvers hatte sie eingeladen, ohne daß ich etwas davon wußte.«
«Und sie hat dich so rasch wieder laufen lassen? Bravo!«
Ich richtete mich in dem heißen Wasser halb auf.»Sie wollte mich nicht laufen lassen. Woher weißt du, daß das nicht einfach ist?«Sie lachte.»Jeder weiß das.«
«Wer ist jeder?«
«Jeder, der sie kennt. Sie fühlt sich einsam, interessiert sich nicht für Männer ihres Alters, trinkt gerne Martinis und ist harmlos. Armer Robert! Hast du dich gefürchtet?«
Ich ergriff sie an ihrem bunten Batikkleid, um sie in die Bade wanne zu ziehen. Sie schrie auf.»Laß mich los! Das ist ein Mo dellkleid, es gehört mir nicht!«
Ich ließ sie los.»Was gehört uns eigentlich? Die Wohnung nicht, die Kleider nicht, der Schmuck nicht…«
«Wunderbar, wie? Überhaupt keine Verantwortung! War es nicht das, was du wolltest?«
«Ich habe heute einen schlechten Tag«, sagte ich.»Llab’ Erbar men.«
Sie stand auf.»Und du willst mir Vorwürfe wegen Elisa Whym per machen. Du mit deinem berühmten Pakt.«