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«Was für einem Pakt?«

«Daß wir uns nicht weh tun wollen. Daß wir zusammen sind, um uns gegenseitig zu helfen, von alten Geschichten loszukommen! Gott, wie du das alles erklärt hast! Zitternd wie Schafe nach einem Gewitter sind wir in eine moderierte Liebe geflohen, um die Wunden zu heilen, die andere uns geschlagen haben!«

Sie tanzte im Badezimmer umher. Ich sah sie überrascht an. Wo her hatte sie nur auf einmal all diese halb vergessenen, blödsin nigen Gespräche, mit denen etwas Emotionelles beginnt? Ich war überzeugt, daß ich das nicht so gesagt hatte, so dumm konnte ich nicht gewesen sein. Es war eher ihre eigene Reaktion — und

wahrscheinlich der Grund, weshalb sie mit mir angefajngen hatte. Ich begann sehr schnell zu denken: Ich wußte, daß es teilweise stimmte; auch wenn ich es nicht zugeben wollte. Was mich über raschte, war nur, daß sie es so genau wußte.

«Gib mir noch einen Wodka«, sagte ich vorsichtig und beschloß, zum Angriff überzugehen. Es war, wenn man ein schlechtes Ge wissen hatte, das einfachste.

«Was wir uns so vorgeschwindelt haben, wie?«fragte sie.

«Tut das nicht jeder?«sagte ich, glücklich, einen Ausweg zu sehen.

«Das weiß ich nicht. Ich vergesse es immer wieder.«

«Immer wieder? Passiert es so oft?«

«Auch das weiß ich nicht mehr. Man ist doch keine Rechenma schine. Du vielleicht, ich nicht.«

«Ich liege in der Badewanne, Natascha. Das ist eine unglückliche Position. Laß uns Frieden schließen.«

«Frieden«, erwiderte sie spöttisch.»Wer will schon Frieden?«

Ich griff nach einem Badetuch und stand auf. Hätte ich gewußt, was mir passieren würde, hätte ich die Badewanne gemieden wie die Cholera. Natascha hatte, sich in eine gefährliche Mischung von Scherz und Ernst hineingesteigert, ich merkte das an ihren Augen, ihren raschen Bewegungen und ihrer mit einemmal helle ren Stimme. Ich mußte aufpassen. Vor allem, weil sie recht hatte. Ich hatte gedacht, in der Offensive zu sein mit Mrs. Whymper, und nun spürte ich plötzlich, daß sich alles gedreht hatte.

«Das ist ein herrliches Kleid«, sagte ich.»Und ich wollte dich da mit in die Badewanne werfen!«

«Warum hast du es nicht getan?«

«Das Wasser war zu heiß und die Wanne zu eng.«

«Warum ziehst du dich wieder an?«fragte Natascha.

«Es ist mir hier zu kalt.«

«Wir können die Luftzufuhr abstellen.«

«Es geht schon. Sonst wird es dir zu heiß.«

Sie sah mich argwöhnisch an.»Willst du ausreißen, du Feigling?«fragte sie.

«Wozu? Ich werde doch Salami und Edamer nicht im Stich las sen.«

Sie wurde überraschend wütend.»Geh zum Teufel!«schrie sie.»Verschwinde in deinem verdammten Hotelloch! Dahin gehörst du!«

Sie bebte vor Zorn. Ich hob eine Hand, um Aschenbecher abzu fangen, wenn sie werfen sollte. Ich war sicher, daß sie erstklassig treffen würde. Sie sah großartig aus. Wut verzerrte sie nicht, sie machte sie noch schöner. Sie bebte nicht nur vor Zorn, sie bebte vor Leben. Ich wollte sie nehmen, aber etwas in mir warnte: Tu es nicht! Ich hatte einen lichten Augenblick, in dem ich sah, daß es nichts genützt hätte. Die Probleme wären nur verschoben, aber nicht gelöst worden, und ich hätte ein wichtiges emotionelles Ar gument für später verloren. Die Flucht war das Vernünftigste. Dies war mein letzter günstiger Moment.»Wie du willst«, sagte ich, ging rasch auf die Tür zu und verschwand.

Ich mußte auf den Lift warten und horchte. Ich hörte nichts. Viel leicht erwartete sie, ich käme zurüdt.

Bei den Lowy Brothers bestrahlte das Schaufensterlicht franzö sische Messingleuchter mit weißen Prozellanblumen aus dem frü hen 19. Jahrhundert. Ich blieb hier abermals stehen und betrach tete die Auslagen. Ich wanderte weiter an trostlos hellen, leeren >Hamburger-Buden< vorbei, in denen man an einer langen Bar gebratenes Gehacktes oder Würstchen mit Coca-Cola oder Oran gensaft serviert bekam, etwas, an das ich mich bisher noch nicht gewöhnen konnte.

Zum Glück war Melikow an diesem Abend Nachtportier.»Ca- fard?«fragte er.

Ich nickte.»Sieht man mir das an?«

«Auf eine Meile. Willst du etwas trinken?«

Ich schüttelte den Kopf.»Ich bin noch im ersten Stadium, da macht Alkohol es nur noch schlimmer.«

«Was ist das erste Stadium?«

«Daß man glaubt, sich schlecht, humorlos und dumm benommen zu haben.«

«Ich dachte, du wärst darüber hinaus.«

«Anscheinend nicht.«

«Wann kommt das zweite Stadium?«

«Wenn ich annehme, daß alles für mich zu Ende ist. Durch meine Schuld.«

«Wie wäre es wenigstens mit einem Glas Bier? Setz dich in den Plüschsessel und fechte es aus.«

«Gut.«

Ich versank in exzessive Träumerei, während Melikow Mineral wasserflaschen und später auch Whiskys im Hotel herumschlepp te.»Guten Abend«, sagte eine Stimme hinter mir.

Lachmann! Ich wollte auf stehen und flüchten.»Du hast mir ge rade noch gefehlt«, sagte ich.

Er drückte mich beschwörend in meinen Sessel zurück.»Ich will dir nichts vorjammern«, flüsterte er.»Mein Unglück ist zu Ende. Ich will jubeln!«

«Hast du sie erwischt, du Leichenfledderer?«

«Wen?«

Ich hob den Kopf.»Wen? Das ganze Hotel hast du mit deinen Liebesklagen erschüttert, daß die Lampen gezittert haben, und jetzt hast du die Dreistigkeit zu fragen: Wen?«

«Ich habe es hinter mir«, erklärte Lachmann.»Ich vergesse schnell.«

Ich sah ihn interessiert an.»So, du vergißt schnell? Hast du des halb monatelang gejammert?«

«Natürlich! Man vergißt nur schnell, wenn man alles heraus räumt.«

«Wie ein Kanalräumer?«

«Es kommt auf die Bezeichnung nicht an. Ich habe nichts erreicht. Man hat mich betrogen, der Mexikaner und die Donna von Puerto Rico.«

«Niemand hat dich betrogen. Du hast nur nicht erreicht, was du erreichen wolltest. Das ist ein Unterschied.«

«Nach zehn Uhr abends mache ich solche Unterschiede nicht mehr.«

«Du bist sehr munter«, sagte ich mit etwas Neid.»Bei dir scheint es wirklich schnell zu gehen.«

«Ich habe ein Juwel entdeckt«, wisperte Lachmann.»Ich will noch nicht darüber reden. Ein Juwel ohne Mexikaner.«

Melikow winkte von der Theke her.»Telefon, Robert.«

«Wer?«

«Natascha.«

Ich hob den Hörer ab.»Wo bist du?«fragte Natascha.

«Auf Silvers’ Party.«

«Unsinn! Du trinkst mit Melikow Wodka!«

«Ich liege vor einem Plüschsessel auf den Knien, bete dich an und verfluche mein Schicksal. Ich bin zerschmettert.«

Sie lachte.»Komm zurück, Robert.«

«Mit Waffen?«

«Ohne Waffen, du Dummkopf! Du darfst mich nicht allein las sen, das ist alles.«

Ich trat auf die Straße. Sie lag schimmernd im späten Nachtlicht da, sehr friedlich, der Gegensatz zu allen Taifunen, und war voll von Wind, von Träumen und stiller Atemlosigkeit. Sie war mir nie schön vorgekommen, jetzt war sie es beinahe.

«Ich bleibe heute nacht hier«, sagte ich zu Natascha.»Ich gehe nicht ins Hotel zurück. Ich will neben dir schlafen und mit dir zusammen aufwachen. Ich werde Brot und Milch und Eier von den Stern Brothers holen. Es wird das erstemal sein, daß wir zu sammen aufwachen. Ich glaube, unsere Mißverständnisse kom men nur davon, daß wir nicht genug beisammen sind. Wir müs sen uns erst wieder aneinander gewöhnen.«

Sie streckte sich.»Ich habe immer geglaubt, das Leben sei zu lang, um fortwährend beisammen zu sein.«

Ich mußte lachen.»Da ist sicher etwas dran«, sagte ich.»Ich bin nie in die Verlegenheit gekommen, das auszuprobieren. Das Da sein, wie ich es kenne, sorgte stets dafür, daß es zu kurz war.«

«Ich habe ein Gefühl, als seien wir in einem Luftballon«, sagte ich.»Nicht in einem Flugzeug, sondern in einem stillen Luftballon, einer Montgolfiere des frühen 19. Jahrhunderts, gerade hoch ge nug, um nichts mehr zu hören, aber alles noch zu sehen, die Stra ßen, die Spielautos und die Lichtschnüre der Stadt. Gesegnet der unbekannte Wohltäter, der dieses breite Bett hier heraufschaffen ließ, dieses Bett und gegenüber an der Wand den Spiegel, in dem du dich magisch verdoppelst, wenn du durch das Zimmer gehst — ein Zwillingspaar, von dem die eine Hälfte stumm ist.«