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«Die stumme ist bequemer, wie?«

«Nein.«

Sie warf sich herum.»Das war die richtige Antwort.«

«Du bist sehr schön«, sagte ich.»Gewöhnlich schaue ich einer Frau immer erst auf die Beine, dann auf den Hintern und zum Schluß ins Gesicht. Bei dir ist es mir umgekehrt ergangen. Bei dir war es erst das Gesicht, dann die Beine, und erst, als ich schon verliebt war, begann ich über den Hintern nachzudenken. Du warst schlank, und es konnte sein, daß du ein abgehungertes, knochiges Mannequin warst mit einem flachen Sattelarsch. Ich war besorgt.«

«Wann hast du gemerkt, daß es nicht so war?«

«Nicht zu spät. Es gibt einfache Mittel, das herauszufinden. Das Sonderbare war, daß es so lange dauerte, bis es mich interessier te.«

«Erzähl mir mehr.«

Sie lag sdmurrend wie eine große Katze faul auf der Decke und lackierte sich mit einem kleinen Pinsel die Zehennägel.»Du kannst mich jetzt nicht vergewaltigen«, sagte sie.»Dieser Firnis muß erst trodenen, sonst bleiben wir überall kleben. Sprich wei ter.«

«Ich habe immer angenommen, ich flöge auf sonnenverbrannte Frauen«, sagte ich.»Wesen, die im Sommer tagelang im Wasser planschen und in der Sonne liegen. Du bist die erste, die so weiß ist, als käme sie nie an die Sonne. Du hast viel vom Mond, auch in den durchsichtigen, grauen Augen, abgesehen natürlich von deinem zornigen Temperament. Du bist eine Nymphe, und ich habe mich selten so geirrt wie in dir. Raketen steigen auf, wo du bist, Feuerwerk und Kanonenschläge, und das Merkwürdige ist, sie sind lautlos.«

«Erzähle mir mehr. Willst du etwas trinken?«

Ich schüttelte den Kopf.»Ich bin oft in meinem Leben ein bißchen seitab von meinen Emotionen gestanden. Ich nahm sie nicht en face, sondern von der Seite. Sie trafen mich nicht voll. Sie glitten von mir ab. Ich wußte nicht, warum. Vielleicht war es Angst, vielleicht ein Komplex. Bei dir ist das anders. Ich habe gar keine Bedenken bei dir. Alles ist offen wie der Wind. Es ist schön, dich zu lieben, und es ist ebenso schön, mit dir nach der Liebe zusam menzusein, so wie jetzt. Mit vielen Frauen kann man das nicht; man will es auch nicht. Bei dir weiß man nie, was schöner ist. Wenn man dich liebt, denkt man, es gäbe nichts Volleres, und wenn man dann nachher mit dir ganz entspannt auf dem Bett liegt, glaubt man, man liebe dich noch mehr.«

«Meine Nägel sind schon fast trocken«, sagte Natascha.»Erzähl mir mehr.«

Ich sah in das halbdunkle Wohnzimmer.»Es ist schön, mit dir zusammenzusein und zu glauben, daß man unsterblich ist«, sagte ich.»Man glaubt es einen Augenblick so stark, als könne es Wirk lichkeit werden, und deshalb schreien wir uns Worte zu, um es noch tiefer zu spüren, näher heranzurüdten; primitive, gemeine, vulgäre Worte, um uns noch intensiver ineinander zu bohren, um auch die millimeterschmale Distanz, die uns noch trennt, zu über winden, Worte, wie sie Lastwagenchauffeure haben oder Schlächter, Worte wie Peitschen, nur um näher, tiefer ineinander zu kommen.«

Natascha streckte einen Fuß aus und betrachtete ihn. Dann lehn te sie sich zurüdt.»Liebling, mit einer frisierten Schnauze kann man nicht lieben.«

Ich lachte.»Wer weiß das besser als wir Romantiker! Ach, über das Federwolkengeschiebe schwindelhafter Worte! Nicht mit dir. Mit dir braucht man nicht zu lügen.«

«Du lügst schon ganz schön«, sagte Natascha schläfrig.»Du reißt nicht aus, heute nacht?«

«Nur mit dir zusammen.«

«Gut.«

Sie war ein paar Minuten später eingeschlafen. Sie konnte das. Ich deckte sie zu. Ich lag noch lange wach und horchte auf Na- taschas Atem und dachte über viele Dinge nach.

XXI

Betty Stein war zurück.»Niemand sagt mir die Wahrheit«, klagte sie.»Weder meine Freunde noch meine Feinde.«

«Sie haben keine Feinde, Betty.«

«Sie sind ein Schatz. Aber warum sagt man mir nicht die Wahr heit? Ich kann sie ertragen. Es ist schrecklicher, nicht zu wissen, was mit mir los ist.«

Ich sah zu Gräfenheim hinüber, der hinter ihr saß.»Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, Betty. Warum glauben Sie mit Gewalt, daß die Wahrheit nur das Schlimmste ist? Sind Sie so dramatisch?«

Sie lächelte wie ein Kind.»Ich kann mich dann anders einstellen. Wenn wirklich jetzt alles in Ordnung mit mir ist, lasse ich mich weiter gehen, ich kenne mich. Wenn ich aber weiß, daß es um Tod oder Leben geht, werde ich kämpfen. Ich werde wie eine Verrückte um die Zeit kämpfen, die ich noch habe. Und wenn ich kämpfe, kann ich die Zeit vielleicht noch verlängern. Sonst aber verliere ich sie. Verstehen Sie das nicht? Sie müssen das doch ver stehen!«

«Ich verstehe es. Aber wenn Doktor Gräfenheim Ihnen sagt, alles sei in Ordnung, so sollten Sie es doch glauben. Warum soll er Sie belügen?«

«Weil man das immer tut. Kein Arzt sagt einem die Wahrheit.«»Auch nicht, wenn er ein alter Freund ist?«

«Dann erst recht nicht.«

Sie war seit drei Tagen zurück und marterte sich und ihre Freunde mit diesen Fragen. Die großen, eindrucksvollen und unruhigen Augen in dem weichen Gesicht, das trotz des Alters immer noch die Unreife eines jungen Mädchens zeigte, irrten von einem zum anderen. Es kam vor, daß jemand es fertigbrachte, sie für kurze Zeit zu beruhigen, dann war sie kindlich dankbar, aber ein paar Stunden später begannen die Zweifel und die Fragen wieder. Sie saß in einem alten Ohrenstuhl, den sie bei den Brüdern Lowy ge kauft hatte, weil er sie an Europa erinnerte, und hatte die Kupferstiche von Berlin um sich. Sie hatte sie vom Korridor in ihr Schlafzimmer gehängt und zwei kleine, die Stutzen zum Aufstel len hatten, immer neben sich, wohin sie auch ging. Es störte sie nur vorübergehend, wenn sie in den Zeitungen las, daß Berlin fast jeden Tag bombardiert wurde. Sie nahm es nur für Stunden zur Kenntnis, dann allerdings so sehr, daß Gräfenheim ihr im Krankenhaus die Nachrichten vorenthalten mußte. Es hatte nichts genützt. Am nächsten Tag hatte er sie weinend vor einem Radio gefunden. Sie war heftigen Kontrasten ausgesetzt, die sie in einem ständigen Schock hielten. Dazu kam, daß ihre Trauer um Berlin mit dem Haß gegen die Mörder, die einen Teil ihrer Familie ausgerottet hatten, in Widerstreit lag. Als drittes kam schließlich hinzu, daß sie ihre Trauer nicht offen zeigen konnte, sondern wie etwas Unanständiges vor all den anderen Emigran ten verbergen mußte. Betty hatte mit ihrem Fleimweh nach dem Kurfürstendamm schon oft Verachtung gefunden als eine senti mentale Sarah, die die Füße ihrer Mörder küssen wollte. Jetzt aber, wo die Nerven der Vertriebenen ohnehin mit Hoffnung, Abscheu und Furcht zum Zerreißen gespannt waren — wozu auch der Zwiespalt zählte, daß jede Bombe, die auf die ehema lige Heimat fiel, ihren früheren Besitz verwüstete und daher gleichzeitig ersehnt und verflucht wurde —, jetzt hielten Hoff nung und Angst eine ungleiche Waage, jeder mußte damit für sich selbst fertig werden, und am einfachsten waren die daran, bei denen der Haß so groß war, daß er alle schwächeren Stim men, die des Mitleids mit den Unschuldigen, die der allgemeinen Barmherzigkeit und die der Menschlichkeit, übertönte. Trotzdem waren viele da, die sich nicht mit der Verdammung eines ganzen Volkes zufriedengeben konnten. Es reichte ihnen nicht aus zu sagen, das Volk habe dieses Unglück über sich selbst gebracht durch seine schauerlichen Schandtaten oder zumindest durch die Trägheit des Herzens, das unzerstörbare deutsche gute Gewissen und die fürchterliche Rechthaberei, die Hand in Hand geht mit dem deutschen Trauma, daß Befehl Recht sei und von jeder Ver antwortung entbinde. Es war freilich eine der liebenswertesten jüdischen Eigenschaften, Verständnis nur für den anderen zu ha ben, eine Eigenschaft, die mich schon oft zu zorniger Verzweif lung gebracht hatte. Wo man Haß erwartete und ihn auch fand, tauchte nach kurzer Zeit schon wieder das Verstehen auf. Mit dem Verstehen schon die neuen Entschuldigungen. Während den Mördern noch die blutigen Mäuler trieften, kamen schon die Ent lastungszeugen. Es war eine Nation von Verteidigern, nicht von Anklägern. Eine Nation von Leidenden, nicht von Rächern. Die Makkabäer waren selten.