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Betty Stein schleppte ihr leidenschaftliches, sentimentales Gemüt unglücklich in diesem Wirrwarr hin und her. Sie entschuldigte sich, klagte an, entschuldigte sich wieder und wurde plötzlich von dem fahlsten aller Gespenster gehetzt: der Furcht vor dem Tode.»Wie geht es denn Ihnen, Ross?«fragte sie.

«Gut, Betty. Sehr gut.«

«Das ist erfreulich!«Ich sah, wie selbst das die Hoffnung in ihr wieder auflodern ließ. Wenn es jemand gut ging, war das schon ein Grund zu hoffen, daß es auch ihr gut ginge.»Das freut mich«, sagte sie.»Sehr gut, sagten Sie?«

«Sehr gut, Betty.«

Sie nickte befriedigt.»Sie haben in Berlin den Olivaer Platz bombardiert«, flüsterte sie.»Wissen Sie das?«

«Sie bombardieren ganz Berlin, nicht nur den Olivaer Platz.«

«Ich weiß. Aber der Olivaer Platz! Wir wohnten da. «Sie sah sich scheu um.»Die anderen ärgern sich, wenn ich darüber rede. Unser schönes, altes Berlin.«

«Es war eine ziemlich scheußliche Stadt«, erwiderte ich vorsichtig.»Verglichen mit Paris oder Rom. Ich meine baulich, Betty.«

«Glauben Sie, daß ich lange genug leben werde, um zurückzuge hen?«

«Natürlich. Warum nicht?«

«Es wäre doch schrecklich, wo ich so lange gewartet habe.«

«Es wird etwas anders sein, als wir es in Erinnerung haben«, sagte ich.

Sie dachte darüber nach.»Etwas wird stehen geblieben sein. Und nicht alle waren Nazis.«

«Nein«, sagte ich und erhob mich. Diese Art von Konversation konnte ich nicht lange ertragen.»Darüber können wir viel später noch einmal nachdenken, Betty.«

Ich ging in das andere Zimmer hinüber. Tannenbaum saß dort und hatte ein Papier in der Hand, aus dem er vorlas. Gräfenheim und Ravic waren bei ihm. Kahn trat gerade ein.

«Die Blutliste«, erklärte Tannenbaum.

«Was ist denn das?«

«Ich habe hier eine Liste der Leute in Deutschland zusammenge stellt, die erschossen werden müssen. «Tannenbaum nahm ein Stück Apfelstrudel.

Kahn überflog die Liste.»Gut«, sagte er.

«Sie wird natürlich noch erweitert«, erklärte Tannenbaum.

«Auch gut«, erwiderte Kahn.

«Von wem?«

«Jeder kann Vorschläge machen.«

«Und wer wird die Erschießungen ausführen?«

«Ein Komitee. Man muß es bilden. Das ist einfach.«

«Werden Sie der Leiter des Komitees sein?«

Tannenbaum schluckte kurz.»Ich stelle mich zur Verfügung.«»Wir können das einfacher haben«, sagte Kahn.»Machen wir einen Pakt. Sie erschießen den ersten auf der Liste, ich alle än dern. Einverstanden?«

Tannenbaum schluckte wieder. Gräfenheim und Ravic sahen ihn an.»Ich meine damit«, sagte Kahn scharf,»Sie erschießen den ersten mit eigener Hand. Nicht durch ein Komitee, hinter dem man sich verstecken kann. Einverstanden?«

Tannenbaum antwortete nicht.»Es ist Ihr Glück, daß Sie schwei gen«, erklärte Kahn.»Hätten Sie eeantwnrrpf

hätte ich Ihnen eine heruntergehauen. Sie können sich nicht vor stellen, wie ich dieses blutrünstige Salongeschwätz hasse. Bleiben Sie bei der Schauspielerei. Etwas anderes wird ohnehin nie dar aus.«

Er ging zu Betty in das Schlafzimmer.»Manieren wie ein Nazi«, murmelte Tannenbaum hinter ihm her.

Ich ging mit Gräfenheim fort. Er wohnte jetzt in New York, war in einem Hospital als Assistenzarzt angestellt, der nicht praktizieren durfte, und bezog sechzig Dollar im Monat mit Un terkunft im Hospital und freier Kost.»Kommen Sie noch einen Sprung zu mir«, sagte er.

Ich ging mit. Der Abend war lau und nicht so heiß wie sonst.»Was ist mit Betty?«fragte ich.»Oder dürfen Sie das nicht

sagen?«

«Fragen Sie Ravic.«

«Der wird mir raten, Sie zu fragen.«

Er zögerte eine Weile.»Man hat sie aufgemacht und wieder zu genäht, nicht wahr?«fragte ich.

Er sagte nichts.

«Ist sie früher schon einmal operiert worden?«

«Ja«, erwiderte er.

Ich fragte nicht weiter.»Arme Betty«, sagte ich.»Wie lange kann es noch dauern?«

«Das weiß man nicht. Es kann schnell gehen und langsam.«

Wir kamen im Hospital an. Gräfenheim führte mich auf sein Zimmer. Es war klein, sehr einfach und enthielt ein großes, ge heiztes Aquarium.»Eine Extravaganz«, sagte er.»Ich habe sie mir geleistet, als Kahn mir das Geld brachte. In Berlin hatte ich das ganze Wartezimmer voller Aquarien. Ich habe Zierfische ge züchtet. «Er sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen entschuldi gend an.»Ein jeder hat sein Steckenpferd.«

«Wenn der Krieg vorbei ist«, sagte ich,»möchten Sie nach Berlin zurückgehen?«

«Meine Frau ist noch da.«

«Haben Sie je wieder etwas von ihr gehört?«

"Wir haben abgemacht,uns nicht zu schreiben.Die Post wurde überwacht. Ich hoffe, sie ist aus Berlin herausgekommen. Glau ben Sie, daß man sie noch eingesperrt hat?«

«Nein. Warum sollte man?«

«Glauben Sie, daß die so fragen?«

«Manche schon. Die Deutschen sind Bürokraten, auch im Un rechttun. Sie glauben, dadurch würde es Recht.«

«Es ist schwer, so lange zu warten«, sagte Gräfenheim. Er nahm einen gläsernen Apparat, mit dem man den Schlamm vom Grunde des Aquariums hochziehen konnte, ohne das Wasser zu trüben.»Meinen Sie, daß man sie aus Berlin herausgelassen hat? Irgendwohin, nach Mitteldeutschland?«

«Das ist möglich.«

Ich wurde mir der Ironie dieser Situation bewußt — Betty, die von Gräfenheim getäuscht wurde, und Gräfenheim, den ich täu schen mußte.»Daß man so gar nichts tun kann!«sagte Gräfen heim.

«Wir sind Zuschauer, das ist wahr«, erwiderte ich.»Verdammte Zuschauer, die beneidet werden könnten, weil man sie nicht mitmachen lassen will. Das ist es, was unser Dasein hier schattenhaft und fast obszön macht. Man kämpft — unter ande rem — auch für uns, will uns aber nicht dabeihaben. Und wenn schon, dann nur selten und unter Vorsichtsmaßregeln und am Rande.«

«In Frankreich konnte man sich zur Fremdenlegion melden«, sagte Gräfenheim und legte den Schlammheber weg.

«Haben Sie sich gemeldet?«

«Nein.«

«Sie wollten nicht auf Deutsche schießen, war es nicht das?«

«Ich wollte überhaupt nicht schießen.«

Ich hob die Schultern.»Manchmal bleibt einem keine Wahl. Man muß auf etwas schießen.«

«Nur auf sich selbst.«

«Unsinn! Aber es ist vielen so gegangen, daß sie nicht auf Deut sche schießen wollten. Sie wußten, daß die, auf die sie hätten schießen wollen, nicht an der Front waren. An der Front war das harmlose, brav gehorchende Kanonenfutter.«

Gräfenheim nickte.»Man traut uns nicht. Nicht unserer Entrüstung und unserem Haß. Es ist wie bei Tannenbaum, er macht die Listen, aber er würde niemals schießen. Ungefähr so, oder nicht?«

«Ungefähr so. Selbst Kahn wollten sie nicht haben. Ich glaube, sie haben recht.«

Ich ging durch die weißen Korridore mit den weißen Lampen hinaus. Ich ging zurück in die schattenhafte Existenz, als lebte ich auf einer magischen Insel im Sturm, die aber nur zwei Dimensio nen hatte und keine drei. Es war anders als die Jahre in Europa, wo die dritte Dimension durch den Kampf gegen Bürokratie, Behörden, Gendarmen, den Kampf um Aufenthaltserlaubnisse, schwarze Arbeit, mit Zollbeamten und mit Polizisten, mit dem Kampf um die nackte Existenz gebildet worden war. Hier waren wir plötzlich in der Windstille, in einer Windstille von Zeitungsschlagzeilen, Radionachrichten und einem Krieg, der weitab, durch einen Ozean getrennt, auf einem anderen Konti nent geführt wurde, einem Nachrichtenkrieg, bei dem kein feind liches Flugzeug je am amerikanischen Himmel erschien, keine Bombe einschlug, kein Maschinengewehr bellte. Ich ging dahin, in der Tasche die Nachricht, daß meine Aufenthaltserlaubnis auf weitere drei Monate verlängert worden war, ein >Enemy Alien<, ein feindlicher Ausländer, der aber nicht so feindlich war, daß man ihn einsperrte; ich wanderte dahin durch den großen Wind der Stadt, ein Funke Leben, der nicht erlöschen wollte, ein Frem der, der tief atmete und vor sich hin pfiff, ein bißchen Dasein unter dem falschen Namen Ross.