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«Eine Wohnung!«sagte ich.»Lampen! Möbel! Ein Bett! Eine Frau! Ein elektrischer Grill auf dem man Fleischstücke brät! Ein Glas Wodka! Das unglückliche Leben, zu dem ich verdammt bin, hat aber auch eine helle Seite. Man gewöhnt sich an nichts, und das ist gut. Man genießt es, als wäre es immer das erste Mal! Man genießt es jedesmal vom Knochen her! Nicht von außen; vom Knochen, vom Rückenmark und dem, was vom Schädel um schlossen ist. Laß dich ansehen. Ich bete dich schon deswegen an, weil du da bist. Weil wir zur gleichen Zeit leben. Dann erst kommt das andere. Ich bin Robinson, der immer wieder aufs neue seinen Freitag findet! Spuren im Sand. Spuren von Füßen.

Du bist der erste Mensch. Immer wieder. Das ist die helle Seite meines verfluchten Lebens.«

«Wieviel hast du getrunken?«fragte Natascha.

«Nichts. Kaffee und Traurigkeit. Nichts sonst.«

«Bist du traurig?«

«Man ist für eine kurze Zeit traurig, wenn man so lebt wie ich. Dann wirft man sich herum wie ein Schlafender nachts. Die Trauer wird der Hintergrund, vor dem das Leben deutlicher wird. Sie sinkt hinab wie ein Stein, und der Wasserstand des Lebens wird höher. Was ich dir hier sage, stimmt nicht ganz. Ich will nur, daß es so sei. Aber etwas daran stimmt trotzdem. Sonst verschleißt man sich selbst wie ein Stück Samt zwischen Rasier messern.«

«Es ist gut, daß du nicht traurig bist«, sagte Natascha.»Auf die Gründe kann ich verzichten. Alles, was Gründe braucht, ist schon suspekt.«

«Ist es dir auch suspekt, daß ich dich anbete?«

Sie lachte.»Es ist etwas sinister. Wer so leicht so hoch empfindet, muß etwas zu verstecken haben.«

Ich sah sie betroffen an.»Wie kommst du darauf?«

«Nur so.«

«Glaubst du das wirklich?«

«Warum nicht? Bist du nicht Robinson, der sich immer wieder überzeugen muß, daß er Spuren im Sand gesehen hat?«

Ich antwortete nicht. Was sie gesagt hatte, berührte mich tiefer, als ich erwartet hatte. War da, wo ich mir eingebildet hatte, schon wieder Boden unter den Füßen zu haben, nur Geröll, das beim ersten Schritt nachgeben würde? Übertrieb ich, um mich selbst glauben zu machen?

«Ich weiß es nicht, Natascha«, sagte ich und versuchte meine Ge danken abzuschütteln.»Was ich weiß, ist dies: daß Gewohnheit etwas ist, das mir bis jetzt versagt geblieben ist. Unglück, das man übersteht, soll sich in Abenteuer verwandeln. Ich bin auch dessen nicht sicher. Wessen ist man eigentlich sicher?«

«Was ist sicher?«fragte sie zurück.

Ich lachte.»Der Wodka hier im Glase, das Stück Fleisch am Grill und wir beide im Augenblick, hoffe ich. Ich bete dich trotzdem an, obschon es dir suspekt ist. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen.«

«Das ist recht. Das brauchen wir doch nicht zu beweisen, wie? Die Hauptsache ist, daß wir es fühlen, oder nicht?«

«So ist es. Und auch damit kann man gar nicht weit genug unten anfangen.«

«Wo?«

«Bei diesem Zimmer! Diesen Lampen! Diesem Bett! Selbst wenn sie uns nicht gehören. Was gehört einem schon? Und für wie lange? Alles ist geliehen und gestohlen und wird immer wieder gestohlen.«

Sie drehte sich um.»Man wird sich auch selbst gestohlen?«

«Auch sich selbst.«

«Warum macht einen das nicht so besinnungslos traurig, daß man Selbstmord begeht?«

«Weil man das immer noch tun kann. Und auf eine viel subtilere

Weise.«

«Ich kann mir denken, was du meinst.«

Sie kam um den Tisch herum.»Haben wir nicht etwas zu feiern?«

«Was?«

«Daß du drei Monate länger in Amerika bleiben kannst?«

«Das ist wahr.«

«Was hättest du getan, wenn die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert worden wäre?«

«Ich hätte versucht, eine Einreisebewilligung nach Mexiko zu bekommen.«

«Warum nach Mexiko?«

«Weil die Regierung dort menschlich ist. Sie hat auch die Flücht linge aus Spanien aufgenommen.«

«Kommunisten?«

«Menschen. Mit dem Wort Kommunisten ist man heute überall so schnell bei der Hand wie Hitler. Für den ist jeder, der gegen ihn ist, ein Kommunist. Die Begriffe zu vereinfachen, ist die erste Tat aller Diktatoren.«

«Laß uns nicht über Politik reden. Hättest du aus Mexiko nach Amerika zurückkommen können?«

«Nur mit Papieren. Und auch dann nicht, wenn ich hier einmal ausgewiesen bin. Ist jetzt Schluß mit dem Verhör?«

«Noch nicht. Warum haben sie dich hiergelassen?«

Ich lachte.»Das ist eine verzwickte Sache. Stünde Amerika nicht mit Deutschland im Krieg, hätte man mich wahrscheinlich nicht hereingelassen oder mich wieder ausgewiesen. So profitiere ich von einer Antithese. Eine der vielen Ironien, die sich bei großen Unglüdten ergeben. Wenn es die nicht gäbe, wären viele Leute meiner Art nicht mehr am Leben.«

Sie setzte sich neben mich.»Du scheinst ein ziemlich schwer zu fassender Typ zu sein.«

«Leider.«

«Ich habe dabei das dunkle Gefühl, daß du es genießt.«

Ich schüttelte den Kopf.»Nein, Natascha. Ich mache mir das nur vor.«

«Du machst es dir ganz gut vor.«

«So wie Kahn, oder? Es gibt aktive und passive Emigranten. Kahn und ich wollen lieber aktiv sein. Wir waren es in Frank reich. Wir mußten es sein. Anstatt zu weinen über unser Los, ver suchten wir, es, so oft wir konnten, ein Abenteuer zu nennen. Es war ein ziemlich verzweifeltes Abenteuer.«

Wir gingen spät abends noch einmal hinaus. Ich hatte eine Zeit lang am Fenster gesessen und nachgedacht. Der Himmel war vol ler Sterne, Wind flog über die niedrigen Dächer unter uns in der 5 5. und 5 6. Straße, und er schien gegen die Wolkenkratzer Sturm zu laufen, die wie Türme des Schweigens zwischen den grünen und roten Blinklichtern der Straße standen. Ich öffnete das Fen ster und stedtte den Kopf hinaus.»Es ist kühler geworden, Na tascha. Das erstemal in Wochen! Man kann atmen!«

Sie kam zu mir herüber.»Es wird Herbst«, sagte sie.

«Gott sei Dank!«

«Gott sei Dank? Wünsch die Zeit nicht fort!«

Ich lachte.»Du sprichst, als wärst du achtzig.«

«Man soll die Zeit nicht fortwünschen. Du tust es. Ich weiß, daß du es tust.«

«Jetzt nicht mehr«, erwiderte ich und wußte, daß ich log.

«Wo willst du schon hin? Zurück, ich weiß es.«

«Aber Natascha, ich bin ja noch nicht einmal richtig da. Wer denkt da an zurückgehen?«

«Du. Du denkst an nichts anderes.«

Ich schüttelte den Kopf.»Ich denke nicht weiter als bis morgen. Es wird Herbst werden und Winter und Sommer und wieder Herbst, und wir werden lachen und weiter zusammen sein.«

Sie lehnte sich a.:i mich.»Du darfst mich nicht verlassen! Ich kann nicht allein sein. Ich bin keine heroische Frau. Und ich habe kei nen heroischen Charakter.«

«Frauen mit heroischen Charakteren habe ich unter den Teuto nen zu Millionen gesehen. Es ist eine Nationaleigenschaft bei denen. Sie haben ihn statt Charme. Er ersetzt oft auch die Erotik. Zum Knochenkotzen. Laß uns ohne Klage in den ersten Spät sommerabend hinausgehen.«

«Gut.«

Wir fuhren hinunter. Der Aufzug war leer. Das rosa Ballett war vorbei. Auch die Stunde der Pudel. Der Wind schnoberte wie ein Jagdhund um die Ecke von Edward’s Drugstore.»Der Sommer ist vorbei«, sagte Nick aus seinem Zeitungsstand heraus.