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«Gott sei Dank«, erwiderte Natascha.

«Freu dich nicht zu früh«, sagte ich.»Er kommt wieder.«

«Nichts kommt wieder«, erklärte Nick.»Nur das Elend und jenes Schwein von einem Pudel, das Ren£ heißt und an meinem Kiosk die Titelbilder von Vogue und Esquire anpißt, wenn ich nicht aufpasse. Wollen Sie die News?«

«Wir nehmen sie nachher mit rauf.«

Mir gab dieses harmlose Getratsche immer wieder dieselbe Erre gung. Es war die Erregung eines Menschen, der sich nicht mehr zu verstecken brauchte. Die sanfte Bürgerlichkeit des Abendspaziergangs wurde immer wieder zum Abenteuer der Sicherheit. Ich war schon fast ein Mensch, zwar nur geduldet, aber nicht mehr gejagt. Dazu kam, daß ich in meiner amerikanischen etwa zwei Drittel meiner europäischen Entwicklung erreicht hatte. Ich sprach kein gutes, aber ein einigermaßen flüssiges, begrenztes Englisch. Mein Sprachschatz war zwar noch der eines Vierzehn jährigen, aber ich konnte mehr damit anfangen. Viele Amerikaner kamen mit nicht sehr viel mehr Wörtern aus. Sie blieben nur nicht stecken, so wie ich.

«Möchtest du die große Tour absolvieren?«fragte ich.

Natascha nickte.»Soviel Licht wie in dieser halbverdunkelten Stadt nur möglich ist! Die Tage werden kürzer.«

Wir gingen zur Fifth Avenue hinauf, am Hotel Sherry Netherland vorbei auf den Central Park zu. Vom Zoo hörte man das Brüllen der Löwen selbst durch den Straßenlärm. Wir blieben beim Vieille Russie stehen und betrachteten die Ikonen und die kunstvollen Ostereier, die Faberge für die Zarenfamilie aus Onyx und Gold gemacht hatte. Die russischen Emigranten, diese Aristokratie unter den Flüchtlingen, verkauften sie immer noch hierher. Das hört nie auf, so wie die Donkosaken nie aufhörten und weitere Konzerte gaben, als wären sie wie die Katzen jammer-Kids, die auch nie älter wurden.

«Da draußen fängt der Herbst an«, sagte Natascha und zeigte auf den Central Park hinunter.»Gehen wir doch zurück zu van Cleef und Arpels.«

Wir wanderten an den Schaufenstern entlang, in denen die Herbstmoden ausgestellt waren.»Ich habe das längst hinter mir«, sagte Natascha.»Wir haben sie im Juni photographiert. Ich bin immer um eine Jahreszeit voraus. Morgen photographieren wir Pelze. Vielleicht habe ich deshalb das Gefühl, daß das Leben schneller vorbeigeht. Wenn die ändern noch den Sommer preisen, trage ich schon den Herbst im Blut.«

Ich blieb stehen und küßte sie.»Wie wir reden!«sagte ich.»Wie Figuren bei Turgenjew oder Flaubert. Neunzehntes Jahrhun dert. Jetzt trägst du schon den Winter im Blut mit Schneestürmen, Pelzen und Kaminen, du Vorbotin der Jahreszeiten.«

«Und du?«

«Ich? Das weiß ich nicht. Die Erinnerung an Zerstörungen und Gewalttätigkeiten vielleicht. Vom Herbst und Winter in Ame rika weiß ich nichts. Ich kenne dieses Land nur im Frühling und Sommer. Ich weiß nicht, wie Wolkenkratzer im Schnee aus- sehen.«

Wir gingen bis zur 42. Straße und dann über die Zweite Avenue zurück.

«Bleibst du heute nacht bei mir?«fragte Natascha.

«Kann ich das?«

«Du hast eine Zahnbürste hier und Wäsche. Einen Pyjama brauchst du nicht. Rasieren kannst du dich mit meinem Apparat. Ich möchte heute abend nicht alleine schlafen. Es wird mehr Wind geben. Wenn er mich aufweckt, will ich, daß du neben mir liegst und mich tröstest. Ich möchte hemmungslos sentimental sein und getröstet werden und mit dir wieder einschlafen und den Herbst spüren und vergessen und ihn wieder spüren.«

«Ich bleibe hier.«

«Gut. Wir wollen zu Bett gehen und uns fühlen. Wir werden im Spiegel gegenüber unsere Gesichter sehen und auf den Sturm lau schen. Unsere Augen werden manchmal erschreckt und etwas dunkler werden, wenn wir ihn hören. Dann wirst du mich näher an dich heranziehen und mir von Florenz und Paris und Venedig erzählen und all den Plätzen, wo wir nie zusammen sein wer den.«

«Ich war nie in Venedig und Florenz.«

«Du kannst davon erzählen; das ist, als wärst du da gewesen. Ich werde vielleicht weinen und scheußlich aussehen. Ich bin in Trä nen keine Schönheit. Du wirst es mir verzeihen und meine Senti mentalität auch.«

«Ja.«

«Dann komm und sag mir, daß du mich für immer liebst und daß wir nie älter werden.«

XXII

«Ich habe eine interessante Neuigkeit für Sie«, sagte Silvers.»Wir werden uns aufmachen und Hollywood erobern. Was sagen Sie dazu?«

«Als Schauspieler?«

«Als Verkäufer von Bildern. Ich habe verschiedene Einladungen dorthin bekommen und mich entschlossen, die Gegend einmal fachmännisch zu bearbeiten.«

«Mit mir?«

«Mit Ihnen«, erklärte Silvers großzügig.»Sie haben sich gut ein gearbeitet und können mir behilflich sein.«

«Wann?«

«In etwa vierzehn Tagen. Wir haben also Zeit zur Vorbereitung.«

«Für wie lange?«fragte ich.

«Vorläufig für vierzehn Tage. Vielleicht auch länger. Los Ange les ist jungfräulicher Boden. Mit Gold gepflastert.«

«Gold?«

«Mit Tausend-Dollar-Scheinen. Stellen Sie nicht so verbohrte Fragen. Jeder andere würde tanzen vor Freude. Oder wollen Sie nicht mit? Dann müßte ich mir einen anderen Begleiter suchen.«

«Und mich entlassen?«

Silvers wurde ärgerlich.»Was ist mit Ihnen los? Natürlich müßte ich das. Was sonst? Aber warum sollten Sie nicht mit wollen?«

Silvers sah mich neugierig an.»Glauben Sie, daß Sie nicht genug Garderobe haben? Ich kann Ihnen Vorschuß geben.«

«Für Garderobe in Ihren Diensten? Gewissermaßen Geschäfts garderobe? Die soll ich von Ihrem Vorschuß bezahlen? Ein trost loses Geschäft, Herr Silvers!«

Er lachte. Er war wieder auf vertrautem Gelände.»So meinen Sie das?«

Ich nickte. Ich wollte Zeit gewinnen. Es war mir nicht ganz gleichgültig, New York zu verlassen. Ich kannte niemand in Kalifornien, und Silvers als einzige Gesellschaft schien mir reichlich langweilig. Ich wußte bereits alles über ihn. Es war nicht schwer, wenn man kein besonderer Bewunderer der Schlauheit ist. Nichts war langweiliger als jemand, der sich außerdem immerfort etwas vormachte über sich selbst. Das war nur etwas für kurze Zeit. Ich sah mit Schaudern endlose Abende in einer Hotelhalle vor mir, Silvers ausgeliefert und ohne Privat leben.

«Wo wohnen wir?«fragte ich.

«Ich wohne im Beverly-Hills-FIotel. Sie im Garden of Allah.«

Ich blichte interessiert auf.»Ein hübscher Name. Klingt nach Rodolfo Valentino. Wir wohnen also nicht im selben Hotel?«

«Zu teuer. Ich habe gehört, der Garden of Allah sei sehr gut. Er ist nahe beim Beverly-Hills-Hotel.«

«Und wie machen wir es mit der Abredmung? Die Hotel- und Tagesspesen?«

«Sie schreiben sie auf.«

«Sie meinen, ich solle alle Mahlzeiten im Hotel nehmen?«

Silvers wischte mit der Hand durch die Luft.»Sie sind recht schwierig! Sie können das machen, wie Sie wollen. Sonst noch Fragen?«

«Ja«, sagte ich.»Ich brauche eine Gehaltsaufbesserung, um einen Anzug zu kaufen.«

«Wieviel?«

«Hundert Dollar im Monat.«

Silvers sprang auf.»Ausgeschlossen! Wollen Sie zu Knize gehen und dort arbeiten lassen? In Amerika kauft man von der Stange. Was haben Sie gegen Ihren Anzug? Er ist doch gut.«

«Nicht gut genug für einen Angestellten von Ihnen! Vielleicht brauche ich sogar einen Smoking.«

«Wir gehen nicht nach Hollywood, um zu tanzen und Bälle zu besuchen.«

«Wer weiß! Es wäre vielleicht keine so schlechte Idee. In Nacht klubs werden Millionäre leichter weichherzig. Wir wollen sie doch einfangen mit dem bewährten Geschäftstrick, daß sie gesellschaftsfähig werden, wenn sie Bilder kaufen.«