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Silvers sah ärgerlich auf.»Das sind Geschäftsgeheimnisse! Man redet nicht darüber. Und glauben Sie mir: Die Millionäre Hollywoods strotzen vor Selbstbewußtsein. Sie halten sich für Kultur träger. Also gut, ich gebe Ihnen zwanzig Dollar Zulage.«»Hundert«, erwiderte ich.

«Vergessen Sie nicht, daß Sie hier schwarz arbeiten. Ich riskiere etwas Ihretwegen!«

«Nicht mehr!«Ich blickte auf einen Monet, der mir gegenüber hing. Es war eine Wiese mit Mohnblumen, auf der eine weißgekleidete Frau spazierenging; angeblich 1889 gemalt, aber sie wirkte, als läge so viel Frieden weitaus länger zurück.»Ich habe meine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Für drei weitere Monate, und dann wird sie automatisch wieder verlängert.«

Silvers biß sich auf die Lippen.»Und?«sagte er.

«Ich darf also arbeiten«, erwiderte ich. Es stimmte nicht, aber man nahm es im Augenblick nicht zu genau.

«Sie meinen, Sie könnten Ihre Stellung wechseln?«

«Natürlich nicht. Warum sollte ich? Bei Wildenstein müßte ich wahrscheinlich in der Galerie herumstehen. Es gefällt mir besser bei Ihnen.«

Ich sah, daß Silvers rechnete. Er rechnete sich aus, wieviel das, was ich von ihm wußte, wert war — für ihn und für Wilden stein. Wahrscheinlich bereute er für den Augenblick, mich in so viele Kniffe eingeweiht zu haben.»Bedenken Sie, daß in den letzten Wochen auch meine Moral in den Beruf einbezogen worden ist«, sagte ich.»Ich habe allerhand schwindeln müssen. Erst vorgestern bei dem Millionär aus Texas trat ich als früherer Assistent des Louvre auf. Meine Sprachkenntnisse sind auch noch etwas wert.«

Wir einigten uns auf fünfundsiebzig Dollar. Ich hatte mit dreißig gerechnet. Ich erwähnte den Smoking nicht mehr, ich dachte nicht daran, mir jetzt einen zu kaufen. In Kalifornien könnte ich ihn benützen, um eine weitere einmalige Zulage von Silvers zu erpressen, wenn er verlangen sollte, daß ich ihn als Assistent des Louvre begleite.

Ich ging zu Vriesländer, um ihm die ersten hundert Dollar des Geldes zu bringen, das er mir für meinen Anwalt geliehen hatte.»Setzen Sie sich«, sagte er und steckte das Geld nachlässig in seine Brieftasche aus schwarzem Krokodilleder.»Haben Sie schon ge gessen?«

«Nein«, erwiderte ich sofort. Das Essen bei Vriesländer war großartig.

«Dann bleiben Sie«, entschied er.»Es kommen nur noch vier, fünf Gäste. Ich weiß nicht, wer. Fragen Sie meine Frau. Wollen Sie einen Scotch?«

Vriesländer trank, seit er eingebürgert war, nur noch Whisky. Ich hätte eher das Gegenteil erwartet — daß er Whisky vorher getrunken hätte, um seinen guten Willen zu zeigen, ein echter Amerikaner zu werden, und daß er hinterher zu Barads und Kümmel zurückkehrte. Aber Vriesländer war ein besonderer Mensch. Dafür hatte er vor seiner Einbürgerung mit ungarischem Akzent englisch gestottert und darauf bestanden, daß auch seine Familie zu Hause englisch spräche, es gab sogar bösartige Geschichten, daß er sogar im Bett darauf bestanden habe. Doch nie mand konnte das natürlich beweisen. Wenige Tage nach der Ein bürgerung sprach man im Hause Vriesländer wieder babylonisch: eine Mischung aus Deutsch, Englisch, Jiddisch und Ungarisch.

«Meine Frau hat den Barack unter Verwahrung«, erklärte Vriesländer.»Wir sparen ihn auf. Man kann ihn hier ja kaum bekommen. Und wir müssen ihn abschließen. Die Köchin säuft ihn sonst aus. Es ist ihre Art von Heimweh. Haben Sie auch Heimweh?«»Wonach?«

«Nach Deutschland.«

«Nein. Ich bin ja kein Jude.«

Vriesländer lachte.»Da ist was dran.«

«Und wieviel«, sagte ich und dachte an Betty Stein.»Die Juden waren die sentimentalsten Patrioten.«

«Wissen Sie, warum. Weil sie es bis 1933 in Deutschland gut hatten. Der letzte Kaiser adelte sie. Er ließ sie sogar bei Hof verkehren. Er hatte jüdische Freunde, der Kronprinz jüdische Geliebte.«

«Unter Seiner Majestät wären Sie vielleicht auch noch Baron geworden«, sagte ich.

Vriesländer strich sich über den Kopf.»Tempi passati!«

Er blickte einen Augenblick versonnen in die Vergangenheit. Ich schämte mich meiner flegelhaften Bemerkung, aber er hatte sie gar nicht zur Kenntnis genommen. Das konservative Blut eines Mannes, der eine Villa an der Tiergartenstraße besessen, hatte ihn für einen besonnten Moment überwältigt.»Damals waren Sie ja noch ein Kind«, sagte er.»Gut, lieber junger Freund! Gehen Sie zu den Damen.«

Die» Damen «bestanden aus Tannenbaum und, zu meinem Erstaunen, Ravic, dem Chirurgen.»Sind die Zwillinge schon gegangen?«fragte ich Tannenbaum.»Haben Sie die falsche Schwester in den Hintern gezwickt?«

«Dummes Zeug! Glauben Sie übrigens, daß sie nicht nur im Gesicht ähnlich sind, sondern auch.. «

«Natürlich.«

«Sie meinen im Temperament?«

«Da gibt es zwei Schulen.«

«Verflucht! Was meinen Sie dazu, Doktor Ravic?«

«Nichts.«

«Um das so zu beantworten, braucht man kein Doktor zu sein«, erwiderte Tannenbaum pikiert.

«Eben«, meinte Ravic ruhig.

Frau Vriesländer kam herein im Empirekleid, hoch gegürtet, eine behäbige Madame de Stael. Ein Saphirarmband mit nußgroßen Steinen rasselte an ihrem Arm.»Cocktails, meine Herren?«

Ravic und ich nahmen Wodka; Tannenbaum zu unserem Entsetzen Chartreuse, gelb.»Zu Matjeshering?«fragte Ravic erstaunt.

«Zu Zwillingen«, erwiderte Tannenbaum immer noch gekränkt.»Wer das eine nicht weiß, soll über das andere nicht reden!«»Bravo, Tannenbaum«, sagte ich.»Ich wußte nicht, daß Sie Surrealist sind.«

Vriesländer erschien, mit ihm die Zwillinge, Carmen und einige andere Gäste. Die Zwillinge wie Quecksilber, Carmen in tragisches Dunkel gehüllt, an einem Stück Nußschokolade kauend. Ich war neugierig, ob sie nach der Schokolade auch die Matjes heringe nehmen würde. Sie tat es. Ihr Magen war ebenso unerschütterlich wie ihr Gehirn.

«In vierzehn Tagen gehe ich nach Hollywood«, verkündete Tan nenbaum laut, während das Gulasch ausgeteilt wurde. Er blickte wie ein Pfau um sich — in die Richtung der Zwillinge.

«Als was?«fragte Vriesländer.

«Als Schauspieler, als was sonst?«

Ich horchte auf. Ich glaubte ihm nicht; er hatte das zu oft er wähnt. Aber er war schon einmal dagewesen für eine kleine Rolle als Flüchtling in einem Anti-Nazi-Film.»Was spielen Sie?«fragte ich.»Buffalo Bill?«

«Einen SS-Gruppenfuhrer.«

«Was?«

«Sie als Jude?«fragte Frau Vriesländer.

«Warum nicht?«

«Mit dem Namen Tannenbaum?«

«Mein Künstlername ist Gordon T. Crow. T. steht für Tannenbaum.«

Alle sahen ihn zweifelnd an. Es war zwar öfter vorgekommen, daß Emigranten Nazis spielten, weil in der sehr pauschalen Überlegung Hollywoods beide Europäer waren und sich damit, Freund oder Feind, besser dafür eigneten als Stockamerikaner.»SS-Gruppenführer?«sagte Vriesländer.»Das ist bei denen ja soviel wie ein General!«

Tannenbaum nickte.

«Meinen Sie nicht Sturmbannführer?«fragte ich.»Gruppenführer! Warum nicht? In der amerikanischen Armee gibt es doch auch jüdische Generale. Es kann sogar sein, daß die Rolle noch angehoben wird. Zu einer Art Obergeneral.«

«Verstehen Sie denn was davon?«

«Was ist da zu verstehen? Ich habe meine Rolle. Natürlich ist der Mann ein Scheusal. Einen sympathischen Gruppenführer hätte ich natürlich abgelehnt.«

«Gruppenführer!«sagte Frau Vriesländer.»Ich hätte gedacht, ein so hohes Tier würde von Gary Cooper gespielt werden!«

«Die Amerikaner weigern sich, solche Rollen zu spielen«, er klärte der kleine Vesel, ein Rivale Tannenbaums.»Es schadet ihrer Reputation. Sie müssen sympathisch bleiben. Solche Rollen überlassen sie den Emigranten. Und die spielen sie, weil sie sonst verhungern würden.«

«Kunst ist Kunst«, erwiderte Tannenbaum hochmütig.»Würden Sie nicht Rasputin spielen oder Dschingis-Khan oder Iwan den Schrecklichen?«