«Ist es eine Hauptrolle?«fragte ich.
«Natürlich nicht«, erwiderte Vesel rasch.»Wie kann sie das sein? Die Hauptrolle spielt ein sympathischer Amerikaner mit einer tugendhaften Amerikanerin. Muß er ja!«
«Streitet euch nicht!«mahnte Vriesländer.»Helft euch lieber gegenseitig. Was gibt es zum Nachtisch?«
«Pflaumenkuchen und Sachertorte.«
Wie meistens, so wurden auch diesmal Schüsseln vorbereitet, um sie nach Hause mitzunehmen. Ravic lehnte ab. Tannenbaum und Vesel wollten Extraportionen der Sachertorte. Mir steckte die Köchin, der ich heimlich zwei Dollar gegeben hatte, eine bequem tragbare Henkelschüssel aus verzinntem Kupfer zu und eine verzierte Pappschachtel mit Kuchen. Die Zwillinge bekamen eine Zwillingsschüssel. Carmen lehnte ab, sie war zu faul zum Tragen.
Wir verabschiedeten uns wie die armen Verwandten.»Wie kriegt man nur diese Zwillinge auseinander?«fragte Gruppenführer Tannenbaum mich leise.»Sie essen zusammen, leben zusammen und schlafen zusammen!«
«Das scheint mir kein großes Problem zu sein«, erwiderte ich.»Ein Problem wäre es bei echten siamesischen Zwillingen.«
Natascha mußte an diesem Abend zum Photographieren. Sie hatte mir den Schlüssel zur Wohnung gegeben, damit ich auf sie warten konnte. Ich schleppte das Gulasch und den Kuchen hinauf. Dann ging ich noch einmal zur Zweiten Avenue, um Bier zu holen.
Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, als ich mit dem Schlüssel die Tür öffnete und in die leere Wohnung trat. Ich konnte mich nicht daran erinnern, daß ich das je irgendwann getan hatte. Immer war ich entweder in ein Hotelzimmer gekommen oder zu Besuch in eine Wohnung. Jetzt hatte ich das Gefühl, in meine eigene Wohnung heimzukehren. Ein sanfter Schauer rieselte mir über die Arme, als ich die Tür aufschloß. Etwas aus weiter Entfernung schien mich zu rufen, etwas, das mit meinem Elternhaus zu tun hatte und woran ich lange Zeit nicht gedacht hatte. Die Wohnung war kühl, und ich hörte das Summen der Klimaanlage im Fenster und des Eisschranks in der Küche. Diese Geräusche waren wie freundliche Geister, die die Wohnung bewachten. Ich drehte das Licht an, stellte das Bier kalt und das Gulasch auf den Gasherd mit kleiner Flamme, um es warm zu halten. Dann schaltete ich das Licht wieder ab und öffnete die Fenster. Die warme Luft kam wie ein Schwall herein, ungestüm und begierig. Die kleine blaue Flamme auf dem Herd verbreitete ein schwaches magisches Licht. Ich suchte mir im Radio die Station, die klassische Musik ohne Reklame brachte. Gespielt wurden die Preludes von Debussy. Ich setzte mich in einen Sessel am Fenster und sah auf die Stadt. Es war das erstemal, daß ich so auf Natascha wartete. Ich war sehr ruhig und entspannt und genoß es sehr. Ich hatte Natascha noch nichts davon gesagt, daß ich mit Silvers nach Kalifornien fahren sollte.
Sie kam ungefähr eine Stunde später. Ich hörte den Schlüssel in der Tür. Einen Augenblick dachte ich, der Besitzer der Wohnung könnte unvermutet zurückgekommen sein, dann hörte ich Nataschas Schritte.»Bist du da, Robert? Warum hast du kein Licht?«Sie warf einen Koffer mit ihren Sachen in das Zimmer.»Ich bin schmutzig und sehr hungrig. Was soll ich zuerst tun?«
«Baden. Und während du badest, kann ich dir einen Teller Szegediner Gulasch reichen. Das Zeug steht heiß auf dem Gasherd. Dazu gibt es Dillgurken und nachher Sachertorte.«
«Warst du wieder bei der fabelhaften Köchin?«
«Ich war da und habe, wie eine Krähe für ihr Junges, reichlich für uns mitgeschleppt. Wir brauchen zwei bis drei Tage nichts einzukaufen.«
Natascha stieg bereits aus ihren Kleidern. Das Badezimmer dampfte und roch nach Nelken von Mary Chess. Ich brachte das Gulasch. Es war wieder einmal für einen Augenblick Frieden in der Welt.»Bist du heute als Kaiserin Eugenie mit dem Diadem von van Cleef und Arpels photographiert worden?«fragte ich, während sie das Gulasch beschnupperte.
«Nein. Als Anna Karenina. Pelze bis zum Hals und auf dem Bahnhof von Petersburg oder Moskau wartend auf ihr Schicksal in Gestalt von Wronski. Ich war erschreckt, als ich auf die Straße kam, und kein Schnee war gefallen.«
«Du siehst aus wie Anna Karenina.«
«Immer noch?«
«Überhaupt.«
Sie lachte.»Jeder hat eine andere Anna Karenina. Ich fürchte, sie war bedeutend dicker als die Frauen von heute. Damals war das so Sitte. Das 19. Jahrhundert hatte ja doch Rubenssche Formate, lange Korsetts, gepanzert mit Fischbeinstäbchen und Kleider bis auf den Boden. Es kannte auch Badezimmer nur andeutungsweise. Was hast du alles hier gemacht? Zeitungen gelesen?«»Das Gegenteil! Mich bemüht, einmal nicht an Schlagzeilen und Leitartikel zu denken.«
«Warum nicht?«
«Weil ich nichts dazu tun kann.«
«Das können die wenigsten. Abgesehen von den Soldaten.«
«Ja«, sagte ich.»Abgesehen von den Soldaten.«
Natascha gab mir den Teller zurück.»Möchtest du einer werden?«
«Nein. Es würde nichts ändern.«
Sie beobachtete mich eine Zeitlang.»Grämst du dich sehr, Robert?«fragte sie dann.
«Das würde ich nie zugeben. Was bedeutet es außerdem schon, sich zu grämen? Andere verlieren ihr Leben.«
Sie schüttelte den Kopf.»Was willst du eigentlich, Robert?«
Ich blickte sie überrascht an.»Was ich will?«wiederholte ich, um Zeit zu gewinnen.»Was meinst du damit?«
«Später. Was willst du tun? Wofür lebst du?«
«Komm«, sagte ich.»Das sind keine Badezimmergespräche! Heraus aus dem Wasser!«
Sie stand auf.»Wofür lebst du wirklich?«fragte sie.
«Wer weiß das von sich? Weißt du es von dir?«
«Ich brauche es nicht zu wissen. Ich bin ein Reflex. Aber du!«
«Du bist ein Reflex?«
«Weiche nicht aus. Was willst du? Wofür lebst du?«
«Ich höre die schweren Flügel der Bürgerlichkeit um meine Ohren schlagen. Wer weiß so etwas wirklich? Und wenn er es weiß, ist es dann auch schon nicht mehr wahr. Ich reise mit leichtem Gepäck, das ist alles, vorläufig.«
«Du weißt es nicht.«
«Ich weiß es nicht«, erwiderte ich.»Ich weiß es nicht, wie ein Bankier oder ein Priester es weiß. Ich werde es auch nie so wissen. «Ich küßte sie auf die feuchten Schultern.»Ich bin es auch gar nicht gewohnt, Natascha. Überleben war für so lange Zeit alles, und es war so schwierig, daß man nicht dazu kam, für etwas zu leben. Bist du nun zufrieden?«
«Das ist nicht richtig, und du weißt es auch. Aber du willst es mir nicht sagen. Vielleicht willst du es dir selbst nicht sagen. Ich habe dich schreien gehört!«
«Was?«
Sie nickte.»Während du schliefst.«
«Was habe ich denn geschrien?«
«Das weiß ich nicht mehr. Ich schlief ja und wachte davon auf. «Ich atmete auf.»Jeder hat einmal schlechte Träume.«
Sie antwortete nichts.»Ich weiß eigentlich überhaupt nichts von dir«, sagte ich dann nachdenklich.
«Du weißt schon zuviel! Das schadet der Liebe. «Ich nahm sie und drängte sie aus dem Badezimmer.»Inspizieren wir, was in dem Küchenpaket ist. Du hast die schönsten Knie der Welt.«
«Du willst mich ablenken.«
«Warum sollte ich dich ablenken? Wir haben ja sogar einen Pakt geschlossen. Du hast mich neulich noch daran erinnert.«
«Dieser Pakt! Das war doch nur ein Vorwand. Wir wollten beide etwas vergessen. Hast du es vergessen?«
Mir war, als hätte ich plötzlich einen kühlen Schlag aufs Herz bekommen. Nicht heftig, wie ich es erwartet hatte, sondern kühl, als hätte eine Schattenhand danach gegriffen. Es war nur ein Augenblick, aber die Kühle löste sich nicht auf. Sie blieb und wich erst zögernd.»Ich hatte nichts zu vergessen«, sagte ich.»Ich habe gelogen.«
«Ich sollte dich keine so törichten Dinge fragen«, sagte sie.»Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Vielleicht kommt es daher, weil ich den ganzen Abend Anna Karenina war, mit Pelzen und dem Gefühl, in einer Troika zu sitzen im Schnee mit aller Sentimentalität und der Romantik einer Zeit, die wir nie gekannt haben. Vielleicht ist es der Herbst, der mir soviel näher gekommen ist als dir. Im Herbst lösen sich alle Pakte, und keiner ist mehr gültig. Man will — ja, was will man?«