Выбрать главу

«Liebe«, sagte ich und sah sie an. Sie hockte etwas verloren auf dem Bett, überhaucht von Zärtlichkeit und dem weichen Selbst mitleid eines Menschen, der damit nichts anzufangen weiß.

«Liebe, die bleibt.«

Ich nickte.»Liebe mit Kaminfeuern, Lampenglanz, Nachtwinden, fallenden Blättern und der Zuversicht, nichts verlieren zu können.«

Natascha räkelte sich.»Ich bekomme bereits wieder Hunger. Ist noch Gulasch da?«

«Für eine kleinere Kompanie. Willst du tatsächlich nach der Sachertorte noch einmal Szegediner Gulasch essen?«

«Ich bin heute abend zu allem fähig. Bleibst du über Nacht hier? «»Ja.«

«Gut. Dann will ich dich nicht weiter mit meinen unerfüllten Herbstillusionen quälen. Sie sind ohnehin verfrüht. Ich glaube, wir haben kein Bier mehr im Eisschrank, oder?«

«Doch. Ich habe welches geholt.«

«Können wir im Bett essen?«

«Natürlich. Gulasch macht keine Flecken.«

Sie lachte.»Ich werde mich in acht nehmen. Was möchtest du jetzt tun, wenn du die Wahl hättest?«

XXIII

Der Traum kam erst mehr als eine Woche später. Ich hatte ihn früher erwartet und schon geglaubt, er würde nicht mehr kommen. Zögernd und vorsichtig hatte sich in mir eine Hoffnung geregt, daß es vielleicht sogar für immer damit vorbei sein könnte. Ich hatte getan, was ich konnte, um ihm zu entgehen, ich hatte mir fast überstürzt und hastig eingeredet, es seien nur noch Nach gewitter, wenn ich plötzlich diese jähen, atemlosen Augenblicke hatte, wie sie jemand während eines Erdbebens fühlen mußte, Gefühle, in denen es schien, als wäre alles lose.

Ich hatte mich getäuscht. Es war derselbe klebrige, zähe schwarze Traum gewesen wie früher, nicht schwächer, sondern eher noch drohender, und es war ebenso schwer für mich, mich von ihm zu befreien, wie sonst. Erst sehr langsam war das Bewußtsein klarer geworden, daß es keine Wirklichkeit war, sondern ein Traum. Er hatte begonnen mit dem Keller im Museum von Brüssel, mit der abgestandenen Dunkelheit darin und dem Gefühl, daß die ände begannen, sich zu verschieben, von oben und von den Seiten auf mich zu, um mich zu erdrücken. Dann, während ich nach Luft keuchte und schreiend auffuhr, ohne zu erwachen, war der klebrige Schlamm gekommen und später das Gefühl, gejagt zu werden, weil ich mich zurückgetraut hatte über die Grenze und nun im Schwarzwald die SS hinter mir her hatte mit Polizei hunden, angeführt von dem Mann, an dessen nacktes Gesicht ich mich nicht erinnern konnte, ohne zu. zittern bis in die Eingeweide. Sie hatten mich erwischt, und ich war wieder in dem Raum, wo die Krematorienöfen standen, allein, ausgeliefert den Gesichtern, den Hals ohne Atem, weil man mich eben bewußtlos von dem Haken an der Wand losgemacht hatte, an dem sie einen aufhängten, während die Opfer die Wände mit den Händen und den gebundenen Füßen zerkratzten und die Peiniger Wetten ab schlossen, wer sich am längsten am Leben erhalten konnte. Dann hörte ich wieder den Lächler, der nach Parfüm roch und mir er klärte, wie er mich noch lange nicht, aber vielleicht später, wenn ich ihn auf den Knien darum bitten würde, lebendig verbrennen wolle, und was dabei mit meinen Augen geschähe. Der letzte Traum war wie jedesmal der gewesen, daß ich jemand in einem Garten vergraben und daß ich es schon fast vergessen hatte, bis die Polizei im Sumpf die Leiche fand und ich nicht begreifen konnte, warum ich sie nicht anderswo und besser versteckt hatte.

Es dauerte lange, bis ich begriff, daß ich in Amerika war und geträumt hatte.

Ich war so erschöpft, daß ich mich eine Zeitlang nicht erheben konnte. Ich blieb liegen und starrte in die rötliche Nacht. Schließlich stand ich auf und zog mich an. Ich wollte nicht riskieren, noch einmal in den Schlaf zu rutschen und dann aufs neue überwältigt zu werden. Das war mir auch schon passiert, und der zweite Traum war dann stets schlimmer als der erste. Nicht nur Traum und Wirklichkeit mischten sich auf eine unlösliche Weise miteinander, sondern auch die beiden Träume, wobei der erste die Rolle einer verstärkten Wirklichkeit übernahm und mich völlig in Verzweiflung stürzte.

Ich ging hinunter in die Hotelhalle, in der nur noch ein trübseli ges Licht brannte. In der Edce schnarchte der Mann, der Melikow dreimal in der Woche vertrat. Er sah mit dem gefurchten, von Seele entleerten Gesicht und dem offenen, stöhnenden Mund selbst wie ein Gefolterter aus, der soeben bewußtlos von einem Fleischerhaken losgemacht worden war.

Ich gehöre zu ihnen, dachte ich, ich gehöre zu dieser Horde von Mördern, es war mein Volk, ganz gleich, was ich mir am Tage auch vortäuschen mochte, ganz gleich, ob sie mich gejagt und verstoßen und ausgebürgert hatten, ich war unter ihnen geboren, und es war töricht, wenn ich mir vormachen wollte, daß ein treues, ehrliches, unwissendes Volk durch Legionen vom Mars überfallen und hypnotisiert worden sei. Diese Legionen waren unter ihm selbst aufgewachsen, sie hatten sich aus brüllenden Kasernenhofschindern und tobenden Demagogen entwickelt, es war der alte, von Oberlehrern angebetete furor teutonicus gewesen, der zwischen Gehorsamsknechten, Uniformvergötzern und viehischem Atavismus aufgeblüht war; mit der einzigen Einschränkung freilich, daß das Vieh niemals so viehisch war. Es war keine Einzelerscheinung! Die Wochenschauen mit ihren Zehntausenden von aufgerissenen, tobenden Mäulern zeigten nicht ein geduldiges, unwilliges Volk, dem befohlen worden war, es war das Urvolk selbst, das jauchzte, das die dünne Schicht der Zivilisation durchbrochen hatte und sich nun in seinem barbarischen Blut-Kot wälzte. Furor teutonicus! Heiliges Wort meines bebrillten Vollbart-Oberlehrers! Wie er es kostete! Wie selbst Thomas Mann es noch gekostet hatte zu Beginn des ersten Krieges, als er die >Gedanken zum Kriege< schrieb und >Friedrich und die Große Koalition^ Thomas Mann, der Hort und Führer der Emigranten. Wie tief mußte die Barbarei sitzen, wenn sie selbst in diesem humanen und humanistischen Dichter nicht ganz aus gerottet war!

Ich trat auf die Straße. Die Nacht schlief noch zwischen den Mauern. Ich wandte mich zum Broadway, auf der Suche nach Licht. Ein paar Buden mit Hamburgers, die die ganze Nacht offen hatten, schütteten ihr sparsames Licht über die Straße. In einigen hochten Leute auf Barstühlen wie verdammte Geister. Licht ohne Menschen war gespensterhafter als Dunkel, es war zweddos in unserem immer auf Zweck ausgerichteten Dasein und wirkte mondhaft, als schiene es in Kratern, die in Häusern eingelassen und verlassen waren.

Ich blieb vor einem Delikatessengeschäft stehen. Im Fenster trau erten Mortadella-Würste und viele Käsesorten. Irwin Wolff hieß der Besitzer, der Europa wahrscheinlich zur rechten Zeit verlassen hatte. Ich starrte auf den Namen. Nicht einmal das hatte ich als Ausrede. Nicht einmal diese künstliche Unterscheidung konnte ich benutzen! Ich konnte nicht sagen, daß ich ein Jude wäre, ich konnte mich darauf nicht berufen, um klarzustellen, daß ich mit den Teutonen nichts zu tun habe; ich konnte sie nicht mit ihren eigenen falschen Waffen schlagen. Ich gehörte zu ihnen, ich war einer der Ihren, und wenn mir in diesem nebligen Morgengrauen Herr Irwin Wolff plötzlich gegenübergetreten und mit einem Messer nachgejagt wäre, als einem der Mörder seines Volkes, so hätte mich das in dieser Stunde nicht überrascht.

Ich ging weiter, über die nächtliche 20. Straße, ein Stüde den Broadway hinauf, dann nach rechts zur Dritten Avenue. Ich überquerte sie, ging wieder zurüdc, den Broadway entlang, des sen Lichter blasser geworden waren, und dann hinauf, bis ich zur Fifth Avenue gelangte, die schweigend und fast menschenleer war. Nur die Verkehrslichter funktionierten, die ganze lange Straße wurde nach einem sinnlosen, entmenschten Willen rot und grün, so wie Völker ohne Grund plötzlich umgeschaltet wurden aus friedlichem Grün in die düsteren Fackeln kilometerweiten Rots. Uber dieser unheimlichen Landschaft der Lautlosigkeit begann langsam der Himmel höher zu wachsen. Die Häuser wur den ebenfalls höher, sie schoben das Dunkel an sich empor wie Frauen, die sich entblößen, von Stockwerk zu Stockwerk, bis ganz oben die Kanten bleich sichtbar wurden und sich das ge staltlose Chaos mit einem fast fühlbaren Ruck von den Gebäu den löste, verschwamm und zerfloß. Ich ging und ging, ich wußte, daß Gehen und tiefes Atmen das einzige war, was mir immer ge holfen hatte, und unwillkürlich blieb ich auf der breiten Fifth Avenue, auf der die Läden im grauer werdenden Tag verwelkten, als wären ihre eingesperrten Lichtkuben von Krebs befallen. Ich hielt mich auf der Straße der billigen Zivilisation und der Luxusgeschäfte, als gäben sie mir Sicherheit und sogar Trost, als schritte ich diese Avenue nutzloser Bedürfnisse ab, und zu beiden Seiten, hinter den Steinmauern, fließe bereits klebrig schwarz das Chaos dahin, unterirdisch noch, aber bereit, auch hier aus den Kanälen hervorzubrechen und alles zu überschwemmen. Die Nacht erlosch, die haltlose Stunde vor der Frühe nebelte durch die Straßen, und über den Häuserblöcken erschien plötzlich, zart,jungfräulich, in Rosa, grauem Silber und einem Zugvögelflug von Lämmerwolken der junge Tag und legte seine ersten Licht pfeile auf die obersten Stockwerke der höchsten Gebäude, die in lichtem Pastell jetzt über dem dunkleren Gewoge der Straße schwebten. Es war vorbei, dachte ich und blieb vor den Schaufenstern von Saks stehen, in denen verzauberte Mannequin-Pupen im Dornröschenschlaf erstarrt schienen. Pelze um den Hals, Stolen, Pelerinen und Nerzkragen darüber, ein Dutzend erfrorener Anna Kareninas auf der Schnepfenjagd in Rußland. Ich war auf einmal sehr hungrig und fiel in die nächste Frühstücks stube ein, die offen war.