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Betty Stein war jetzt überzeugt, daß sie Krebs habe. Niemand hatte es ihr gesagt, jeder hatte sie beruhigt, trotzdem hatte sie sich, mit dem nie erlahmenden Scharfsinn mißtrauischer Kranker, aus den vielen kleinen Zeugnissen, die sie zusammentrug und nicht vergaß, allmählich ein größeres Bild gemacht. Sie glich in dieser Zeit einem General, der alle Detailmeldungen einer Schlacht zusammenträgt und auf einer großen Karte verzeichnet. Nichts wird vergessen, Widersprüche werden verglichen, berichtigt und verzeichnet, und langsam schält sich das Bild der Schlacht heraus — während alle ändern noch Teilerfolge buchen und in Optimismus schwelgen, hat er allein bereits erkannt, daß die Schlacht verloren ist, und während rundherum noch Siegge- schrien wird, gruppiert er schon seine Truppen zum letzten Gefecht.

Betty hatte aus Winken, Blicken, zufälligen Bemerkungen und Büchern alles zusammengetragen, was ein Mensch nur finden kann, der um sein Leben kämpft. Die Periode, beruhigt zu werden, war der des Mißtrauens gewichen, diese der des Zweifels. Jetzt auf einmal fiel die wache Anspannung aller Sinne zusammen und gab Gewißheit. Aber anstatt nun aufzugeben und zu resignieren, begann bei Betty ein nahezu heroischer Kampf um jeden Tag. Sie wollte nicht sterben. Der Tod, der während der Periode des Zweifels neben ihrem Bett zu stehen schien, wurde von einer unerhörten Anstrengung ihres Willens verscheucht. Er mochte nach wie vor da sein, aber sie nahm ihn nicht mehr zur

Kenntnis. Sie wollte leben, und sie wollte zurück nach Berlin; sie wollte nicht in New York sterben. Sie wollte zum Olivaer Platz in Berlin. Sie war von dort gekommen, und dorthin wollte sie zurück.

Sie fing plötzlich an, fieberhaft die Zeitungen zu studieren. Sie kaufte sich Karten von Deutschland und befestigte sie in ihrem Schlafzimmer an der Wand, um den Vormarsch der Alliierten zu verfolgen. Sie besaß bunte Nadeln, die sie jeden Morgen ein Stück weiter steckte, wenn sie die militärischen Berichte gelesen hatte. Ihr eigener Tod und der Massentod in Deutschland liefen ein Rennen Kopf an Kopf. Betty war eisern entschlossen, länger auszuhalten.

Sie war früher eine Frau mit einem Herzen gewesen, das schmolz wie Butter in der Sonne. Sie blieb diese Frau für ihre Bekannten. Sie konnte keine Tränen sehen, ohne daß sie nicht versucht hätte, sie zu stillen. Aber sie verhärtete sich jetzt gegen den Untergang eines Volkes, er wurde keine menschliche, sondern eher eine mathematische Katastrophe. Sie konnte nicht verstehen, warum dieses Volk nicht aufgab. Kahn behauptete, daß sie das allmählich als eine schwere persönliche Beleidigung auffaßte. Es war vielen Emigranten unverständlich, am meisten denen, die immer noch an ein verführtes Deutschland glaubten. Auch sie begriffen nicht, weshalb man drüben nicht aufgab. Sie waren bereit, dem einfachen Mann zuzugestehen, daß er nicht anders konnte, er war ja eingeklemmt zwischen Gehorsam und Pflicht. Weshalb aber der Generalstab weitermachte, obschon er klar voraussah, daß alles verloren war, begriff niemand. Man wußte, daß ein Generalstab, der einen verlorenen Krieg nicht beendete, sich aus fragwürdigen Helden in eine Bande von Massenmördern verwandelte, und blickte voll Abscheu und Entsetzen auf Deutschland, wo Feigheit, Angst und mißverstandenes Großmannstum diese Verwandlung gestatteten. Das Attentat auf Hitler machte es nur deutlicher — den wenigen Mutigen stand die überwältigende Masse egoistischer und mörderischer Generäle gegenüber, die sich mit Durchhalteparolen, die ihnen selbst nicht gefährlich werden konnten, vor ihrer Schande retteten.

Für Betty Stein war das alles zur persönlichen Sache geworden.

Der Krieg ging nur noch darum, ob sie den Olivaer Platz er reichen würden oder nicht. Der Begriff des Blutes hatte sich in Vormarschziffern aufgelöst. Betty marschierte mit. Wenn sie nachher aufwachte, grübelte sie darüber nach, wo die Amerikaner inzwischen sein könnten; Deutschland hatte sich für sie verkleinert, es bestand nur noch aus Berlin. Von Berlin hatte sie nach langem Suchen eine Spezialkarte gefunden. Hier wurde der Krieg wieder zu Blut und Grauen für sie. Sie litt ihn mit, wenn sie die Bombardements markierte. Sie weinte, sie wütete, weil selbst Kinder dort in Uniformen gesteckt wurden und kämpften. Wie eine traurige Eule starrte sie aus großen, verschreckten Augen auf uns und begriff nicht mehr, daß ihr Berlin und ihre Berliner nicht aufgeben wollten und die Parasiten, die ihnen im Nadten saßen und sein Blut saugten, nicht verjagten.

«Für wie lange gehen Sie fort, Ross?«fragte sie mich.

«Ich weiß es nicht genau. Für zwei Wochen. Vielleicht auch für länger.«

«Ich werde Sie vermissen.«

«Ich Sie auch, Betty. Sie sind mein Schutzengel.«

«Ein Schutzengel, dem der Krebs im Bauche frißt.«

«Sie haben keinen Krebs, Betty.«

«Ich spüre ihn«, flüsterte sie.»Ich spüre, wie er nachts frißt. Ich höre ihn. Wie eine Seidenraupe, die Maulbeerlaub frißt. Ich muß dagegen anessen, sonst frißt er mich zu rasch auf. Ich esse fünf mal am Tage. Ich darf nicht dünner werden. Ich muß etwas zu zusetzen haben. Wie sehe ich aus?«

«Glänzend, Betty. Gesund.«

«Glauben Sie, daß ich es schaffen werde?«

«Was, Betty? Daß Sie zurückkommen nach Deutschland? Warum nicht?«

Betty sah mich mit ihren dunkel umrandeten, hungrigen Augen an.»Werden sie uns reinlassen?«

«Die Deutschen?«

Betty nickte.»Es ist mir heute nacht eingefallen. Vielleicht nehmen sie uns an der Grenze gefangen und stecken uns in ein Konzentrationslager.«

«Das ist unmöglich. Dann sind sie doch besiegt und haben nichts mehr zu befehlen und anzuordnen. Die Amerikaner und Engländer und Russen sind dann da und befehlen.«

«Die Russen? Haben die nicht auch Konzentrationslager? Die werden dann doch in Berlin sein! Werden sie uns nicht in ihre Bergwerke in Sibirien schicken? Oder in Arbeitslager? So heißen doch die Lager, in denen man stirbt.«

Ihre Lippen zitterten.»Ich würde darüber jetzt nicht nachdenken, Betty«, sagte ich.»Warten Sie erst einmal, bis der Krieg zu Ende ist. Dann werden wir sehen, was passiert. Vielleicht etwas ganz anderes, als wir heute denken.«