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«Was?«fragte Betty ängstlich.»Meinen Sie, daß der Krieg weitergehen wird, wenn Berlin eingenommen ist? In den Alpen? In Berchtesgaden?«

Sie dachte nur an den Krieg im Verhältnis zu ihrem eigenen, rasch ablaufenden Leben. Ich merkte, wie sie mich beobachtete, und nahm mich zusammen; Kranke waren scharfsichtiger als Gesunde.»Sie denken, was Kahn denkt«, sagte sie klagend.»Daß die ändern sich um Siege und Niederlagen sorgen und ich nur an den Olivaer Platz denke.«

«Warum sollen Sie das nicht, Betty? Sie haben genug mitgemacht. Sie können Ihre Gedanken jetzt ruhig auf den Olivaer Platz beschränken.«

«Ich weiß. Aber…«

«Hören Sie nicht auf die ändern, die Sie kritisieren. Emigranten sind jetzt weit vom Schuß, und viele verfallen in die Fehler der Gefangenenpsychosen. So brutal das klingt, es hat Ähnlichkeit mit Stammtisch-Politikern. Jeder weiß alles und alles noch bes ser. Bleiben Sie, wie Sie sind, Betty. Wir haben bereits den Ge neral Tannenbaum mit seiner Blutliste. Wir brauchen keine zwei von der Sorte.«

Regen klatschte an die Scheiben. Es wurde dunkel im Zimmer. Betty kicherte plötzlich.»Dieser Tannenbaum! Er sagt, wenn er jemals Hitler im Film spielen müßte, würde er ihn wie einen schäbigen Heiratsschwindler spielen. So sähe er nämlich aus, mit der falschen Napoleonslocke und der Bürste unter der Nase. Ein Heiratsschwindler für ältere Damen!«

Ich nickte. Ich war dieser billigen Emigrantenwitze müde. Man tut etwas nicht mit Witzen ab, das eine Weltkatastrophe ausgelöst hat.»Tannenbaum ist unverwüstlich«, sagte ich.»Ein Mann von goldenem Humor!«

Ich stand auf.»Auf Wiedersehen, Betty. Ich bin bald wieder da. Dann werden Sie den ganzen Spuk, den Ihnen Ihre reiche Phantasie jetzt Vormacht, vergessen haben und wieder wie früher sein. Sie hätten Schriftstellerin werden sollen. Ich wollte, ich hätte die Hälfte Ihrer Phantasie!«

Sie nahm es als das, was es sein sollte, als ein Kompliment. Die armen, fragenden Augen belebten sich.»Das ist ein guter Gedanke, Ross! Aber worüber sollte ich wohl schreiben? Ich habe ja gar nichts erlebt.«

«Über Ihr Leben, Betty. Ihr volles Leben für uns alle.«

«Wissen Sie was, Ross? Das könnte ich wirklich einmal versuchen.«

«Tun Sie es.«

«Aber wer wird es lesen? Und wer wird es drucken? Das war es ja mit Möller! Er war verzweifelt, daß niemand in Amerika etwas von ihm drucken wollte. Deshalb hat er sich er hängt.«

«Das glaube ich nicht, Betty. Ich denke eher deshalb, weil er hier nicht schreiben konnte«, sagte ich rasch.»Das ist etwas ganz anderes als bei Ihnen! Möller konnte hier nicht schreiben, es fiel ihm nichts mehr ein. Im ersten Jahr noch, da war er noch voll Empörung und Protest. Aber dann wurde er still. Die Gefahr war vorüber, die Empörung wiederholte sich ohne neue persönliche Erfahrung, sie wurde zu einer rebellischen Langeweile und von da zu machtloser Resignation. Daß er sein Leben gerettet fand, genügte ihm nicht, wie den meisten von uns. Er wollte mehr, und daran zerbrach er.«

Betty hatte aufmerksam zugehört. Ihre Augen flatterten nicht mehr.»So wie Kahn?«fragte sie.

«Kahn? Was hat das mit Kahn zu tun?«

«Ich weiß nicht. Es fiel mir nur so ein.«

«Kahn ist kein Schriftsteller. Er ist das Gegenteil, ein Mann der Tat.«

«Eben«, erwiderte Betty zaghaft.»Aber vielleicht irre ich mich.«

«Sicher, Betty.«

Ich war nicht so sicher, als ich die dunklen Treppen hinabstieg. Im Flur begegnete ich Gräfenheim.»Wie ist sie?«fragte er.»Schwierig«, sagte ich.»Geben Sie ihr Mittel?«

«Noch nicht. Sie wird sie früh genug brauchen.«

Ich ging die regennasse Straße entlang. In der Nähe von Kahns Laden bog ich ab. Ich hatte zur 57. Straße weitergehen wollen, aber jetzt wollte ich nachsehen, was er machte.

Ich fand ihn in seinem Laden.»Wann fahren Sie nach Hollywood?«

«In zwei Tagen.«

«Es kann sein, daß Sie Carmen dort auftauchen sehen.«»Carmen?«

Kahn lachte.»Irgendein kleiner Assistent hat ihr einen Anfängerkontrakt gegeben. Für drei Monate. Hundert Dollar die Woche. Sie wird bald wieder hier sein. Sie ist ein Antitalent.«

«Wollte sie?«

«Nein. Sie ist zu bequem. Ich habe ihr Zureden müssen.«»Warum?«

«Damit sie nicht glaubt, etwas versäumt zu haben. Sie könnte es mir sonst ewig vorwerfen. So weiß sie es nach drei Monaten selbst. Stimmt’s?«

Ich antwortete nicht. Er war nervös.»Stimmt es nicht?«fragte er noch einmal.

«Ich hoffe es. Sie ist sehr schön. Ich hätte es nicht riskiert.«

Er lachte wieder, etwas hektisch.»Warum nicht? In Hollywood gibt es Tausende wie sie. Und solche mit mehr Talent. Sie kann ja nicht einmal Englisch! Kümmern Sie sich etwas um sie, wenn sie ankommt.«

«Natürlich, Kahn. Soweit man sich um ein hübsches Mädchen kümmern kann.«

«Bei Carmen ist das einfach. Sie schläft meistens.«

«Ich werde es gern tun. Aber ich kenne ja selbst niemand. Vielleicht Tannenbaum, sonst niemand.«

«Dann essen Sie ab und zu mit Carmen. Und reden Sie ihr zu, nach New York zurückzufahren, wenn es soweit ist.«

«Gut. Was machen Sie, wenn sie weg ist?«

«Dasselbe wie immer.«

«Was?«

«Nichts. Ich verkaufe Radioapparate. Was kann ich sonst machen? Der Enthusiasmus, am Leben zu sein, ist wie Champagner. Wenn man ihn geöffnet hat, wird er bald abgestanden. Gut, daß fast niemand lange darüber nachdenkt. Viel Glück, Ross! Werden Sie kein Schauspieler! Sie sind schon einer!«

«Wenn du zurückkommst, wird dieses Wolkenkuckucksnest wie der das Heim eines melancholischen Homosexuellen sein«, sagte Natascha.»Er kommt in einer Woche. Ein Brief auf grauem Bütten, nach Jockeyklub duftend, hat es mir heute morgen an gekündigt.«

«Von wo?«

«Interessiert dich das plötzlich?«

«Nein. Es war eine idiotische Frage, um meine Verwirrung zu verbergen.«

«Aus Mexiko. Auch dort ist eine große Liebe zu Ende gegangen.«

«Wieso auch dort?«

«Ist das wieder eine Frage, um deine Verwirrung zu verbergen?«

«Nein. Es ist eine Frage aus allgemeinem Interesse an menschlichen Entwicklungen.«

Sie stützte einen Arm auf und blickte in den Spiegel, so daß unsere Augen sich trafen.»Wie kommt es, daß wir viel mehr Interesse an Unglück haben als an Glück? Sind wir neidische Biester?«

«Das sicher. Aber außerdem ist Glück langweilig, Unglück nicht.«

Sie lachte.»Da ist was dran. Über Glück kann man höchstens fünf Minuten reden. Da ist nichts anderes zu sagen, als daß man glücklich ist. Über Unglück kann man nächtelang sprechen. Stimmt das?«

«Es stimmt bei kleinerem Unglück«, sagte ich zögernd.»Nicht bei wirklichem.«

Sie sah mich immer noch an. Das Licht vom Wohnzimmer fiel schräg in ihre Augen und machte sie seltsam hell und durchsich tig.»Bist du sehr unglücklich, Robert?«fragte sie, und ihre Au gen ließen mich nicht los.

«Nein«, erwiderte ich nach einer Weile.

«Gut, daß du nicht gesagt hast, du wärst glücklich. Meistens habe ich nichts gegen Lügen. Ich lüge selbst nicht schlecht. Aber manch mal kann ich es nicht ertragen.«

«Ich wünschte gerade sehr, daß ich glücklich wäre«, sagte ich.

«Du bist es nicht. Nicht so, wie andere Menschen glücklich sind.«

Wir sahen uns immer noch an. Es schien leichter, im Spiegel zu antworten, als wenn man sich direkt ansah.»Du hast mich neulich schon einmal so gefragt«, erwiderte ich.

«Damals hast du gelogen. Du dachtest, ich wollte dir eine Szene machen, und dem wolltest du aus dem Wege gehen. Ich wollte dir keine Szene machen.«

«Ich habe auch damals nicht gelogen«, sagte ich fast automatisch und bereute es gleich danach. Leider hatte ich im Leben einige Eigenschaften angenommen, die für meine Existenz wichtig waren, aber nicht für mein Privatleben — dazu gehörte es auch, nie eine Lüge einzugestehen. Es war ein gutes Prinzip im Kampf mit Behörden, aber nicht immer eines beim Umgang mit Geliebten, obschon es auch da mehr Vorteile als Nachteile hatte.