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«Ich habe nicht gelogen«, sagte ich.»Ich habe mich nur ungeschickt ausgedrückt. Wir haben aus einem romantischeren Jahr hundert eine Anzahl Begriffe übernommen, die viel differenzier ter geworden sind. Dazu gehört auch wohl der Begriff Glück. Wie leicht war man früher glücklich! Und mit Glück meinte man das ganze Glück! Ich denke nicht an die Schriftsteller und Falsch münzer, die mit ihren geschichten Lügen ganze Epochen durch einandergebracht haben — selbst sehr große waren wie hypnotisiert von der leuchtenden, unwirklichen Kugel, die mit Flitter gold überzogen war: Glück, diese Panazee, dieses Allheilmittel für alle. Wer liebte, war glücklich, und wer glücklich war, der war rundum glücklich.«

Natascha ließ meine Augen los und streckte sich lang aus.»Ja, Professor«, murmelte sie.»Das ist sicher sehr gescheit, aber glaubst du nicht auch, das andere war einfacher?«

«Das war es wahrscheinlich.«

«Es kommt doch nur darauf an, was man glaubt. Was ist schon wahr? Was man fühlt, hat doch mit Wahrheit nichts zu tun.«

Ich lachte.»Natürlich nicht.«

«Ihr bringt alles durcheinander. Wie schön war das früher, als man zu einer Unwahrheit nicht Lüge sagte, sondern Phantasie, und als Gefühl nur nach Intensität beurteilt wurde und nicht nach moralischen Grundsätzen. Ich bin neugierig, wie du aus dem Schwindelnest Hollywood zurückkommst! Dort wird man dir die volltönenden Klischees nur so vor den Augen schwenken, als wären sie ein geplatztes Bett mit Federn.«

«Woher weißt du das? Warst du dort?«

«Ja«, sagte Natascha.»Zum Glück war ich nicht photogen.«

«Du nicht photogen?«

«Nein, was immer das heißt.«

«Wärst du sonst dort geblieben?«

Sie küßte mich.»Natürlich, mein deutscher Hamlet. Jede Frau, die etwas anderes sagt, lügt. Glaubst du, mein Beruf sei etwas so Erhabenes, daß ich ihn nicht aufgeben könnte? Ach, diese fetten reichen Frauen, denen man vorschwindeln muß, Kleider für schlanke Personen paßten auch ihnen! Und diese dünnen Bestien, die sich nicht trauen, einen Geliebten zu haben, und die auch keinen finden können und dafür ihre Wut an Menschen auslassen, die sich nicht wehren können!«

«Ich wollte, du könntest mitkommen«, sagte ich, ohne nachzudenken.

«Das geht nicht. Die Wintersaison geht an. Und wir haben kein Geld.«

«Wirst du mich betrügen?«

«Natürlich«, sagte sie.

«Ist das natürlich?«

«Ich betrüge dich nicht, wenn du da bist.«

Ich sah sie an. Ich wußte nicht, ob sie meinte, was sie sagte.

«Wenn jemand nicht da ist, ist das, als kämeer nie wieder«, sagte sie.»Nicht sofort, aber sehr bald.«

«Wie bald?«

«Wie soll ich das wissen? Laß mich nicht allein, und du brauchst mich nie zu fragen.«

«Das ist bequem«, sagte ich.

«Es ist einfacher«, erwiderte sie.»Wenn jemand da ist, braucht man keinen ändern. Wenn er nicht da ist, ist man allein, und wer kann schon allein sein? Ich nicht.«

«Geht das so schnell?«fragte ich, nun doch etwas beunruhigt.»Man tauscht einfach einen gegen den ändern aus?«

Sie lachte.»Natürlich nicht. So ist das nicht. Es ist nicht einer gegen den ändern — es ist Nichtalleinsein gegen Alleinsein. Männer können vielleicht allein sein, Frauen nicht.«

«Du kannst nicht allein sein?«

«Nicht gut, Robert. Ich bin ein Efeu. Allein krieche ich auf dem Boden herum und verfaule.«

«Auch in zwei Wochen schon?«

«Wer weiß, wie lange du wegbleibst. Ich glaube nie an Daten. Besonders nicht an Daten von Rückkehr.«

«Das sind ja schöne Aussichten!«

Sie warf sich herum und küßte mich.»Möchtest du lieber eine Tränenliese, die ins Kloster geht?«

«Zum Hierbleiben nicht, zum Weggehen schon.«

«Man kann nicht alles haben.«

«Das ist der traurigste Satz, den es gibt.«

«Nicht der traurigste. Der weiseste.«

Ich wußte, daß wir spielten, doch es war ein Spiel, in dem die Pfeile nicht stumpf waren. Die Worte drangen weiter als nur unter die Haut.»Ich würde hierbleiben, wenn ich könnte«, sagte ich.»In dieser Zeit nach Hollywood zu gehen, scheint mir genau das Verkehrte. Aber ich würde in einer Woche nichts mehr zu essen haben, wenn ich nicht mitginge. Silvers würde einen ande ren Assistenten engagieren.«

Ich haßte mich, weil ich das sagte. Ich hatte mich nicht auf Erklärungen einlassen wollen, ich wollte nicht in eine Situation solcher Abhängigkeit geraten, in der ich Erklärungen abgeben mußte wie ein Schlappschwanz von Ehemann. Sie war schlau, dachte ich erbittert, sie hatte den Schauplatz verlegt. Ich kämpfte nicht mehr auf ihrem Grunde, sondern auf meinem, und das be deutete Gefahr. Ich hatte das einmal von einem Stierkämpfer gelernt.»Ich werde mich damit abfinden müssen«, sagte ich und lachte.

Es gefiel ihr nicht, aber sie antwortete nicht darauf.»Es ist Herbst«, sagte sie in dem schnellen Wechsel von Stimmungen, den ich an ihr kannte,»und im Eierbst sollte man nicht mehr allein sein. Es ist ohnehin schwer genug, ihn zu bestehen.«

«Du hast bereits Winter, Natascha. Du bist immer eine Jahres zeit voraus, hast du mir erklärt, die Wintermode ist mit Schneestürmen in vollem Gange.«

«Du weißt auf alles eine Antwort«, erklärte sie feindselig.»Immer weißt du einen Ausweg.«

«Für etwas weiß ich keinen Ausweg«, sagte ich.»Für dich!«

Ihr Gesicht veränderte sich.»Ich wollte, du würdest nicht lügen.«

«Ich lüge nicht. Ich weiß wirklich keinen. Warum sollte ich auch?«

«Du bist immer voller Pläne. Du läßt dich nicht überraschen. Ich mich immer. Warum tust du es nicht?«

«Es ist mir immer schlecht bekommen. Nur bei dir nicht. Du bist eine Uberraschung, die nie zur Gewohnheit wird.«

«Bleibst du heute nacht hier?«

«Ich bleibe hier, bis ich im Sturmschritt zum Bahnhof rennen muß.«

«Das brauchst du nicht. Du kannst ein Taxi nehmen.«

Wir schliefen wenig in dieser Nacht. Wir erwachten und liebten uns und schliefen ein, dicht aneinandergepreßt, und wachten auf und sprachen und liebten uns wieder oder fühlten nur unsere Wärme und das Geheimnis der Haut, die vereinigt und doch auf immer trennt. Wir ermatteten im Versuch, sie zu besiegen, wir stießen Rufe aus, wie man sie Pferden zuruft, um sie zu größerer Anstrengung anzufeuern, sinnlos, aus unterbewußten Quellen plötzlich aufspringend, wir haßten uns und liebten uns, wir schrien wie die Fuhrknechte miteinander, um tiefer in uns hin einzudringen, um unser Gehirn auszuleeren von allen künstlich aufgerichteten Grenzen, um näher heranzukommen an das Geheimnis des Windes, des Meeres und der Tiere, wir überschütteten uns mit dem Jargon der Huren und den Zärtlichkeiten der Liebenden, wir ermüdeten und wurden stiller, wir warteten auf die tiefe, braune und goldene Stille der letzten Entspanntheit, wenn selbst Worte zuviel der Mühe sind und man sie ohnehin nicht braucht — sie liegen fern, verstreut wie Steine nach einem starken Regen — wir warteten, und sie kam und sie war bei uns und wir fühlten sie: diese Stille, in der man nur noch Atem ist; nicht heftiger Atem, sondern leisester, der die Lungen kaum noch bewegt. Wir warteten darauf, wir sanken hinein, und Natascha sank hindurch in den Schlaf. Ich aber sah sie an, und es dauerte lange, bis auch ich schlief. Ich sah sie an mit der geheimen Neugierde, die ich immer schon bei Schlafenden hatte, als wüßten sie etwas, was mir für immer verborgen war. Ich sah ihr gelöstes Gesicht mit den langen Wimpern, das mir durch die Schatten magie des Schlafes entrüdct war und nichts mehr von mir wußte, für das alle Schwüre, Schreie, Entzüdumgen der Stunde vorher nicht mehr existierten, für das auch ich nicht mehr da war, neben dem ich sterben konnte, ohne daß es etwas von mir wußte, ich sah es gierig und voll eines leisen Grauens an, diesen fremden Menschen neben mir, der nun schon das Nächste war, das ich hatte, und ich begriff plötzlich, daß man nur die Toten ganz hat, weil sie nie entfliehen können. Alles andere pulsierte und weckselte und trennte sich und verschob sich und war schon nicht mehr das gleiche, wenn es auftauchte. Die Toten allein waren treu. Das war ihre Macht.