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Ich horchte auf den Wind, der in dieser Höhe fast immer um die Häuser strich. Ich fürchtete mich, einzuschlafen, ich scheuchte die Vergangenheit weg und betrachtete das Gesicht Nataschas, das jetzt zwischen den Brauen eine schmale Falte zeigte. Ich betrachtete es, und mir schien eine kurze Zeit, daß ich nahe daran war, etwas zu entdecken, das wie ein unbekannter und sanft beglänzter Raum war, von dem ich nichts geahnt hatte. Ich fühlte ein sehr ruhiges ekstatisches Entzücken, dessen stärkste Empfindung Weite war. Ich näherte mich vorsichtig und atemlos, und in dem Augenblick, in dem ich die letzte Bewegung machte, wußte ich es nicht mehr und war eingeschlafen.

XXIV

Der Garden of Allah hatte ein Schwimmbassin und eine Anzahl kleiner Häuschen, die man mieten konnte. Man hauste darin allein oder zu zweien oder mehreren. Ich wurde in eines einquartiert, das ein Schauspieler bewohnte. Jeder von uns hatte sein Zimmer, und wir besaßen zusammen ein Badezimmer. Das Ganze hatte etwas von einem bequemen Zigeunerlager an sich. Ich war überrascht und fühlte mich sofort wohl. Der Schauspieler lug mich am ersten Abend zu sich ein. Es gab Whisky und kalifornischen Wein, und nach und nach kamen Bekannte des Schauspielers dazu. Es war ziemlich ungezwungen, und wer Lust hatte zu baden, der sprang in das grünblau erleuchtete Schwimm bassin und kühlte sich ab. Ich trat auf in meiner Rolle als früherer Assistent im Louvre. Da ich nicht wußte, wie weit geklatscht werden konnte, hielt ich es für besser, auch privat dabei zu bleiben, schließlich hatte mich ja Silvers deswegen engagiert.

Ich hatte in den ersten Tagen nichts zu tun. Die Bilder, die Silvers von New York geschickt hatte, waren noch nicht angekommen. Ich trieb mich im Garden of Allah herum, fuhr mit John Scott, dem Schauspieler, ans Meer und ließ mich von ihm über das Leben in Hollywood belehren. Ich hatte schon in New York wieder und wieder das Gefühl von Unwirklichkeit gehabt, weil dieses riesige Land einen Krieg führte, von dem es nichts sah und der eine halbe Welt von ihm entfernt vor sich ging — hier in Hollywood wurde er ganz und gar literarisch. Es gab hier Obersten und Kapitäne in Massen, die in Uniform umherstolzierten, aber nichts von Krieg wußten. Es waren Film-Obersten, Film- Hauptleute, Film-Regisseure und Film-Produzenten, die von einem Tag zum anderen zu Obersten ernannt worden waren für irgendetwas, das irgendwie mit Kriegsfilmen zu tun hatte, und die vom Militärwesen nicht viel mehr wußten, als daß man die Mütze nicht abnahm, wenn man grüßte. Der Krieg hatte sich hier zu einer Art Wildwest umgewandelt, und man hatte das Gefühl, daß die Komparsen eines Films ihre Uniformen auch abends trugen. Wirklichkeit und Schein vermischten sich hier so vollkommen, daß sie zu einer neuen Substanz wurden — so wie Kupfer und Zink zu Messing, das aussah wie Gold. Es hatte nichts damit zu tun, daß Hollywood voll war von großen Musikern, Dichtern und Philosophen, ebenso war es voll von Schwärmern, von Sektierern und Schwindlern. Alle nahmen es auf, und wer sich nicht beizeiten rettete, verlor seine Identität, er mochte es glauben oder nicht. Das abgegriffene Wort vom Verkauf der Seele an den Teufel galt hier wirklich. Aber es war immer nur Kupfer und Zink, was hier zu Messing wurde und worüber stimmungsvolle Klagen angestimmt wurden.

Wir saßen im Sand am Strand von Santa Monica. Vor uns rollten die graugrünen Wellen des Stillen Ozeans. Neben uns schrien Kinder. Hinter uns wurden in einer Holzbude Hummer gekocht. Angehende Filmkomparsen stolzierten vorüber und hofften auf Entdeckung durch einen Talentscout oder einen kommenden Regieassistenten. Die Kellnerinnen in den Lokalen warteten alle auf ihren großen Augenblick: sie verbrauchten Schminke, Lippenstifte und enge Hosen oder kurze Röcke ohne Zahl. Über allem hing wie über einem Lotteriesaal die Erwartung des gro ßen Treffers: für den Film entdeckt zu werden.

«Tannenbaum?«sagte ich zweifelnd und starrte auf ein Wesen in einer großkarierten Jacke, das dunkel vor der Sonne auftauchte und den Horizont unterbrach.

«Persönlich«, erwiderte der Darsteller der Nazi-Rollen würdig.»Sie wohnen im Garden of Allah, wie?«

«Woher wissen Sie das?«

«Es ist die Heimat der Emigranten-Schauspieler.«

«Verdammt! Ich dachte, ich würde endlich einmal entkommen. Wohnen Sie auch da?«

«Ich bin heute mittag eingezogen.«

«Heute mittag! Also vor zwei Stunden. Und jetzt tummeln Sie sich bereits ohne Krawatte, in einem schreiendroten seidenen Halstuch, orangefarbenen Haaren und gelbkarierter Sportjadee am Stillen Ozean? Alle Achtung!«

«Man muß schnell sein. Ich sehe, Sie sind mit Scott hier.«

«Sie kennen Scott bereits?«

«Natürlich. Ich war schon zweimal hier. Einmal als Scharführer, das andere Mal als Sturmscharführer.«

«Ihre Karriere geht steil aufwärts. Jetzt sind Sie Sturmbann führer?«

«Gruppenführer.«

«Drehen Sie schon?«fragte Scott.

«Noch nicht. Wir fangen nächste Woche an. Jetzt haben wir Kostümproben.«

Kostümproben, dachte ich. Das, woran ich nicht zu denken wagte und was ich aus meinen Träumen zu verbannen suchte, war hier bereits Spiel geworden. Ich starrte Tannenbaum an und hatte plötzlich einen Augenblick ungeheurer Befreiung. Ich sah die Unruhe des silbergrauen Ozeans, das Gewoge aus Quecksilber und Blei, das den Horizont bedrängte, und den lächerlichen Mann davor, für den sich die Katastrophe der Welt bereits zu Kostümproben, Schminke und in ein Libretto verwandelt hatte, und mir war, als zerrisse eine schwere Wolkendecke über mir. Vielleicht, dachte ich, vielleicht gibt es das, daß man es nicht mehr ernst nimmt! Selbst wenn es nicht zur Kostümprobe und zum Film reicht, aber vielleicht kann es so werden, daß es nicht mehr wie ein riesiger Gletscher über einem hängt, darauf war tend, einen in seinem Eis zu begraben!

«Wann sind Sie drüben weggegangen, Tannenbaum?«fragte ich.

«Vierunddreißig.«

Ich wollte weiterfragen, aber ich besann mich. Ich wollte wissen,ob er Verluste erlitten hatte, Verwandte, die nicht mehr heraus gekommen oder die ermordet waren — es war wahrscheinlich, aber man konnte nicht danach fragen. Ich hätte es auch nur hören wollen, um festzustellen, ob das bereits so weit hinter ihm lag, daß er ohne Krisis Leute darstellen konnte, die diese Mörder ge wesen waren. Es war nicht notwendig. Die Tatsache, daß er sie darstellte, war Antwort genug.

«Es war schön, Sie zu treffen, Tannenbaum«, sagte ich.

Er schielte mich argwöhnisch an.»Unser Verhältnis war nicht gerade so, daß wir uns Komplimente machen müssen«, sagte er.»Ich meine es wirklich so«, erklärte ich.

Silvers entfaltete eine geheimnisvolle Tätigkeit, die zu nichts führte. Nach einigen Tagen gab er es auf und schritt zum direkten Angriff. Er rief Produzenten und Regisseure an, die er durch andere Käufer irgendwann einmal kennengelernt hatte, und lud sie ein, seine Bilder anzuschen. Aber das Übliche passierte: Leute, die ihn in New York nahezu mit Tränen in den Augen gebeten hatten, sie zu besuchen, wenn er einmal in Los Angeles sei, hatten plötzlich Mühe, sich seiner zu erinnern, und wenn er sie bat, seine Bilder anzusehen, hatten sie keine Zeit.

«Der Teufel soll diese Barbaren holen«, knurrte er nach der ersten Woche.»Wenn es nicht anders wird, fahren wir nach New York zurück. Welche Leute wohnen im Garden of Allah?«

«Keine Kunden«, erwiderte ich.»Höchstens für kleinere Zeichnungen oder Lithographien.«