«In der Not frißt der Satan Fliegen. Wir haben doch zwei kleine Degas-Zeichnungen hier und zwei Kohlezeichnungen von Picasso. Nehmen Sie die Bilder mit und hängen Sie sie in Ihr Zimmer. Geben Sie eine Cocktailparty.«
«Privat oder auf Spesenkonto?«
«Natürlich auf Spesen. Haben Sie nichts im Kopf als Geld?«
«Ich habe es nicht in den Taschen, deshalb habe ich es so oft im Kopf.«
Silvers winkte ab. Ihm war nicht nach Bonmots zumute.»Versuchen Sie es mal dort. Vielleicht fangen Sie einen Schellfisch, wenn schon! keine Hechte zu haben sind.«
Ich lud Scott, Tannenbaum und ein paar Bekannte von ihnen ein. Der Garden of Allah war berühmt für seine Cocktailpartys. Scott erzählte mir, daß sie manchmal bis zum Morgen dauerten. Zur Vorsicht und aus Ironie lud ich Silvers auch ein. Er sagte befremdet und hochfahrend ab. Dergleichen war für kleine Leute und unter seiner Würde.
Die Party begann verheißungsvoll, es kamen zehn Leute mehr, als eingeladen waren, um zehn Uhr abends waren es mindestens zwanzig mehr. Mein Alkohol war zu Ende, und wir zogen um in einen der Bungalows. Ein weißhaariger, rotgesichtiger Mann, der Eddy genannt wurde, bestellte Butterbrote, Hamburger und Berge von Würstchen. Um elf Uhr war ich mit einem Dutzend fremder Leute so weit, daß wir uns beim Vornamen nannten — dafür war es eigentlich schon reichlich spät. Im allgemeinen pas sierte das auf den Partys viel früher. Um Mitternacht fielen einige Leute in das Schwimmbassin, andere wurden hineingestoßen. Das galt als ein anspruchsvoller Scherz. Einige Mädchen schwammen in Büstenhalter und Höschen in dem blaugrüner leuchteten Bassin umher. Sie waren sehr jung und hübsch, und das Ganze wirkte eher unschuldig. Uberall dem Lärm lag eine sonderbare Sterilität. Zu einer Stunde, in der man in Europa längst in den Betten gelegen hätte, stand man hier um ein Klavier herum und sang sentimentale Cowboylieder.
Ich verlor langsam die Übersicht. Die Welt um mich begann zu taumeln, und ich ließ es geschehen. Ich wollte nicht nüchtern bleiben. Ich haßte die Nächte, in denen man allein aufwachte und nicht wußte, wo man war; sie lagen zu dicht bei den Träumen, die nicht abzuschütteln waren. Langsam versank ich in eine schwere, nicht unangenehme Trunkenheit, aus der hier und da braune und goldene Lichter blitzten. Ich wußte am anderen Morgen nicht mehr, wo ich überall gewesen, ich wußte nicht, wie ich auf mein Zimmer gekommen war.
Scott klärte mich auf.»Sie haben die beiden Zeichnungen, die hier hingen, verkauft, Robert«, sagte er.»Gehörten die Ihnen?«Ich sah mich um. Mein Kopf dröhnte. Die beiden Degas- Zeichnungen waren fort.»An wen habe ich sie verkauft?«fragte ich.
«An Holt, glaube ich. Den Regisseur, der Tannenbaums Film macht.«
«Holt? Ich habe keine Ahnung. Gott, muß ich betrunken gewesen sein!«
«Wir hatten alle zuviel. Es war eine herrliche Party! Sie waren großartig, Robert!«
Ich blickte mißtrauisch auf.»Habe ich mich wie ein blöder Affe aufgeführt?«
«Nein, das war Jimmy. Er heult immer, wenn er trinkt. Sie waren in Ordnung. Waren Sie denn schon blau, als Sie die Zeichnungen verkauften? Man hat es Ihnen nicht angesehen.«
«Ich muß es gewesen sein. Ich weiß nichts mehr davon.«
«Auch nicht von dem Scheck?«
«Was für einen Scheck?«
«Holt hat Ihnen doch gleich einen Scheck gegeben.«
Ich stand auf und suchte in meinen Taschen nach. Ich fand tatsächlich den zusammengefalteten Scheck. Ich starrte darauf.»Holt war ganz hin«, sagte Scott.»Sie haben fabelhaft über Kunst gesprochen. Er hat die Bilder gleich mitgenommen, so angetan war er.«
Ich hielt den Scheck gegen das Licht. Dann lachte ich. Ich hatte die beiden Zeichnungen fünfhundert Dollar höher verkauft, als Silvers sie ausgezeichnet hatte.»So was!«sagte ich zu Scott.»Ich habe die Bilder zu billig verkauft.«
«Wirklich? Das ist eine verfluchte Geschichte. Ich glaube nicht, daß Holt sie wieder herausgibt.«
«Macht nichts«, sagte ich.»Geschieht mir recht.«
«Ist das unangenehm für Sie?«
«Nicht sehr. Strafe muß sein. Habe ich auch die beiden Picassos verkauft?«
«Was?«
«Die beiden anderen Zeichnungen.«
«Davon weiß ich nichts. Wie wäre es mit einem Sprung in das Schwimmbassin? Sehr gut gegen Kater.«
«Ich habe keine Badehose.«
Scott brachte vier aus seinem Zimmer.»Suchen Sie sich eine aus. Wollen Sie frühstücken oder zu Mittag essen? Es ist ein Uhr.«
Ich stand auf. Ein Bild des Friedens empfing mich draußen. Das Wasser leuchtete; einige Mädchen schwammen im Swimming pool herum, bequem gekleidete Männer saßen in Lehnstühlen, la sen die Zeitungen, tranken Orangensaft oder Whisky und unter hielten sich lässig. Ich erkannte den weißhaarigen Mann, bei dem ich abends gewesen war. Er winkte mir zu. Drei andere, an die ich mich nicht erinnerte, winkten ebenfalls. Ich hatte plötzlich eine Schar von gutartigen Freunden, ohne sie zu kennen. Alkohol war ein einfacherer Vermittler als Geist, und das Leben schien keine Probleme zu haben, der Himmel war ohne Wolken, und dieser Fleck war ein Paradies, herausgehoben aus störenden Beziehun gen und der schwarzen Gewitternacht Europas. Es war eine Illu sion des ersten Eindrucks. Ohne Zweifel herrschten auch hier die Schlangen und nicht die Schmetterlinge. Aber schon eine Illusion war etwas so Unerhörtes, als wäre man plötzlich nach Tahiti in ein Südsee-Idyll versetzt, und alles, was man zu tun brauchte, wäre, die Vergangenheit und sein eigenes, angewachsenes, mör derisches Selbst zu vergessen und zu seinem Ur-Selbst zurückzu finden, jenseits der Erfahrung und dem Unrat der Jahre. Viel leicht, dachte ich, als ich in das blaugrüne Wasser sprang, folgte einem diesmal wirklich nichts nach, und man konnte neu begin nen, statt die Verpflichtungen zur Rache weiter wie einen Tor nister voll mit Blei mit sich zu schleppen.
Silvers’ Ärger verflog, als ich ihm den Scheck überreichte.»Sie hätten tausend Dollar mehr verlangen sollen«, erklärte er.
«Ich habe fünfhundert Dollar mehr verlangt, als Sie angegeben haben. Wenn Sie wollen, kann ich den Scheck zurückgeben und Ihnen die Zeichnungen wiederbringen.«
«Das tut ein Silvers nicht. Verkauft ist verkauft! Auch mit Schaden.«
Er räkelte sich in einem hellblauen Ledersofa unter einem Fenster, von dem man in den Swimming-pool des Hotels herunter sah.»Ich hatte Angebote für die Picasso-Zeichnungen«, er widerte ich.»Aber es schien besser zu sein, Sie verkaufen sie selbst. Ich möchte Sie nicht dadurch bankrott machen, daß ich Ihre Ziffern falsch interpretiere.«
Er lächelte plötzlich.»Sie haben keinen Sinn für Humor, lieber Ross. Verkaufen Sie die Zeichnungen nur. Verstehen Sie nicht, daß da etwas professionelle Eifersucht mitspielt? Sie haben hier schon etwas verkauft, und ich noch nicht.«
Ich betrachtete ihn. Er war bereits kalifornischer gekleidet als Tannenbaum, und das wollte etwas heißen. Silvers trug natürlich ein englisches Sportjackett, während Tannenbaum eines von der Stange anhatte. Dafür waren Silvers’ Schuhe zu gelb und sein seidenes Halstuch zu üppig und von einer falschen Art von Zinnoberrot. Ich wußte, worauf das Gespräch hinausging — er wollte mir keine Provision zahlen für den Verkauf. Ich hatte auch keine erwartet. Es wunderte mich deshalb auch nicht, als er mir empfahl, ihm die Rechnung für die Cocktailparty bald ein zureichen.
Nachmittags kam Tannenbaum, um mich abzuholen.»Sie haben Holt versprochen, heute ins Studio zu kommen«, sagte er.
«Keine Ahnung«, erwiderte ich.»Was habe ich nur alles geredet?«
«Sie waren in glänzender Laune. Außerdem haben Sie Holt zwei Bilder verkauft. Sie wollten ihm sagen, wie er sie rahmen muß.«»Sie sind doch gerahmt.«
«Sie haben ihm gesagt, die Rahmen wären Geschäftsrahmen. Er solle stattderen alte aus dem 18. Jahrhundert kaufen, das mache die Bilder dreimal so wertvoll. Kommen Sie mit. Schauen Sie sich doch einmal ein Studio an.«