«Gut.«
Mein Kopf war immer noch ziemlich wüst. Ich ging mit, ohne viel zu denken. Tannenbaum fuhr einen alten Chevrolet.»Wo haben Sie fahren gelernt?«fragte ich.
«In Kalifornien. Hier braucht man einen Wagen. Die Entfernungen sind zu groß. Sie können einen gebrauchten für wenige Dollar kaufen.«
«Wenige hundert Dollar meinen Sie, wie?«
Tannenbaum nickte. Wir fuhren durch ein spanisches Tor, vor dem Polizisten standen.»Ist das hier ein Gefängnis?«fragte ich, als der Wagen angehalten wurde.
«Unsinn. Das ist die Studio-Polizei. Sie ist hier, damit die Ateliers nicht von Neugierigen und Stellungssuchern überschwemmt werden.«
Wir fuhren an einem Goldgräberdorf vorbei. Dann an einer Straße mit Wildwestkneipen. Ihnen folgte eine Tanzhalle. Es war sonderbar, alle diese Attrappen vor dem blauen Himmel zu sehen. Sie wirkten, da die meisten nur aus den Fassaden der Fläuser bestanden, als wären sie in einem sehr ordentlichen und methodischen Krieg sauber zerschossen und ausgebombt worden.»Das sind die Plätze für die Außenaufnahmen«, erklärte Tannenbaum.»Hier werden Hunderte von Cowboy- und Wildwest filmen gedreht, immer mit derselben Handlung. Manchmal wechseln nicht einmal die Schauspieler. Niemand merkt es.«
Wir hielten an einer riesigen Halle. >Studio 5< war mit schwarzen Lettern überall darauf gepinselt. Über der Tür brannte eine rote Lampe.
«Wir müssen einen Augenblick warten«, sagte Tannenbaum.»Es wird gerade gedreht. Wie gefällt Ihnen dies alles?«
«Gut«, erwiderte ich.»Es erinnert etwas an Zirkus und Zigeuner.«
Ich sah vor Studio 4 ein paar Cowboys herumstehen und Män ner und Frauen in der Tracht der Puritanerzeit, mit langen Kleidern, Gehröcken, Bärten und Schlapphüten. Sie waren fast alle geschminkt, was sich im Sonnenlicht merkwürdig ausnahm. Es gab auch Pferde und einen Sheriff, der Coca-Cola trank.
Das rote Licht über Studio 5 erlosch, und wir traten ein. Im ersten Augenblick konnte ich nach der Helligkeit draußen nichts erkennen. Dann erstarrte ich. Etwa zwanzig SS-Leute kamen auf mich zu. Ohne nachzudenken machte ich kehrt, um zu fliehen, und stieß gegen Tannenbaum, der hinter mir herkam.»Film«, sagte Tannenbaum.»Ziemlich echt, wie?«
«Was?«
«Gut gemacht, meine ich.«
«Ja«, erwiderte ich mühsam und wußte einen Moment lang nicht, ob ich ihm ins Gesicht schlagen sollte oder nicht. Über die Köpfe der SS-Leute hinweg sah ich im Hintergrund einen Wachtturm und daneben einen Stacheldrahtzaun. Ich merkte, daß ich hoch und pfeifend atmete.
«Was ist los?«fragte Tannenbaum.»Hat es Sie erschreckt? Aber Sie wußten doch, daß ich in einem Antinazifilm auftrete.«
Ich nickte und versuchte mich zu beruhigen.»Ich hatte cs verges sen«, sagte ich.»Nach gestern abend. Mein Kopf ist noch nicht ganz klar. Da kann so was passieren.«
«Natürlich, natürlich! Ich hätte Sie erinnern sollen.«
«Wozu?«sagte ich, immer noch stockend.»Wir sind ja in Kalifornien. Es war nur der erste Augenblick.«
«Klar, klar. Würde mir auch so gehen. Ist mir das erstemal sogar auch passiert. Inzwischen habe ich mich natürlich daran gewöhnt.«
«Was?«
«Man gewöhnt sich daran, meine ich«, sagte Tannenbaum.»Wirklich?«fragte ich.
«O ja!«
Ich drehte mich wieder um und betrachtete die verhaßten Uniformen. Ich merkte, daß ich mich fast erbrechen mußte. Eine sinnlose Wut erfüllte mich, die ins Leere ging. Da war nichts, um sie irgendwie auszulassen. Diese SS-Männer sprachen englisch, merkte ich jetzt. Trotzdem blieb der Schock. Die Wut zerplatzte, die hochgeschossene Angst zerflatterte, aber sie verließen mich, als hätte ich einen schweren Krampf überstanden. Alle meine Muskeln schmerzten noch.
«Da ist Holt«, rief Tannenbaum.
«Ja«, sagte ich und starrte auf den Drahtzaun des Konzentrationslagers.
«Hallo, Robert. «Holt trug eine Jägermütze und Gamaschen. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er ein Hakenkreuz auf der Brust getragen hätte. Oder einen gelben Davidstern.
«Ich wußte nicht, daß Sie schon angefangen haben zu drehen«, sagte Tannenbaum.
«Nur zwei Stunden, seit heute mittag. Wir sind jetzt fertig. Wie wäre es mit einem Scotch, Robert?«
Ich hob die Hand.»Noch nicht, nach gestern.«
«Gerade deshalb. Man muß den Teufel mit Beelzebub erschlagen, das ist das beste.«
«Wirklich?«fragte ich wie abwesend.
«Ein altes Rezept!«Holt schlug mir auf die Schulter.
«Vielleicht«, sagte ich.»Gut sogar!«
«So ist es recht.«
Wir gingen hinaus, an ein paar schwatzenden SS-Leuten vorbei. Kostümierte Schauspieler, dachte ich und begriff es immer noch nicht ganz. Ich gab mir einen Ruck.»Der Mann dort trägt eine falsche Mütze«, sagte ich und zeigte auf einen Scharführer.»Wirklich?«fragte Holt erregt.»Sind Sie sicher?«
«Ja, ich bin sicher. Leider.«
«Das müssen wir sofort kontrollieren«, sagte Holt zu einem jungen Mann mit grünen Brillengläsern.»Wo ist der Kostümberater?«
«Ich werde ihn suchen.«
Kostümberater, dachte ich. Drüben morden sie noch, hier sind sie bereits Komparsen geworden. Aber war es nicht immer, in all den elf, zwölf blutigen Jahren, ein Aufstand der Komparsen gewesen, die sich endlich einmal als Helden gebärden wollten und nichts weiter wurden als eine Bande vulgärer Schlächter?» Wen haben Sie als Berater?«fragte ich.»Einen echten Nazi?«
«Das weiß ich nicht genau«, erwiderte Holt.»Auf jeden Fall ist er ein Fachmann. Verdammt, wenn wir wegen einer lausigen Mütze die ganze Szene noch einmal drehen müssen!«
Wir gingen in die Kantine. Holt bestellte Whisky und Soda. Ich wunderte mich nicht darüber, wie hübsch und gepflegt die Kell nerinnen waren. Wahrscheinlich lauerten sie alle darauf, ent deckt zu werden.»Ich muß Sie noch etwas fragen wegen der Degas-Zeichnungen«, sagte Holt nach einer Weile.»Sie sind doch echt, nicht wahr? Nehmen Sie es nicht übel, aber man hat mir ge sagt, es gäbe einen Haufen falsche.«
«Da ist nichts übelzunehmen, Joe. Sie haben das Recht, das ge nau zu wissen. Die Zeichnungen tragen keine eigenhändige Un terschrift, sondern einen roten Stempel mit dem Namen Degas. Das ist es doch, was Sie stört, wie?«
Holt nickte.»Der Stempel ist der Atelierstempel. Die Zeichnun gen stammen aus dem Nachlaß von Degas und sind nach seinem Tode gestempelt worden. Es gibt Bücher mit Abbildungen dar über. Flerr Silvers, der mit mir hier ist, hat sie bei sich und wird sie Ihnen gerne zeigen. Warum besuchen Sie ihn nicht? Sind Sie hier fertig?«
«In einer Stunde. Aber ich glaube Ihnen, Robert.«
«Ich glaube mir selbst oft nicht, Joe. Wollen wir uns um sechs im Beverly-Hills-Hotel treffen? Dann können Sie sich selbst über zeugen. Silvers wird Ihnen außerdem eine Kaufbestätigung mit Garantie geben. Das gehört sich ja so.«
«Gut.«
Silvers empfing uns auf seinem hellblauen Sofa. Es war ihm nicht anzumerken, daß sein Besuch in Hollywood bis jetzt eine große Pleite gewesen war. Er zeigte sich sehr überlegen und ließ mich eine Bestätigung der Nachlaßauktion ausfertigen, eine Garantie und eine Photographie der beiden Zeichnungen fügte er bei.»Sie haben die beiden Stücke fast geschenkt bekommen«, erklärte er großspurig.»Herr Ross, mein Assistent vom Louvre, hat mit dem Verkauf eigentlich nichts zu tun. Er hat deshalb von mir meine Einkaufspreise genannt bekommen. Dadurch ist ein Ver sehen passiert. Er hat nicht gewußt, daß das nicht die Verkaufs preise waren, sondern hat Ihnen die Bilder zu dem Preis ver kauft, den sie mich selbst vor einem Jahr gekostet haben. Wenn ich sie heute wieder kaufen wollte, müßte ich mindestens fünfzig Prozent mehr zahlen.«
«Wollen Sie den Kauf rückgängig machen?«fragte Holt.
Silvers winkte ab.»Verkauft ist verkauft. Ich wollte Ihnen nur gratulieren. Sie haben glänzend gekauft.«
Silvers wurde freundlicher und bestellte Kaffee und Kognak.»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte er.»Ich kaufe Ihnen die beiden Zeichnungen mit zwanzig Prozent Nutzen wieder ab, wenn Sie wollen. Sofort. «Er griff an seine Jadcett-Tasche, als wolle er einen Scheck hervorholen.