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Ich wartete gespannt, wie Holt auf diesen Bauernfängertrick reagieren würde. Er reagierte richtig. Er erklärte, die Bilder gekauft zu haben, weil sie ihm gefielen. Er wolle sie behalten. Im Gegenteil, er wolle die Option, die ich ihm nachts auf die beiden Picassos gegeben hatte, ausführen und sie ebenfalls kaufen.

Ich blickte ihn erstaunt an; ich erinnerte mich an keine Option und glaubte, das Glitzern der Geschäftsgier in Holts Augen zu entdecken. Er hatte schnell geschaltet.

«Eine Option?«fragte Silvers mich.»Haben Sie eine gegeben?«Ich schaltete ebenfalls schnell. Ich wußte nichts davon. Holt schwindelte wahrscheinlich. Hoffentlich wußte er die Preise nicht mehr allzu genau.»Es stimmt«, sagte ich.»Eine Option. Bis heute abend.«

«Für wieviel?«

«Sechstausend Dollar.«

«Für eine?«fragte Silvers.

«Für beide«, antwortete Holt.

«Stimmt das?«fragte Silvers scharf.

Ich ließ den Kopf hängen. Es waren zweitausend Dollar mehr, als Silvers für beide Zeichnungen angesetzt hatte.»Es stimmt«, sagte ich.

«Sie ruinieren mich, Herr Ross«, sagte Silvers überraschend milde.

«Wir haben sehr viel getrunken«, erklärte ich.»Ich bin das nicht so gewohnt.«

Holt lachte.»Ich habe beim Trinken einmal zwölftausend Dollar im Backgammon verloren«, erklärte er.»War eine gute Lehre. «Silvers’ Augen hatten bei den Worten» Zwölftausend Dollar «ein ähnliches kurzes Leuchten bekommen wie die von Holt.»Las sen Sie es sich auch eine Lehre sein, Ross«, sagte er.»Sie sind nun einmal ein Gelehrter und kein Geschäftsmann. Ihr Reich sind die Museen!«

Ich zuckte einen Moment zusammen.»Mag sein«, sagte ich dann und blickte in den Abend, in dessen weitem Blau sich die letzten weißen Tennisspieler tummelten. Der Swimming-pool war leer, dafür tranken Leute an kleinen runden Tischen Erfrischungsge tränke, und aus der Bar nebenan kam gedämpfte Musik. Ich hatte plötzlich eine so zerstörerische Sehnsucht nach Natascha, meiner Kindheit, nach längst vergessenen Jugendträumen und nach meinem verlorenen Leben, daß ich glaubte, es nicht mehr ertragen zu können. Verzweifelt erkannte ich, daß ich mich nie mehr befreien konnte und den finsteren Rest nach den finsteren Gesetzen der Sinnlosigkeit weiter zerstören mußte. Es gab keine Rettung, fühlte ich, und alles, was ich erhoffen konnte, war diese Oase der Windstille, die sich mir geöffnet hatte, während draußen der Bergrutsch der Katastrophen weiterging. Ich wollte sie schmerzlich genießen und spüren, mit allen Sinnen, denn sie war ein kurzes Geschenk, und mit grausamer Ironie würde sie zu Ende sein, wenn die Welt anfangen sollte, aufzuatmen und sich zur Siegesfeier des Friedens zu rüsten. Dann würde mein eigener einsamer Feldzug beginnen, der nur ins Verderben führen und dem ich nicht entgehen konnte.

«Also gut, Herr Holt«, sagte Silvers und steckte den zweiten Scheck achtlos ein.»Lassen Sie sich noch einmal gratulieren! Sie haben einen hübschen Anfang zu einer feinen Sammlung ge macht. Vier Zeichnungen von zwei großen Meistern! Gelegentlich zeige ich Ihnen einmal einige Pastelle von Picasso. Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich bin zum Essen eingeladen. Es hat sich schon herumgesprochen, daß ich angekommen bin. Oder, wenn wir hier nicht dazu kommen, dann vielleicht einmal in New York.«

Ich klatschte ihm lautlos Beifall, ohne meine Hände zu rühren. Ich wußte, daß er keine Verabredung zum Essen hatte. Aber ich wußte auch, daß Holt erwartete, Silvers würde jetzt versuchen, ihm ein größeres Bild anzudrehen. Auch Silvers wußte das, und darum verzichtete er darauf. Das wiederum überzeugte Holt davon, ein — gutes Geschäft gemacht zu haben. Er war, nach Silvers’ Ausdruck, jetzt reif.

«Kopf hoch, Robert«, tröstete mich Joe.»Ich hole die Bilder morgen abend ab.«

«Gut. Joe.«

XXV

Eine Woche später kam Tannenbaum zu mir.»Wir kontrollier ten den Berater, den wir für unseren Film engagiert haben, Ro bert. Er ist nicht glaubwürdig. Er weiß einiges, aber Holt traut ihm nicht mehr. Er traut auch dem Verfasser des Drehbuchs nicht mehr; der Mann war nie in Deutschland. Eine schöne Scheiße. Und das alles Ihretwegen«, jammerte Tannenbaum erbittert.»Sie sind es doch, der das alles angerichtet hat! Sie mit Ihrer Be merkung über die Mütze des Scharführers. Ohne Sie hätte Holt kein Mißtrauen gefaßt!«

«Gut. Vergessen Sie, was ich gesagt habe.«

«Wie kann ich das? Unser Berater ist rausgeschmissen worden.«»Engagieren Sie einen anderen.«

«Deshalb bin ich ja hier! Holt schickt mich. Er will mit Ihnen sprechen.«

«Unsinn. Ich bin kein Berater für Antinazifilme.«

«Sie sind es! Wer denn sonst? Wer ist sonst hier, der ein Konzen trationslager kennt?«

Ich blickte auf.»Was soll das heißen?«

«Nicht mehr, als was jeder weiß. Jeder in New York, meine ich. Jeder in unseren Kreisen, heißt das. Ihre Bekannten, um exakt zu sein.«

«Und?«

«Robert, Holt braucht Hilfe. Er möchte Sie als Berater haben.«

Ich lachte.»Sie sind verrückt, Tannenbaum.«

«Er zahlt anständig. Und schließlich macht er einen Antinazi film. Daran haben doch auch Sie Interesse.«

Ich sah, daß ich mich Tannenbaum nur dann halbwegs verständ lich machen konnte, wenn ich versuchte, ihm etwas über meine Person zu erklären. Dazu hatte ich nicht die mindeste Lust. Er hätte es nicht begriffen. Er hatte andere Ideen als ich. Er wartete darauf, daß Frieden käme, damit er wieder friedlich in Deutsch land oder Amerika leben könne; ich wartete darauf, daß Frieden käme, um Rache zu nehmen.»Ich will mit Filmen über Nazis nichts zu tun haben«, sagte ich grob.»Für mich sind das keine Leute, über die man Libretti schreibt. Für mich sind das Leute, die man umbringt. Und nun lassen Sie mich in Ruhe. Haben Sie Carmen schon gesehen?«

«Carmen? Sie meinen Kahns Freundin?«

«Ich meine Carmen.«

«Was geht mich Carmen an? Ich denke an unsern Film! Wollen Sie Holt nicht wenigstens einmal treffen?«

«Nein«, sagte ich.

Abends erhielt ich einen Brief von Kahn.»Lieber Robert«, schrieb er.»Das Unerfreuliche zuerst: Gräfenheim lebt nicht mehr. Eine sehr große Dosis Schlaftabletten. Er hatte über die Schweiz erfahren, daß seine Frau in Berlin umgekommen ist. Amerikanischer Fliegerangriff. Es hat ihn umgeworfen. Daß es ein amerikanischer Bombenangriff war, hat er nicht mehr als einen zwangsläufigen Zufall auffassen können, sondern nur noch als tödliche Ironie. Er hat seinem Leben bescheiden und schweig sam ein Ende gemacht. Sie erinnern sich vielleicht an unser letz tes Gespräch über den freiwilligen Tod. Gräfenheim vertrat den Standpunkt, daß kein Tier den Selbstmord kenne, weil es zur totalen Verzweiflung nicht fähig sei. Er war auch der Meinung, die Möglichkeit des freiwilligen Todes sei eines der größten Ge schenke, weil es die Hölle, dieses diristliche Folterwerkzeug des Geistes, beenden könne. Er hat es getan. Es ist nichts mehr dazu zu sagen. Er hat es hinter sich. Wir leben noch, wir haben es noch vor uns, ganz gleich, ob wir es Altern, Sterben oder Selbstmord nennen.

Von Carmen höre ich nichts. Sie ist zu faul zum Schreiben. Ich schicke Ihnen hiermit ihre Adresse. Erklären Sie ihr, daß es am besten sei, zurückzukommen.

Adieu, Robert. Kommen Sie bald zurück. Unsere schwierige Zeit kommt erst! Dann, wenn wir ins Nichts starren und wenn selbst die Illusionen der Rache zusammenfallen. Bereiten Sie sich lang sam darauf vor, damit der Schock nicht zu groß wird. Wir sind nicht mehr sehr schockfest. Besonders nicht gegen Schocks, die aus einer gänzlich anderen als der erwarteten Richtung kommen. Nicht nur Glück ist eine Sache von Graden, auch Sterben. Manch mal denke ich an Tannenbaum, den Gruppenführer auf der Leinwand. Vielleicht ist dieser Esel der Weiseste von uns allen. Salute, Robert.«