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Ich fuhr zu der Adresse, die Kahn mir gegeben hatte. Es war ein kleiner, schäbiger Bungalow in Westwood. Vor der Tür standen ein paar Orangenbäume, hinter dem Haus in einem Garten gak- kerten Llühner. Carmen schlief in einem Liegestuhl. Sie trug einen knappen Badeanzug, und ich begriff nicht, daß Kahn glaubte, sie würde in Hollywood keinen Erfolg haben. Sie war das schönste Mädchen, das ich kannte. Keine fade Blondine, son dern eine tragische Erscheinung, bei der einem das Herz bebte.»Sieh da, Robert«, sagte sie, nachdem ich sie vorsichtig geweckt hatte, ohne erstaunt zu sein.»Was machen Sie hier?«

«Bilder verkaufen. Und Sie?«

«Ein Idiot hat mir einen Vertrag gegeben. Ich tue nichts. Sehr bequem.«

Ich schlug ihr vor, mit mir zu essen. Sie hatte keine Lust; sie be hauptete, ihre Wirtin koche gut. Ich betrachtete zweifelnd die etwas schlampige rothaarige Wirtin. Sie sah nach Hamburgern, Wiener Würstchen und Dosengemüse aus.»Die Eier sind frisch«, erklärte Carmen und deutete auf die Hühner.»Herrliche Ome letts!«

Es gelang mir, sie zu überreden, im Brown Derby mit mir zu essen.»Es soll dort von Filmstars wimmeln«, sagte ich, um sie anzureizen.

«Die können auch nicht mehr als eine Mahlzeit zur selben Zeit essen.«

Ich wartete, bis Carmen sich angezogen hatte. Sie besaß einen Gang, als hätte sie ihr Leben lang Körbe auf dem Kopf getragen, biblisch und gelassen. Ich begriff Kahn nicht, ich begriff nicht, daß er sie nicht längst geheiratet und mit ihr zu den Eskimos als Reisender für Radios gezogen war — Eskimos, hatte ich gelesen, liebten einen anderen Typ.

Als das Taxi vor dem Brown Derby hielt, bekam ich Gewissens bisse. Ich sah, daß Leute in rohseidenen Anzügen erstarrten, als sie Carmen erblickten.»Einen Augenblick«, sagte ich.»Ich will sehen, ob wir Platz finden.«

Carmen blieb draußen stehen. Das Brown Derby war voll von Verführern, aber es hatte noch ein paar leere Tische.»Alles besetzt«, sagte ich, als ich wieder herauskam.»Leider. Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns ein kleineres Lokal suchen?«

«Nicht das geringste. Es ist mir sogar lieber.«

Wir gingen in ein Restaurant, das klein, dunkel und leer war.»Wie finden Sie es in Hollywood, Carmen?«fragte ich.»Ist es hier nicht viel langweiliger als in New York?«

Sie hob die wunderbaren Augen auf.»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«

«Ich finde es scheußlich und langweilig«, log ich.»Ich freue mich darauf, zurückzufahren.«

«Das kommt darauf an, wie man sich fühlt. In New York hatte ich niemanden, mit dem ich richtig befreundet war. Hier habe ich meine Wirtin. Wir verstehen uns großartig. Wir reden über alles. Und dann habe ich Hühner gern. Die sind gar nicht so dumm, wie die meisten Menschen glauben. In New York habe ich nie ein lebendes Huhn gesehen. Hier kenne ich sie schon beim Namen, und sie kommen, wenn ich sie rufe. Und die Orangen! Ist das nicht wunderbar, daß man sie einfach von den Bäumen pflücken und sie wirklich essen kann?«

Ich verstand plötzlich, was Kahn an ihr fesselte. Es war nicht nur ihre Simplizität und der Reiz, den die unvorstellbaren Wege rei ner Stupidität auf einen so aktiven Intellektuellen wie Kahn ausübten, bei dem Aktion und Intellekt unlösbar verbunden waren; eine der seltensten Mischungen, die ich je beobachtet hatte. Es war außerdem — ihm wahrscheinlich nicht bewußt — die wilde Unschuld und der wilde Friede von Carmens harm loser Welt, die freilich deshalb nicht so harmlos sein konnte, weil sie in einem solchen Körper einfach nicht harmlos vorstellbar war. Man konnte sich wohl eine idyllische Wiese mit Gänse blümchen und Primeln am Abhang eines nicht aktiven Vulkans vorstellen, aber nicht den reinen Frieden unter hymnensingenden Kaffeesachsen in einem Dorf bei Kötzschenbroda.

«Wie haben Sie meine Adresse gefunden?«fragte Carmen, wäh rend sie an einem Hühnerbein nagte.

«Kahn hat mir geschrieben. Ihnen nicht?«

«Doch«, sagte Carmen kauend.»Ich weiß nie, was ich ihm schrei ben soll. Er ist so kompliziert.«

«Schreiben Sie ihm etwas über Ihre Hühner.«

«Das versteht er nicht.«

«Ich würde das ruhig einmal versuchen. Oder schreiben Sie ihm sonst etwas. Er freut sich bestimmt, wenn er etwas von Ihnen hört.«

Sie schüttelte den Kopf.»Mit meiner Wirtin ginge das viel besser. Kahn ist so schwierig. Ich verstehe ihn nie.«

«Wie geht es mit dem Film hier, Carmen?«

«Wunderbar. Ich bekomme mein Gehalt und brauche nichts zu tun. Hundert Dollar in der Woche! Wo kriegt man das? Bei Vriesländer bekam ich sechzig und mußte den ganzen Tag arbei ten. Außerdem schrie er mich in einem fort an, wenn ich was ver gessen hatte, der nervöse Satan. Und Frau Vriesländer haßte mich. Nein, mir gefällt es hier gut.«

«Und Kahn?«sagte ich nach kurzem Überlegen, obschon ich be reits wußte, daß es vergeblich war.

«Kahn? Der braucht mich nicht.«

«Vielleicht doch.«

«Wozu? Um Eiscreme zu essen und auf die Straße zu starren? Man weiß nie, was man mit ihm reden soll.«

«Trotzdem könnte er Sie brauchen, Carmen. Wollen Sie nicht zu rückgehen?«

Sie sah mich mit ihren tragischen Augen an.»Zurück zu Vrieslän der? Der hat doch ohnehin schon eine neue Sekretärin, die er

drangsalieren kann. Ich wäre ja verrückt! Nein, nein, ich bleibe hier, solange ein Studio so dumm ist, mich für nichts zu bezah len.«

Ich sah sie an.»Wie heißt Ihr Regisseur eigentlich?«fragte ich be hutsam.

«Der? Silvio Coleman. Ich habe ihn erst einmal hier gesehen, für fünf Minuten. Komisch, was?«

«Ich höre, daß so etwas ziemlich oft passiert«, sagte ich beruhigt.»Es ist sogar die Regel.«

Ich dachte über Kahns Brief nach. Er beunruhigte mich. Ich schlief schlecht und erwartete einen der scheußlichen Träume. Ich hatte ihn schon in der Nacht erwartet, nachdem ich die Film-SS gesehen hatte, aber er war zu meinem Erstaunen ausgeblieben, und ich hatte die Nacht ruhig geschlafen. Jetzt grübelte ich dar über nach, ob dies darauf zurückzuführen war, daß der heftige Schock, den ich am Anfang gespürt, sich in die lächerliche Film- Kostümprobe aufgelöst hatte, von der zum Schluß nur noch die Beschämung übriggeblieben war, so hysterisch reagiert zu haben. Ich dachte über den Schock nach, von dem Kahn geschrieben hatte. Mir schien in dieser Nacht, daß ich weniger heftig reagie ren sollte, um die Kraft zu behalten, die ich später noch brauchte, wenn die Wirklichkeit über mich hereinbrechen würde. Vielleicht war das in Hollywood hier ein Weg dazu, mich daran zu gewöh nen. Ich könnte mich vielleicht sogar so sehr daran gewöhnen, daß die kleineren, falschen Schocks, die noch kämen, eine Anti wirkung hervorriefen, eben weil sie sofort in Lächerlichkeit zer- flattern würden. Ich mußte mich in acht nehmen, kein hysteri sches Wrack zu werden, das beim bloßen Anblick einer Uniform schon das Zittern bekam. Dies schien mir frühmorgens, als ich unter den raschelnden Palmen und dem hohen, fremden Himmel den Swimming-pool im Pyjama umwanderte, eine eigenartige und sonderbare, aber vielleicht wirksame Lösung.

Tannenbaum kam mittags.»Was haben Sie eigentlich gefühlt, als Sie das erstemal einen Film machten, in dem Nazis vorka men?«fragte ich.

«Ich habe nachts nicht schlafen können. Aber dann habe ich mich daran gewöhnt. Es ist das einfachste.«

«Ja«, sagte ich.»Das ist es.«

«Etwas anderes wäre es, wenn ich einen Pronazifilm machte. Das ist natürlich ausgeschlossen. Ich glaube, so etwas kann auch nicht mehr Vorkommen. Nach dem, was über diese Schweine bekannt geworden ist. «Tannenbaum zupfte ein rotgerändertes Taschen tuch in seinem Sportjackett zurecht.»Holt hat heute morgen mit Silvers gesprochen. Silvers hat nichts dagegen, wenn Sie vormit tags bei uns als Berater tätig sind. Er sagt, er brauche Sie haupt sächlich nachmittags und abends.«