«So, so! Nein, das war es nicht. Leider nicht. Es war eigentlich schlimmer.«
«Sie verlangte sicherlich Geld. So etwas ist immer deprimierend für Leute, die gewohnt sind, ihrer selbst wegen geliebt zu werden«, sagte ich boshaft.»Plündert Dollar.«
«Schlimmer.«
«Tausend. Das ist allerdings eine Frechheit.«
Silvers winkte ab.»Sie verlangte etwas, aber das war es nicht. «Er erhob sich von seinem hellblauen Sofa und imitierte, zähne fletschend, den Bart gesträubt, mit hoher Kinderstimme:»Was schenkst du mir denn, wenn ich ins Bett klettere…«und dann explodierend:»Daddy!«
Ich hatte seiner Vorstellung bewundernd gelauscht, sie war durch das gleichzeitige Zähnefletschen akrobatisch.»Daddy«, sagte ich.»Also wie wir in Europa Papa sagen. Ein schwerer Schlag, wenn man über fünfzig ist. Aber das bedeutet hier nicht viel. Man nennt hier Dreißigjährige aus Zuneigung Daddy, so wie man neunzigjährige Greisinnen Darling und Girl nennt. Amerika betet als junges Land die Jugend an.«
Silvers hatte mir zugehört wie ein Mann mit einem Bauchschuß, der nach Wasser ruft. Jetzt schüttelte er den Kopf.»Leider war es anders. Ich könnte mich ohrfeigen, daß ich den Schnabel nicht gehalten habe, aber wann schweigt ein Händler schon? In meiner Verstörtheit fragte ich, was sie meine. Verstehen Sie, ich wollte selbstverständlich zahlen, reichlich sogar, ich bin bekannt dafür, ich war nur verstört über das Wort Daddy. Es klang für mich wie Großvater. Sie aber glaubte, ich wollte Schwierigkeiten machen wegen des Geldes, und sie erklärte mir mit einer blechernen Puppenstimme, wenn sie mit einem so alten Mann in die Heia ginge— das war ihr Ausdruck —, müsse doch natürlich auch etwas herausspringen. Sie habe bei Bullocks Wilshire einen echten Kamelhaarmantel gesehen, und es werde doch…«
Silvers’ Stimme versagte.
«Was haben Sie getan?«fragte ich interessiert. Der Ausdruck» blecherne Puppenstimme «hatte mir gefallen.
«Was ein Gentleman in einer solchen Situation tut! Bezahlt und rausgeschmissen.«
«Den vollen Preis?«
«Was mir in die Hand kam.«
«Schmerzlich, aber verständlich.«
«Sie verstehen mich überhaupt nicht«, sagte Silvers gereizt.»Es ist der psychologische Schock, nicht der finanzielle. Der Schock, von einer kleinen Hure als alter Bock bezeichnet zu werden. Aber wie könnten Sie das auch verstehen? Sie sind eine der gefühllose, — sten Kreaturen, die ich kenne.«
«Das stimmt. Es gibt außerdem Dinge, die nur Gleichaltrige verstehen — zum Beispiel das Alter. Und je älter man wird, um so größer sollen da die Unterschiede werden. Achtzigjährige halten die Achtundsiebzigjährigen für Grünschnäbel und Lausebengels. Ein sonderbares Phänomen!«
«Ein sonderbares Phänomen! Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?«
«Natürlich«, erklärte ich behutsam.»Sie erwarten doch nicht, daß ich diesen Unsinn ernst nehme, Herr Silvers.«
Er wollte auffahren, dann glomm der Funke Hoffnung in seinen Kunsthändleraugen auf, so, als hätte Professor Max Friedländer einen zweifelhaften Pieter de Hooch in seinem Besitz für echt erklärt.
«Lächerlich für einen Mann wie Sie«, fuhr ich fort.
Er überlegte das.»Aber was passiert, wenn es mir beim nächsten- mal wieder einfällt? Impotenz wäre die natürliche Folge. Schon dieses Mal war mir, als hätte man mir einen Kübel Eiswasser…«Er stockte.»… über den Kopf geschüttet«, ergänzte ich.
«Uber das Glied geschüttet«, ergänzte er verschämt.»Was soll man machen, mit dieser Furcht im Nacken?«
«Da gibt es zwei Schulen«, sagte ich nach einer Weile.»Die eine ist: sich besaufen und dann wie ein Husar drauf los — sie hat nur den Nachteil, daß viele Leute durch das Saufen selbst schon für die Zeit bis zum Kater impotent werden, ein doppeltes Wagnis also. Die zweite ist die alte Rennfahrertaktik nach einem Unfall— sofort auf einen anderen Wagen und weiterfahren, so daß kein Schock aufkommt.«
«Ich habe schon einen Schock gehabt!«
«Das bilden Sie sich ein, Herr Silvers. Ihre Phantasie hat nur mit dem Gedanken eines vielleicht möglichen Schocks gespielt, das ist alles.«
Etwas wie Dankbarkeit umflatterte seinen Bart.»Meinen Sie?«»Ganz bestimmt.«
Er erholte sich sichtlich.»Sonderbar«, meinte er nach einer Weile,»wie plötzlich alles gegenstandslos werden kann, Erfolg, Stellung, Geld, vor so einem einfachen, dummen Wort eines kleinen Mädchens! Als wäre die ganze Welt im geheimen kommunistisch.«
«Was?«
«Ich meine, als wären im letzten Sinne alle Menschen gleich — keiner entkommt.«
«Ach, so meinen Sie das!«sagte ich.»Die Zeit ist kommunistisch; sie fragt nicht nach Geld und Stellung, sondern addiert einfach jeden Tag einen Tag und jedes Jahr ein Jahr, ganz gleich, ob man ein Heiliger oder ein Schweinehund ist. Ein schöner Gedanke, Herr Silvers, wenn auch nicht mehr ganz neu.«
«Ganz neue Gedanken zu haben ist für einen Antiquar unzulässig. «Silvers grinste. Er war wieder auf dem Posten.»Ich nehme an, kein Mensch glaubt, daß er alt wird. Er weiß es, aber er glaubt es nicht.«
«Glauben Sie es jetzt? Wie ist es mit meiner Entlassung?«
«Wir können es lassen, wie es war. Sie brauchen auch nur abends zur Verfügung zu sein.«
«Zum Uberstundentarif nach sieben Uhr.«
«Für Ihr normales Gehalt. Nicht für Überstunden! Sie verdienen im Augenblick mehr als ich.«
«Ihr Schock ist vorbei, Herr Silvers! Vollständig!«
XXVI
Ich studierte das Manuskript einige Stunden lang. Ein Drittel der Situationen war unmöglich; vom Rest konnte man die Hälfte gebrauchen. Ich machte Korrekturen bis ein Uhr nachts. Ein Teil der Szenen war nach dem bewährten Cowboy- und Wildwest- schema angefertigt worden, nach dem vulgärsten und grausamsten, dessen war ich sicher. Aber sie wirkten, verglichen mit dem, was in Deutschland wirklich passierte, wie Zuckerzeug und harmloses Feuerwerk gegen Flammenwerfer und bürokratischen Mord. Die traditionellen Situationen der Wildwestfilme, bei denen beide Gegner nur zugleich nach der Waffe greifen dürfen, um zu schießen, waren hier modernisiert zu einer Art Gangster-Moral. Ich sah, daß selbst die versierten Schriftsteller der Schreckens filme nicht genug Phantasie hatten für die tatsächlichen Vorgänge im Dritten Reich. Sonderbarerweise deprimierte mich das nicht so sehr, wie ich befürchtet hatte; die Simplizität erweckte im Gegegenteil in mir einen Funken Galgenhumor.
Zum Glück hatte Scott eine der Cocktailpartys laufen, die kein Ende nehmen. Ich ging hinunter zum Swimming-pool, wo sie gerade stattfand.»Fertig, Robert?«fragte Scott.
«Ja, für heute. Jetzt brauche ich etwas zu trinken.«
«Wir haben echten russischen Wodka und alle Arten von Whisky.«»Whisky«, sagte ich.»Ich möchte mich nicht betrinken und noch nicht schlafen gehen.«
Ich streckte mich auf einem Liegestuhl aus und stellte das Glas neben mir auf den Boden. Ich schloß die Augen und horchte auf die Musik des kleinen Radios, das jemand mitgebracht hatte. Es war eine hübsche Melodie, sie hieß >Sunrise Serenade<. Ich öffnete die Augen wieder und sah in den kalifornischen Himmel. Einen Augenblick hatte ich das Gefühl zu schwimmen, in einem weichen, gläsernen Meer ohne Horizonte und ohne Oben und Unten. Dann hörte ich die Stimme Holts neben mir.»Ist es schon acht Uhr morgens?«fragte ich.
«Noch nicht. Ich bin nur rübergekommen, um zu sehen, was Sie machen«, sagte er.
«Ich trinke Whisky. Sonst noch Fragen? Unser Kontrakt fängt erst morgen an.«
«Flaben Sie das Script gelesen?«
Ich drehte mich um und betrachtete sein besorgtes, zerknittertes Gesicht. Ich wollte nicht darüber reden; ich wollte vergessen, was ich gelesen hatte.»Morgen«, sagte ich.»Morgen bekommen Sie alles. Auch meine Anmerkungen.«
«Warum nicht jetzt? Dann kann ich schon für morgen alles vor bereiten, was wir brauchen. Wir sparen so einen halben Tag. Es eilt, Robert.«