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Ich merkte, daß ich ihn nicht loswerden konnte. Warum wirklich nicht jetzt? dachte ich schließlich. Warum nicht hier, zwischen Schnaps und Wasser und Mädchen, dem gelassenen Nachthimmel dieser verdrehten Welt? Warum soll ich es nicht hier zerkauen, anstatt mit einem Bauch voll Erinnerungen Schlaftabletten zu nehmen?» Gut, Joe. Setzen wir uns etwas abseits.«

Eine Stunde später hatte ich Holt die Fehler seines Scripts er klärt.»Kleinigkeiten wie falsche Mützen, Stiefel, Uniformen und Rangabzeichen sind rasch beseitigt«, sagte ich.»Wesentlicher ist die Atmosphäre. Sie sollte nicht melodramatisch sein wie ein Wildwestfilm. Dessen Melodrama ist harmlos gegen das, was drüben wirklich passiert.«

Holt drudtste eine Weile herum.»Der Film muß ein Geschäft bleiben«, sagte er schließlich.

«Was?«

«Das Studio investiert fast eine Million Dollar. Das heißt, daß wir mehr als zwei Millionen einnehmen müssen, um den ersten Dollar zu verdienen. Die Leute müssen hineingehen.«

«Und?«

«Das, was Sie vorschlagen, Robert, glaubt uns kein Mensch! Ist es wirklich so?«

«Schlimmer. Viel schlimmer.«

Holt spuckte in das Wasser.»Niemand wird es uns glauben.«

Ich stand auf. Der Schädel tat mir weh. Ich hatte jetzt wirklich genug.»Dann lassen Sie es, Joe. Hört denn die verdammte Ironie nie auf? Amerika führt Krieg mit Deutschland, und Sie erklären mir, daß niemand glauben wird, wie sich die Deutschen auffüh ren.«

Holt rang die Hände.»Ich glaube es ja, Robert. Das Studio wird es nicht glauben und das Publikum nicht. Niemand wird in einen solchen Film, wie Sie ihn vorschlagen, reingehen! Das Thema ist ohnehin schon riskant genug. Ich will es ja, Robert. Aber ich muß die Studio-Bonzen überzeugen! Ich möchte am liebsten einen Dokumentarfilm machen; er würde eine Pleite werden. Das Studio will einen melodramatischen Film haben.«

«Mit entführten Mädchen, gefolterten Stars und einer Ehe am Schluß?«

«Das nicht gerade. Aber mit Flucht, Kampf und Aufregung. «Scott kam herübergeschlendert.»Es hört sich an, als fehlte hier Alkohol.«

Er stellte eine Flasche Whisky, eine Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Rand des Schwimmbassins.»Wir verlegen jetzt die Gesellschaft in meine Bude. Wenn ihr Futter haben wollt, kommt. Es gibt Butterbrote und kaltes Huhn.«

Holt griff nach meinem Jackett.»Noch zehn Minuten, Robert. Nur zehn Minuten über das Praktische. Den Rest besprechen wir morgen.«

Aus den zehn Minuten wurde eine Stunde. Holt bot ein für Hollywood typisches Bild: den Mann, der etwas Gutes machen möchte, aber bereit ist, sich mit dem Schlechteren zufrieden zugeben, und das für ein tiefes künstlerisches Problem hält, anstatt für einen jämmerlichen Kompromiß.»Sie müssen mir helfen, Robert«, erklärte er.»Wir müssen unsere Ideen Schritt für Schritt weiterbringen. Nicht auf einen Schlag. Petit ä petit!«

Diese falsche französische Phrase war alles, was mir noch fehlte. Ich verließ Holt hastig und ging auf mein Zimmer. Eine Zeitlang lag ich auf dem Bett und haderte mit mir selbst. Dann beschloß ich, am nächsten Tag Kahn anzurufen, ich hatte ja jetzt Geld. Ich beschloß, Natascha anzurufen; bis jetzt hatte ich ihr nur zwei kurze Briefe geschrieben, und auch die waren mir schwergefallen. Sie war keine jener Personen, denen man lange Briefe schreibt, fand ich. Sie war eine Frau für Telefone und Telegramme. Wenn sie nicht da war, war wenig zu sagen. Da war Gefühl, aber da waren wenige Worte. Wenn sie da war, war alles richtig und voll und aufregend; wenn sie nicht da war, hing es wie ein Nordlicht am Himmel, prächtig, aber so weit weg, als gehörte es nicht zu einem. Das war überhaupt das stärkste Gefühl bei ihr: das Da- Sein, das fast erlosch, wenn sie abwesend war. Es war mir schon in New York aufgefallen, und es hatte mich merkwürdig beruhigt. Alles war da, wenn sie in die Tür trat oder wenn ich nur ihre Stimme hörte.

Während ich darüber nachdachte, fiel mir ein, daß ich sie anrufen könnte. Es bestand ein Zeitunterschied von drei Stunden zu New York. Ich meldete das Gespräch an, und plötzlich merkte ich, daß ich voll Erwartung war.

Sie meldete sich. Ihre Stimme war sehr weit weg.»Natascha«, sagte ich,»hier ist Robert.«

«Wer?«

«Robert.«

«Robert? Wo bist du? In New York?«

«Ich bin in Hollywood.«

«In Flollywood?«

«Ja, Natascha. Hast du das vergessen? Was ist los?«

«Ich habe geschlafen.«

«Geschlafen? Jetzt schon?«

«Aber es ist doch mitten in der Nacht. Du hast mich aufgeweckt. Was ist? Kommst du?«

Verdammt, dachte ich. Der alte Fehler. Ich hatte die Richtung des Zeitunterschiedes verwechselt.»Schlaf weiter, Natascha. Ich rufe morgen wieder an.«

«Gut. Kommst du?«

«Noch nicht. Ich werde dir das morgen erklären. Schlaf weiter.«»Gut.«

Ich hatte einen schlechten Tag, dachte ich. Ich hätte nicht anrufen sollen. Ich hätte vieles nicht machen sollen. Ich ärgerte mich über mich selbst. Auf was hatte ich mich eingelassen? Was ging mich Holt an? Aber was konnte mir schon passieren? Ich wartete noch eine Zeitlang, dann rief ich Kahn an. Diesmal beging ich keinen Irrtum. Kahn hatte einen leichten Schlaf.

Er meldete sich sofort.»Was ist los, Robert? Weshalb rufen Sie an?«

Wir hatten uns alle noch nicht daran gewöhnt, wie Amerikaner zu telefonieren, ein Telefonat über weite Strecken war immer noch gleichbedeutend mit einer Krisis oder einem Unglücksfall.»Ist etwas passiert mit Carmen?«fragte er.

«Nein. Ich habe sie gesehen. Es scheint, als möchte sie hierbleiben.«

Er wartete einen Augenblick.»Vielleicht überlegt sie es sich noch. Sie ist ja noch nicht lange da. Hat sie jemand dort?«

«Ich glaube nicht. Höchstens die Wirtin, bei der sie wohnt. Sonst kennt sie, glaube ich, kaum jemand.«

Er lachte.

«Und Sie? Wann kommen Sie zurück?«

«Es kann noch etwas dauern.«

Ich erzählte ihm die Sache mit Holt.»Was halten Sie davon?«fragte ich.

«Tun Sie es. Sie haben doch keine moralischen Skrupel? Das wäre lächerlich. Oder etwa gar solche aus Vaterlandsliebe?«

«Nein. «Ich wußte plötzlich nicht mehr, weshalb ich ihn angerufen hatte.»Ich habe an Ihren Brief gedacht.«

«Durchkommen ist alles«, sagte er.»Wie Sie es machen, ist allein Ihre Sache. Ich finde es nicht schlecht, daß Sie sich mit diesem Komplex beschäftigen — gewissermaßen ins unreine und ohne viel Gefahr —, irgendwann müssen wir es ja später alle einmal, und dann im Ernst. Das ist die große Gefahr, die noch vor uns liegt. Fassen Sie dies als Training auf. Sie können ja immer aufhören, wenn es Ihnen zu sehr an die Nieren geht. Hier geht es noch — später, drüben, können Sie nicht. Betrachten Sie das als eine Art erste Abhärtung, wenn Sie wollen. Stimmt das?«

«Es war genau das, was ich hören wollte.«

«Gut. «Er lachte.»Lassen Sie sich durch Hollywood nicht verwirren, Robert. In New York hätten Sie mich das nicht gefragt. Da wäre es selbstverständlich gewesen. Hollywood erfindet alberne ethische Maßstäbe, weil es selbst korrupt ist. Fallen Sie nicht darauf rein. Es ist schon schwer genug, in New York sachlich zu bleiben. Sie haben es bei Gräfenheim gesehen. Sein Selbst mord war überflüssig, eine Schwäche. Er hätte mit seiner Frau nie wieder Zusammenleben können.«

«Wie geht es Betty?«

«Betty kämpft. Sie will den Krieg überleben. Kein Arzt hätte ihr etwas Besseres verschreiben können. Sind Sie Millionär gewor den, daß Sie transkontinentale Telefongespräche führen?«

«Noch nicht.«

Ich wartete noch eine Zeitlang in meinem Zimmer. Die Tür war offen, und ich sah ein Stück Nacht, ein Stück des beleuchteten Pools und den oberen Teil einer Palme, die im Nachtwind einsam raschelte und vor sich hin schwätzte. Ich dachte nach über Natascha und Kahn und das, was Kahn gesagt hatte: daß der schwierigste Teil unseres Zigeunerdaseins erst komme, wenn wir lernten, daß wir in Wirklichkeit nirgendwo hingehörten. Jetzt hielt uns noch die Illusion, daß alles sich ändern würde, wenn der Krieg vorbei sei, wie ein magnetisches Feld in einer einzigen Richtung. Es würde zerspringen, wenn es erst wirklich soweit wäre. Erst dann würde die richtige Wanderschaft be ginnen.