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Es war eine merkwürdige Nacht. Scott kam noch herein und wollte die Renoir-Zeichnung sehen, die ich von Silvers mitgebracht hatte. Wenn er viel getrunken hatte, merkte man es nur daran, daß er hartnäckig darauf bestand, seinen Willen durchzusetzen.»Ich hätte nie daran gedacht, einen Renoir zu besitzen«, gestand er.»Bis vor zwei Jahren hatte ich zu wenig Geld. Jetzt sitzt mir der Gedanke wie eine Biene im Schädel. Ein eigener Renoir! Ich muß ihn haben. Heute nacht noch!«

Ich nahm die Zeichnung von der Wand und überreichte sie ihm.»Da ist er, Scott.«

Er nahm das Bild wie eine Monstranz.»Das hat er selbst gezeichnet«, sagte er.»Mit der eigenen Hand. Und ich besitze es nun! Ein armer Junge aus Iowa City, aus dem Armenviertel. Darauf müssen wir trinken. Bei mir, Robert. Mit dem Bild an der Wand. Ich hänge es sofort auf.«

Sein Zimmer sah aus wie ein Schlachtfeld; voll von Gläsern, Flaschen und Tellern, auf denen die Sandwiches sich hochgebogen hatten und die ausgetrockneten Schinkenscheiben sich konvex krümmten. Scott nahm eine Photographie von der Wand, die Ilodolfo Valentino als Scheich zeigte.»Wie sicht der Renoir dort aus? Wie eine Reklame für Whisky?«

«Er sieht besser hier aus als bei manchem Millionär. Bei denen ist er nur eine Reklame für ihre Eitelkeit.«

Ich blieb eine Stunde und hörte mir Scotts Lebenslauf so lange an, bis er schläfrig wurde. Er glaubte, er hätte eine schreckliche Jugend gehabt, weil er sehr arm gewesen war und sich über Zeitungsverkaufen, Tellerwaschen und kleinere Demütigungen hatte hocharbeiten müssen. Ich hörte ihm ohne Sarkasmus zu und verglich sein Leben aber nicht mit dem meinen. Er wurde schließlich schläfrig und schrieb mir einen Scheck aus.»Daß ich einmal einen Scheck für einen Renoir ausschreiben könnte!«murmelte er.

«Macht einen direkt ängstlich, wie?«

Ich ging in mein Zimmer zurück. Ein Insekt mit durchsichtigen, grünen Flügeln flog um die elektrische Lampe. Ich betrachtete es eine Zeitlang; es war wie von einem Goldschmied aus Filigran gemacht, ein unbegreifliches Kunstwerk aus Zierlichkeit und bebendem Leben; dabei, sich rücksichtslos wie eine indische Witwe zu verbrennen. Ich nahm es und trug es hinaus in die kühle Nacht, um es zu retten. Eine Minute später war es wieder da. Ich sah ein, daß ich entweder schlafen oder ein winziges Leben zerstören müsse. Ich versuchte ohne Erfolg, einzuschlafen. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich eine Gestalt in der Tür stehen.

Ein junges Mädchen in einem etwas zerdrückten Kleid stand in der Tür.»Oh, Verzeihung«, sagte es mit einem harten Akzent.»Kann ich reinkommen?«

Sie machte einen Schritt in das Zimmer.»Sind Sie sicher, daß Sie im richtigen Zimmer sind?«fragte ich.

Sie lächelte.»Um diese Zeit ist das doch fast egal, wie? Ich bin draußen eingeschlafen. Ich war sehr müde.«

«Waren Sie auf Scotts Party?«

«Ich weiß den Namen nicht. Jemand hat mich mitgenommen. Aber jetzt sind alle fort. Ich muß warten, bis es Morgen wird. Ich sah eben noch Licht bei Ihnen. Vielleicht kann ich hier auf einem Stuhl sitzen. Draußen ist es feucht von Tau.«

«Sie sind keine Amerikanerin?«fragte ich idiotisch.»Mexikanerin. Von Guadalajara. Wenn ich nur hier bleiben kann, bis ein Bus fährt.«

«Ich kann Ihnen einen Pyjama von mir geben«, sagte ich.»Und eine Decke. Das Sofa ist groß genug für Sie. Drüben ist das Bade zimmer. Sie können sich dort umziehen. Ihr Kleid ist naß. Hängen Sie es über einen Stuhl zum Trocknen.«

Sie warf mir einen Blick zu.»Sie kennen Frauen, wie?«

«Nein. Ich bin nur praktisch. Sie können auch ein heißes Bad nehmen, wenn Ihnen kalt ist. Sie stören hier niemand.«

«Danke vielmals. Ich werde sehr leise sein.«

Sie ging durch das Zimmer. Sie war sehr zierlich, mit schwarzen Haaren und schmalen Füßen, und sie erinnerte mich unwillkürlich an das Insekt mit den durchsichtigen Flügeln. Ich sah nach, ob es zurückgekommen war, aber ich konnte es nicht entdecken. Dafür war mir ein anderes zugeflogen, ohne viele Worte, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Vielleicht war es das auch. Ich hörte das Rauschen des Badewassers mit einer merkwürdigen Rührung. Alles Selbstverständliche gab mir dieses Gefühl. Ich war das Außergewöhnliche so sehr und schreckhaft gewohnt, daß die Stille des Selbstverständlichen zu einem Aben teuer wurde. Trotzdem, oder auch deshalb, versteckte ich den Barscheck, den Scott mir gegeben hatte und den ich Silvers am Nachmittag übergeben wollte, zwischen zwei Büchern. Man soll das Schicksal nicht zu sehr herausfordern.

Ich erwachte ziemlich spät. Das Mädchen war nicht mehr da. Auf einer Serviette fand ich den Lippenstiftabdruck ihres Mundes. Sie hatte ihn wahrscheinlich als einen stummen Gruß zurückgelassen. Ich suchte nach dem Scheck. Er war noch da. Nichts fehlte. Ich wußte nicht einmal genau, ob ich mit dem Mädchen geschlafen hatte. Ich erinnerte mich nur daran, daß sie irgendwann vor meinem Bett gestanden hatte, und ich glaubte, ihren nackten Körper kühl und glatt gefühlt zu haben; aber ich war nicht sicher, ob es zu mehr gekommen war.

Ich fuhr zum Studio. Es war schon zehn Uhr, aber ich fand, daß ich am Abend ja bereits zwei Stunden mit Holt verbracht hatte, die ich abziehen konnte. Holt begann sofort mit mir die Szene zu diskutieren, die er gerade drehte. Ich hatte schon von draußen das Horst-Wessel-Lied gehört. Holt wollte wissen, ob er es englisch oder deutsch singen lassen sollte. Ich schlug Deutsch vor. Er meinte, dann würde der folgende englische Titel sonderbar wirken. Wir probierten beides. Ich stellte fest, daß die englisch sprechenden SS-Leute eine eigentümliche Wirkung auf mich hatten. Sie lenkten den Schock, der sich regte, ab. Es war keine Wirklichkeit mehr, die imitiert wurde, es war in dem Augenblick Theater, in dem die fremde Sprache dazu kam.

Ich brachte Silvers nachmittags Scotts Scheck.»Die zweite Zeichnung haben Sie nicht verkauft?«fragte er.

«Das sehen Sie doch«, erwiderte ich ärgerlich.»Der Scheck wäre sonst doppelt so hoch.«

«Sie hätten lieber die andere verkaufen sollen. Die Rötelzeichnung war wertvoller. Ein Anreiz, beide zusammen zu verkaufen.«

Ich antwortete nicht. Ich sah ihn nur an. Ich fragte mich, ob er jemals in seinem Leben gerade denken könnte, ohne einen Trick zu gebrauchen. Wahrscheinlich würde er selbst vor seinem Tode noch irgendeinen Haken schlagen, selbst wenn er wüßte, daß es ihm nichts mehr nützte.

«Wir sind abends eingeladen«, sagte er schließlich.»Gegen zehn Uhr.«

«Zum Essen?«

«Nach dem Essen. Das Essen habe ich abgelehnt. Wir gehen zur Villa Weller.«

«Als was?«fragte ich.»Als Assistent vom Louvre oder als bel gischer Kunsthistoriker?«

«Als Assistent vom Louvre. Sie müssen vorher den Gauguin hin bringen. Am besten gleich. Hängen Sie ihn schon auf, wenn Sie können. Er wirkt so besser. Ich verlasse mich darauf, daß Sie das fertigbringen. Bilder an der Wand verkaufen sich zweimal so leicht, als wenn sie auf dem Boden oder einem Stuhl stehen. Sie können ein Taxi nehmen.«

«Das brauche ich nicht«, erklärte ich hochmütig.»Ich habe einen Wagen.«

«Was?«

«Vom Studio gestellt. «Ich verschwieg, daß es sich um einen alten Ford handelte. Es gab mir vorübergehend eine Überlegenheit über Silvers. Aber um halb zehn Uhr schlug er vor, meinen Wagen zu benützen, um zur Villa Weller zu fahren, und als er ihn sah, sprang er zurück und wollte nach einem Cadillac telefonieren. Ich redete ihm zu, im Ford vorzufahren, für einen ersten Verkauf sei das besser. Es wirke seriöser. Von Cadillacs und Rolls-Royces wimmelte es ohnehin. Jeder kleine Filmstar besäße einen: Ein Ford würde in diesem Staate, in dem jeder als Angeber aufträte, eine Sensation im guten Sinne sein.»Genau das mache ich«, erklärte Silvers, der die Gewohnheit aller unsicheren Leute hatte, immer recht haben zu müssen.»Ich wollte einen sehr alten, gebrauchten Cadillac mieten, aber ein Ford ist ja schließlich fast dasselbe.«