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Wir gerieten in eine private Filmvorführung. Das war so üblich in Hollywood nach dem Essen. Es wurden jeweils die Filme gezeigt, bei deren Chefs man gerade zu Gast war. Ich amüsierte mich über Silvers, der ein schönes Bild von Ungeduld und Verbindlichkeit darstellte. Er trug einen seidenen Smoking und Pumps, ich meinen blauen Anzug. Es waren mehr blaue Anzüge als Smokings da. Silvers fühlte sich >overdressed<. Er wäre am liebsten zurückgefahren und hätte sich umgezogen. Natürlich machte er mich verantwortlich dafür, ihn nicht informiert zu haben: Dabei hatte ich nachmittags nur einen Diener und die alte Mutter Wellers gesehen.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis die Lichter wieder angingen. Zu meiner Überraschung entdeckte ich unter den Gästen Holt und Tannenbaum.»Wie kommt es, daß wir alle auf derselben Party sind?«fragte ich.»Ist das immer so in Hollywood?«

«Aber Robert«, sagte Holt vorwurfsvoll.»Weller ist doch unser Chef! Sein Studio macht ja unseren Film. Wußten Sie das nicht?«»Nein. Woher?«

«Sie glücklicher Mensch. Ich werde ihm gleich sagen, daß Sie hier sind. Er wird sicher mit Ihnen sprechen wollen!«

«Ich bin mit Silvers hier. Für andere Zwecke.«

«Das kann ich mir denken. Ich habe den aufgeputzten Affen schon gesehen. Warum sind Sie nicht zum Essen gekommen? Es gab Truthahn mit Füllung. Eine Delikatesse. Man ißt das hier im späten Herbst. Eine Art Weihnachtsgans nach europäischen Begriffen.«

«Mein Chef hatte keine Zeit, zum Essen zu kommen.«

«Ihr Chef war nicht eingeladen zum Essen. Hätte Weller gewußt, daß Sie mit ihm kommen werden, hätte er Sie ganz bestimmt eingeladen. Er weiß, wer Sie sind. Ich habe es ihm mit geteilt.«

Ich genoß einen Augenblick den Gedanken, daß Silvers durch mich bei Weller eingeführt wurde, und überlegte, wie er sich da wohl winden würde, um mir trotzdem seine Überlegenheit zu zeigen. Dann vergaß ich es und sah nur die Gäste an. Mir fielen sofort die vielen jungen, gutaussehenden Menschen auf. Ich sah ein halbes Dutzend Filmhelden, die ich aus Wildwest- und Aben teuerfilmen kannte.

«Ich weiß, was Sie fragen wollen«, sagte Holt.»Warum sind die nicht im Krieg? Einige sind nicht gesund, sie haben beim Fuß ballspielen oder beim Tennis Unfälle gehabt, andere bei der Arbeit, noch andere finden, daß sie hier unentbehrlich sind. Aber es gibt viele, die wirklich im Krieg sind, oft solche, von denen man es nicht geglaubt hätte. Sie wollten das doch fragen, nicht wahr?«»Nein. Ich wollte fragen, ob hier ein Obristentreffen veranstaltet worden ist. Es wimmelt ja hier von Obristen!«

Holt lachte.»Das sind unsere Hollywood-Obristen. Sie sind alle gleich Majore, Oberstleutnants, Vizeadmiräle, Kapitäne und. Obristen geworden, ohne gedient zu haben. Der Kapitän, den Sie dort sehen, ist nie weiter als bis Santa Monica geschwommen, der Admiral ist in Washington Besitzer eines herrlichen Polstersessels. Die Obristen sind Filmproduzenten, Regisseure und Agenten, die in der Abteilung >Film< der Armee untergekommen sind. Unter Major gibt es hier nichts.«

«Sie sind Major?«

«Ich habe einen Herzfehler und drehe Antinazifilme. Zum Lachen, was?«

«Überhaupt nicht. Das ist überall in der Welt dasselbe. Ich nehme an, sogar in Deutschland. Die Kämpfer sieht man nicht. Man sieht die Nichtkämpfer. Die Etappenhengste und die Hei matkrieger. Das trifft nicht Sie, Holt. Wieviel schöne Menschen hier sind! So, glaubt man immer, müßte ein Fest aussehen.«

Er lachte.»Sie sind in Hollywood. Wo sonst sollten Sie schöne Menschen finden? Da, wo jeder sein Aussehen hoch verkaufen kann. Die Regisseure und Produzenten natürlich ausgenommen. Da ist unser Chef Weller!«

Ein kleiner Mann in der Uniform eines Oberst trat auf uns zu. Er hatte Lachfalten und wirkte völlig unmilitärisch. Er zog mich sofort beiseite, als er hörte, daß ich bei Holt beschäftigt sei. Silvers machte große Augen; er hockte ziemlich vereinsamt in einem Sessel, von dem aus er den Gauguin sehen konnte, um den sich sonst niemand kümmerte. Der Gauguin leuchtete wie ein Fleck südlicher Sonne über dem Flügel, um den sich, fürchtete ich, bald die üblichen Chorsänger sammeln würden.

Ich machte mich mit Mühe frei. Plötzlich war ich etwas geworden, was ich nie erwartet hätte, eine Art Salonlöwe des Grauens. Weller produzierte mich stolz lächelnd als einen Mann, der im KZ gesessen hatte, und einige Filmhelden und mehrere Mädchen mit der Haut reifer Pfirsiche begannen sich für mich zu inter essieren. Ich begann vor Unbehagen zu schwitzen und schoß är gerliche Blicke auf Holt, obwohl er ziemlich unschuldig an der Situation war. Tannenbaum rettete mich nach einiger Zeit. Wie eine Katze um einen Teller mit Gulasch, so war er den ganzen Abend um mich hcrumgestrichen und benutzte die erste Gelegenheit, mit mir einen Whisky zu trinken, da er mir ein Geheimnis anvertrauen wollte.»Die Zwillinge sind angekommen«, flüsterte er mir zu.

Ich wußte, daß er den Zwillingen zwei kleine Rollen in Holts Film verschafft hatte.»Gottlob!«sagte ich.»Dann ist ja für Ihren Bedarf an eingebildeten Leiden gesorgt.«

Er schüttelte den Kopf.»Im Gegenteil, voller Erfolg!«

«Was? Bei beiden? Gratuliere.«

«Nicht beiden. Das ist unmöglich. Die Zwillinge sind katholisch. Bei einem!«

«Bravo! Ich hätte es nie geglaubt. Bei Ihrer zarten und komplizierten Veranlagung!«

«Ich auch nicht!«erklärte Tannenbaum glücklich.»Der Film hat es getan!«

«Ich verstehe. Weil Sie den beiden die Rollen besorgt haben.«»Das war es nicht. Das habe ich schon zweimal getan. Zwillinge kann man im Film immer in Nebenrollen gebrauchen. Es hat nie vorher genützt. Aber jetzt!«

«Gratuliere nochmals.«

«Meine Rolle als Gruppenführer. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich ein Schüler der Stanislawski-Methode. Ich muß meine Rolle ganz fühlen, um gut zu sein. Wenn ich einen Mörder darstellen soll, muß ich mich wie ein Mörder fühlen. Nun, und als Gruppenführer…«

«Ich verstehe. Aber die Zwillinge sind doch nie einzeln zu tref fen. Darin besteht doch ihre Macht.«

Tannenbaum lächelte.»Für Tannenbaum ja, aber nicht für einen Gruppenführer! Ich war in Uniform, als sie ankamen. Ich habe sie in meinem Bungalow sofort angeschnauzt, daß ihnen fast die Ohren abfielen, habe die eine eingeschüchtert zum Bekleidungs amt befohlen, um die Kostüme zu probieren, die andere dabehalten, habe sie — noch immer in Uniform — auf die Couch geworfen, die Tür abgeschlossen und bin dann wie ein Gruppenführer über sie hergefallen. Und denken Sie: Anstatt mir das Gesicht zu zerkratzen, war sie still wie eine Maus. So groß ist die Macht der Uniform. Ich hätte es nie geglaubt. Sie?«

Ich dachte an den ersten Nachmittag im Studio.»Doch«, sagte ich.»Aber was passiert, wenn Sie nicht mehr in Uniform sind, sondern in Ihrem aufregenden Sportjackett?«

«Schon probiert«, sagte Tannenbaum.»Die Aura bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil es schon einmal geschehen ist. Auf jeden Falclass="underline" Die Aura ist da.«

Ich verneigte mich vor dem Gruppenführer im blauen Anzug.»Eine kleine Entschädigung für ein großes Unglück«, sagte ich.»Immerhin. Es heißt, daß auch nach dem letzten furchtbaren Ausbruch des Vesuvs Leute in der heißen Asche Eier gebraten haben.«

«So ist das Leben«, erklärte Tannenbaum.»Da ist nur ein Haar in der Suppe. Ich weiß nicht, ob ich den richtigen Zwillinger wischt habe.«

«Wieso? Die sind doch nicht zu unterscheiden.«

«Im Bett schon. Vesel hat mir erklärt, einer sei ein Vulkan. Meiner ist eher ruhig.«