«Vielleicht kommt das von Ihrer Aura.«
Tannenbaums Gesicht hellte sich auf.»Das ist möglich. Daran habe ich noch nicht gedacht. Aber was macht man da?«
«Warten Sie bis zum nächsten Film. Vielleicht spielen Sie da einen Piraten oder einen Scheich.«
«Einen Scheich«, sagte Tannenbaum.»Einen Scheich mit einem Harem. Nach der Stanislawski-Methode.«
Die Nacht war sehr ruhig, als ich in den Garden of Allah kam. Es war noch nicht sehr spät, aber alles schien zu schlafen. Ich setzte mich an den Swimming-pool und wurde auf einmal von einer grundlosen Schwermut wie von einer Wolke überschattet. Ich blieb still sitzen und wartete auf Gestalten, die hervorträten, Schatten der Erinnerung, von denen ich erfahren könnte, woher diese Depression kam, von der ich sofort wußte, daß sie nicht wie früher war. Es war nichts Niederdrückendes dabei, nicht einmal Qual. Ich kannte Todesangst, die ebenfalls anders ist als alle anderen Ängste und längst nicht immer die ängstlichste von allen. Diese merkwürdige Stimmung glich ihr, aber sie war viel stiller. Sie war das Stillste, was ich kannte, ohne Schmerz, eine Todes traurigkeit, die fast leuchtete, durchsichtig, aber so, als würde alles dahinter unsicher. Ich begriff, daß das Wort des Propheten, Gott käme nicht im Sturm, sondern in der Stille, auch auf den Tod Anwendung finden kann und daß es dann ein willenloses, sanftes Erlöschen gibt, namenlos und ohne Furcht. Ich blieb lange Zeit so sitzen, bis ich spürte, daß das Leben beinahe unmerklich zurückkehrte, wie eine allmählich sich belebende Flut nach einer lautlosen Ebbe. Schließlich erhob ich mich, ging zurück in mein Zimmer und streckte mich auf dem Bett aus. Ich hörte nur das leise Rascheln der Pnlmblätter und hatte das Gefühl, daß diese Stunde der größte Gegensatz zur Zeit meiner Träume war, und daß sie etwas wie eine metaphysische Balance in mein Leben gebracht hatte, von der ich wußte, daß sie vorrübergehend war und ohne Hoffnung, aber doch voll eines seltsamen Trostes. Es wunderte mich nicht, als ich das durchsichtige Insekt mit den grünen Flügeln an meiner Lampe entdeckte.
XXVII
Silvers reiste zwei Wochen später nach New York zurück. Es war eigentümlich: Hier, wo er geradezu hinzugehören schien, konnte er viel weniger verkaufen als in New York. Niemand gab hier viel auf Bilder als Statussymbol; Geld allein regierte hier durchaus nicht immer. Es war so selbstverständlich, es zu besitzen und gleichzeitig auch noch das, was man Ruhm nannte, daß eines ohne das andere fast nicht denkbar war. Man war berühmt und hatte dadurch Geld, in New York war man als Millionär nur in seinen eigenen Kreisen bekannt, und man mußte etwas Besonderes tun, um weiteren Kreisen bekannt zu werden. Und Silvers, mit seinen Tricks, besonders dem, daß er eigentlich nicht verkaufen wolle und selbst ein Sammler sei, erregte zum mindesten amüsierte Aufmerksamkeit unter den Haien, die in ihrem Wunsch, berühmte Sammler zu werden, ihm doch mehr glaubten, als sie zugeben wollten.
Er verkaufte schließlich mit Mühe den Gauguin an Weller, aber er brauchte dazu, zähneknirschend, meine Hilfe. Für Weller war ich viel wichtiger als er. Weller brauchte mich für seinen Film, Silvers brauchte er nicht. Silvers fuhr gekränkt nach New York zurück; seine Eitelkeit war noch größer als seine Geschäftsgier.»Bleiben Sie hier als eine Art Brückenkopf meiner Firma«, erklärte er.»Sie passen besser zu diesen lackierten Barbaren hier. «Er versuchte, meine Verkäufe, wenn ich welche machen sollte, auf mein Gehalt zu verrechnen. Ich lehnte das ab; ich könnte von Wellers Beraterhonorar leben. Erst am Tag der Abfahrt gab Silvers nach. Ich erhielt einen kleinen Prozentsatz dessen, was ich verkaufte, dafür kürzte er mein Gehalt auf die Hälfte.»Wie einen Sohn behandle ich Sie«, fauchte er.»Anderswo müßten Sie bezahlen für das, was Sie bei mir lernen! Ich bringe Sie auf die Universität des Handels! Alles, was Sie wollen, ist Geld, Geld, Geld! Welch eine Generation!«
Ich kam morgens zu Holt ins Studio. Meine Arbeit war ziemlich einfach. Ich hatte das, was der Verfasser des Drehbuches immer noch in ein etwas blumenhaftes Englisch der Gangster und Cowboys gekleidet hatte, in die primitive Bürokratie einer Mord maschine des 20. Jahrhunderts zu übertragen, nüchtern, ohne jede Spur von Bravado, Schizophrenie oder deformierter Phantasie. In eine Mordmaschine von kleinen Bürgern mit gutem Gewissen. Holts Argument war immer dasselbe:»Niemand glaubt uns das! Es ist psychologisch nicht fundiert!«
Er hatte die alte romantische Vorstellung von Mördern und Fol terknechten und suchte sie zu realisieren, um die Taten glaubhaft zu machen. Seine Romantik bestand darin, daß zu scheußlichen Taten auch entsprechend scheußliche Charaktere gehören müßten. Er war bereit zuzugeben, daß sie nicht fortgesetzt scheußlich zu sein brauchten, aber eine spontane Scheußlichkeit hatte immer wieder durchzubrechen, sonst würden die Figuren psychologisch unwahrscheinlich. Als alten Filmhasen reizte ihn der Gegensatz schon — er war bereit, einem Konzentrationslager-Kommandanten eine besondere Tierliebe zuzugestehen, am liebsten zu weißen Angorakaninchen, von denen er nie eines schlachten ließ —, das aber nur, um die Grausamkeit auf der anderen Seite in wirkungs vollen Kontrast zu bringen. Er fand das realistisch und wurde ärgerlich, wenn ich es romantisch nannte. Das wirkliche Grauen — der Kleinbürger, pflichtbewußt und schlau und mit gutem Gewissen bei der blutigen Arbeit, nicht anders als beim Holzsägen oder beim Fabrizieren von Kinderspielzeug —, das konnte ich ihm nicht begreiflich machen. Er streikte hier, es war ihm nicht attraktiv genug, und es entsprach außerdem nicht dem, was er in fünfzehn Schreckens- und Mörderfilmen gelernt hatte. Er wollte mir nicht glauben, daß dies ganz normale Leute waren, die eifrig Juden töteten, so wie sie auch als Buchhalter eifrig gewesen wären; die, wenn das einmal alles vorbei wäre, wieder Krankenpfleger, Gastwirte und Ministerialbeamte werden wür den, ohne eine Spur von Reue oder das Bewußtsein von Unrecht, und daß sie sich auch da wieder bemühen würden, gute Kranken pfleger und Gastwirte zu sein, so, als wäre das andere vorher nie dagewesen und völlig überdeckt worden von den Zauber worten Pflicht und Befehl. Es waren die ersten Automaten eines automatischen Zeitalters, die da auftraten und die Gesetze der Psychologie umwarfen, die immer noch etwas mit den Moralgesetzen verschwistert waren. Hier mordete man ohne Schuld, ohne schlechtes Gewissen, ohne Verantwortlichkeit, und die Mörder waren brave Staatsbürger, sie bekamen Extraschnaps, Extrawürste und Extra-Verdienstkreuze, nicht weil sie Mörder waren, sondern weil sie einen etwas anstrengenderen Beruf hatten als einfache Soldaten. Das einzig Humane, das sie hatten und das sie etwas liebenswürdig-menschlich machte, war, daß sie ihre kleinen Vorteile ohne den Schein der Drückebergerei bekamen — denn keiner von ihnen brauchte in den Krieg, und im Zeitalter der Bombardierungen, wo selbst Provinzstädte gefährlich wurden, waren die abgelegenen Konzentrationslager aus zwei Gründen absolut sicher: einmal, weil sie abgelegen waren, und zweitens, weil der Feind nicht Feinde des Regimes vernichten wollte und damit auch deren Mörder schonen mußte.
Die Antwort des gepeinigten Holt blieb immer dieselbe:»Niemand glaubt uns das, niemand! Wir müssen es menschlich machen! Auch das Unmenschliche muß menschlich begründet sein!«Ich versuchte eine Szene in das Manuskript zu bringen, um die Unmenschlichkeit ohne Menschlichkeit zu beweisen: die Sklaven lager der deutschen Industrie. Holt wußte nichts davon. Er hing an seinem alten Konzept, daß ein Mörder immer ein schlechter Mensch sei. Ich erklärte ihm wieder und wieder, daß die Ereignisse in Deutschland nicht von Menschen angestiftet und begangen würden, die vom Mond heruntergekommen seien und das Land vergewaltigt hätten, sondern von guten Deutschen, die sich ganz bestimmt auch für gute Deutsche hielten. Ich erklärte ihm, daß es lächerlich sei anzunehmen, alle Generäle Deutschlands seien so blind und hätten solchen Gedächtnisschwund, daß sie nichts von den Folterungen und Morden wüßten, die täglich begangen würden. Und ich erklärte ihm auch, daß die größten Industrie-Unternehmungen des Landes Verträge mit den Konzentrationslagern geschlossen hätten, um die Sklaven dort für billige Löhne, die an die KZ bezahlt wurden, so lange arbeiten zu lassen, bis sie arbeitsunfähig waren und dann durch die Schornsteine der Krematorien gejagt wurden.