Holt war blaß.»Das kann nicht wahr sein!«
«Es ist wahr. Zahlreiche Riesenunternehmen profitieren von den unglücklichen, geschundenen Sklaven. Sie haben sogar Zweig unternehmen ihrer Werke in die Nähe der Konzentrationslager gebaut, um selbst noch am Transport zu sparen. Recht ist, was dem deutschen Volk nützt.«
«Wir können das nicht bringen!«sagte Holt verzweifelt.»Keiner würde es glauben!«
«Obwohl Ihr Land Krieg mit Deutschland hat?«
«Trotzdem nicht. Psychologie ist international. Es würde als übelster, verlogenster Haßfilm der niedrigsten Sorte gewertet werden. 1914 war das noch möglich, mit den Filmen über deutsche Greueltaten an Frauen und Kindern in Belgien. Jetzt nicht mehr.«
«1914-war es nicht wahr, aber es wurde verfilmt. Jetzt ist es wahr, aber man kann es nicht verfilmen, weil es niemand glauben würde?«
«Genau das, Robert.«
Ich nickte und gab mich geschlagen.
Ich verkaufte in vier Wochen vier Zeichnungen und ein Ölbild von Degas. Das Ölbild, eine Repetition de Danse, nahm Weller. Silvers behauptete prompt, ich habe das Bild einem seiner Kun den verkauft und kürzte mir dafür die Provision.
Es gelang mir, noch ein Pastell von Renoir zu verkaufen. Holt nahm es mir ab und wurde es eine Woche später mit tausend Dollar Gewinn wieder los. Das machte ihm Mut. Er erwarb noch ein kleines Bild und verdiente wieder zweitausend Dollar daran.»Wie wäre es, wenn wir gemeinsam in den Bilderhandel gingen?«fragte er mich.
«Dazu brauchen wir viel Geld. Bilder sind teuer.«
«Fangen wir klein an. Ich habe Geld auf der Bank.«
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte kein besonderes Loyalitätsver hältnis zu Silvers, aber mir wurde klar, daß ich nicht in Kalifornien bleiben wollte. Das Dasein hier blieb, trotz aller Erschüt terungen, ein Dasein in einem merkwürdigen Vakuum. Ich hing hier irgendwo zwischen Japan und Europa in der Luft, und je sicherer ich wurde, daß ich nicht in Amerika bleiben konnte, um so mehr wollte ich nach New York zurück. Ich entdeckte in die sen Wochen sogar eine fiebrische Liebe zu New York, die wahr scheinlich daher kam, daß ich mehr und mehr erkannte, daß dies ein Intermezzo bleiben würde auf meinem Weg ins Ungewisse. Ich gab mir große Mühe, Geld zu verdienen, ich wußte, daß ich es brauchen würde, und ich wollte nicht daran scheitern, keines zu haben. Ich blieb deshalb länger, als der Film dauerte.
Es war eine Zeit, in der ich selbständig war. Ich hatte nichts zu tun als darauf zu warten, daß ein Fisch anbiß. In den letzten Wochen der Dreharbeiten hatte ich gespürt, daß Holt und Weller mich zwar für unwichtige Kleinigkeiten holten, daß sie mich aber sonst vom Manuskript fernhielten. Für sie war ich nicht mehr glaubwürdig, sie waren überzeugt, es besser zu wissen. Das Merkwürdige daran war, daß sie beide Juden waren und ich nicht, obschon das zum Schluß nichts mehr ausmachte. Mir glaub ten sie nur bis zu einem gewissen Grade — dann begannen sie zu zweifeln, weil sie mich für einen arisdien Überläufer hielten, der Rache nehmen und sich selbst rechtfertigen wollte und deshalb übertrieb und erfand.
«In New York schneit es«, schrieb Kahn.»Wann kommen Sie wieder? Ich habe Natascha getroffen. Sie konnte nur wenig von Ihnen erzählen und glaubt, Sie kämen nicht wieder nach New York. Sie war auf dem Wege ins Theater mit einem Mann, der einen Rolls Royce hat. Was macht Carmen? Ich höre nichts mehr von ihr.«
Ich saß am Swimming-pool, als ich diesen Brief erhielt. Die Erde mußte schon deshalb rund sein, weil sich der Horizont verschob. Vor Jahren war Deutschland meine Heimat gewesen, dann Österreich, dann Frankreich, dann Europa, dann Afrika — und immer war das Land erst dadurch zu meiner Heimat geworden, daß ich es verlassen hatte, nicht weil ich dort lebte. Es tauchte dann am Horizont als Heimat auf. Jetzt war es plötzlich New York, das am Horizont stand, und vielleicht würde Kalifornien am Horizont erscheinen, wenn ich wieder in New York wäre. Es war fast wie in dem Schubert-Lied vom Wanderer: Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.
Ich suchte Carmen auf. Sie wohnte noch in dem Bungalow, wo ich sie zuerst getroffen hatte. Nichts schien sich geändert zu haben.»Ich fahre in zwei Wochen nach New York zurück«, sagte ich.»Wollen Sie mitfahren?«
«Aber Robert! Mein Vertrag läuft noch fünf Wochen lang. Ich muß hierbleiben.«
«Hat man Sie inzwischen beschäftigt?«
«Ich habe Kleider probiert. Und ich soll im nächsten Film eine kleine Rolle bekommen.«
«Das heißt es immer. Glauben Sie, daß Sie eine Schauspielerin sind, Carmen?«
Sie lachte.»Natürlich nicht. Aber wer ist schon eine?«Sie mu sterte mich.»Sie haben sich herausgemacht, Robert.«
«Ich habe mir einen neuen Anzug gekauft.«
«Das ist es nicht. Sind Sie dünner geworden? Oder kommt es davon, daß Sie so braun sind?«
«Keine Ahnung. Wollen Sie mit mir essen gehen? Ich habe Geld und kann Sie zu Romanoff führen.«
«Gut«, sagte sie zu meiner Überraschung.
Die Filmschauspieler, die bei Romanoff saßen, interessierten sie nicht. Sie hatte sich auch nicht umgezogen. Es war Mittag. Sie trug enge weiße Hosen. Ich sah auf diese Weise zum ersten Male, daß sie auch einen herrlichen Hintern hatte. Es war fast zuvieclass="underline" dieses tragische Gesicht, bei dem man sogar kurze Beine in Kauf genommen hätte, und dazu plötzlich dieser hohe, kostbare Arsch.»Haben Sie etwas von Kahn gehört?«fragte ich.
«Er telefoniert neuerdings ab und zu. Aber Sie haben von ihm gehört, wie? Sonst hätten Sie mich doch nicht besucht.«
«Nein«, log ich.»Ich habe Sie besucht, weil ich bald wegfahre.«»Warum? Finden Sie es hier nicht herrlich?«
«Nein.«
Sie studierte mich wie eine sehr junge Lady Macbeth.»Wegen Ihrer Freundin? Es gibt doch so viele Frauen. Besonders hier. Und eine Frau ist doch schließlich wie die andere.«
«Aber Carmen!«sagte ich.»Was für ein Unsinn!«
«Daß es Unsinn ist, glauben nur Männer.«
Ich sah sie an. Sie hatte sich etwas verändert.»Ist ein Mann auch wie der andere?«fragte ich.»Das dürften dann die Frauen wie der nicht glauben.«
«Männer sind verschieden. Zum Beispiel Kahn. Er ist eine Pest.«»Was?«
«Eine Pest«, sagte Carmen lächelnd und ruhig.»Erst will er, daß ich nach Hollywood fahre, und jetzt will er, daß ich zurückkom me. Ich gehe nicht. Hier ist es warm. In New York liegt Schnee.«»Ist das der ganze Grund?«
«Ist das nicht genug?«
«Gott segne Sie, Carmen. Wollen Sie nicht trotzdem mitkom men?«
Sic schüttelte den Kopf.»Kahn macht mich nur verrückt. Ich bin ein einfaches Mädchen, Robert. Ich bekomme Kopfschmerzen von seinem Gerede.«
«Er hat nicht immer nur geredet, Carmen. Er ist das, was man einen Helden nennt.«
«Davon kann man nicht existieren. Helden sollten sterben. Wenn sie überleben, werden sie die größten Langeweiler.«
«Was? Wer hat Ihnen das erzählt?«
«Muß mir das jemand erzählen? Sie halten mich auch für boden los dumm, wie? Genau wie Kahn?«
«Im Gegenteil! Kahn hält sie auch nicht für dumm. Er betet Sie an.«
«Er betet mich so an, daß ich Kopfschmerzen bekomme. Das ist noch langweiliger. Warum seid ihr alle nicht mehr natürlich?«
«Was?«
«Natürlich, wie andere Menschen. Zum Beispiel so wie meine Wirtin. Bei euch ist immer alles gleich schwierig.«
Der Kellner brachte Macedoine des fruits.»Genau wie das hier«, sagte Carmen.»Was für ein pompöser Name! Dabei ist es nur aufgeschnittenes Obst mit etwas Likör.«