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Ich brachte sie zu den Hühnern, der rothaarigen Modellwirtin und ihrem Bungalow zurück.»Einen Wagen haben Sie auch schon«, sagte das tragische Dusen-Antlitz.»Sie machen sich raus, Robert.«

«Kahn hat jetzt auch einen Wagen«, log ich.»Einen besseren als ich. Tannenbaum hat es mir erzählt. Einen Chevrolet.«

«Einen Chevrolet mit Kopfschmerzen«, erwiderte Carmen und wandte mir ihren herrlichen Hintern zu.»Was macht Ihre Freundin, Robert?«fragte sie über die Schulter.

«Ich weiß es nicht. Ich habe seit einiger Zeit nichts von ihr gehört.«

«Schreiben Sie sich nicht ab und zu?«

«Wir haben beide permanenten Schreibkrampf in der rechten Hand; und wir können beide nicht Maschinenschreiben.«

Carmen lachte.»Wie es so geht, wie? Aus den Augen, aus dem Sinn! Das macht alles viel vernünftiger.«

«Ein weiseres Wort ist selten gesagt worden. Soll ich Kahn etwas bestellen?«

Sie dachte nach.»Wozu?«

Ein paar Hühner kamen flatternd vom Garten hergerannt. Car men wurde plötzlich lebendig.»Um Gottes willen, meine weißen Hosen! Frisch geplättet!«Sie scheuchte die Tiere mit Mühe da von.

«Husch, Patrick! Weg, Emilie! Da, schon ein Fledd«

«Es ist gut, wenn man das Unglück beim Namen kennt, wie?«fragte ich.»Das macht es gleich familiärer.«

Ich ging zu meinem Ford zurück und blieb plötzlich stehen. Was hatte ich da eben gesagt? Mir war eine Sekunde, als hätte mich von hinten jemand gestochen. Ich drehte mich um.»Nicht so schlimm«, hörte ich Carmen vom Garten her rufen.»Man kann es auswaschen!«

Ja, dachte ich. Aber kann man es auswaschen?

Ich verabschiedete mich von Scott.»Ich möchte zu meiner Rötel- zeichnung noch eine zweite haben«, sagte er.»Ich bin ein Mann der Sofas und der Pendants. Wer weiß, wann Sie wiederkom men! Haben Sie noch eine?«

«Eine Kohlezeichnung. Keine in Rötel. Sie ist sehr hübsch; auch ein Renoir.«

«Gut. Dann habe ich zwei Renoirs. Wer hätte das je geglaubt?«Ich nahm die Zeichnung aus dem Koffer und reichte sie ihm.»Ich gebe sie Ihnen am liebsten, Scott.«

«Warum? Ich verstehe doch nichts davon.«

«Sie haben Respekt, das ist fast noch besser. Leben Sie wohl, Scott! Mir ist, als kennten wir uns seit Jahren.«

Ich hatte sie oft erlebt, diese spontane Herzlichkeit, die meine europäische Vorsicht übersprang. Man nannte sich nach ein paar Stunden beim Vornamen und war damit auf eine vielleicht oberflächliche, doch herzliche Art befreundet. Freundschaft war in Amerika das leichteste und einfachste, das es gab — in Europa das langsamste und schwierigste. Der eine Kontinent war jung, der andere alt. Es könnte sein, daß es daran lag. Man sollte immer so leben, als ob man Abschied nähme, dachte ich.

Tannenbaum hatte eine andere kleine Rolle gefunden. Er war zufrieden und wollte meinen Ford kaufen. Ich erklärte ihm, daß ich ihn dem Studio zurückgeben müsse.

«Was spielen Sic im nächsten Film?«

«Einen englischen Koch, der auf einem Schiff dient, das von einem deutschen Unterseeboot torpediert wird.«

«Ertrinkt er?«fragte ich hoffnungsvoll.

«Nein. Er ist die komische Figur, die gerettet wird und dann für die Besatzung des deutschen Unterseebootes kocht.«

«Vergiftet er sie?«

«Nein. Er kocht für sie Plumpudding zu Weihnachten. Alle ver brüdern sich auf hoher See und singen englische und deutsche Volkslieder. Sie entdecken außerdem, daß die frühere deutsche und die englische Nationalhymne dieselbe Melodie haben. >Heil dir im Siegerkranz< und >God save the King<. Sie entdecken das unter einem kleinen Tannenbaum mit elektrischen Lichtern und

beschließen, nach diesem Krieg nicht mehr gegeneinander zu kämpfen. Sie finden zuviel Gemeinsames.«

«Man könnte schwarz für Sie in die Zukunft sehen. Aber viel leicht bietet Ihre Persönlichkeit inzwischen ein Gegengewicht.«

Ich stieg in den Zug mit seinen Negerportiers, seinen breiten, be quemen Betten aus Schaumgummi und seinen eingebauten Pri vattoiletten. Tannenbaum und der Zwilling winkten. Ich hatte zum erstenmal seit vielen Jahren alle meine Schulden bezahlt, Geld in der Tasche, eine um drei Monate verlängerte Aufent haltserlaubnis und die Aussicht auf eine drei Tage lange Reise durch Amerika an einem großen Fenster, fünfzig Schritte vom Speisewagen entfernt.

XXVIII

«Robert«, sagte Melikow,»ich dachte schon, du bliebst in Holly wood!«

«Das scheint fast jeder gedacht zu haben.«

Melikow nickte. Er sah grau aus.»Bist du krank?«fragte ich.»Warum?«Er lachte.»Richtig, du kommst aus Kalifornien. Da sieht jeder New Yorker aus, als käme er aus dem Krankenhaus. Warum bist du zurückgekommen?«

«Ich bin Masochist.«

«Natascha hat auch nicht geglaubt, daß du wiederkämst.«

«Was hat sie geglaubt?«

«Daß du im Film unterkämst.«

Ich fragte nicht weiter. Mein Empfang war nicht heiter. Die alte Bude sah verstaubter und schäbiger aus denn je. Ich verstand plötzlich selbst nicht, warum ich zurückgekommen war. Die Stra ßen waren schmutzig, und es regnete.»Ich muß einen Mantel kaufen«, sagte ich.

«Willst du wieder hier wohnen?«fragte Melikow.

«Ja. Es kann diesmal ein größeres Zimmer sein. Hast du eines frei?«

«Das von Raoul ist frei geworden. Er ist endgültig ausgezogen. Nach einem großen Krach gestern. Ich weiß nicht, ob du seinen letzten Freund gekannt hast.«

«Flast du noch ein anderes Zimmer?«

«Das von Lisa Teruel. Sie ist vor einer Woche gestorben. Zu viele Schlaftabletten. Sonst ist nichts frei, Robert. Du hättest schreiben sollen. Im Winter sind alle Hotels besetzt.«

«Zwischen einem wilden Schwulen und einer sanften Selbstmör derin zu wählen ist nicht einfach. Gut, ich nehme das Zimmer von Lisa Teruel.«

«Das habe ich mir gedacht.«

«Warum?«

Melikow lachte.»Ich weiß nicht warum. Im Sommer hättest du sicher Raouls Bude genommen.«

«Meinst du, daß ich jetzt weniger Angst vor dem Tod habe?«Melikow lachte wieder.»Nicht vor dem Tod. Aber vor Gespen stern. Wer hat schon Angst vor dem Tod? Er ist doch unverständ lich. Vor dem Sterben, das ist was anderes. Nun, Lisa ist gut ge storben. Sie sah zehn Jahre jünger aus, als wir sie fanden.«

«Wie alt war sie?«

«Zweiundvierzig. Komm, ich zeige dir das Zimmer. Es ist saube rer als alle anderen. Wir mußten es ausschwefeln. Außerdem hat es Sonne. Im Winter nicht zu verachten. Raouls Zimmer hat keine Sonne.«

Wir gingen hinauf. Das Zimmer lag im ersten Stock. Man konnte hinaufkommen, ohne von der Halle aus gesehen zu werden. Ich packte aus. Ein paar große Muscheln, die ich in einem Laden in Los Angeles gekauft hatte, verteilte ich im Zimmer. Sie wirkten verlassen und hatten ihren Abenteuerglanz aus der Tiefe verlo ren.»Das Zimmer ist bedeutend freundlicher, wenn es nicht reg net«, sagte Melikow.»Wollen wir etwas Wodka trinken, um uns aufzuheitern?«

«Nicht einmal das. Ich werde ein paar Stunden schlafen.«

«Ich auch. Man wird älter. Ich habe Nachtdienst gehabt. Mit dem Winter kommt das Rheuma. Heute abend ist alles besser, Ro bert!«

Ich ging nachmittags zu Silvers. Er empfing mich freundlicher, als ich erwartet hatte.»Haben Sie Aufträge mitgebracht?«fragte er.»Ich habe eine Kohlezeichnung verkauft. Für fünftausend Dol lar. Den kleinen Renoir.«

Silvers nickte.»Gut«, sagte er zu meinem Erstaunen.

«Was ist los?«fragte ich.»Gewöhnlich erklären Sie mir doch, daß wir Kopf und Kragen verlieren, weil wir verkaufen.«

«Das tun wir auch. Am besten wäre es, alles zu behalten. Aber der Krieg geht zu Ende, Ross.«

«Noch nicht.«

«Er geht zu Ende. Ob einen Monat früher oder später, spielt keine Rolle. Deutschland ist fertig. Daß die deutschen Nazis wei terkämpfen bis zum letzten deutschen Nichtnazi, ist verständlich