— sie kämpfen um ihr Leben. Daß der deutsche Generalstab weiterkämpft, ist auch verständlich — jeder kämpft da bis zum letzten Soldaten um seine Karriere. Trotzdem ist Deutschland fertig. In wenigen Monaten ist alles zu Ende. Sie wissen, was das heißt.«
«Ja«, sagte ich nach einer Weile.
«Es heißt, daß wir bald wieder nach Europa können«, sagte Sil vers.»Und Europa ist jetzt arm. Man wird billig Bilder kaufen können, wenn man in Dollar zahlt. Verstehen Sie jetzt?«
«Ja«, sagte ich zum zweitenmal, aber diesmal überrascht.
«Es wird klüger sein, in Europa einzukaufen, als hier. Deshalb ist es gut, das Lager kleiner zu halten. Man muß aufpassen, in solchen Situationen kann man Verluste und Gewinne haben.«»Das verstehe selbst ich.«
«Es war so ähnlich nach dem ersten Krieg. Damals verstand ich noch nichts davon. Ich machte große Fehler. Das darf nicht noch einmal passieren. Wenn Sie deshalb noch schwebende Verhand lungen haben, die am Preise gescheitert sind, könnte man jetzt nachgeben. Begründen Sie es damit, daß die Kunden bei Barzah lung einen Nachlaß bekämen. Wir wären gerade dabei, eine große Sammlung zu kaufen und brauchten deshalb bares Geld. «Ich wurde plötzlich heiter. Reiner Geschäftssinn, nicht durch Mo ralphrasen getrübt, hatte manchmal diese Wirkung auf mich, be sonders wenn er kaltblütig Katastrophen in Soll und Haben um münzte. Es war, als wenn tapfere Zwerge Gott regierten.»Wir müssen dabei natürlich Ihre Provision entsprechend herabset zen«, fügte Silvers noch hinzu.
Ich hatte darauf geradezu gewartet. Es gab die letzte Würze; wie Knoblauch einem Hammelragout.»Natürlich«, erwiderte ich fröhlich.
Ich zögerte, Natascha anzurufen. Ich verschob es von Stunde zu Stunde. Unser Verhältnis war in den letzten Wochen zu einer abstrakten Scheinbeziehung geworden. Sie hatte sich auf ein paar Grüße und Postkarten beschränkt, und selbst bei ihnen hatte ich das Gefühl von Verlogenheit gehabt. Es hat einfach nichts zu sagen gegeben, wenn wir nicht zusammen waren, und es muß bei beiden von uns ähnlich gewesen sein. Ich wußte nicht, was geschähe, wenn ich anriefe. Ich war so unsicher gewesen, daß ich ihr nicht einmal meine Rückkehr mitgeteilt hatte. Ich hatte es vor, unterließ es aber dann. Die Wochen und Monate waren in einer sonderbaren Unwirklichkeit vorbeigeglitten — als wäre unser Verhältnis zufällig und ohne viele Schmerzen zu Ende ge gangen.
Ich fuhr zu Betty und erschrak, als ich sie sah. Sie mußte zwan zig Pfund verloren haben. Die Augen starrten riesengroß aus dem eingeschrumpelten Gesicht. Sie waren das einzige, was noch lebte. Der Rest des Gesichtes hing herunter, übergroß geworden für die Knochen und die ermüdeten Muskeln.
«Sie sehen gut aus, Betty.«
«Zu dünn, wie?«
«Zu dünn kann man heutzutage nicht sein. Es ist die große Mode.«
«Betty wird uns alle überleben«, sagte Ravic. Er kam aus dem dunklen Salon.
«Nicht Ross«, erklärte Betty mit gespenstischem Lächeln.»Er sieht blühend aus. Braun und strotzend von Leben.«
«Das ist in zwei Wochen vorüber, Betty. Es ist Winter in New York.«
«Ich möchte auch ganz gern nach Kalifornien«, sagte sie.»Jetzt im Winter muß es dort gesund sein. Aber es ist soviel weiter ent fernt von Europa!«
Ich sah mich um. Ich roch den Tod in den Falten der Portieren. Der Geruch war noch nicht so stark wie der von den Haufen von Toten im Krematorium. Dort war es auch anders gewesen, das
Blut schon geronnen, und der süßliche Geruch, der der starken Verwesung vorausgeht, hatte den schärferen, etwas beißenden Oberton des Gases gehabt, das in den Lungen zurückgeblieben war. Hier war es ein lauer, abgestandener, aber auch süßlicher Geruch, der sich schon festgesetzt hatte und sich nur für Minuten durch das öffnen der Fenster und durch Lavendelwasser ver treiben ließ. Er kam wieder. Ich kannte ihn. Der Tod hockte nicht mehr draußen vor dem Fenster, er war bereits im Zimmer — noch in den Ecken, aber er wartete.
«Hier wird es jetzt so früh dunkel«, sagte Betty.»Es macht die Nächte lang.«
«Sie müssen nachts das Licht brennen lassen«, erklärte Ravic.»Man kann die Tageszeiten ignorieren, wenn man keinen Beruf hat.«
«Das tue ich schon. Ich habe Angst vor der Dunkelheit. In Berlin hatte ich nie Angst.«
«Das ist lange her, Betty. Man ändert sich. Ich hatte auch Zeiten, in denen ich mich fürchtete, im Dunkeln aufzuwachen.«
Sie heftete die glänzenden großen Augen auf mich.»Immer noch?«
«Hier in New York immer noch. In Kalifornien weniger.«»Warum nicht? Was haben Sie getan? Sie waren nachts nicht allein, wie?«
«Doch. Ich habe es vergessen, Betty. Ganz einfach.«
«Das ist das beste«, sagte Ravic.
Betty drohte mir mit dem skelettartigen Finger und lächelte ein entsetzliches Lächeln, die viel zu weite Haut ihres Gesichtes be wegte sich, als arbeiteten unsichtbare Fäuste darunter.»Man braucht ihn doch nur anzusehen«, sagte sie und blickte mich mit starren kugeligen Augen an.»Er ist glücklich.«
«Wer ist schon glücklich, Betty«, sagte ich.
«Das habe ich herausgefunden. Jeder, der gesund ist. Man weiß es nur nicht, bis man krank wird. Und dann vergißt man es wieder, wenn man es nicht mehr ist. Ganz weiß man es nur, wenn man stirbt.«
Sie richtete sich auf. Ihre Brüste hingen wie leere Beutel unter ihrer geblümten Nachtjacke aus Kunstseide.»Alles andere ist Unsinn«, keuchte sie mit ihrer atemlosen, etwas heiseren Stimme.»Das kann ich nicht glauben, Betty«, sagte ich.»Sie haben doch so viele schöne Erinnerungen. Die vielen Menschen, denen Sie geholfen haben! Die zahlreichen Freunde, die Sie haben!«
Betty schwieg einen Augenblick. Dann winkte sie mich nahe heran. Ich kam ungern, sie roch nach Pfefferminztabletten und Verfall.»Alles egal«, flüsterte sie.»Alles wird auf einmal ganz egal! Glauben Sie es mir.«
Der New Yorker Zwilling tauchte aus dem grauen Wohn zimmer auf.»Betty hat heute ihren anonymen Tag«, sagte Ravic und stand auf.»Cafard. Jeder hat das ab und zu. Ich habe es manchmal für Wochen. Ich komme heute abend noch einmal. Wir machen eine harmlose Spritze.«
«Cafard«, murmelte Betty.»Heuchelei. Sooft wir dieses Wort aussprechen, denken wir, wir seien in Frankreich. Wie furchtbar, diese Vorstellung. Man kann immer noch unglücklicher sein, als man glaubt. Ist es nicht so, Ravic?«
«Ja, Betty. Immer etwas glücklicher auch. Hier ist kein Gestapo mann hinter Ihnen her.«
«Doch. Einer.«
Ravic lächelte.»Der ist hinter uns allen her, aber er ist langsam und verliert uns oft aus den Augen.«
Er ging. Der Zwilling breitete ein paar Photos auf Bettys Bett decke aus.»Der Olivaer Platz, Betty. Aus der Zeit vor den Nazis!«
Betty wurde plötzlich lebendig.»Tatsächlich? Wo hast du die her? Meine Brille! So etwas! Ist mein Haus auch zu sehen?«
Der Zwilling brachte eine Brille.»Mein Haus ist nicht drauf«, sagte Betty.»Es wurde von der anderen Seite aufgenommen. Hier ist das Haus von Doktor Schlesinger. Man kann sogar den Namen lesen. Natürlich war das vor der Zeit der Nazis. Sonst wäre das Schild nicht mehr da.«
Es war eine gute Zeit, zu gehen.»Auf Wiedersehen, Betty«, sagte ich.»Ich muß gehen.«
«Wollen Sie nicht bleiben?«
«Ich bin heute erst angekommen. Muß auspacken.«
«Wie geht es meiner Schwester?«fragte der Zwilling.»Sie ist jetzt allein in Hollywood. Ich bin nämlich gleich wieder zurück gefahren.«»Ich glaube, es geht ihr ganz gut.«
«Sie lügt so viel«, sagte der Zwilling.»Sie hat das schon einmal gemacht. Nichts war wahr. Wir mußten von Vriesländer Geld leihen, um zurückzukommen.«
«Warum bleiben Sie nicht Sekretärin bei Vriesländer, bis Ihre Schwester Ihnen das Geld für die Hin- und Rückreise schickt?«»Da kann ich warten, bis ich einen Bart habe. Und inzwischen könnte ich vielleicht doch eine Chance haben.«