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Betty hatte das Gespräch angstvoll verfolgt.»Du gehst nicht weg, Lissy, wie?«flehte sie.»Ich kann doch nicht allein Zurück bleiben! Was soll ich denn dann machen?«

«Ich gehe nicht weg.«

Der Zwilling, von dem ich zum ersten Male gehört hatte, daß er Lissy hieß, brachte mich auf den Flur.»Es ist ein Kreuz mit ihr«, flüsterte sie.»Sie stirbt und stirbt nicht. Und sie will in kein Hospital. Ich werde selbst krank dabei. Ravic will sie in ein Krankenhaus bringen, aber sie will lieber sterben, sagt sie. Doch sie stirbt nicht.«

Ich überlegte, ob ich zu Kahn gehen sollte. Aber ich hätte ihm nichts Erfreuliches mitteilen können, und ich wollte ihm nichts sagen, was nicht stimmte. Es war sonderbar, wie ich versuchte, den Anruf bei Natascha hinauszuschieben. Nahezu all die Zeit in Kalifornien hatte ich wenig daran gedacht. Dort hatte ich das Gefühl, daß es ein Verhältnis gewesen war, wie wir es uns beide am Anfang vorgemacht hatten, ein Verhältnis ohne Sentimen talität und ohne Schmerzen. Es hätte deshalb sehr einfach sein müssen, Natascha anzurufen und herauszufinden, wie wir zuein ander stehen. Keiner hatte dem ändern etwas vorzuwerfen, und keiner hatte Verpflichtungen. Trotzdem stand der Entschluß, mich zu melden, wie eine finstere Wolke am Himmel, wie eine Wolke, die immer dunkler wurde. Mir schien, als hätte ich etwas Unwiederbringliches versäumt, etwas, das nie wiedergutzu machen wäre und das ich durch meinen Unverstand und durch meine Nachlässigkeit nun für immer verloren hätte. Es ging fast so weit, als könne Natascha gestorben sein, so sehr verdichtete sich die unbestimmte Angst, als es Abend wurde. Ich wußte, daß der Besuch bei Betty etwas mit dieser unbegründeten und törich ten Sorge zu tun hatte, trotzdem wich sie nicht.

Ich rief endlich an, als ginge es ums Leben. Ich hörte das Telefon läuten und wußte sofort, daß der Raum leer war. Ich rief alle zehn Minuten wieder an. Ich machte mir klar, daß Natascha aus gegangen sein konnte, oder daß sie Aufnahmen machen mußte. Es nützte wenig, obschon die Panik geringer wurde, seit ich mich überwunden hatte zu telefonieren. Ich dachte an Kahn und Carmen, an Silvers und sein mißglücktes Abenteuer, ich dachte an Betty und daran, daß alle unsere großen Worte vom Glück vor dem einen anderen Wort verbleichen, vor der Krankheit. Ich versuchte, mich an die kleine Mexikanerin in Hollywood zu erinnern und daran, daß es unzählige schönere Frauen als Na tascha gäbe. Es nützte alles nur dazu, neuen Mut für den näch sten Anruf zu bekommen. Dann kam das alte Nummernspiel, noch zwei Anrufe und dann Schluß. Aber aus den zweien wur den drei und vier.

Plötzlich war sie da. Ich hatte den Hörer schon gar nicht mehr ans Ohr genommen, sondern ihn in meinem Schoß liegen lassen.»Robert«, sagte sie.»Von wo rufst du an?«

«Von New York. Ich bin heute angekommen.«

Sie schwieg eine Weile.»Ist das alles?«fragte sie dann.

«Nein, Natascha. Wann kann ich dich sehen? Ich habe schon zwanzigmal angerufen und bin verzweifelt. Dein Telefon klingt leerer als alle anderen, wenn du nicht da bist.«

Sie lachte leise.»Ich bin eben erst zurückgekommen.«

«Geh mit mir essen«, sagte ich.»Ich kann dich in den Pavillon führen. Sag nicht nein. Wir können auch in einem Drugstore ein Hamburger essen. Wir können alles tun, was du willst.«

Ich fürchtete mich vor dem, was sie antworten könnte; vor einer langwierigen Auseinandersetzung, warum wir so lange nichts voneinander gehört hatten; vor unnötigem, aber verständlichem Beleidigtsein; vor all dem Schutt und Geröll, die eine Begegnung von Anfang an ersticken konnten.

«Gut«, sagte sie.»Hol mich in einer Stunde ab.«

«Ich bete dich an, Natascha! Das sind die schönsten Worte, die ich gehört habe, seit ich New York verlassen habe.«

Ich horchte in das Telefon. In dem Augenblick, als ich sie ausge sprochen hatte, wußte ich, was sie darauf antworten würde. Ich war ungeschützt für jeden Schlag. Aber sie antwortete nichts. Ich hörte das Klicken des Hörers, der aufgehängt wurde. Sie hatte nicht reagiert. Ich war erleichtert und enttäuscht. Ich hätte jetzt fast lieber einen Streit mit Beschimpfungen gehabt. Ihre Ruhe war verdächtig.

Ich stand im Zimmer von Lisa Teruel und zog mich an. Das Zim mer roch abends mehr nach Schwefel und Lysol als am Morgen. Ich überlegte, ob ich nicht noch wechseln sollte. Raouls hinter- lassene Atmosphäre hätte mich besser für den Waffengang ge stählt, der, wie ich annahm, vor mir lag. Was ich brauchte, war eine gleichgültige Ruhe, die nicht gespielt wirken durfte, sonst wäre ich verloren. Raoul mit seiner Abneigung gegen Frauen war da ein besserer Schild als Lisa, von der ich glaubte, sie sei aus Enttäuschung gestorben. Ich überlegte sogar einen Augenblick, ob ich nicht vorher mit jemand schlafen könnte, um nicht anzu fangen zu zittern, wenn ich Natascha traf. Ich hatte jemand in Paris gekannt, der ins Bordell ging, bevor er eine Frau traf, mit der er nicht mehr Zusammensein wollte, auf die er aber immer wieder hereinfiel. Aber ich verwarf den Gedanken sofort; außer dem kannte ich keine Bordelle in New York.

«Gehst du zu einem Begräbnis?«fragte Melikow.»Wie wäre es mit einem Wodka?«

«Nicht einmal das«, erwiderte ich.»So ernst ist die Sache. Dabei ist sie gar nicht ernst. Ich darf nur keine Fehler machen. Wie sieht Natascha aus?«

«Besser denn je! Ich kann dir nicht helfen, es ist so!«

«Hast du heute abend Dienst?«

«Die ganze Nacht bis sieben Uhr morgens.«

«Gott sei Dank. Adieu, Wladimir, du kannst dir nicht vor stellen, was für ein Idiot ich bin. Warum habe ich nicht öfter geschrieben und telefoniert! Und ich war noch stolz dar auf!«

Ich ging in die kalte Nacht hinaus, angetan mit Angst, Hoffnung,guten Vorsätzen, Reue und einem neuen Mantel von der Stange. Außerdem voll von Lügen und strategischen Plänen.

Ich sah das Licht aufflammen und hörte das Summen des Auf zugs.»Natascha«, sagte ich rasch.»Ich bin voll von Verwirrung, Reue, Hoffnung, Lügen und strategischen Plänen hierhergekom men. Ich habe alles vergessen in dem Augenblick, als du aus der Tür kamst. Geblieben ist nur eins: Meine völlige Verständnis losigkeit dafür, daß ich jemals von dir Weggehen konnte.«

Ich nahm sie in die Arme und küßte sie. Ich spürte, wie sie sich mir entzog, und hielt sie fester. Sie gab nach, und in dem Augen blick, als ich sie losließ, machte sie sich frei.»Du siehst so ver wirrt aus«, sagte sie,»und du bist dünner geworden.«

«Ich habe von Gras und Diät gelebt. Gelegentlich von einer großen Portion Salat an Sonn- und Feiertagen.«

«Mich hat man zu Gala-Essen ins Twenty-One und in den Pavillon mitgenommen. Bin ich zu dick?«

«Ich wollte, du wärst es. Dann gäbe es mehr von dir. Aber du bist es nicht.«

Ich überhörte geflissentlich diesen Satz mit dem Gala-Essen, der wie ein Schlag gegen mich hätte wirken sollen. Ich war jetzt wirklich verwirrt, in einem Wirbel von Freude, Vorsicht und dem plötzlichen Zittern, seit ich sie umarmt hatte. Sie trug nie viel unter ihren Kleidern und wirkte, wenn man sie anfaßte, immer nackt und glatt und warm und aufregend. Ich hatte nicht mehr daran gedacht; jetzt dachte ich nur noch daran.

«Ist dir nicht kalt?«fragte ich idiotisch.

«Mein Mantel ist warm. Wohin gehen wir?«

Ich hütete mich, das Twenty-One oder den Pavillon zu erwäh nen. Es war nicht notwendig, noch einmal zu hören, daß sie da jeden Tag gewesen sei und keine Lust mehr habe.»Wie wäre es mit dem Bistro?«

Das Bistro war ein kleines französisches Restaurant an der Drit ten Avenue. Es war halb so teuer wie die ändern Lokale.»Das Bistro ist geschlossen«, sagte Natascha.»Der Besitzer hat es ver kauft. Er ist nach Europa gefahren, um bei de Gaulles Einzug in Paris dabeizusein.«

«Wirklich? Konnte er reisen?«

«Es scheint so. Unter den französischen Emigranten ist das Rück wandererfieber ausgebrochen. Sie fürchten, zu spät nach Hause zu kommen und dann als Deserteure behandelt zu werden. Gehen wir in den Coq d’or. Das ist so ähnlich wie das Bistro.«»Gut. Ich hoffe, der Besitzer ist noch da. Er ist doch auch Fran zose.«