Das Lokal war gemütlich.
«Wir haben einen vorzüglichen Anjou rose, wenn Sie Wein wollen«, sagte der Eigentümer.
«Gut.«
Ich sah ihn neidisch an. Er war ein anderer Emigrant als wir. Er konnte zurück. Sein Land war besetzt und würde befreit. Meines nicht.
«Du bist braun«, sagte Natascha.»Was hat du getan? Nichts oder noch weniger?«
Sie wußte, daß ich bei Holt gearbeitet hatte, aber sie wußte nicht viel mehr. Ich erklärte ihr, was ich getan hatte, um über die erste Viertelstunde mit ihren unnötigen Fragen hinwegzukom men.
«Mußt du wieder hin?«fragte sie.
«Nein, Natascha.«
«Ich hasse den Winter in New York.«
«Ich hasse ihn überall, nur nicht in der Schweiz.«
«Warst du dort in den Bergen?«
«Nein, im Gefängnis, weil ich keine Papiere hatte. Aber das Ge fängnis war gut geheizt. Ich verbrachte dort schöne Wochen. Ich konnte den Schnee sehen, ohne darin herumlaufen zu müssen. Es war das einzige geheizte Gefängnis, in dem ich gewesen bin.«
Sie lachte plötzlich.»Man weiß nie, ob du schwindelst oder nicht.«
«Das ist der einzige Weg, um Dinge zu erzählen, die man immer noch für Ungerechtigkeiten hält. Ein sehr altmodisches Prinzip. Es gibt keine Ungerechtigkeiten. Nur schlechte Chancen.«»Glaubst du das?«
«Nein, Natascha. Nicht, wenn ich neben dir sitze.«
«Hast du mit vielen Frauen geschlafen in Kalifornien?«
«Mit keiner.«
«Natürlich nicht. Armer Robert.«
Ich sah sie an. Ich haßte es, wenn sie mich so nannte. Das Ge spräch lief ganz anders, als ich gewollt hatte. Ich hätte versuchen sollen, so schnell wie möglich mit ihr zu schlafen. Dies alles waren störende Vorgeplänkel. Ich hätte sie im Hotel treffen sollen, um sie gleich auf Lisa Teruels Zimmer zu schleppen. Dieses hier war gefährlich. Wir strotzten vor Stacheln und vor freundlichen Worten, in denen Zeitzünder versteckt waren. Ich wußte, daß sie darauf wartete, daß ich ihr die gleiche Frage stellte.
«Das Klima in Hollywood ist nicht danach«, sagte ich.»Es macht müde und gleichgültig.«
«Flast du deshalb so wenig von dir hören lassen?«fragte sie.»Nein, nicht deshalb. Ich kann keine Briefe schreiben. Mein Leben war so, daß ich nie wußte, an wen ich hätte schreiben können. Unsere Adressen waren Adressen für Tage, und sie wechselten immerfort. Ich konnte nur in der Gegenwart leben und für den Augenblick. Ich hatte nie eine Zukunft und konnte mir auch keine vorstellen. Ich dachte, du wärst ähnlich.«
«Woher weißt du, daß ich es nicht bin?«
Ich schwieg.»Man trifft sich wieder, und alles ist wie vorher«, sagte ich dann.
«Das wollen wir doch.«
Ich geriet immer mehr in die Falle. Ich mußte rasch heraus.»Nein«, sagte ich.»Ich nicht.«
Sie blickte mich rasch an.»Du nicht? Du hast es doch gerade gesagt.«
«Es ist anders. Ich wußte es vorher nicht. Ich weiß es jetzt.«
«Was ist anders?«
Dies war ein Verhör. Ich konnte meine Gedanken nicht Zusam menhalten. Sie irrten ab. Ich dachte an den Mann, der ins Bor dell ging, ehe er die Frau traf. Ich hätte es auch tun sollen, dann wäre ich jetzt klarer gewesen. Ich hatte vergessen oder nie dar über nachgedacht, welchen Reiz Natascha auf mich aurgeübt hatte. Am Anfang unserer Beziehung war das nicht so gewesen, und dieser Anfang war es sonderbarerweise, der mir in der Nebelwand Hollywoods am meisten in Erinnerung geblieben war. Im Augenblick, als ich sie wiedergesehen hatte, war alles zurückgekommen. Jetzt scheute ich mich fast, sie anzusehen, aus Furcht, mich zu verraten. Dabei wußte ich nicht einmal, was zu verraten war. Ich hatte nur das Gefühl, daß ich für immer unter legen sein würde, wenn sie es herausfände. Sie hatte noch längst nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt. Sie wartete noch darauf, mir zu erklären, daß sie mit einem anderen Mann ein Verhältnis habe oder zumindest mit jemand anderem geschlafen habe. Ich wollte verhindern, daß sie es mir sagte. Ich fühlte mich auf ein mal nicht mehr stark genug, das zu hören, obschon ich mich be reits mit der Unterstellung gewappnet hatte, daß jemand, der dies zugab, es wahrscheinlich nicht getan habe.
«Alles ist anders, Natascha. Ich kann es nicht erklären. Etwas, das wichtig ist und das man so nicht erwartet hat, kann man nicht sofort erklären. Ich bin glücklich, daß wir zusammen sind. Die Zeit dazwischen ist wie Rauch verschwunden.«
«Glaubst du?«
«Ich schon.«
Sie lachte.»Das ist bequem, wie? Ich muß jetzt nach Hause. Ich bin sehr müde. Wir bereiten die Frühjahrskollektion vor.«
«Ich weiß. Du bist immer eine Jahreszeit voraus.«
Frühjahr, dachte ich. Was wird dann geschehen sein? Ich blickte den Wirt mit dem schwarzen Schnurrbart an. Würde er sich dann in Paris als Deserteur verantworten müssen? Und was wird mit mir geschehen sein? Drohend kam etwas von allen Sei ten auf mich zu. Mir war, als müßte ich ersticken. Das, worauf ich so lange gewartet hatte, erschien plötzlich als eine kurze Gal genfrist. Ich sah zu Natascha hinüber. Sie war unendlich fern. Kühl und gelassen zog sie sich ihre Handschuhe an. Ich wollte etwas sagen, das alle Mißverständnisse wegblasen sollte, aber mir fiel nichts ein. Beinahe stumm ging ich neben ihr her. Es war sehr kalt, und ein schneegeladener Wind fegte um die Ecken. Ich fand ein Taxi. Wir sprachen fast nichts.»Gute Nacht, Robert«, sagte Natascha.
«Gute Nacht, Natascha.«
Es war gut, daß ich wußte, Melikow würde heute nacht wach sein. Es war nicht der Wodka, den ich brauchte, es war jemand, der nichts fragte und doch da war.
XXIX
Ich stand eine Weile vor Lowys Schaufenster. Der Tisch aus dem frühen 18. Jahrhundert war immer noch da. Ich begrüßte gerührt die Reparaturstellen an den Beinen. Er war umgeben von ein paar Sesseln mit altem Holz und neuer Bemalung, daneben standen einige ägyptische Kleinbronzen, darunter eine ziemlich gute Katze und eine Figur der Göttin Neith, zierlich, echt und mit guter Patina.
Ich sah Lowy senior aus dem Keller kommen, als wäre er Laza rus, der aus seinem Felsengrab emporstieg. Er schien älter ge worden, aber so hatten merkwürdigerweise alle Bekannten auf mich gewirkt, die ich wiedergetroffen hatte — mit Ausnahme von Natascha. Sie war nicht älter geworden, sie hatte sich ver ändert. Sie war selbständiger und begehrenswerter als früher. Ich wollte nicht an sie denken. Der bloße Gedanke schmerzte mich, ähnlich, als hätte ich in einer Periode von Blindheit eine herrliche Chou-Bronze für eine Kopie gehalten und verschenkt. Lowy stutzte, als er mich vor dem Fenster sah. Er erkannte mich nicht sofort, die Pracht meines Wintermantels und meine braune Gesichtsfarbe machten mich wahrscheinlich fremd. Außerdem nahm ich an, daß ich dieselbe Trauermiene zeigte wie er.
Eine rasche Pantomime ging vor sich. Lowy winkte, ich winkte zurück. Er hoppelte zur Tür.»Kommen Sie doch rein, Ross, was stehen Sie da in der Kälte umher! Hier ist es warm.«
Ich trat ein. Es roch nach Alter, Staub und Firnis.»Sie haben sich hcrausgemacht«, sagte Lowy.»Gehen die Geschäfte gut? Waren Sie in Florida? Gratuliere!«
Ich erklärte ihm, was ich getan hatte. Ich unterließ es, ihm etwas über meine Tätigkeit bei Holt zu sagen. Ich hatte eigentlich keinen Grund, ein Geheimnis daraus zu machen. Ich hatte nur keine Lust, heute morgen mehr zu erklären, als unbedingt not wendig war. Ich hatte mir mit Erklärungen bei Natascha genug geschadet.
«Wie geht es bei Ihnen?«fragte ich.
Lowy winkte mit beiden Händen ab.»Es ist geschehen«, sagte er dumpf.
«Was?«
«Er hat geheiratet! Die Schickse!«