Ich sah ihn an.»Das bedeutet noch nichts«, erwiderte ich, um ihn zu trösten.»Heute kann man sich leicht scheiden lassen.«
«Das habe ich auch gedacht! Aber was soll ich Ihnen sagen, die Schickse ist katholisch.«
«Ist Ihr Bruder auch katholisch geworden?«fragte ich.
«Das noch nicht, aber was nicht ist, kann noch werden. Sie arbeitet Tag und Nacht an ihm.«
«Woher wissen Sie das?«
«Man sieht es. Er redet bereits über Religion. Sie hackt auf ihn ein, daß er verdammt sei, in der Hölle auf ewig zu braten, wenn er nicht katholisch werde. So was ist nicht angenehm.«
«Sicher nicht. Sind die beiden denn katholisch getraut?«
«Klar! Das hat sie fertiggebracht. In der Kirche getraut, und mein Bruder im Schwalbenschwanz, einem Cutaway, den er ge liehen hatte, natürlich, denn was soll er mit einem Cut, er hat doch viel zu kurze Beine.«
«Welch ein Schlag im Flause Israel.«
Lowy blickte mich scharf an.»Richtig! Sie sind ja keiner von unseren Leuten! Sie verstehen das nicht so. Sie sind evangelisch?«»Ich bin ein einfacher Atheist. Katholisch geboren.«
«Was? Wie geht das zu?«
«Ich bin aus der Kirche ausgetreten, als sie das Konkordat mit Hit ler Unterzeichnete. Es war zuviel für meine unsterbliche Seele.«
Lowy war einen Augenblick interessiert.»Da haben Sie recht«, sagte er ruhig.»So etwas kann nur der Teufel verstehen. Die Kirche mit dem Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst — und dann Arm in Arm mit diesen Mördern. Besteht das Kon kordat immer noch?«
«Soviel ich weiß, ja. Ich glaube nicht, daß es gekündigt worden ist.«
Lowy hatte sich erholt.»Und mein Bruder?«schnaufte er.»Der dritte im Bunde!«
«Na, na, Herr Lowy! So ist das nun nicht! Ihr Bruder hat damit nichts zu tun. Er ist ein unschuldiges Opfer der Liebe.«»Unschuldig? Sehen Sie sich das an!«Lowy wies mit theatrali scher Geste um sich.»Sehen Sie sich das an, Herr Ross! Haben Sie das je in unserem Kunstinstitut erwartet?«
«Was?«
«Was? Heiligenfiguren! Bischöfe! Muttergottes-Statuen! Sehen Sie es denn nicht? Früher hatten wir keine einzige dieser bär tigen und bemalten Skulpturen hier! Jetzt wimmelt es da von.«
Ich sah mich um. Es standen einige gute Figuren in den Ecken.»Warum stellen Sie diese Sachen so auf, daß man sie kaum sieht? Sie sind gut. Zwei haben sogar die alte Bemalung und das alte Gold. Das sind die besten Stücke, die Sie augenblicklich hier im Laden haben, Herr Lowy. Was ist da zu jammern? Kunst ist Kunst!«
«Nicht unter diesen Umständen!«
«Herr Lowy, das ist ein weites Feld. Gäbe es keine religiöse Kunst, so wären drei Viertel aller jüdischen Kunsthändler pleite. Sie müssen da tolerant sein.«
«Ich kann es nicht. Auch dann nicht, wenn ich daran verdiene. Es zerbricht mir das Herz. Mein ungeratener Bruder schleppt dieses Zeug herein. Die Sachen sind gut, zugegeben. Aber das macht es noch schlimmer. Wenn die Farben neu wären, die Ver goldung aus Bronzepulver hergestellt, wenn nur ein Fuß alt wäre und der Rest mit Schrot wurmstichig geschossen, dann wäre es besser für mich. Ich könnte mit Recht schreien und zetern! So muß ich das Maul halten und verbrenne innerlich. Ich kann kaum noch essen. Gehackte Hühnerleber, früher eine Delika tesse, stößt mir jetzt sauer auf. Von einer Gänsekeule mit Sauce und gelben Erbsen gar nicht mehr zu reden. Ich schwinde dahin. Das Furchtbare ist, daß die Person auch noch etwas vom Ge schäft versteht. Sie fährt mir über den Mund,wenn ich klage wie an den Wassern Babylons, und nennt mich einen Antichristen. Das soll das Seitenstück zu einem Antisemiten sein. Und ihr Ge lächter! Sie lacht den ganzen Tag! Sie lacht, daß sie bebt, die ganzen hundertsechzig Pfund an ihr. Es ist nicht zum Aushal ten!«Lowy hob die Arme.»Herr Ross, kommen Sie zurück! Zusammen mit Ihnen werde ich es leichter haben. Kommen Sie in unser Geschäft zurück, ich erhöhe auch Ihr Gehalt!«
«Ich bin noch bei Silvers. Es geht nicht, Flerr Lowy. Vielen Dank. «Sein Gesicht zeigte Enttäuschung.»Auch dann nicht, wenn wir uns mehr auf Bronzen umstellen? Es gibt auch bron zene Heilige.«
«Aber sehr wenige. Es geht nicht, Herr Lowy. Ich bin jetzt un abhängig bei Silvers und verdiene sehr gut.«
«Natürlich! Der Mann hat ja keine Unkosten. Selbst wenn er pissen geht, kann er es noch von der Steuer absetzen!«
«Auf Wiedersehen, Herr Lowy. Ich werde nie vergessen, daß Sie mir meinen ersten Job gaben«.
«Was ist? Sie reden ja, als wollten Sie sich verabschieden. Wollen Sie etwa zurück nach Europa?«
«Wie kommen Sie darauf?«
«Sie reden so merkwürdig. Tun Sie es nicht, Herr Ross! Kein Aas hat sich drüben verändert, ob sie den Krieg nun verlieren oder nicht. Glauben Sie Raoul Lowy!«
«Sie heißen Raoul mit Vornamen?«
«Ja. Meine gute Mutter las Romane. Raoul! Blöd, was?«
«Nein. Es beglückt mich. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich jemanden kenne, der auch Raoul heißt. Er hat allerdings andere Probleme als Sie.«
«Raoul«, murmelte Lowy düster.»Vielleicht habe ich deshalb nie geheiratet. So was macht unsicher.«
«Sie können das noch nachholen. Ein Mann wie Sie.«
«Wo?«
«Hier in New York. Hier gibt es doch mehr gläubige Juden als irgendwo anders.«
In Raouls Augen kam Leben.»Eigentlich keine schlechte Idee! Ich habe nie daran gedacht. Aber jetzt, mit diesem Deserteur von einem Bruder!«Er versank in Nachdenken.
Plötzlich grinste er.»Das ist das erstemal in Wochen, daß ich lache«, sagte er.»Die Idee ist gut. Glänzend sogar. Selbst wenn ich es nicht tue. Es ist, als ob man einem Wehrlosen einen Knüp pel in die Hand gebe. «Er wandte sich mir ungestüm zu.»Ist da irgend etwas, was ich für Sie tun kann, Herr Ross? Wollen Sie einen Heiligen zum Einkaufspreis haben? Einen Sebastian aus dem Rheinland?«
«Nein. Was kostet die Katze?«
«Die Katze? Das ist eines der rarsten und feinsten…«
«Herr Lowy«, unterbrach ich ihn.»Ich habe bei Ihnen gelernt. Die Ornamente sind unnötig. Was kostet die Katze?«
«Für Sie privat oder zum Verkauf?«
Ich zögerte eine Sekunde. Einer meiner abergläubischen Einfälle kam mir: Wenn ich jetzt ehrlich war, würde ein unbekannter Gott mich belohnen, und Natascha würde mich anrufen.»Zum Verkauf«, sagte ich.
«Bravo! Sie sind ehrlich. Hätten Sie gesagt privat, hätte ich es nicht geglaubt. Also: fünfhundert Dollar! Einkaufspreis, ich schwöre es.«
«Dreihundertfünfzig. Höher geht mein Kunde nicht.«
Wir einigten uns auf vierhundertfünfundzwanzig.»Wenn ich schon soviel verliere, dann will ich ganz bankrott werden«, sagte ich.»Was kostet die kleine Figur der Neith? Sechzig Dollar! Ich will sie verschenken.«
«Hundertzwanzig. Weil Sie sie verschenken wollen.«
Ich bekam sie für neunzig. Raoul packte die zierliche Göttin ein. Ich schrieb ihm Nataschas Adresse auf. Er versprach, sie mittags selbst abzuliefern. Die Katze nahm ich mit. Ich wußte jemanden in Hollywood, der verrückt nach einem solchen Tier war. Ich konnte sie ihm für sechshundertfünfzig Dollar verkaufen. Ich hatte so die Statue für Natascha gratis und dazu noch reichlich Gewinn, um mir einen neuen Hut, ein Paar Winterschuhe und einen Schal zu kaufen und sie mit dieser Eleganz zu blenden und in ein besseres Restaurant einzuladen.
Sie rief mich abends an.»Du hast mir eine kleine Göttin ge schickt«, sagte sie.»Wie heißt sie?«
«Sie ist ägyptisch, heißt Neith und ist über zweitausend Jahre alt.«
«Wer so alt werden könnte! Bringt sie Glück?«
«Mit ägyptischen Figuren ist das so eine Sache. Wenn sie jeman den nicht leiden mögen, bringen sie ihm kein Glück. Diese sollte dir Glück bringen. Sie sieht aus wie du.«
«Ich werde sie überallhin mitnehmen als Maskottchen. Man kann sie in die Handtasche tun. Sie ist schön und bewegt einem das Herz. Vielen Dank, Robert. Wie geht es dir in New York?«