«Ich kleide mich ein für den Winter. Hier soll es Blizzards geben.«
«Die gibt es wirklich. Willst du morgen mit mir essen? Ich kann dich abholen.«
Ich dachte rasch. Es ist überraschend, was man alles in einer Sekunde überlegen kann. Ich war enttäuscht, daß sie erst morgen kommen wollte.»Das ist schön, Natascha«, sagte ich.»Ich bin nach sieben im Hotel. Komm, wann es dir paßt.«
«Schade, daß ich heute keine Zeit habe. Aber ich wußte ja nicht, daß du wiederkommst, da habe ich noch ein paar Verabredun gen getroffen. Abends kann man ja schlecht allein sein.«
«Das ist wahr«, sagte ich.»Ich habe auch eine Einladung be kommen. Von den Leuten, die so gutes Gulasch machen. Ich hätte sie nicht anzunehmen brauchen. Es sind immer viele Leute da, es wäre also auf einen mehr oder weniger nicht angekom men.«
«Gut, Robert. Ich komme morgen so gegen acht.«
Ich legte den Hörer auf und überlegte, ob mein Aberglaube mir geholfen hatte oder nicht. Ich entschied, daß er mir Glück ge bracht hätte, obschon ich darüber enttäuscht war, Natascha nicht an diesem Abend zu sehen. Die Nacht lag wie eine finstere Grube vor mir. Wochenlang war ich ohne Natascha gewesen und hatte nicht viel darüber nachgedacht. Jetzt schien eine einzige Nacht bereits endlos zu sein. Es war nicht die Zeit, es war die Nacht dazwischen. Sie war der Tod, der Tag und Tage trennte.
Ich hatte nicht gelogen. Frau Vriesländer hatte mich tatsächlich eingeladen. Ich beschloß, hinzugehen. Es war das erstemal, daß ich als freier Mann dort erschien, im Glanz meines neuen Anzugs, meines Wintermantels und ohne Schulden. Ich hatte Vrieslän- ders Darlehen und sogar den Anwalt mit der Kuckucksuhr voll bezahlt. Ich konnte das Gulasch ohne Demut essen. Um meinem Erscheinen einen lebemännischen Schliff zu geben und gleich zeitig meine Dankbarkeit für das Darlehen zu bekunden, brachte ich Frau Vriesländer einen Strauß dunkelroter Gladiolen mit, die ich, da sie schon ziemlich weit aufgeblüht waren, bei dem italie nischen Blumenhändler an der übernächsten Ecke zu einem er mäßigten Preis erstand.
«Erzählen Sie uns von Hollywood«, sagte Frau Vriesländer.
Das war es gerade, was ich vermeiden wollte.»Es ist so, als ob einem eine durchsichtige Plastiktüte über den Kopf gestülpt würde«, erklärte ich.»Man sieht alles, versteht nichts, glaubt nichts, hört nur dumpfe Geräusche, lebt wie in einem Gelatine traum, wacht auf und ist viel älter.«
«Ist das alles?«
«So ungefähr.«
Der Zwilling Lissy erschien. Ich dachte an Tannenbaum und seine Zweifel.»Was macht Betty?«fragte ich.»Geht es ihr eini germaßen?«
«Sie hat nicht allzuviel Schmerzen. Ravic sorgt dafür. Er gibt ihr Spritzen. Sie schläft jetzt viel. Nur abends wacht sie auf, trotz der Spritzen. Dann kämpft sie für den nächsten Tag.«
«Ist jemand bei ihr?«
«Ravic. Er hat mich weggeschickt, damit ich einmal heraus komme. «Sie strich sich über ihr buntes Kleid.»Ich werde schon ganz verrüdtt. Es geht für mich nicht zusammen, daß Betty stirbt und hier Gulasch gefressen wird. Geht es Ihnen nicht auch so?«
Sie sah mich mit ihrem hübschen, etwas leeren Gesicht an, in dem Tannenbaum vulkanische Leidenschaft vermutete.»Nein«, sagte ich.»Es ist ganz natürlich. Der Tod ist etwas, das man niemals verstehen kann, und man soll deshalb auch nicht darüber nach- denken. Sie sollten trotzdem etwas essen. Bei Betty gibt es doch nur Krankenkost.«
«Ich kann nicht.«
«Vielleicht etwas Szegediner Gulasch. Mit Kraut.«
«Ich kann nicht. Ich habe ja vormittags hier mitgeholfen, das Gulasch zu kochen.«
«Das ist etwas anderes. Möchten Sie dann einen Kümmelschnaps oder ein Bier?«
«Ich möchte mich manchmal aufhängen«, sagte Lissy.»Oder ich möchte ins Kloster. Aber manchmal möchte ich auch alles zer schlagen und toben. Verrückt, wie?«
«Normal, Lissy. Gesund und normal. Haben Sie einen Freund?«»Wozu? Um ein uneheliches Kind zu kriegen? Dann sind doch meine letzten Chancen hin«, sagte Lissy verzweifelt. Tannenbaum mußte den richtigen Zwilling erwischt haben, dachte ich. Vielleicht aber hatte Vesel ihm was vorgeschwindelt, und er hatte mit keiner etwas gehabt.
Vriesländer kam herein.»Ah, unser junger Kapitalist! Haben Sie von der Mandeltorte gekostet, Lissy? Nein? Das müssen Sie aber. Sie werden zu dünn!«Er kniff Lissy in den Hintern. Sie schien das zu kennen und reagierte nicht einmal. Es war auch kein passioniertes Kneifen, eher die väterliche Kontrolle des Arbeitgebers, der sich vergewissern wollte, ob noch alles da sei.»Mein'lieber Ross«, sagte Vriesländer, und er war auch zu mir väterlich.»Wenn Sie etwas Geld machen, kommt bald die große Chance, es anzulegen. Wenn der Krieg vorbei ist, werden deutsche Aktien fast auf Null sinken und die Mark wird nichts mehr wert sein. Das ist die letzte Gelegenheit, groß einzusteigen und zu kaufen. Dieses Volk wird nicht am Boden bleiben. Es wird sich aufrappeln und arbeiten. Und es wird wieder hoch kommen. Wissen Sie, wer ihm helfen wird? Wir, die Amerika ner. Ganz einfache Rechnung. Wir brauchen Deutschland gegen Rußland. Unser Bündnis mit Rußland ist so, als ob zwei Schwule ein Kind zeugen wollten. Widernatürlich. Ich habe das von hoher Stelle in der Regierung. Wenn die Nazis fertig sind, wer den wir Deutschland stützen. «Er schlug mir auf die Schulter.
«Erzählen Sie es nicht weiter! Es ist ein Millionentip, Ross. Ich gebe ihn an Sie weiter, weil Sie einer der wenigen Menschen sind, die mir zurückgezahlt haben. Ich habe nie einen gedrängt. Aber wissen Sie, damit, daß man ein Emigrant ist, wird man noch nicht automatisch zu einem Engel, wie?«
«Danke für den Tip, aber ich habe kein Geld dafür.«
Vriesländer sah mich wohlwollend an.»Sie haben noch Zeit, welches zu machen. Ich höre, daß Sie ein guter Verkäufer ge worden sind. Wenn Sie sich einmal selbständig machen wollen, können wir darüber reden. Ich finanziere, Sie verkaufen, und wir teilen fünfzig zu fünfzig.«
«Das ist nicht ganz so einfach. Ich müßte die Bilder ja von Händlern kaufen. Die würden von mir die Preise verlangen, zu denen sie selbst verkaufen.«
Vriesländer lachte.»Sie sind noch ein Greenhorn, Ross. Ver suchen Sie es mal, es gibt schon Prozente. Sonst würde der Markt der Welt zusammenbrechen. Einer kauft vom ändern und einer verdient am ändern. Melden Sie sich, wenn Sie soweit sind.«
Er stand auf und ich auch. Einen Augenblick fürchtete ich, er würde, abwesend und väterlich, mich auch in den Hintern knei fen, aber er klopfte mir nur auf die Schulter und ging weiter.
Frau Vriesländer kam auf mich zu, freundlich lächelnd und ganz in Gold.»Die Köchin läßt fragen, ob Sie lieber Szegediner oder normales Gulasch mitnehmen wollen.«
Ich wollte sagen, daß ich nichts haben wolle, das würde aber mein Elend nicht ändern, und es würde Frau Vriesländer und die Köchin nur kränken.»Szegediner«, sagte ich.»Es war herr lich. Und vielen Dank.«
«Ich habe zu danken, für die Blumen«, erklärte Frau Vrieslän der lachend.»Mein Mann schenkt mir nie welche, dieser Börsen jogi. So nennen ihn seine Kollegen. Er studiert Joga. Wenn er meditiert, darf ihn niemand stören — außer dann natürlich, wenn ein Anruf von der Börse kommt. Das geht vor.«
Vriesländer verabschiedete sich.»Ich muß telefonieren«, sagte er.»Vergessen Sie den Tip nicht.«
Ich sah den Börsenjogi an.»Irgend etwas in mir sträubt sich dagegen«, erwiderte ich.
«Was denn?«Vriesländer kollerte plötzlich vor unterdrücktem Gelächter.»Haben Sie etwa moralische Bedenken? Aber lieber Ross! Wollen Sie etwa, daß die Nazis das viele Geld, das dann auf der Straße liegt, selbst verdienen? Das steht doch wohl eher uns zu, die man beraubt hat! Man muß logisch und pragmatisch denken. Irgendeiner wird das Geld verdienen. Doch nicht diese Unmenschen!«Er klopfte mir zum letztenmal auf die Schulter, kniff dem Zwilling Lissy noch einmal väterlich in den Hintern und verschwand zum Meditieren oder Telefonieren.