Ich brachte Lissy durch die windigen Straßen nach Hause, ich mußte mir ohnehin wegen des Gulaschs ein Taxi nehmen.»Sie müssen grün und blau sein von der dicken Kneifzange«, sagte ich.»Jagt er Sie auch um Ihre Schreibmaschine herum?«
«Nie. Er kneift mich nur, wenn andere es sehen. Er will renom mieren. Er ist impotent.«
Lissy stand klein, verloren und kalt zwischen den hohen Häu sern.»Wollen Sie nicht mit heraufkommen?«fragte sie.
«Es geht nicht, Lissy.«
«Natürlich nicht«, erwiderte sie trostlos.
«Ich bin krank«, sagte ich, ich wußte nicht, warum.»Holly wood«, fügte ich hinzu.
«Ich will nicht mit Ihnen schlafen. Ich will nur nicht allein in meinem toten Zimmer ankommen.«
Ich bezahlte das Taxi und ging mit ihr hinauf. Sie wohnte in einem düsteren Zimmer mit ein paar Puppen und einem Teddy bären aus Plüsch. An der Wand hingen Postkarten von Film schauspielerinnen.
«Soll ich uns einen Kaffee machen?«fragte sie.
«Gern, Lissy.«
Sie lebte auf. Das Wasser summte, und wir tranken den Kaffee. Sie erzählte mir einiges aus ihrem Leben, das ich sofort wieder vergaß.»Schlafen Sie gut, Lissy«, sagte ich und stand auf.»Und machen Sie keine Dummheiten. Sie sind sehr hübsch, und morgen ist auch noch ein Tag.«
Es schneite am nächsten Tag. Abends waren die Straßen weiß, und die Wolkenkratzer sahen aus wie riesige Bienenkörbe voll
Schnee und Licht. Der Verkehr wurde gedämpfter, und es schneite ununterbrochen weiter. Ich spielte Schach mit Melikow, als Natascha hereinkam. Ihre Haare und ihre Kapuze waren mit Schnee behängen.
«Bist du im Rolls-Royce gekommen?«fragte ich.
Sie schwieg einen Augenblick.»Ich bin mit einem Taxi gekom men«, sagte sie dann.»Beruhigt dich das?«
«Sehr.«
«Wohin gehen wir?«fragte ich vorsichtig und deshalb idiotisch.»Wohin du willst.«
So kam ich nicht weiter. Ich ging zum Ausgang des Hotels.»Es schneit in großen Flocken«, sagte ich.»Dein Pelzmantel wird ruiniert, wenn wir nach einem Taxi suchen. Wir müssen im Hotel bleiben, bis es auf hört.«
«Du brauchst nicht nach Gründen dafür zu suchen, daß wir hier bleiben«, sagte sie sarkastisch.»Aber du mußt etwas essen!«
Mir fiel plötzlich das Gulasch von Vriesländer ein. Ich hatte es vergessen. Unsere Beziehung war noch so gespannt, daß ich nicht daran gedacht hatte.
«Mein Gulasch!«sagte ich.»Mit Kraut, und ich bin sicher, daß auch Dillgurken dabei sind. Unser Problem ist gelöst. Wir spei sen zu Hause.«
«Können wir das? In der Bude dieses Gangsters? Läßt er uns nicht durch die Polizei herausholen? Oder hast du etwa ein Appartement mit Wohnzimmer und Schlafzimmer?«
«Das brauchen wir nicht. Ich wohne jetzt so, daß uns niemand hinausgehen sieht. Nahezu sturmfrei. Komm!«
Lisa Teruel hatte hübsche Lampenschirme gehabt. Das kam mir jetzt zugute. Das Zimmer sah durch die Schirme abends besser aus als am Tage. Die Katze von Lowy stand auf dem Tisch. Die Köchin Marie hatte mir mein Gulasch in einem Emailtopf mit gegeben, ich konnte es also aufwärmen. Eine elektrische Koch platte hatte ich, ein paar Teller, Messer, Gabeln und Löffel auch. Ich fischte die Gurken aus dem Topf und holte Brot aus dem Schrank.»Alles ist bereit«, sagte ich und legte ein Handtuch auf den Tisch.»Wir müssen nur warten, bis das Gulasch warm wird. «Natascha lehnte neben der Tür an der Wand.»Gib mir den Mantel«, sagte ich,»hier ist nicht viel Raum, aber wir haben ja das Bett.«
«So?«
Ich hatte mir vorgenommen, mich in acht zu nehmen. Ich war meiner noch nicht sicher. Aber es ging mir wie am ersten Abend
— als ich sie streifte, fühlte ich, daß sie fast nackt unter ihrem dünnen Kleid war, und ich vergaß meine Vorsätze. Ich sagte nichts. Auch Natascha schwieg. Ich hatte lange mit keiner Frau mehr geschlafen, und ich begriff, daß einem alles gleichgültig sein konnte: Skandal und sogar Verbrechen, wenn das bißchen Individuum in einem beiseite geschoben wurde von jenem zweiten und stärkeren Ich ohne Gesicht, das nur Hände war und kochende Haut und sich hochbäumendes, wachsendes Geschlecht. Ich wollte in sie hinein, in das heiße Dunkel, in die roten Flügel der Lungen, die sich um mich legen sollten wie Eulenflügel, in das Zucken des Herzens, hinein und hinauf bis hinter die Augen, daß sie stille waren und nicht mehr fragten und sich schlössen, und tiefer hinein und höher hinauf, bis nichts von unseren Ichs mehr übrig war als das Schlagen des Blutes und das Keuchen, das nicht mehr zu uns gehörte.
Wir lagen auf dem Bett, erschöpft und plötzlich nahe an einem rasch herangeflogenen Schlaf, der wie eine leichte Ohnmacht war. Während das Denken von den Rändern zurückkam, wurde es sofort wieder weggeschwemmt durch die wunderbare Ruhe, die das Nächste ist zu Gott, diesen kurzen Augenblick, wo das tiefe Gefühl des Ichs schon wieder da ist, aber das Ich selbst noch nicht; wo es einem Zustand gleicht kurz vor der Geburt, noch im Leibe der Mutter, aber schon dem eigenen Leben zugewandt, auf der Grenze, zum letzten Male an das animalische Dasein angeschmiegt, in einem Abschied von ihm hinweg zu Intellekt, Irrtum und schwankender Individualität, einem Abschied, zu dem es erst nach dem letzten Atemzug zurückkehrt.
Ich fühlte Natascha neben mir, ihren Atem, ihr Haar und die sanften Bewegungen ihrer Rippen und das schwache Schlagen ihres Herzens. Es war noch nicht ganz sie, es war eine Frau ohne Namen und noch nicht einmal das. Es war Atmen und Herz schlag und Haut, und erst langsam spülte sich das Bewußtsein heran und wurde zu Namen, Hingebung und Gefühl, zu einer trägen, müden Hand, die eine Schulter suchte, und einem Mund, der versuchte, sinnlose Worte zu formen.
Ich glitt langsam wieder in diesen Zustand des Sich-und-den-an- dern-Wiederfindens, in dieses erschöpfte Schweigen, von dem man nicht weiß, was man mehr fühlt, das Schweigen oder die Besinnungslosigkeit vorher — in diesem Zustand glaubte ich plötzlich einen schwachen Brandgeruch zu bemerken. Einen Augenblidc dachte ich an eine Halluzination, an ein Parallel schwingen zwischen Körper und Einbildung, dann aber sah ich den kochenden Emailtopf auf der Kochplatte.
«Verdammt, das Gulasch!«Ich schnellte auf.
Natascha öffnete halb die Augen.»Wirf es aus dem Fenster.«
«Da stehe Gott davor! Ich glaube, wir können es noch retten!«
Ich drehte die elektrische Platte ab und rührte im Topf um. Dann schüttete ich vorsichtig den Emailtopf aus, bis ich an die angesetzten braunen Reste kam. Ich ließ sie im Topf und hängte das Ganze vor das Fenster.»In einer Minute ist der Geruch ver schwunden«, sagte ich.»Dem Gulasch fehlt nichts.«
«Dem Gulasch fehlt nichts«, wiederholte Natascha, ohne sich zu rühren.»Was möchtest du jetzt, du verfluchter Kleinbürger, mit dem geretteten Gulasch? Daß ich aufstehe?«
«Ich möchte nichts, als dir eine Zigarette und ein Glas Wodka geben. Du brauchst sie nicht zu nehmen.«
«Ich nehme sie«, erwiderte Natascha nach einigem Nachdenken.»Von wem hast du die Lampenschirme? Aus Hollywood?«
«Sie waren hier.«
«Es sind die Lampenschirme einer Frau. Mexikanische.«
«Mag sein. Die Frau hieß Lisa Teruel. Sie ist ausgezogen.«
«Eine Frau zieht nicht aus und läßt so hübsche Lampenschirme zurück«, erklärte Natascha noch halb verschlafen.
«Manchmal läßt man noch mehr zurück, Natascha.«
«Ja. Wenn die Polizei hinter einem her ist. «Sie richtete sich auf.»Ich weiß nicht, warum, aber ich bin auf einmal fürchterlich hungrig.«
«Das dachte ich mir. Ich auch.«
«Wie sonderbar! Ich habe nicht gern, wenn du etwas vorher weißt. «Ich füllte die Teller.»Weißt du, Robert«, sagte Natascha,»als du mir erzählt hast, du gingest zu dieser Gulasch familie, habe ich dir nicht geglaubt. Aber du warst tatsächlich da.«
«Ich lüge so wenig wie möglich. Das ist viel bequemer.«